Kapitel 8
Selbstbegrenzung des einen Bewusstseins
Worte der Mutter
Man könnte sagen, nur die Grenzen machen die Unterschiede aus – die Unterschiede von Zeit, Raum, Größe, Macht. Es sind nur die Grenzen. Und von dem Augenblick an, wo das Bewusstsein die Grenzen verlässt, ganz gleich an welchem Punkt der Manifestation und welches auch immer die Dimension dieser Manifestation sei – ja, die Dimension dieser Manifestation ist völlig unwichtig –, von dem Augenblick an ist es das Bewusstsein.
So gesehen könnte man sagen, das Annehmen der Grenzen hat die Manifestation erst ermöglicht. Die Möglichkeit der Manifestation ist mit dem Annehmen des Sinns für Begrenzung gekommen… Es ist unmöglich, es auszudrücken. Immer, wenn man zu sprechen anfängt, hat man den Eindruck von etwas, das so macht (Gebärde des Umschlagens), eine Art Überkippen, und es ist vorbei damit, das Wesentliche geht verloren. Dann kommt der metaphysische Verstand und meint: „Man könnte es so sagen oder so…“ Um Worte zu gebrauchen: Jeder Punkt enthält das Bewusstsein der Unendlichkeit und der Ewigkeit – das sind Worte, nichts als Worte. Aber die Möglichkeit der Erfahrung ist da. Es ist eine Art Rückzug aus dem Raum. … Man könnte sich damit ergötzen zu sagen, dass sogar der Stein, sogar … oh!, das Wasser gewiss, das Feuer gewiss, die Macht des ursprünglichen Bewusstseins hat, des – all diese Worte, die einem kommen, sind blödsinnig! – des ursprünglichen, uranfänglichen, wesenhaften – wie nichtssagend! –, des ewigen, unendlichen Bewusstseins…
Kapitel 9
Freiheit und Vorherbestimmung – Bewusstsein ist multidimensional
Worte der Mutter
Es gibt eine Ebene göttlichen Bewusstseins, wo alles absolut bekannt ist und wo der Plan der Dinge in seiner Gesamtheit vorausgesehen und vorherbestimmt ist. Diese Sichtweise ist den höchsten Gipfeln des Supramentals zu eigen, es ist die Schau des Höchsten. Haben wir aber dies Bewusstsein nicht, so hat es keinen Sinn, uns in Begriffen auszudrücken, die für jene Ebene gelten, doch unserer Art zu sehen und zu verstehen nicht entsprechen. Denn auf einer tieferen Bewusstseinsstufe ist nichts im Voraus festgelegt und verwirklicht, alles ist im Entstehen begriffen. Hier gibt es keine vorherbestimmten Tatsachen, sondern nur das Spiel von Möglichkeiten. Aus dem Zusammenprall der Möglichkeiten wird das verwirklicht, was geschehen muss. Auf dieser Ebene können wir wählen und auslösen. Wir können eine Möglichkeit ausschlagen und eine andere annehmen, einem Weg folgen und uns von einem anderen abkehren. Und das können wir, auch wenn das tatsächliche Geschehen auf einer höheren Ebene vorhergesehen und prädestiniert war.
Das Höchste Bewusstsein weiß alles im Voraus, weil alles in seiner Ewigkeit besteht. Aber um seines Spieles willen und um auf der physischen Ebene auszuführen, was in seinem höchsten Selbst angeordnet ist, bewegt es sich hier auf Erden, als würde es die ganze Geschichte nicht kennen. Es webt wie mit einem neuen, noch unversuchten Faden. Durch dieses scheinbare Vergessen seines eigenen Vorherwissens gibt das Höchste Bewusstsein dem Einzelwesen im tätigen Leben der Welt das Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit und Initiative. Dieser Dinge bedient es sich als seiner Mittel und Verfahren, durch welche die anderswo vorhergesehenen und festgesetzten Bewegungen und Umstände hier unten verwirklicht werden.
Am Beispiel des Schauspielers wird dir dies verständlich. Er kennt seine ganze Rolle: Im Gedächtnis hat er die gesamte Handlung des Stücks. Doch wenn er auf der Bühne steht, darf er sich das nicht anmerken lassen. Er muss empfinden und spielen, als erlebte er das alles zum ersten Mal, als wäre es eine völlig neue Welt mit all ihren Zufällen und Umständen und Überraschungen, die sich vor seinen Augen entfaltet.
Gibt es also keine wirkliche Freiheit? Ist alles, auch unsere Freiheit, ganz und gar festgelegt? Wäre denn Fatalismus die höchste Weisheit?
Freiheit und Schicksal, freier Wille und Vorherbestimmung sind Wahrheiten, die verschiedenen Bewusstseinsebenen angehören. Doch mentale Unwissenheit bringt beide auf dieselbe Ebene und stellt die eine der anderen entgegen. Bewusstsein ist nicht einfache, gleichförmige Wirklichkeit, sondern vielfältig. Es ist keine glatte Fläche, sondern hat viele Dimensionen. Oben auf der Treppe ist der Höchste, unten die Materie, und dazwischen befindet sich eine unendliche Abstufung von Bewusstseinsebenen.
Im Bereich der Materie und auf der Stufe des gewöhnlichen Bewusstseins bist du an Händen und Füßen gefesselt. Du bist dem Getriebe der Natur ausgeliefert, an die Kette des Karma gebunden, und in jener Kette ist alles, was geschieht, unerbittlich die Folge des vorher Getanen. Zwar gibt es eine eingebildete Bewegungsfreiheit, doch in Wirklichkeit wiederholst du nur, was andere tun, du gibst bloß die weltumfassenden Regungen der Natur wieder, drehst dich ohnmächtig mit auf dem erdrückenden Rad ihrer kosmischen Maschine.
Das braucht aber nicht so zu sein. Du kannst deinen Platz wechseln, wenn du willst. Statt unten zu bleiben, von ihrer Maschinerie erdrückt oder wie eine Marionette bewegt zu werden, kannst du höher steigen und alles von oben betrachten, und indem du dein Bewusstsein wandelst, kannst du auch einen Hebel zu fassen bekommen, um auf scheinbar unausweichliche Umstände einzuwirken und festgelegte Bedingungen zu verändern. Bist du einmal aus dem Wirbel heraus und stehst du hoch darüber, wirst du dir inne, dass du frei bist, frei von allem Zwang. Du bist dann kein passives Instrument mehr, sondern du wirst eine aktive, wirksame Macht. Du bist dann nicht mehr an die Folgen deines Handelns gebunden, sondern kannst diese Folgen sogar ändern. Hast du einmal das Spiel der Kräfte überblickt, erhebst du dich einmal bis auf die Bewusstseinsebene, wo sich die Ursprünge dieser Kräfte befinden, und vereinst du dich mit diesen dynamischen Quellen, gehörst du nicht mehr zu dem, was bewegt wird, sondern zu dem, was bewegt.
Das ist genau das Ziel des Yoga – aus dem Kreislauf des Karma heraus in die göttliche Bewegung einzutreten. Durch Yoga entwächst man der mechanischen Runde der Natur, in der man ein unwissender Sklave ist, ein armseliges und unvermögendes Instrument, und steigt auf eine andere Ebene, wo man ein bewusster Teilnehmer und dynamischer Mitarbeiter an der Errichtung eines Höheren Geschicks wird. Dieser Bewusstseinsvorgang vollzieht sich in doppelter Weise. Zunächst kommt ein Aufstieg; man hebt sich über das materielle Bewusstsein hinaus, höheren Bereichen zu. Doch diesem Aufstieg des Unteren zum Oberen antwortet ein Herabkommen des Oberen in das Untere. Wenn man über die Erde hinaussteigt, bewirkt man auch, dass etwas zu ihr herabsteigt von dem, was darüber ist, ein Licht, eine Kraft, die auf die Wandlung ihrer alten Natur hinwirkt. Diese Dinge, die in uns geschieden, zusammenhanglos und unvereinbar waren – Höheres und Niederes, innere und äußere Schichten unseres Wesens und Bewusstseins –, treffen einander, fügen sich allmählich zusammen und verschmelzen schließlich zu einer einzigen Wahrheit und Harmonie.
Auf diese Weise geschehen auch die sogenannten Wunder. Die Welt besteht aus unzähligen Bewusstseinsebenen, und jede hat ihre besonderen Gesetze. Die der einen Ebene gelten auf einer anderen nicht. Ein Wunder ist nichts anderes als eine plötzliche Herabkunft, ein Einbruch eines anderen Bewusstseins und seiner Kräfte, meistens vitaler, in die stoffliche Ebene. Der Mechanismus einer höheren Ebene wird in den stofflichen Mechanismus hineingestoßen. Es ist, als durchdringe plötzlich ein Blitz das Gewölk unseres gewöhnlichen Bewusstseins und würde andere Kräfte, andere Bewegungen, andere Verkettungen mit sich bringen. Das Ergebnis nennen wir ein Wunder, weil wir eine plötzliche Veränderung, einen jähen Umsturz der Naturgesetze unseres gewohnten Bereichs feststellen, ohne deren Ursache und Ablauf zu erkennen, denn der Ursprung des Wunders befindet sich auf einer anderen Ebene. Solche Einbrüche aus jenseitigen Welten in unsere stoffliche sind nicht selten. Das kommt sogar sehr oft vor, und wenn wir Augen haben und zu beobachten wissen, können wir eine Fülle von Wundern erblicken. Besonders regelmäßig ereignen sie sich im Leben jener, die bestrebt sind, höhere Sphären in unsere irdische herabzubringen.
Kapitel 10
Bewusstsein und seine Instrumente
Worte der Mutter
Zwei Dinge sind zu betrachten: das Bewusstsein und die Instrumente, durch die das Bewusstsein wirkt. Nehmen wir die Instrumente: Es gibt das mentale Wesen, welches Gedanken hervorbringt, das emotionale Wesen, welches Gefühle hervorbringt, das vitale Wesen, welches die Kraft der Handlung hervorbringt, und das physische Wesen, das handelt.
Ein genialer Mensch kann alles benutzen und wird etwas Schönes erschaffen, weil er eben genial ist. Gebe also diesem Genie ein wirklich vollkommenes Instrument, und er wird etwas Wunderbares schaffen. Nimm zum Beispiel einen großen Musiker. Nun, selbst auf einem schäbigen Klavier und ohne Noten spielt er etwas Schönes, doch mit einem wohlgestimmten guten Klavier wird er noch etwas viel Schöneres hervorbringen. Das Bewusstsein ist in beiden Fällen dasselbe, doch um sich auszudrücken, braucht es ein gutes Instrument – einen Körper mit mentalen, vitalen, psychischen und physischen Fähigkeiten.
Wenn du körperlich schlecht gebaut bist, von erbärmlicher Konstitution, wird es schwierig für dich sein – auch wenn du gut trainiert bist –, so gut zu turnen wie jemand, der einen schönen, gut gebauten Körper hat. Das gilt auch für das Mental. Wer ein wohl geordnetes Mental hat, vielseitig, vollständig, verfeinert, drückt sich weit besser aus als jemand, bei dem das Mental eher mittelmäßig oder schlecht organisiert ist. Zuallererst musst du dein Bewusstsein erziehen, deiner selbst bewusst werden, das Bewusstsein nach deinem Ideal gestalten, doch gleichzeitig darfst du nicht die Instrumente vernachlässigen, die sich in deinem Körper befinden.
Kapitel 11
Waches und schlafendes Bewusstsein
Worte der Mutter
Du findest, dass an manchen Tagen alles gut läuft: Du bist beredt, die Schüler hören zu und verstehen leicht. Aber es gibt andere Tage, an denen das, was du lehren musst, nicht kommt, sie hören dir nicht zu – du bist verdrossen und bereitest Verdruss. Das heißt, im ersten Fall ist dein Bewusstsein wach und auf das gesammelt, was du tust, während es im anderen Fall mehr oder weniger schläft – du bist auf deine rein äußerlichen Mittel angewiesen. Verfügst du aber in diesem Fall über einen Wissensstand, so kannst du den Schülern etwas sagen. Hast du einen gebildeten, vorbereiteten Verstand, also ein gutes Werkzeug, das leicht anspricht, wenn du es benutzen willst, und hast du all die nötigen Notizen und Begriffe beisammen, läuft alles prima. Hast du aber nichts im Kopf und außerdem keinen Kontakt mit deinem höheren Bewusstsein, bleibt dir nichts anderes übrig, als ein Buch zu nehmen und deine Lektion abzulesen – du bist gezwungen, den Verstand eines anderen zu benutzen.
Kapitel 12
Verschiedene Bewusstseinszustände
Worte der Mutter
Dein physisches Bewusstsein oder das Bewusstsein deines feinstofflichen Körpers, dein vitales Bewusstsein oder das Bewusstsein deines niederen oder höheren Vitals, dein seelisches Bewusstsein, dein mentales Bewusstsein – jedes ist völlig anders! Wenn du nun schläfst, hast du ein Bewusstsein, und wenn du wach bist, hast du ein anderes. In deinem Wachzustand betrachtest du die Dinge, wie sie aus dir herausprojiziert werden, in deinem Schlafzustand betrachtest du sie verinnerlicht. Es ist also, als ob du im einen Fall ganz aus dir herausgedrängt würdest, nach vorne, und im anderen Fall ist es, als betrachtetest du dich in einem inneren Spiegel…
Das ist etwas, das man unterscheiden lernen muss, seine Bewusstseinszustände, denn sonst lebt man in einer fortwährenden Verworrenheit.
Im Grunde ist das der erste Schritt auf dem Pfad, das ist der Anfang des Fadens. Hält man den Faden nicht fest, verirrt man sich unterwegs. Dies dient nur dazu, das Ende des Fadens zu halten.