Zeiten des Übergangs
Sri Aurobindo | Die Mutter
Wann immer du ein großes Ende siehst, sei eines großen Anfangs sicher. Wo eine monströse und schmerzvolle Zerstörung deinen Geist erschreckt, tröste ihn mit der Gewissheit einer großen und großartigen Schöpfung. Gott ist nicht nur in der leisen Stimme da, sondern auch im Feuer und im Wirbelsturm.
Je größer die Zerstörung, desto freier die Möglichkeiten der Schöpfung; doch die Vernichtung ist oft langwierig, langsam und bedrückend, die Schöpfung ist säumig in ihrem Kommen oder wird in ihrem Triumph unterbrochen. Die Nacht kehrt wieder und wieder zurück und der Tag verzögert sich oder scheint sogar eine falsche Morgendämmerung zu sein. Verzweifle nicht darüber, sondern beobachte und arbeite…
Warum hämmert Gott so heftig auf seine Welt ein, trampelt auf ihr herum und knetet sie wie einen Teig, wirft sie so oft in das Blutbad und die rote Höllenhitze des Schmelzofens? Weil die Menschheit in ihrer Gesamtheit noch ein hartes, rohes und gemeines Erz ist, das sich nicht anders schmelzen und formen lässt: wie sein Material, so ist auch seine Methode. Möge sie bei der Umwandlung in edleres und reineres Metall helfen, sein Umgang damit wird sanfter und süßer, sein Nutzen viel erhabener und gerechter sein.
– Sri Aurobindo
![]()
Es sind weder Opfer noch Entsagung noch Schwäche, die den Sieg bringen können. Es ist nur die Freude, eine Freude, welche Stärke, Ausdauer und höchster Mut ist. Die Freude, die durch die supramentale Kraft gebracht wird. Es ist viel schwieriger als alles aufzugeben und wegzulaufen, es braucht einen unendlich größeren Heldenmut – doch dies ist der einzige Weg um zu siegen.
– Die Mutter
Sri Aurobindo | Die Mutter ZEITEN DES ÜBERGANGS
Kapitel 1
Die Stunde Gottes
Worte Sri Aurobindos
Es gibt Momente, in denen der Geist unter den Menschen wirkt und der Atem des Herrn über den Wassern unseres Daseins weht; es gibt andere, in denen er sich zurückzieht und die Menschen gezwungen sind nach der Stärke oder Schwäche ihres eigenen Egoismus zu handeln. Die ersteren sind Perioden, in denen sogar ein wenig Mühe große Ergebnisse hervorbringt und das Schicksal ändert; die anderen sind Zeiträume, in denen viel Arbeit nur zu einem kleinen Ergebnis führt. Es stimmt, dass Letzteres Ersteres vorbereiten kann, dass der kleine Rauch des Opfers zum Himmel aufsteigt und den Regen der Güte Gottes herabruft. Unglücklich sind der Mensch oder die Nation, die, wenn der göttliche Augenblick kommt, schlafend oder unvorbereitet angetroffen werden, ihn zu nutzen, weil die Lampe für den Empfang nicht geputzt und die Ohren für den Ruf verschlossen sind. Aber dreimal Wehe denen, die stark und bereit sind, aber die Kraft vergeuden oder den Augenblick missbrauchen; ihnen bringt es nicht wiedergutzumachenden Verlust oder eine große Vernichtung.
In der Stunde Gottes reinige deine Seele von allem Selbstbetrug, von aller Heuchelei und eitler Selbstbeweihräucherung, damit du direkt in deinen mentalen Geist schauen und das hören kannst, was ihn anruft. Alle Unaufrichtigkeit der Natur, einst dein Schutz vor dem Auge des Meisters und dem Licht des Ideals, wird nun zu einer Lücke in deiner Rüstung und lädt zum Schlag ein. Sogar wenn du für den Moment siegst, ist es umso schlimmer für dich, denn der Schlag wird hinterher kommen und dich inmitten deines Triumphs niederwerfen. Aber wenn du rein bist, wirf alle Furcht ab; denn die Stunde ist oft schrecklich, ein Feuer und ein Wirbelwind und ein Sturm, ein Treten der Weinpresse und des Zorns Gottes; aber wer darin auf der Wahrheit seines Vorhabens beharren kann, der wird stehen; sogar wenn er fällt, wird er sich wieder erheben, sogar wenn er auf den Schwingen des Windes davongetragen zu werden scheint, wird er zurückkehren. Und lass dir von weltlicher Klugheit nicht zu sehr ins Ohr flüstern; denn es ist die Stunde des Unerwarteten, des Unberechenbaren, des Unermesslichen. Miss dich nicht mit der Macht des Atems mit deinen kleinen Instrumenten, sondern vertraue und gehe voran.
Aber vor allem halte deine Seele frei, wenn auch nur für eine Weile, vom Lärm des Egos. Dann wird in der Nacht ein Feuer vor dir herziehen, der Sturm wird dein Helfer sein und deine Fahne wird auf dem höchsten Gipfel der Größe wehen, den es zu erobern galt.
Geburtsschmerzen einer neuen Welt
Worte Sri Aurobindos
So viel hängt von der Zeit und Gottes unmittelbarem Plan ab, dass es wichtiger ist, Seinen Plan zu erforschen, als an unseren eigenen Patentrezepten festzuhalten. Der Kala Purusha, Zeitgeist und Todesgeist hat sich zu seinem schrecklichen Werk erhoben – lokakshayakritpraviddhas – und strebt danach eine Welt zu zerstören. Und wer kann Seinem Schrecken, Seiner Macht und Seiner Unwiderstehlichkeit Einhalt gebieten? Aber Er vernichtet nicht nur die vorherige Welt, Er erschafft die Welt, die kommen soll; deshalb ist es für uns nützlicher zu entdecken was Er erschafft und dabei zu helfen, als zu lamentieren und in unseren Armen zu wiegen, was Er zerstört. Doch es nicht so leicht Seine Absicht zu erkennen, und wir bewundern oft zu sehr temporäre Bauten, die lediglich Zelte für die Krieger in diesem Kurukshetra sind, und halten sie für dauerhafte Gebäude der Zukunft.
Die Pandits haben deshalb Recht, wenn sie zwischen der Praxis des Satya1 und der Praxis des Kali einen Unterschied machen. Aber bei der Anwendung dieses Wissens scheinen sie mir nicht immer weise oder gelehrt vorzugehen. Sie vergessen oder wissen nicht, dass Kali das Zeitalter der Zerstörung und Wiedergeburt ist, nicht des verzweifeltes Klammerns an Altem, das nicht mehr zu retten ist. Sie verschanzen sich im System des Kalivarjya, vergessen, dass es nicht die Schwächen, sondern die Stärken der alten Harmonie sind, die dem varjanam, der Beseitigung, unterworfen sind. Das, was gerettet wird, ist bloß eine temporäre Plattform, die wir am Ufer des Meeres des Wandels errichtet haben, eine stabilere Behausung erwartend; und auch sie muss eines Tages unter dem Ansturm der Wellen zusammenbrechen, muss in den verschlingenden Wassern verschwinden. Ist die Zeit für diese Zerstörung gekommen? Wir denken, sie ist es. Höre dem Getöse dieser Wasser zu, – viel gewaltiger als der Lärm eines Angriffs, beachte jenes langsame, finstere, erbarmungslose Unterspülen, beobachte wie Stapel für Stapel unserer geflickten, unzusammenhängenden, maroden Struktur korrodiert, knarrt, unter den Schlägen zittert, zerbricht, lautlos oder mit einem Platschen, plötzlich oder nach und nach in die Hefe dieser Wogen sinkt. Ist die Zeit für einen Neubau gekommen? Wir sagen, sie ist es. Beachte die Aktivität, den Eifer und das Hin- und Hereilen der Menschheit, das schnelle Schürfen, Suchen, Graben und Errichten – sieh die Avatare und großen Vibhutis kommen, sich in großer Zahl erheben, einer dicht hinter dem anderen schreitend. Sind dies nicht die Zeichen, und sagen sie uns nicht, dass der große Avatar aller kommt, um das erste Satya Yuga der Kali zu errichten?
Das erste Anbrechen einer neuen Morgendämmerung
Worte Sri Aurobindos
Schon sind die ersten fünftausend Jahre der Kali beendet, die notwendig waren, um die letztendliche Zerstörung der Reliquien des alten Satyayuga vorzubereiten. Schwäche und Gewalt, Irrtum und Unwissenheit und Verwüstung, die mit zunehmender Geschwindigkeit und Rhythmus über die ganze Erde rasen, haben die Arbeit für uns getan. Der Morgen des ersten Kali-Satya ist bereit anzubrechen, die ersten wenigen Streifen sind schwach sichtbar…
Ja, eine neue Harmonie, doch nicht die Kanalrohre/ skurrilen Pfeifen des europäischen Materialismus, nicht ein abendländisches Fundament auf Halbwahrheiten und ganzen Unwahrheiten. Wenn es Zerstörung gibt, ist es die Form, die untergeht, nicht der Geist, – denn die Welt und ihre Wege sind Formen der einen Wahrheit, die in dieser materiellen Welt in immer neuen Gestalten und ständig wechselndem Kleid erscheint – der innere Ewige genießt die Freude der äußeren Wandlungsfähigkeit. Die Wahrheit des alten Satya, das tot ist, war nicht verschieden von der Wahrheit des neuen Satya, das geboren werden soll, denn sie ist Wahrheit, die sich immer wieder herstellt und fortbesteht. In Indien, dem erwählten Land, ist sie erhalten; in der Seele Indiens schläft sie und erwartet das Erwachen der Seele, der Seele Indiens, löwenhaft, leuchtend, eingeschlossen in den Blütenblättern des alten Lotus der Stärke und Weisheit, nicht in seinem schwachen, schmutzigen, vergänglichen und elenden Äußeren. Indien allein kann die Zukunft der Menschheit erbauen; nur in Indien kann der wirkungsvolle Avatar2 den Nationen erscheinen. Und bis Er erscheint, muss Indien sich aus ihrem Staub und ihrer Erniedrigung erheben, – Symbole des vernichteten Satyayuga –, durch Yoga mit seiner Seele kommunizieren und seine Vergangenheit und seine Zukunft erkennen.
Die Zeit für revolutionäre Veränderungen
Worte der Mutter
Es ist eindeutig die Zukunft, die erwacht und versucht die Vergangenheit zu vertreiben…
So haben sich beispielsweise alle Studierenden und die gesamte Arbeiterklasse zusammengeschlossen. Natürlich gibt es auf der mentalen Ebene eine ganze Mixtur unterschiedlichster Ideen, aber die Kraft dahinter… Zum Beispiel wollen die Studenten die Unterrichtsmethoden komplett ändern: sie fordern vehement die Abschaffung aller Prüfungen. Sie selbst sind sich dessen nicht bewusst, aber sie werden von einer Kraft getrieben, die die Manifestation einer wahreren Wahrheit will…
Es ist die höhere Macht, die die Menschen dazu ZWINGT, dass zu tun, was sie tun müssen…
Es ist eindeutig (nicht im Detail, sondern in der Richtung der Bewegung) der Wille, mit der Vergangenheit abzuschließen und die Tür zur Zukunft zu öffnen.
Es ist wie eine Art Abscheu vor Stagnation. Genau das. Ein Durst nach etwas, das vor uns liegt und leuchtender, besser erscheint. Und tatsächlich GIBT ES etwas – es ist nicht nur Einbildung: ES GIBT etwas. Das ist das Schöne daran, dass es etwas gibt. ES GIBT eine Antwort. ES GIBT eine Kraft, die sich … ausdrücken will.
Die Verwirrung ist dazu da, uns zu lehren
Worte der Mutter
Schließlich bin ich fest davon überzeugt, dass die Verwirrung dazu da ist, uns zu lehren, wie wir von Tag zu Tag leben sollen, das heißt, uns nicht mit dem zu beschäftigen, was passieren könnte oder was passieren wird, sondern uns Tag für Tag mit dem zu beschäftigen, was wir tun müssen. All das Denken, Vorplanen, Vorkehrungen und all das begünstigt viel Unordnung…
Wenn dich die Vision solcher Unordnung befällt, musst du nur eines tun: dich in das Bewusstsein zu begeben, in welchem du nur ein Wesen, ein Bewusstsein, eine Kraft siehst – es gibt nur eine Einheit, und all dies geschieht in dieser Einheit. Und all unsere unbedeutenden Visionen, unser Wissen, unsere Urteile und … das ist alles nichts, es ist mikroskopisch im Vergleich zu dem Bewusstsein, das über Allem herrscht. Wenn man also auch nur die geringste Ahnung davon hätte, warum getrennte Individualitäten existieren, würde man erkennen, dass sie nur dazu dienen, die Aspiration, die Existenz eines spirituellen Strebens, diese Bewegung von Selbsthingabe und Überantwortung, Vertrauen und Glauben zu ermöglichen. Und genau das ist der Grund, warum Individuen aufgebaut wurden, und dann, damit du in aller Aufrichtigkeit und Intensität dazu wirst … ist es alles, was nötig ist.
Das ist alles, was notwendig ist, das Einzige, was bleibt; alles andere … sind Phantasiegebilde.
Die Extreme sind extremer geworden
Worte der Mutter
Ich glaube, ich habe dir bereits gesagt, dass es eine Art goldene Kraft gibt, die nach unten drückt (Geste des Drückens), die keine materielle Konsistenz hat und trotzdem ungeheuer schwer zu sein scheint … und die auf die Materie drückt, so, um sie zu zwingen, sich innerlich dem Göttlichen zuzuwenden – nicht eine äußere Flucht (Geste nach oben), sondern eine innere Hinwendung zum Göttlichen. Und so scheint es, als seien Katastrophen unvermeidbar. Und doch gibt es neben dieser Wahrnehmung der unvermeidlichen Katastrophe Lösungen für die Situation, Ereignisse, die an sich schon vollkommen wundersam sind. Es ist so, als ob die beiden Extreme noch extremer würden, als ob das, was gut ist, besser, und was schlecht ist, schlimmer würde. So ist es. Mit der großen Macht, die auf die Welt drückt – das war mein Eindruck…
Ja, so fühlt es sich an (Mutter befühlt die Luft). Und dann werden unter diesen Umständen viele Dinge, die normalerweise gleichgültig geschehen, akut; Situationen, Meinungsverschiedenheiten werden akut; böser Wille wird akut; und gleichzeitig ereignen sich außergewöhnliche Wunder – außergewöhnliche! Menschen, die dem Tode nahe waren werden gerettet, Dinge, die unentwirrbar waren, finden plötzlich eine Lösung.
Und auch für den Einzelnen ist es dasselbe.
Wer weiß, wie man sich… (wie soll ich es sagen?) dem Göttlichen zuwendet und es aufrichtig anruft, wer spürt, dass das die einzige Rettung, der einzige Ausweg ist, und wer sich aufrichtig hingibt, für den wird dann (Geste des Durchbrechens) alles in wenigen Minuten wunderbar. Für die kleinsten Dinge – es gibt nichts Kleines oder Großes, Wichtiges oder Unwichtiges, ist es dasselbe.
Die Werte ändern sich.
Es ist, als ob sich die Sicht auf die Welt ändert.
Die Werte haben sich intensiviert
Worte der Mutter
Es soll sozusagen eine Vorstellung von der Veränderung der Welt durch die Herabkunft des Supramentals vermitteln. Wahrhaftig werden Dinge, die neutral waren, absolut: ein kleiner Fehler wird in seinen Konsequenzen kategorisch, und ein wenig Aufrichtigkeit, ein wahres spirituelles Streben, bringt ein wundersames Ergebnis hervor. In den Menschen haben sich die Werte verstärkt, und selbst aus materieller Sicht hat der kleinste Fehler, der kleinste, große Konsequenzen, und die geringste Aufrichtigkeit in der Aspiration führt zu wunderbaren Ergebnissen. Die Werte haben sich verstärkt und sind präzise geworden…
Die Wahrnehmung des Ganzen ist, dass alles … alles im Hinblick auf den bewussten Aufstieg der Welt gewollt ist. Das Bewusstsein bereitet sich darauf vor, göttlich zu werden. Und es ist vollkommen wahr: Was wir als Fehler betrachten, gehört ganz und gar zur gewöhnlichen menschlichen Vorstellung, ganz und gar…
Ich bin zu diesem Schluss gekommen. Ich habe geschaut, ich habe beobachtet und gesehen, dass das, was wir „supramental“ nennen – in Ermangelung eines besseren Wortes –, dass dieses Supramental die Schöpfung empfänglicher macht für die höhere Macht…
Unser ganzer gesunder Menschenverstand, unsere ganze Logik, unser ganzer praktischer Sinn sind zu Boden geworfen! Nutzlos! Das hat keine Kraft mehr, keine Realität mehr; es entspricht nicht mehr dem, was ist. Es ist wahrhaftig eine neue Welt.
Worte der Mutter
Mutter, in 1919 schrieb Sri Aurobindo, dass das Chaos und die Katastrophen vielleicht die Geburtswehen einer neuen Schöpfung seien. Wie lange werden diese Wehen noch andauern – im Ashram, in Indien und schließlich in der Welt?
Sie werden so lange andauern, bis die Welt bereit und willens ist, die neue Schöpfung zu empfangen. Das Bewusstsein dieser neuen Schöpfung ist schon seit Beginn dieses Jahres auf der Erde am Werk.
Wenn die Menschen, anstatt Widerstand zu leisten, zusammenarbeiten würden, würde es schneller gehen.
Aber Dummheit und Unwissenheit sind sehr hartnäckig.
1 Satya und Kali: Das erste und das vierte Zeitalter (yuga), welche die Menschheit in ihrer kollektiven Evolution durchläuft.
2 Es sei darauf hingewiesen, dass dieser Aufsatz zwischen 1910 und 1913 verfasst wurde, bevor Sri Aurobindo seine Arbeit als Avatar aufnahm.
Kapitel 2
Samen einer neuen Welt
Die Ziele und der Rahmen einer spiritualisierten Gesellschaft
Worte Sri Aurobindos
Eine spiritualisierte Gesellschaft würde wie ihre spiritualisierten Individuen leben, nicht im Ego, sondern im Geist, nicht als kollektives Ego, sondern als kollektive Seele. Dieses Freisein vom egoistischen Standpunkt würde ihr erstes und hervorstechendstes Merkmal sein. Doch diese Auslöschung des Egoismus würde nicht erreicht, wie es jetzt vorgeschlagen wird, indem man das Individuum überredet oder zwingt, seinen persönlichen Willen und seine Bestrebungen und seine kostbare und schwer erlangte Individualität dem kollektiven Willen, den Zielen und dem Egoismus der Gesellschaft zu opfern und es wie ein Opfer alter Opferzeremonien anzutreiben, seine Seele auf dem Altar dieses riesigen und formlosen Götzen zu opfern. Denn das wäre nur das Opfer des kleineren an den größeren Egoismus, der nur in seiner Masse größer ist und nicht unbedingt an Qualität, Weite und Adel. Denn ein kollektiver Egoismus, Ergebnis der vereinten Egoismen aller, ist ebenso wenig ein anzubetender Gott, ebenso fehlerhaft und oft ein hässlicherer und barbarischerer Fetisch als der Egoismus des Einzelnen. Was der spirituelle Mensch sucht, ist, durch den Verlust des Egos das Selbst zu finden, das in allen eins und in jedem vollkommen und vollständig ist, und indem er darin lebt, in das Bild seiner Vollkommenheit hineinzuwachsen – individuell, wohlgemerkt, doch mit einer allumarmenden Universalität seiner Natur und ihres bewussten Umfangs.
Worte Sri Aurobindos
Es würde alles Wissen in seinen Rahmen einbeziehen, aber die ganze Richtung, das Ziel und den durchdringenden Geist nicht auf bloße weltliche Effektivität beschränken, obschon diese Effektivität nicht vernachlässigt würde, sondern diese Selbstentwicklung und Selbstfindung und alles andere als seine Kräfte annehmen. Es würde die physischen und psychischen Wissenschaften nicht nur betreiben, um die Welt und die Natur in ihren Prozessen zu erkennen und sie für materielle menschliche Zwecke zu nutzen, sondern vielmehr, um durch, in, unter und über allen Dingen das Göttliche in der Welt und die Wege des Geistes in und hinter seinen Masken zu erkennen. Es wäre das Ziel der Ethik, nicht eine Handlungsregel festzulegen, sei sie ergänzend zum sozialen Gesetz oder es teilweise korrigierend, – dem sozialen Gesetz, das letztlich nur die oft ungeschickte und unwissende Regel des zweibeinigen Rudels, der menschlichen Herde ist, – sondern um die göttliche Natur im Menschen zu entwickeln. Es wäre das Ziel der Kunst, nicht nur Bilder der subjektiven Welt zu darzustellen, sondern sie mit der bedeutsamen und kreativen Vision zu betrachten, die hinter ihre Erscheinungen blickt, und die Wahrheit und Schönheit zu enthüllen, deren Formen, Masken oder Symbole und bedeutenden Figuren die für uns sichtbaren und unsichtbaren Dinge sind.
Eine neue Gesellschaftswissenschaft: Die Grundlage der Gleichheit
Worte Sri Aurobindos
Eine spiritualisierte Gesellschaft würde in ihrer Soziologie die Individuen, vom Heiligen bis zum Verbrecher, nicht als Teile eines sozialen Problems behandeln, die durch eine geschickt konstruierte Maschinerie geschleust und entweder in die soziale Form gepresst oder aus ihre herausgedrückt werden müssen, sondern als leidende Seelen, die in einem Netz verstrickt sind und gerettet werden müssen, als wachsende und zu Wachstum zu ermutigende Seelen, gewachsene Seelen, von denen einfachere Gemüter, die noch nicht erwachsen sind, Hilfe und Kraft erhalten können. Das Ziel ihrer Ökonomie würde es nicht sein, eine riesige Produktionsmaschinerie zu erschaffen, ob konkurrierend oder kooperierend, sondern um Menschen – nicht nur einigen, sondern gleichermaßen jedem Menschen in dem für ihn höchsten Maße – die Freude am Arbeiten zu geben, entsprechend der eigenen Natur und freien Muße, innerlich zu wachsen, sowie ein einfach reiches und schönes Leben für alle. In ihrer Politik würde sie die Nationen nicht im Rahmen ihres eigenen inneren Lebens als riesige Staatsmaschinen betrachten, die reguliert und gepanzert sind, wobei der Mensch für die Maschine lebt und sie als seinen Gott und sein größeres Selbst anbetet., – zufrieden, beim ersten Aufruf andere auf ihrem Altar zu töten und selbst dort zu bluten, damit die Maschine intakt und leistungsfähig bleibt und immer größer, komplexer, schwerfälliger, mechanisch effizienter und vollständiger gemacht wird. Ebenso wenig würde man sich damit zufrieden geben, diese Nationen oder Staaten in ihren gegenseitigen Beziehungen als schädliche Maschinen zu unterhalten, die dazu bestimmt sind in friedlicher Absicht Giftgas aufeinander abzufeuern und in Zeiten von Zusammenstößen auf die bewaffneten Heere und unbewaffneten Millionen des jeweils anderen zuzustürmen, voll mit feuernden Kugeln und Männern, die zum Morden auserkoren sind, wie Kampfflugzeuge oder feindliche Panzer auf einem modernen Schlachtfeld. Sie würde die Völker als Gruppenseelen betrachten, deren Göttlichkeit in ihren menschlichen Gemeinschaften verborgen ist und sich selbst entdecken soll. Gruppenseelen sollen wie das Individuum gemäß ihrer eigenen Natur wachsen und sich durch dieses Wachstum gegenseitig helfen, – allen in der gemeinsamen Aufgabe der Menschheit helfen. Und diese Aufgabe wäre es, das göttliche Selbst im Individuum und in der Gemeinschaft zu finden und im inneren Leben aller und in ihrem äußeren Handeln und Wesen seine größten, reichsten und tiefsten Möglichkeiten spirituell, mental, vital und materiell zu verwirklichen.
Das Gesetz einer wachsenden inneren Freiheit
Worte Sri Aurobindos
…Daher wird das Gesetz einer wachsenden inneren Freiheit eines sein, welches im spirituellen Zeitalter der Menschheit am meisten gewürdigt wird. Es ist wahr, dass der Mensch, solange er nicht in erreichbare Nähe von Selbsterkenntnis gekommen ist und sich darum bemüht hat, dem Gesetz äußeren Zwanges nicht entkommen kann und alle seine Anstrengungen darum vergeblich sind. So lange dies so ist, ist er der Sklave anderer und bleibt es, der Sklave seiner Familie, seiner Kaste, seines Klans, seiner Kirche, seiner Gesellschaft, seiner Nation. Und er kann nur so sein, und sie können nicht anders, als ihren groben und mechanischen Zwang auf ihn auszuüben, weil er und sie die Sklaven ihres eigenen Egos sind, ihrer eigenen niederen Natur. Wir müssen den Drang des Geistes fühlen und ihm gehorchen, wenn wir unser inneres Recht, den anderen Zwängen zu entfliehen, bekräftigen wollen: wir müssen unsere niedere Natur zu einem willigen Diener, dem bewussten und erleuchteten Instrument oder zum veredelten, aber dennoch sich selbst unterworfenen Teil, Gefährten oder Partner des göttlichen Wesens in uns machen. Denn es ist diese Unterwerfung, die die Bedingung für unseren Frieden ist, weil spirituelle Freiheit nicht die egoistische Durchsetzung unseres getrennten mentalen Geistes und Vitals ist, sondern Gehorsam der Göttlichen Wahrheit gegenüber in uns und unseren Teilen und in allen um uns herum. Aber dennoch müssen wir feststellen, dass Gott die Freiheit der natürlichen Teile unseres Wesens respektiert und ihnen Raum gibt, in ihrer eigenen Natur zu wachsen, damit sie durch natürliches Wachstum und nicht durch Selbstauslöschung das Göttliche in sich selbst finden können. Die Unterwerfung, die sie schließlich vollständig und absolut akzeptieren, muss eine willige Unterwerfung in Anerkennung und Aspiration nach ihrer eigenen Quelle des Lichts und der Kraft und ihrem höchsten Wesen sein. Darum entdecken wir sogar im am wenigsten erneuerten Zustand, dass das gesündeste, wahrste, lebendigste Wachsen und Handeln jenes ist, das in der größtmöglichen Freiheit entsteht, und dass jeder übermäßige Zwang entweder das Gesetz einer allmählichen Verkümmerung oder eine Tyrannei ist, die durch Ausbrüche tollwütiger Störungen variiert oder geheilt wird. Und sobald der Mensch sein spirituelles Selbst kennenlernt, er tut dies durch Entdecken, oft sogar durch das bloße Suchen danach, wie das alte Denken und die Religion es sahen, entkommt er dem äußeren Gesetz und tritt in das Gesetz der Freiheit ein.
Ein spirituelles Zeitalter der Menschen wird diese Wahrheit erkennen. Es wird nicht versuchen den Menschen durch Maschinen zu perfektionieren oder ihn durch das Fesseln all seiner Glieder aufrecht zu halten. Es wird dem Mitglied der Gesellschaft sein höheres Selbst nicht in der Person des Polizisten, des Beamten und des Unteroffiziers präsentieren, noch, sagen wir, in der Form einer sozialistischen Bürokratie oder eines Arbeitersowjets. Sein Ziel wird sein, sobald und so umfassend wie möglich die Notwendigkeit des Elements äußeren Zwangs im menschlichen Leben zu verringern, indem es den inneren göttlichen Drang des Geistes weckt, und alle dafür notwendigen Mittel, die es nutzt, werden dies als ihr Ziel haben. Schließlich wird es hauptsächlich, wenn nicht nur, den spirituellen Zwang anwenden, den sogar die spirituelle Person auf ihre Umgebung ausüben kann. Und um wie viel mehr sollte eine spirituelle Gesellschaft dies tun können, – das, was in uns trotz aller inneren Widerstände und äußeren Verleugnung den Zwang des Lichtes, den Wunsch und die Kraft erweckt, durch die eigene Natur ins Göttliche hinein zu wachsen. Denn die vollkommen spiritualisierte Gesellschaft wird eine sein, in der – wie es der spirituelle Anarchist erträumt – alle Menschen zutiefst frei sein werden, und zwar, weil die Voraussetzung dafür erfüllt ist. In diesem Zustand wird jeder Mensch nicht nach eigenem Gesetz leben, sondern nach dem göttlichen Gesetz, weil er eine Seele sein wird, die in der Göttlichen Wirklichkeit lebt und nicht ein Ego, welches hauptsächlich oder gänzlich für seine eigenen Interessen und Zwecke lebt. Sein Leben wird vom Gesetz seiner eigenen göttlichen, vom Ego befreiten Natur geleitet.
Das Gesetz der Einheit
Worte Sri Aurobindos
Das spirituelle Leben ist nicht die Blume einer gesichtslosen, sonders einer bewussten und breit gefächerten Einheit. Jeder Mensch muss durch sein eigenes individuelles Wesen in die Göttliche Wirklichkeit in sich hineinwachsen, deshalb ist ein gewisses wachsendes Maß an Freiheit eine Wesensnotwendigkeit, während er sich entwickelt, und perfekte Freiheit das Zeichen und die Bedingung für das vollkommene Leben. Aber das Göttliche, das er so in sich selbst erschaut, sieht er gleichermaßen in allen anderen und als den gleichen Geist in allen. Auch darum ist eine wachsende innere Einheit mit Anderen eine Notwendigkeit seines Wesens und perfekte Einheit das Zeichen und die Vorbedingung für das vollkommene Leben. Nicht nur das Göttliche in sich zu finden, sondern das Göttliche in allen zu erkennen und zu finden, nicht nur die eigene persönliche Befreiung oder Perfektion zu suchen, sondern die Befreiung und Vervollkommnung der Anderen zu suchen, ist das ganze Gesetz des spirituellen Wesens. Wenn die ersehnte Göttlichkeit eine separate Gottheit in einem selbst und nicht das eine Göttliche wäre, oder wenn man Gott nur für sich selber suchte, dann könnte das Ergebnis ein grandioser Egoismus sein, der Olympische Egoismus eines Goethe oder der von Nietzsche erdachte Titanische Egoismus, oder es könnte die isolierte Selbsterkenntnis oder das Asketentum des Elfenbeinturmbewohners oder des Säulenheiligen sein. Aber wer Gott in allen sieht, wird Gott in allen frei und mit Liebe dienen. Das heißt, er wird nicht nur seine eigene Freiheit, sondern die Freiheit aller suchen, nicht nur seine eigene Vollkommenheit, sondern die Vollkommenheit aller. Er wird seine Individualität als vollständig nur in der weitesten Universalität ansehen, ebenso sein Leben nur in der Einheit mit dem universalen Leben als erfüllt fühlen. Auch wird er nicht für sich selbst oder für den Staat und die Gesellschaft, für das persönliche oder kollektive Ego leben, sondern für etwas viel Größeres, für Gott in sich selbst und für das Göttliche im Universum.
Wenn der Mensch nur zustimmen könnte, spiritualisiert zu werden
Worte der Mutter
Schließlich besteht das Problem darin herauszufinden, ob die Menschheit den Zustand reinen Goldes erreicht hat oder ob sie noch im Schmelztiegel geprüft werden muss.
Eins ist klar, die Menschheit ist nicht zu reinem Gold geworden; das ist sichtbar und sicher.
Doch etwas ist in der Geschichte der Welt geschehen, was uns erlaubt zu hoffen, dass einige erwählte Wenige in der Menschheit, eine kleine Anzahl, vielleicht, vorbereitet ist zu reinem Gold transformiert zu werden, und dass sie fähig sein wird, Stärke ohne Gewalt, Heldentum ohne Zerstörung und Mut ohne Katastrophen zu manifestieren…
Im Augenblick befinden wir uns an einem entscheidenden Wendepunkt in der Erdgeschichte, wieder einmal. Von allen Seiten werde ich gefragt: „Was wird passieren?“ Überall herrscht Angst, Erwartung, Furcht. „Was wird passieren?…“ Es gibt nur eine Antwort: „Wenn der Mensch nur zustimmen könnte, spiritualisiert zu werden.“
Und vielleicht genügte es, wenn einige Personen zu reinem Gold würden, denn das würde ausreichen, den Lauf der Dinge zu verändern… Wir sind auf sehr dringliche Weise mit dieser Notwendigkeit konfrontiert.
Dieser Mut, dieses Heldentum, welches das Göttliche von uns verlangt: warum nutzen wir es nicht, gegen die eigenen Schwierigkeiten, die eigenen Unvollkommenheiten anzukämpfen? Warum nicht der harten Prüfung innerer Reinigung ins Auge sehen, damit es nicht notwendig wird, durch eine dieser schrecklichen, gigantischen Vernichtungen zu gehen, die eine ganze Zivilisation in die Dunkelheit stoßen?
Dies ist das Problem, vor dem wir stehen. Es liegt an jedem selbst, es auf seine eigene Weise zu lösen.
Heute Abend beantworte ich die Fragen, die mir gestellt wurden, und meine Antwort ist die Sri Aurobindos: Wenn der Mensch einmal der Spiritualisierung zustimmen könnte…
Und ich füge hinzu: Die Zeit drängt… vom menschlichen Standpunkt aus gesehen.
Man muss einen Sprung nach vorne machen
Worte der Mutter
Man spürt wirklich, dass die Welt in Aufruhr ist.
Ja, oh, ja!…
Seit dem Morgen ist es wie – Streiks, Streitereien, Unruhen… Und dann das Gefühl, dass mit der Hilfe derer, die die Unruhe verursacht haben, die Ordnung wieder hergestellt werden muss. Das ist es, was getan werden muss. Statt auf der Basis des normalen guten Willens und all der moralischen und sozialen Regeln – all dem, was in Grund und Boden geschmettert wurde – muss man sich darüber erheben. Der göttliche Wille und die göttliche Harmonie müssen da sein, das ist es, was wir wollen; und dann beweisen jene, die gegen das übliche Gesetz der Dinge und die normalen sozialen Konventionen rebelliert haben, dass sie in Verbindung mit einem höheren Bewusstsein und einer wahrhaftigeren Wahrheit stehen.
Es ist Zeit, dies zu tun (Geste eines Sprungs nach oben).
Und vom Standpunkt einer organisierenden Macht, es ist eine Macht… äußerst kraftvoll. Es ist ein Wunder. Und dann, wenn diese Macht der höheren Ordnung zur Verfügung gestellt wird, dem wahreren Bewusstsein, dann kann etwas getan werden.
Man muss… muss einen Sprung nach oben tun.
Alle die Menschen, die Ordnung wiederherstellen möchten, ziehen sich in alte Vorstellungen zurück, – das ist der Grund, warum sie nie Erfolg haben. Das ist vorbei, endgültig vorbei. Wir gehen nach oben. Nur wer aufsteigt, kann handeln.
Worte Sri Aurobindos
Die Welt kennt drei Arten von Revolutionen. Die materielle hat starke Ergebnisse, die moralische und intellektuelle sind unendlich viel umfassender und fruchtbringender, doch die spirituellen sind die großen Saaten…
Die Veränderungen, die wir heute in der Welt sehen, sind in ihren Idealen und Absichten intellektuell, moralisch und physisch: die spirituelle Revolution wartet auf ihre Stunde und wirft inzwischen hier und da ihre Wellen auf. Bis sie eintritt, kann die Bedeutung der anderen nicht verstanden werden, und bis dahin sind alle Interpretationen gegenwärtiger Ereignisse und Voraussagen über die Zukunft der Menschheit vergeblich. Denn ihr Wesen, ihre Kraft und ihr Geschehen werden den nächsten Zyklus unserer Menschheit bestimmen.