Kapitel 2

Samen einer neuen Welt

Die Ziele und der Rahmen einer spiritualisierten Gesellschaft

Worte Sri Aurobindos

Eine spiritualisierte Gesellschaft würde wie ihre spiritualisierten Individuen leben, nicht im Ego, sondern im Geist, nicht als kollektives Ego, sondern als kollektive Seele. Dieses Freisein vom egoistischen Standpunkt würde ihr erstes und hervorstechendstes Merkmal sein. Doch diese Auslöschung des Egoismus würde nicht erreicht, wie es jetzt vorgeschlagen wird, indem man das Individuum überredet oder zwingt, seinen persönlichen Willen und seine Bestrebungen und seine kostbare und schwer erlangte Individualität dem kollektiven Willen, den Zielen und dem Egoismus der Gesellschaft zu opfern und es wie ein Opfer alter Opferzeremonien anzutreiben, seine Seele auf dem Altar dieses riesigen und formlosen Götzen zu opfern. Denn das wäre nur das Opfer des kleineren an den größeren Egoismus, der nur in seiner Masse größer ist und nicht unbedingt an Qualität, Weite und Adel. Denn ein kollektiver Egoismus, Ergebnis der vereinten Egoismen aller, ist ebenso wenig ein anzubetender Gott, ebenso fehlerhaft und oft ein hässlicherer und barbarischerer Fetisch als der Egoismus des Einzelnen. Was der spirituelle Mensch sucht, ist, durch den Verlust des Egos das Selbst zu finden, das in allen eins und in jedem vollkommen und vollständig ist, und indem er darin lebt, in das Bild seiner Vollkommenheit hineinzuwachsen – individuell, wohlgemerkt, doch mit einer allumarmenden Universalität seiner Natur und ihres bewussten Umfangs.

Worte Sri Aurobindos

Es würde alles Wissen in seinen Rahmen einbeziehen, aber die ganze Richtung, das Ziel und den durchdringenden Geist nicht auf bloße weltliche Effektivität beschränken, obschon diese Effektivität nicht vernachlässigt würde, sondern diese Selbstentwicklung und Selbstfindung und alles andere als seine Kräfte annehmen. Es würde die physischen und psychischen Wissenschaften nicht nur betreiben, um die Welt und die Natur in ihren Prozessen zu erkennen und sie für materielle menschliche Zwecke zu nutzen, sondern vielmehr, um durch, in, unter und über allen Dingen das Göttliche in der Welt und die Wege des Geistes in und hinter seinen Masken zu erkennen. Es wäre das Ziel der Ethik, nicht eine Handlungsregel festzulegen, sei sie ergänzend zum sozialen Gesetz oder es teilweise korrigierend, – dem sozialen Gesetz, das letztlich nur die oft ungeschickte und unwissende Regel des zweibeinigen Rudels, der menschlichen Herde ist, – sondern um die göttliche Natur im Menschen zu entwickeln. Es wäre das Ziel der Kunst, nicht nur Bilder der subjektiven Welt zu darzustellen, sondern sie mit der bedeutsamen und kreativen Vision zu betrachten, die hinter ihre Erscheinungen blickt, und die Wahrheit und Schönheit zu enthüllen, deren Formen, Masken oder Symbole und bedeutenden Figuren die für uns sichtbaren und unsichtbaren Dinge sind.

Eine neue Gesellschaftswissenschaft: Die Grundlage der Gleichheit

Worte Sri Aurobindos

Eine spiritualisierte Gesellschaft würde in ihrer Soziologie die Individuen, vom Heiligen bis zum Verbrecher, nicht als Teile eines sozialen Problems behandeln, die durch eine geschickt konstruierte Maschinerie geschleust und entweder in die soziale Form gepresst oder aus ihre herausgedrückt werden müssen, sondern als leidende Seelen, die in einem Netz verstrickt sind und gerettet werden müssen, als wachsende und zu Wachstum zu ermutigende Seelen, gewachsene Seelen, von denen einfachere Gemüter, die noch nicht erwachsen sind, Hilfe und Kraft erhalten können. Das Ziel ihrer Ökonomie würde es nicht sein, eine riesige Produktionsmaschinerie zu erschaffen, ob konkurrierend oder kooperierend, sondern um Menschen – nicht nur einigen, sondern gleichermaßen jedem Menschen in dem für ihn höchsten Maße – die Freude am Arbeiten zu geben, entsprechend der eigenen Natur und freien Muße, innerlich zu wachsen, sowie ein einfach reiches und schönes Leben für alle. In ihrer Politik würde sie die Nationen nicht im Rahmen ihres eigenen inneren Lebens als riesige Staatsmaschinen betrachten, die reguliert und gepanzert sind, wobei der Mensch für die Maschine lebt und sie als seinen Gott und sein größeres Selbst anbetet., – zufrieden, beim ersten Aufruf andere auf ihrem Altar zu töten und selbst dort zu bluten, damit die Maschine intakt und leistungsfähig bleibt und immer größer, komplexer, schwerfälliger, mechanisch effizienter und vollständiger gemacht wird. Ebenso wenig würde man sich damit zufrieden geben, diese Nationen oder Staaten in ihren gegenseitigen Beziehungen als schädliche Maschinen zu unterhalten, die dazu bestimmt sind in friedlicher Absicht Giftgas aufeinander abzufeuern und in Zeiten von Zusammenstößen auf die bewaffneten Heere und unbewaffneten Millionen des jeweils anderen zuzustürmen, voll mit feuernden Kugeln und Männern, die zum Morden auserkoren sind, wie Kampfflugzeuge oder feindliche Panzer auf einem modernen Schlachtfeld. Sie würde die Völker als Gruppenseelen betrachten, deren Göttlichkeit in ihren menschlichen Gemeinschaften verborgen ist und sich selbst entdecken soll. Gruppenseelen sollen wie das Individuum gemäß ihrer eigenen Natur wachsen und sich durch dieses Wachstum gegenseitig helfen, – allen in der gemeinsamen Aufgabe der Menschheit helfen. Und diese Aufgabe wäre es, das göttliche Selbst im Individuum und in der Gemeinschaft zu finden und im inneren Leben aller und in ihrem äußeren Handeln und Wesen seine größten, reichsten und tiefsten Möglichkeiten spirituell, mental, vital und materiell zu verwirklichen.

Das Gesetz einer wachsenden inneren Freiheit

Worte Sri Aurobindos

…Daher wird das Gesetz einer wachsenden inneren Freiheit eines sein, welches im spirituellen Zeitalter der Menschheit am meisten gewürdigt wird. Es ist wahr, dass der Mensch, solange er nicht in erreichbare Nähe von Selbsterkenntnis gekommen ist und sich darum bemüht hat, dem Gesetz äußeren Zwanges nicht entkommen kann und alle seine Anstrengungen darum vergeblich sind. So lange dies so ist, ist er der Sklave anderer und bleibt es, der Sklave seiner Familie, seiner Kaste, seines Klans, seiner Kirche, seiner Gesellschaft, seiner Nation. Und er kann nur so sein, und sie können nicht anders, als ihren groben und mechanischen Zwang auf ihn auszuüben, weil er und sie die Sklaven ihres eigenen Egos sind, ihrer eigenen niederen Natur. Wir müssen den Drang des Geistes fühlen und ihm gehorchen, wenn wir unser inneres Recht, den anderen Zwängen zu entfliehen, bekräftigen wollen: wir müssen unsere niedere Natur zu einem willigen Diener, dem bewussten und erleuchteten Instrument oder zum veredelten, aber dennoch sich selbst unterworfenen Teil, Gefährten oder Partner des göttlichen Wesens in uns machen. Denn es ist diese Unterwerfung, die die Bedingung für unseren Frieden ist, weil spirituelle Freiheit nicht die egoistische Durchsetzung unseres getrennten mentalen Geistes und Vitals ist, sondern Gehorsam der Göttlichen Wahrheit gegenüber in uns und unseren Teilen und in allen um uns herum. Aber dennoch müssen wir feststellen, dass Gott die Freiheit der natürlichen Teile unseres Wesens respektiert und ihnen Raum gibt, in ihrer eigenen Natur zu wachsen, damit sie durch natürliches Wachstum und nicht durch Selbstauslöschung das Göttliche in sich selbst finden können. Die Unterwerfung, die sie schließlich vollständig und absolut akzeptieren, muss eine willige Unterwerfung in Anerkennung und Aspiration nach ihrer eigenen Quelle des Lichts und der Kraft und ihrem höchsten Wesen sein. Darum entdecken wir sogar im am wenigsten erneuerten Zustand, dass das gesündeste, wahrste, lebendigste Wachsen und Handeln jenes ist, das in der größtmöglichen Freiheit entsteht, und dass jeder übermäßige Zwang entweder das Gesetz einer allmählichen Verkümmerung oder eine Tyrannei ist, die durch Ausbrüche tollwütiger Störungen variiert oder geheilt wird. Und sobald der Mensch sein spirituelles Selbst kennenlernt, er tut dies durch Entdecken, oft sogar durch das bloße Suchen danach, wie das alte Denken und die Religion es sahen, entkommt er dem äußeren Gesetz und tritt in das Gesetz der Freiheit ein.

Ein spirituelles Zeitalter der Menschen wird diese Wahrheit erkennen. Es wird nicht versuchen den Menschen durch Maschinen zu perfektionieren oder ihn durch das Fesseln all seiner Glieder aufrecht zu halten. Es wird dem Mitglied der Gesellschaft sein höheres Selbst nicht in der Person des Polizisten, des Beamten und des Unteroffiziers präsentieren, noch, sagen wir, in der Form einer sozialistischen Bürokratie oder eines Arbeitersowjets. Sein Ziel wird sein, sobald und so umfassend wie möglich die Notwendigkeit des Elements äußeren Zwangs im menschlichen Leben zu verringern, indem es den inneren göttlichen Drang des Geistes weckt, und alle dafür notwendigen Mittel, die es nutzt, werden dies als ihr Ziel haben. Schließlich wird es hauptsächlich, wenn nicht nur, den spirituellen Zwang anwenden, den sogar die spirituelle Person auf ihre Umgebung ausüben kann. Und um wie viel mehr sollte eine spirituelle Gesellschaft dies tun können, – das, was in uns trotz aller inneren Widerstände und äußeren Verleugnung den Zwang des Lichtes, den Wunsch und die Kraft erweckt, durch die eigene Natur ins Göttliche hinein zu wachsen. Denn die vollkommen spiritualisierte Gesellschaft wird eine sein, in der – wie es der spirituelle Anarchist erträumt – alle Menschen zutiefst frei sein werden, und zwar, weil die Voraussetzung dafür erfüllt ist. In diesem Zustand wird jeder Mensch nicht nach eigenem Gesetz leben, sondern nach dem göttlichen Gesetz, weil er eine Seele sein wird, die in der Göttlichen Wirklichkeit lebt und nicht ein Ego, welches hauptsächlich oder gänzlich für seine eigenen Interessen und Zwecke lebt. Sein Leben wird vom Gesetz seiner eigenen göttlichen, vom Ego befreiten Natur geleitet.

Das Gesetz der Einheit

Worte Sri Aurobindos

Das spirituelle Leben ist nicht die Blume einer gesichtslosen, sonders einer bewussten und breit gefächerten Einheit. Jeder Mensch muss durch sein eigenes individuelles Wesen in die Göttliche Wirklichkeit in sich hineinwachsen, deshalb ist ein gewisses wachsendes Maß an Freiheit eine Wesensnotwendigkeit, während er sich entwickelt, und perfekte Freiheit das Zeichen und die Bedingung für das vollkommene Leben. Aber das Göttliche, das er so in sich selbst erschaut, sieht er gleichermaßen in allen anderen und als den gleichen Geist in allen. Auch darum ist eine wachsende innere Einheit mit Anderen eine Notwendigkeit seines Wesens und perfekte Einheit das Zeichen und die Vorbedingung für das vollkommene Leben. Nicht nur das Göttliche in sich zu finden, sondern das Göttliche in allen zu erkennen und zu finden, nicht nur die eigene persönliche Befreiung oder Perfektion zu suchen, sondern die Befreiung und Vervollkommnung der Anderen zu suchen, ist das ganze Gesetz des spirituellen Wesens. Wenn die ersehnte Göttlichkeit eine separate Gottheit in einem selbst und nicht das eine Göttliche wäre, oder wenn man Gott nur für sich selber suchte, dann könnte das Ergebnis ein grandioser Egoismus sein, der Olympische Egoismus eines Goethe oder der von Nietzsche erdachte Titanische Egoismus, oder es könnte die isolierte Selbsterkenntnis oder das Asketentum des Elfenbeinturmbewohners oder des Säulenheiligen sein. Aber wer Gott in allen sieht, wird Gott in allen frei und mit Liebe dienen. Das heißt, er wird nicht nur seine eigene Freiheit, sondern die Freiheit aller suchen, nicht nur seine eigene Vollkommenheit, sondern die Vollkommenheit aller. Er wird seine Individualität als vollständig nur in der weitesten Universalität ansehen, ebenso sein Leben nur in der Einheit mit dem universalen Leben als erfüllt fühlen. Auch wird er nicht für sich selbst oder für den Staat und die Gesellschaft, für das persönliche oder kollektive Ego leben, sondern für etwas viel Größeres, für Gott in sich selbst und für das Göttliche im Universum.

Wenn der Mensch nur zustimmen könnte, spiritualisiert zu werden

Worte der Mutter

Schließlich besteht das Problem darin herauszufinden, ob die Menschheit den Zustand reinen Goldes erreicht hat oder ob sie noch im Schmelztiegel geprüft werden muss.

Eins ist klar, die Menschheit ist nicht zu reinem Gold geworden; das ist sichtbar und sicher.

Doch etwas ist in der Geschichte der Welt geschehen, was uns erlaubt zu hoffen, dass einige erwählte Wenige in der Menschheit, eine kleine Anzahl, vielleicht, vorbereitet ist zu reinem Gold transformiert zu werden, und dass sie fähig sein wird, Stärke ohne Gewalt, Heldentum ohne Zerstörung und Mut ohne Katastrophen zu manifestieren…

Im Augenblick befinden wir uns an einem entscheidenden Wendepunkt in der Erdgeschichte, wieder einmal. Von allen Seiten werde ich gefragt: „Was wird passieren?“ Überall herrscht Angst, Erwartung, Furcht. „Was wird passieren?…“ Es gibt nur eine Antwort: „Wenn der Mensch nur zustimmen könnte, spiritualisiert zu werden.“

Und vielleicht genügte es, wenn einige Personen zu reinem Gold würden, denn das würde ausreichen, den Lauf der Dinge zu verändern… Wir sind auf sehr dringliche Weise mit dieser Notwendigkeit konfrontiert.

Dieser Mut, dieses Heldentum, welches das Göttliche von uns verlangt: warum nutzen wir es nicht, gegen die eigenen Schwierigkeiten, die eigenen Unvollkommenheiten anzukämpfen? Warum nicht der harten Prüfung innerer Reinigung ins Auge sehen, damit es nicht notwendig wird, durch eine dieser schrecklichen, gigantischen Vernichtungen zu gehen, die eine ganze Zivilisation in die Dunkelheit stoßen?

Dies ist das Problem, vor dem wir stehen. Es liegt an jedem selbst, es auf seine eigene Weise zu lösen.

Heute Abend beantworte ich die Fragen, die mir gestellt wurden, und meine Antwort ist die Sri Aurobindos: Wenn der Mensch einmal der Spiritualisierung zustimmen könnte…

Und ich füge hinzu: Die Zeit drängt… vom menschlichen Standpunkt aus gesehen.

Man muss einen Sprung nach vorne machen

Worte der Mutter

Man spürt wirklich, dass die Welt in Aufruhr ist.

Ja, oh, ja!…

Seit dem Morgen ist es wie – Streiks, Streitereien, Unruhen… Und dann das Gefühl, dass mit der Hilfe derer, die die Unruhe verursacht haben, die Ordnung wieder hergestellt werden muss. Das ist es, was getan werden muss. Statt auf der Basis des normalen guten Willens und all der moralischen und sozialen Regeln – all dem, was in Grund und Boden geschmettert wurde – muss man sich darüber erheben. Der göttliche Wille und die göttliche Harmonie müssen da sein, das ist es, was wir wollen; und dann beweisen jene, die gegen das übliche Gesetz der Dinge und die normalen sozialen Konventionen rebelliert haben, dass sie in Verbindung mit einem höheren Bewusstsein und einer wahrhaftigeren Wahrheit stehen.

Es ist Zeit, dies zu tun (Geste eines Sprungs nach oben).

Und vom Standpunkt einer organisierenden Macht, es ist eine Macht… äußerst kraftvoll. Es ist ein Wunder. Und dann, wenn diese Macht der höheren Ordnung zur Verfügung gestellt wird, dem wahreren Bewusstsein, dann kann etwas getan werden.

Man muss… muss einen Sprung nach oben tun.

Alle die Menschen, die Ordnung wiederherstellen möchten, ziehen sich in alte Vorstellungen zurück, – das ist der Grund, warum sie nie Erfolg haben. Das ist vorbei, endgültig vorbei. Wir gehen nach oben. Nur wer aufsteigt, kann handeln.

Worte Sri Aurobindos

Die Welt kennt drei Arten von Revolutionen. Die materielle hat starke Ergebnisse, die moralische und intellektuelle sind unendlich viel umfassender und fruchtbringender, doch die spirituellen sind die großen Saaten…

Die Veränderungen, die wir heute in der Welt sehen, sind in ihren Idealen und Absichten intellektuell, moralisch und physisch: die spirituelle Revolution wartet auf ihre Stunde und wirft inzwischen hier und da ihre Wellen auf. Bis sie eintritt, kann die Bedeutung der anderen nicht verstanden werden, und bis dahin sind alle Interpretationen gegenwärtiger Ereignisse und Voraussagen über die Zukunft der Menschheit vergeblich. Denn ihr Wesen, ihre Kraft und ihr Geschehen werden den nächsten Zyklus unserer Menschheit bestimmen.

Wir benutzen Cookies

Wir verwenden auf unserer Website nur für den Betrieb notwendige sowie sogenannte Session Cookies, also ausdrücklich keine Werbe- oder Trackingcookies.

Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Website zur Verfügung stehen.