Kapitel 9
Das Warum der Schöpfung
Wenn die Einheit absolut ist, wer kann die Einheit erkennen?
…diese Trennungserscheinung scheint unerlässlich zu sein, damit es ein Universum hat geben können, sonst wäre es immer geblieben, wie es war. Doch wenn wir nun, nachdem wir diesen Bogen durchlaufen haben und in den Genuss der Vielfalt, der Aufspaltung gekommen sind, wenn wir nun die Einheit wiederherstellen, dann hat man eine Einheit von höherer Qualität, eine Einheit, die sich selbst erkennt, statt die Einheit zu sein, die sich nicht selbst erkennen kann, weil da nichts ist, das den anderen erkennen kann. Wenn die Einheit absolut ist, wer kann die Einheit erkennen? Man muss trotzdem so etwas wie eine äußere Erscheinung von etwas haben können, das es nicht ist, damit man verstehen kann, was es ist. Ich glaube, das ist das Geheimnis des Universums.
Aber warum? Warum? … Von Zeit zu Zeit beunruhigt sich der Körper: Warum? Warum, warum das alles, warum? … Wenn er sieht, wenn er mit dem Leiden in Berührung kommt, mit den Leuten, der Not, den Schwierigkeiten: warum, warum? Warum? … Warum?
Wo doch diese Schöpfung ein Wunder sein kann, wesenseins mit dem höchsten Bewusstsein, warum, warum ist das alles nötig gewesen (die Mutter zeichnet einen Kreis, der zum Ausgangspunkt zurückkehrt)? Von Zeit zu Zeit kommt ihm das.
Nun, offensichtlich ist das töricht, weil es nutzlos ist – es ist so, es ist so. Alles Warum ändert nichts daran, dass es so ist. Das einzige, was man zu tun hat, ist, das Mittel zu finden, dass es nicht mehr so sei, das ist alles.
Ich denke immer an den Buddha und all jene: man macht sich daran, im Herrn aufzugehen, und dann wird da nichts mehr sein! (Die Mutter nimmt ihren Kopf zwischen die Hände)
Also sagen sie, um ihre Theorie glaubhaft zu machen (lacht), alles sei ein „Irrtum“, und sie sehen die Dummheit ihrer Theorie nicht, dass der Höchste Herr einen Fehler gemacht haben könne … dass es Ihm leid tue und Er sich zurückziehe!
Diese Leute, all diese Leute, je überzeugter sie sind, desto mehr hat man den Eindruck, dass sie in Scheuklappen eingeschlossen sind.
Ich möchte fragen, ob von der anderen Seite her gesehen die stoffliche Welt weiterhin klar wahrzunehmen ist, oder ob sich alles verflüchtigt?
Auch dies ist eine Erfahrung der letzten Tage. Es ist mir auf bestimmte und unbedingte Weise gekommen – wenn auch schwer auszudrücken –, dass dieser angebliche „Irrtum“ der stofflichen Welt, so wie sie ist, unumgänglich war; das heißt, dass die Art und Weise, Dinge wahrzunehmen, ihrer bewusst zu werden, durch den „Irrtum“ dieser Schöpfung gewonnen worden ist und ohne ihn nicht hätte sein können, und dies ist nicht etwas, das im Nichtsein verschwindet, wenn man das wahre Bewusstsein hat, sondern etwas, das auf besondere Weise hinzukommt zu dem, was in dem Augenblick im wesenhaften Bewusstsein erblickt und erlebt worden ist.
Es war wie eine Rechtfertigung der Schöpfung, die eine bestimmte Wahrnehmungsweise möglich gemacht hat (die sich in der Vergegenständlichung mit den Wörtern „Präzision“, „Exaktheit“ beschreiben ließe) und die sonst nicht hätte sein können. Denn zu der Zeit, als dies Bewusstsein – das vollkommene Bewusstsein, das wahre Bewusstsein, das Bewusstsein – da war, gegenwärtig und gelebt unter Ausschluss jedes andern, da gab es etwas wie eine Schwingungsweise, sozusagen, eine Schwingungsweise objektiver Genauigkeit, die ohne diese stoffliche Schöpfungsform nicht hätte sein können … Da bestand ja immer dies große „Warum?“ – das große „warum so, warum das alles?“, welches all das zur Folge gehabt hat, was sich im menschlichen Bewusstsein übersetzt als Leid, Elend, Unvermögen und all, all die Gräuel des gewöhnlichen Bewusstseins – warum? Warum dieses? Und da war die Antwort so: Im wahren Bewusstsein gibt es eine Schwingungsweise von Präzision, Exaktheit, Bestimmtheit in der Vergegenständlichung, die es sonst nicht hätte geben können, die nicht die Gelegenheit gehabt hätte sich zu offenbaren. Das ist sicher. Das ist die Antwort – die allmächtige Antwort auf das „Warum“.
Dies, sagt Sri Aurobindo, ist das Verfahren der Schöpfung: Im Unmanifestierten hat ein Gedanke zu spielen angefangen, das heißt, er ist erwacht und aktiv geworden: und weil der Gedanke aktiv geworden ist, wurde die Welt erschaffen.
Und zum Schluss erklärt Sri Aurobindo, dass das Denken für das Dasein nicht existenziell ist, es ist nicht die Ursache des Daseins, sondern es ist eben gerade die Methode, das Mittel des Werdens, weil das Denken ein Prinzip der genauen Formulierung ist, das die Macht zur Erschaffung von Formen besitzt.
Eine Sache muss notgedrungen verschwinden, nämlich die Entstellung, d.h. der Schleier der Falschheit über der Wahrheit; denn das bedingt alles, was wir hier sehen. Wird dieser gehoben, dann sind die Dinge ganz, ganz anders; sie werden so sein, wie wir sie empfinden, wenn wir aus diesem Bewusstsein heraustreten. Tritt man aus diesem Bewusstsein heraus und in das Wahrheitsbewusstsein ein, so ist man geradezu erstaunt, dass es so etwas wie Leid, Elend, Tod und das alles gibt; man ist irgendwie verblüfft, man begreift nicht, wie das zustandekommt – wenn man wirklich auf die andere Seite geschaukelt ist. Doch ist eine solche Erfahrung gewöhnlich verbunden mit der Unwirklichkeit der Welt, wie wir sie kennen, wogegen Sri Aurobindo sagt, dass diese Wahrnehmung der Unwirklichkeit der Welt nicht nötig ist, um im supramentalen Bewusstsein zu leben – das ist nur die Unwirklichkeit der Falschheit, nicht die der Welt. Das heißt, die Welt hat eine Wirklichkeit in sich selbst, unabhängig von der Falschheit.