Die Geburt des Zukunftsmenschen
Sri Aurobindo | Die Mutter
Die einzige Hoffnung für die Zukunft liegt in einem Wandel des menschlichen Bewusstseins, und der Wandel wird mit Bestimmtheit kommen.
Aber es ist dem Menschen überlassen, zu entscheiden, ob er an diesem Wandel mitarbeiten will oder dieser ihm durch die Kraft der zusammenbrechenden Umstände auferlegt wird.
Deshalb wache auf und wirke mit!
– Die Mutter
Sri Aurobindo | Die Mutter DIE GEBURT DES ZUKUNFTSMENSCHEN
Kapitel 1
Mutterschaft und die Rolle der Frau
Worte der Mutter
…Mutterschaft gilt als die Hauptaufgabe der Frau. Das stimmt aber nur, wenn man versteht, was mit Mutterschaft gemeint ist. Denn Kinder in die Welt zu setzen wie Kaninchen ihre Jungen – instinktiv, unwissend, maschinell – das kann man sicher nicht Mutterschaft nennen! Wahre Mutterschaft beginnt mit der bewussten Erschaffung eines Wesens, mit der bewussten Formung einer Seele, die einen neuen Körper entwickeln und gebrauchen will. Die wahre Domäne der Frau ist das Spirituelle. Das vergessen wir allzu oft.
Es genügt nicht, ein Kind zu gebären und seinen Körper fast unbewusst zu erschaffen. Die eigentliche Arbeit beginnt, wenn wir durch die Kraft unserer Gedanken und unseres Willens einen Charakter konzipieren und erschaffen, der in der Lage ist, ein Ideal zu manifestieren.
Und sagt nicht, wir wären nicht fähig, das zu verwirklichen. Unzählige Beispiele dieser äußerst wirksamen Kraft könnten als Beweis angeführt werden.
Zunächst einmal wurde die Wirkung der physischen Umgebung schon vor langer Zeit erkannt und erforscht. Indem sie die Frauen mit Formen der Kunst und Schönheit umgaben, schufen die alten Griechen nach und nach das außergewöhnlich harmonische Volk, das sie waren.
Individuelle Beispiele für die gleiche Tatsache gibt es in großer Zahl. Es kommt nicht selten vor, dass man einer Frau begegnet, die während ihrer Schwangerschaft immer wieder ein schönes Bild oder eine schöne Statue betrachtet und bewundert und ein Kind auf die Welt gebracht hat, das vollkommen diesem Bild oder dieser Statue ähnelt. Ich selbst habe verschiedene Beispiele dafür gesehen. Sehr deutlich kann ich mich an zwei kleine Mädchen erinnern; sie waren Zwillinge und wunderschön. Aber am erstaunlichsten war die Tatsache, wie wenig sie ihren Eltern glichen. Sie erinnerten mich an ein sehr bekanntes Bild des englischen Malers Reynolds. Eines Tages sagte ich dies der Mutter, die augenblicklich ausrief: „In der Tat, ist es nicht so? Es wird dich interessieren, dass ich während der Schwangerschaft über meinem Bett eine sehr gute Reproduktion des Gemäldes von Reynolds hängen hatte. Vor dem Einschlafen und sobald ich aufwachte, warf ich einen Blick auf das Bild; und im Herzen hoffte ich: Mögen meine Kinder aussehen wie die Gesichter auf diesem Bild. Du siehst, dass ich ziemlich erfolgreich war!“ In Wahrheit sollte sie stolz auf ihren Erfolg sein. Ihr Beispiel ist von großem Nutzen für andere Frauen.
Aber wenn wir solche Ergebnisse auf der physischen Ebene bewirken können, wo das Material am wenigsten geschmeidig ist, wie viel besser müssen dann die Ergebnisse auf der psychologischen Ebene ausfallen, wo der Einfluss des Gedankens und des Willens so mächtig ist. Weshalb soll man die obskuren Bindungen an Vererbung und Atavismus akzeptieren – die nichts anderes sind als unterbewusste Neigungen unseres eigenen Charakters –, wenn wir durch Konzentration und Willen eine Wesensform ins Dasein rufen können, die entsprechend dem höchsten Ideal aufgebaut ist, das wir uns vorstellen können? Durch diese Bemühung wird Mutterschaft wirklich kostbar und heilig; dadurch nehmen wir wirklich teil an dem glorreichen Werk des Geistes, und das Frauliche erhebt sich über das Tierhafte und seine gewöhnlichen Instinkte zum wahren Menschentum und seinen Kräften.
Unsere wirkliche Aufgabe ist also diese Bemühung, dieser Versuch. Und wenn diese Aufgabe immer von größter Wichtigkeit war, ist sie für die gegenwärtige Evolutionsstufe der Erde mit Gewissheit von allerhöchster Bedeutung.
Denn wir leben in einer außergewöhnlichen Zeit, wir befinden uns an einem außerordentlichen Wendepunkt der Weltgeschichte. Vielleicht ist die Menschheit nie zuvor durch solch dunkle Perioden des Hasses, des Blutvergießens und der Verwirrung gegangen. Und gleichzeitig ist noch nie eine solch starke, solch flammende Hoffnung in den Herzen der Menschen erwacht. Ja, wenn wir auf die Stimme unseres Herzens hören, erkennen wir sofort, dass wir mehr oder weniger bewusst eine neue Herrschaft der Gerechtigkeit, der Schönheit, des harmonischen Gutwillens und der Brüderlichkeit erwarten. Und das scheint in völligem Gegensatz zum tatsächlichen Zustand der Welt zu stehen. Aber wir wissen alle, dass die Nacht niemals so dunkel ist wie vor dem Sonnenaufgang. Kann es dann nicht sein, dass diese Dunkelheit das Zeichen einer kommenden Morgenröte ist? Und da die Nacht noch nie so total, so erschreckend war, wird die Morgenröte vielleicht noch nie so strahlend, so rein, so erleuchtend gewesen sein wie die kommende … Nach den schlimmen Träumen der Nacht wird die Welt zu einem neuen Bewusstsein erwachen.
Die Zivilisation, die jetzt auf so dramatische Weise endet, hat sich auf die Macht des Mentals gestützt, auf die Macht des Mentals, das sich der Materie und dem Leben zuwendet. Was es für die Welt bedeutet hat, brauchen wir hier nicht zu diskutieren. Aber jetzt kommt eine neue Regentschaft, die des Geistes: nach dem Menschlichen das Göttliche.
Aber wenn wir das Glück haben, in solch einem ungeheuren und einzigartigen Augenblick auf der Erde zu leben, genügt es dann, dazustehen und den sich entfaltenden Ereignissen zuzuschauen? Alle, die spüren, dass ihre Herzen weiterreichen als die Grenzen ihrer eigenen Person und ihrer Familie, die spüren, dass ihr Denken mehr umfasst als kleine persönliche Interessen und ortsgebundene Gewohnheiten, all jene also, die erkennen, dass sie sich nicht selbst gehören oder ihrer Familie oder selbst ihrem Heimatland, sondern Gott, der sich in allen Ländern manifestiert, der sich durch die Menschheit manifestiert, wissen genau, dass sie sich auf den Weg machen und die Arbeit für die Menschheit beginnen müssen, damit die Morgenröte komme.
Und welche Rolle kann die Frau bei dieser bedeutenden, ständigen und vielschichtigen Arbeit erfüllen? Es ist wahr, dass es, sobald große Ereignisse und Arbeiten zur Diskussion stehen, üblich ist, die Frauen mit gönnerhaft verächtlichem Lächeln in eine Ecke zu verweisen, das zu verstehen gibt: das ist nichts für euch arme, schwächliche, überflüssige Geschöpfe … Und die Frauen, unterwürfig, kindlich und vielleicht faul, haben zumindest in vielen Ländern diesen bedauernswerten Zustand akzeptiert. Ich möchte sagen, dass sie unrecht haben. Im Leben der Zukunft soll es keinen Platz mehr für solche Aufspaltungen geben, für solch einen Mangel an Gleichgewicht zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen. Die wahre Beziehung der beiden Geschlechter ist Gleichwertigkeit in gegenseitiger Hilfe und enger Zusammenarbeit. Und von jetzt an müssen wir wieder unsere wahre Position einnehmen, unseren wahren Platz behaupten und unsere wahre Bedeutung durchsetzen – die des spirituellen Bildners und Erziehers. Es mag gut sein, dass einige Männer, die etwas zu eingebildet auf ihre sogenannte Überlegenheit sind, die scheinbare Schwäche der Frau verachten (obgleich selbst diese äußerliche Schwäche nicht gewiss ist), aber: „Tut, was ihr wollt, der Übermensch wird dennoch von der Frau geboren werden müssen“, wie jemand sehr treffend sagte.
Der Übermensch wird von der Frau geboren werden, das ist eine große unbestreitbare Tatsache; aber es genügt nicht, auf diese Tatsache stolz zu sein, wir müssen klar verstehen, was das bedeutet, wir müssen uns der Verantwortung bewusst werden, die daraus entsteht, und müssen uns ernsthaft der Aufgabe stellen, die vor uns liegt. Diese Aufgabe ist genau unser wichtigster Beitrag zu der augenblicklichen weltweiten Arbeit.
Dazu müssen wir zuerst – zumindest in großen Umrissen – die Wege erkennen, durch die das gegenwärtige Chaos und die gegenwärtige Obskurität in Licht und Harmonie umgewandelt werden können.
Es wurden viele Wege empfohlen: politische, soziale, ethische, selbst religiöse … Und es ist klar, dass keiner dieser Wege ausreichend scheint, um einigermaßen erfolgreich die Größe der Arbeit bewältigen zu können, die vollbracht werden soll. Nur ein neuer spiritueller Einfluss, der im Menschen ein neues Bewusstsein entstehen lässt, kann das enorme Maß an Schwierigkeiten überwinden, das sich den Ausführenden in den Weg stellt. Ein neues spirituelles Licht, eine Manifestation einer göttlichen Kraft auf Erden, die bislang unbekannt war, ein Gedanke Gottes, der neu für uns ist, der in diese Welt herabkommt und hier eine neue Form annimmt.
Und hier kommen wir zurück zu unserem Ausgangspunkt, zu unserer Aufgabe wahrer Mutterschaft. Wer anders als die Frau soll diese Form entwickeln, diese neue Form, die dazu bestimmt ist, die spirituelle Kraft zu manifestieren, die in der Lage ist, den gegenwärtigen Zustand der Erde zu transformieren?
Wir erkennen also, dass es in dieser kritischen Periode des Lebens der Welt nicht länger genügt, einem Wesen zur Geburt zu verhelfen, in dem sich unser höchstes persönliches Ideal manifestiert; wir müssen versuchen herauszufinden, wie die zukünftige Lebensform aussieht, deren Entstehen die Natur plant. Es genügt nicht mehr, einen Menschen zu formen, der den größten Menschen, von denen wir gehört oder die wir gekannt haben, gleicht, oder sogar noch größer, noch weiter fortgeschritten und begabter ist als sie; wir müssen versuchen, mental, durch ständiges Streben in unserem Denken und unserem Wollen mit der höchsten Möglichkeit in Berührung zu kommen, die alle menschlichen Maße und Wesenszüge übertrifft und dem zukünftigen Übermenschen Geburt verleiht.
Erneut fühlt die Natur einen ihrer großen Antriebe, etwas gänzlich Neues zu erschaffen, etwas Unerwartetes. Und auf diesen Impuls müssen wir ansprechen und ihm folgen.
Entdecken wir zuerst, wohin uns dieser Impuls der Natur führt. Und dazu ist es am besten, wenn wir auf die Lektionen der Vergangenheit zurückblicken.
Wir sehen, dass jeder Fortschritt der Natur, jede Manifestation einer neuen Eigenschaft und eines neuen Prinzips auf Erden gekennzeichnet ist durch das Auftauchen einer neuen Lebensform. Auf gleiche Weise folgen im Ablauf der menschlichen Entwicklung die progressiven Formen des Lebens der Menschenart, der Völker, der Individuen aufeinander, unaufhörlich angeregt, befruchtet und erneuert durch die Bemühungen der Menschheitsführer. Und alle diese Formen weisen auf dasselbe Ziel, das geheimnisvolle, das glorreiche Ziel der Natur.
Welches ist dieses Ziel? Auf welche unerwartete Verwirklichung der Zukunft bewegt sich die Natur zu? Was sucht sie seit ihrem dunklen Anbeginn?
Jede Form, die sie erschafft, ist eine neue Bestätigung für das, was durch sie geboren werden wird, für das, was zu manifestieren ihre Mission ist.
Jede Lebensform, die die nächsten vorbereitet, die die nächsten Lebensformen möglich macht, legt Zeugnis von ihrem unermüdlichen Bestreben ab, ist ein Beweis für ihren feierlichen Schwur; in jeder Form wird etwas mehr Materie transfiguriert, die zukünftigen Morgenröten der Intelligenz verkündend. Wie vielen Wegen musste sie während unzähliger Zyklen nachgehen, um schließlich die Höhle des Anthropoiden, des primitiven Menschen zu erreichen?
Vor ihm wird sich die königliche Straße auftun, die zum Palast des Geistes führt. Aber wie viele Völker, wie viele Generationen werden auf die Erde kommen, ohne sie zu entdecken, wie viele ergebnislose Wege wird die Natur in den Fußspuren des Menschen beschreiten. Denn da er sich für das Meisterstück des Universums hält, weiß er nicht, dass er eine weitere Stufe durchlaufen muss.
Konnte die Idee des Menschen entstehen, bevor er zu existieren begann, konnte sie je in dem obskuren Gehirn sogar seines ihm am nächsten liegenden Vorfahren entstehen? Kann die Idee des Übermenschen in das Gehirn des Menschen eindringen, noch bevor er zu existieren beginnt?
Und doch sucht die Natur in jedem Menschenkind, das auf die Welt kommt, in jeder sich entfaltenden Intelligenz, in jeder Bemühung der entstehenden Generationen, in jedem Versuch menschlichen Genies den Weg, der sie abermals weiterführen wird.
Fünfzehnhundert Millionen Menschen seit vielleicht fünfzehnhundert Jahrhunderten ziehen dahin, ohne diesen Weg zu finden.
Unter der Vielfalt von Wegen, über die alle Bemühungen ihres Fortschritts verstreut sind, ist, in diesem Bereich ebenso wie in allen anderen, nur ein Weg gut: es ist der Weg ganzheitlicher Vervollkommnungen. Wo soll man ihn finden?
Und wer von den Menschen wagt es, abseits der einfachen und gut ausgetretenen Pfade umherzustreifen? Wer akzeptiert, wissend, dass es einen anderen Pfad gibt, der weiterführt, dass er alles verliert, um vielleicht diesen Pfad zu entdecken, wer akzeptiert es, alles bei diesem Alleingang, bei diesem einsamen Denken zu verlieren, wer akzeptiert, ständig abgeschieden unter den anderen zu sein, nicht einmal gewiss zu erlangen, was er sucht?
Versuche diesen einen nicht unter den Menschen zu finden, die glänzend und hervorragend sind, denn sie sind, etwas perfekter, nur innerhalb der Grenzen ihrer eigenen Art glänzend und hervorragend.
Edelsteine glänzen und stechen auch unter all den anderen Steinen hervor, aber der schönste Edelstein findet sich außerhalb der chemischen Kombinationen, aus denen das Leben entsteht. Auf die gleiche Weise findet sich, während man die Abfolge von Formen aufwärts verfolgt, der schönste Baum des Waldes außerhalb der evolutionären Linien, die den biologischen Prozess weiter zum Tier, weiter zum Menschen führen.
Und ebenso mag sich unter den Menschen der am meisten Bewunderte, der Berühmteste, der Künstlerischste, der Gelehrteste, der Religiöseste sehr weit von dem Weg entfernt vorfinden, der vom Menschen zum Übermenschen führt.
Jede Menschenart, jede Zivilisation, jede menschliche Gesellschaft, jede Religion stellt einen neuen Versuch der Natur dar, eine weitere Bemühung in der langen Serie von Versuchen, die sie im Ablauf undenkbarer Zeit angestellt hat.
Aber ebenso wie sich unter den Tierformen eine Form befand, aus der sich der Mensch ableiten sollte, muss auch unter den sozialen und religiösen Lebensformen eine geboren werden, aus der eines Tages der Übermensch hervorgehen wird.
Denn das ist es, was die Natur in der Abfolge aller ihrer Versuche anstrebt, beginnend mit der ersten Lebensregung bis zum Menschen, bis hin zu dem Gott, der aus ihm geboren werden soll.
In der Vielheit der Menschen sucht sie nach der Möglichkeit des Zukunftsmenschen; und in jedem Menschen zielt sie auf die Verwirklichung des Göttlichen.
Auf diesen Ruf der Natur müssen wir antworten, diesem wunderbaren, diesem großartigen Werk müssen wir uns hingeben. Versuchen wir uns die Schritte auf diesem schwierigen und noch unerforschten Pfad so klar wie möglich vor Augen zu führen.
Als erstes müssen wir darauf achten, dass wir bei unserem Versuch, uns den Zukunftsmenschen oder Übermenschen vorzustellen, nicht beginnen, einen existierenden Menschentypus zu perfektionieren oder zu übersteigern. Um diesem Fehler so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen, sollten wir sehen, was uns die Entwicklung des Lebens lehrt.
Wir haben bereits gesehen, dass das Erscheinen einer neuen Lebensform auf der Erde immer die Manifestation eines neuen Prinzips, einer neuen Bewusstseinsebene, einer neuen Kraft oder Macht ankündigt. Aber während die neue Lebensform diese bislang nichtmanifeste Kraft oder dieses Bewusstsein erlangt, mag sie gleichzeitig eine oder viele der Vollkommenheiten verlieren, welche bezeichnend für die unmittelbare Vorgängerstufe waren. Was war, um nur von der letzten Stufe der Entwicklung der Natur zu sprechen, beispielsweise der größte Unterschied zwischen dem Menschen und seinem unmittelbaren Vorgänger, dem Affen? Im Affen sehen wir, wie Vitalität und physisches Vermögen die höchste Vollkommenheit erreichen, eine Vollkommenheit, die die neue Lebensform aufgeben musste. Für den Menschen gab es nicht mehr dies wundervolle Bäumeklettern, die Purzelbäume über Abgründe, die Sprünge von Gipfel zu Gipfel, aber im Austausch dafür erlangte er Intelligenz, die Kraft des Verstandes, des Kombinierens, des Konstruierens. Ja, mit dem Menschen ist das mentale Leben, das intellektuelle Leben auf der Erde aufgetaucht. Der Mensch ist im wesentlichen ein mentales Wesen; und wenn seine Möglichkeiten damit nicht erschöpft sind, wenn er in sich andere Welten spürt, andere Fähigkeiten, andere Bewusstseinsebenen jenseits seines mentalen Lebens, so sind sie nur als Versprechungen für die Zukunft da, ebenso wie die mentalen Möglichkeiten im Affen latent vorhanden sind.
Es ist wahr, dass einige Menschen, sehr wenige Menschen, in dieser jenseitigen Welt gelebt haben, die wir spirituelle Welt nennen können; einige waren sogar die lebendige Verkörperung dieser Welt auf der Erde, aber sie sind die Ausnahme, die Vorläufer, die der Menschheit den Weg weisen, der sie zu ihrer zukünftigen Verwirklichung führt, sie sind nicht der Durchschnittsmensch. Aber das, was das Privileg einiger weniger Wesen, verstreut in Zeit und Raum, war, soll der zentrale Wesenszug des neuen Typus werden, der erscheinen soll.
Im Augenblick beherrscht der Mensch sein Leben durch die Vernunft; alle mentalen Aktivitäten sind ihm Allgemeingut; Beobachtung und Ableitung sind seine Mittel, Wissen zu erlangen; durch und mit Hilfe von vernünftigen Schlussfolgerungen gelangt er zu seinen Entscheidungen und wählt seinen Lebensweg – oder meint zumindest, dass er das tut.
Die neue Menschenart wird durch Intuition geführt, das heißt, durch unmittelbare Wahrnehmung des inneren göttlichen Gesetzes. Einige Menschenwesen kennen und erfahren bereits Intuition – ebenso wie zweifellos einige große Gorillas im Dschungel einen Verstandesschimmer erhaschen.
Unter den Menschen verfügen diejenigen, die ihr inneres Selbst entwickelt haben, die ihre Energien auf die Entdeckung des wahren Gesetzes ihres Wesens konzentriert haben, mehr oder weniger über die Fähigkeit der Intuition. Wenn der mentale Geist völlig still ist, klar wie ein gut polierter Spiegel, regungslos wie ein Teich an einem windstillen Tag, dann kann von oben, ebenso wie das Licht der Sterne in das bewegungslose Wasser fällt, das Licht des Supramentals, der inneren Wahrheit in das befriedete Mental leuchten und der Intuition zur Geburt verhelfen. Diejenigen, die es gewohnt sind, auf diese Stimme aus dem Schweigen zu hören, machen sie mehr und mehr zum Auslöser ihrer Aktionen; und wo andere, die Durchschnittsmenschen, den verwickelten Wegen des Verstandes folgen, schreiten sie geradeaus, von der Intuition, diesem überlegenen Instinkt, wie an einer starken, sicheren Hand durch die Weiten des Lebens geführt.
Diese Eigenschaft, die jetzt noch außergewöhnlich, beinahe abnormal ist, wird für die neue Menschenart, für den Menschen von Morgen, mit Sicherheit normal und natürlich sein. Aber wahrscheinlich wird die beständige Anwendung der Intuition im Gegensatz zur Verstandesaktivität stehen. Ebenso wie der Mensch nicht mehr die außerordentlichen physischen Fähigkeiten des Affen besitzt, wird auch der Zukunftsmensch die extreme mentale Fähigkeit des Menschen verlieren, diese Fähigkeit, sich und andere zu betrügen. Vielleicht verliert er sogar die ganze Verstandeskraft; selbst das Organ mag nutzlos werden und ebenso wie der Schwanz des Affen, den der Mensch nicht brauchte, aus seinem physischen Körper verschwinden.
Deshalb wird für den Menschen die Straße zum Übermenschen offenstehen, wenn er kühn erklärt, dass alles, was er bisher entwickelt hat, einschließlich des Intellekts, auf den er mit soviel Recht und dennoch so vergeblich stolz ist, ihm jetzt nicht mehr genügt, und dass von jetzt an die Freisetzung, die Entdeckung, das Erblühen dieser größeren Kraft im Innern sein großes Ziel ist. Dann werden seine Philosophie, seine Kunst, seine Wissenschaft, seine Ethik, sein soziales Dasein, seine vitalen Bestrebungen nicht länger selbstgenügsame Übungen des Mentals und des Lebens sein, ein Kreislauf, sondern Mittel, eine größere Wahrheit hinter dem Mental und Leben zu entdecken und die Kraft dieser Wahrheit in unser menschliches Dasein zu bringen. Und diese Entdeckung ist die Entdeckung unseres wirklichen Selbstes und unserer wahren Natur, weil es das höchste Selbst ist.
Aber dieses Selbst, das wir noch nicht erlangt haben, das wir aber werden sollen, ist nicht der starke vitale Wille, den Nietzsche besang, sondern ein spirituelles Selbst und eine spirituelle Natur. Denn sobald wir vom Übermenschen sprechen, müssen wir darauf achten, dass jegliche Verwechslung mit der starken, aber so oberflächlichen und unvollständigen Konzeption des Übermenschen, wie sie Nietzsche geprägt hat, vermieden wird.
Seit Nietzsche das Wort Übermensch erfunden hat, ist es leider so, dass sich, sobald jemand den Begriff verwendet, um von der kommenden Lebensform zu sprechen – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – Nietzsches Vorstellung damit verbindet. Sicherlich ist seine Idee, dass es unsere wirkliche Aufgabe ist, den Übermenschen aus unserer augenblicklich sehr unbefriedigenden Menschheit heraus zu entwickeln, an sich eine absolut richtige Vorstellung; sicherlich könnte man unser Ziel nicht besser ausdrücken, als er es in seiner Formel „wir selbst werden“ getan hat, die nichts anderes bedeutet, als dass der Mensch bislang noch nicht sein vollständig wahres Selbst gefunden hat, seine wahre Natur, durch die er erfolgreich und spontan leben kann; dennoch hat Nietzsche den Fehler begangen, den wir, wie wir bereits sagten, vermeiden sollten: sein Übermensch ist lediglich ein übersteigerter, vergrößerter Mensch, in dem Kraft übermächtig geworden ist und alle anderen Eigenschaften des Menschen unter sich begräbt. Das kann nicht unser Ideal sein. Wir können in der gegenwärtigen Zeit nur zu gut erkennen, wohin die ausschließliche Anbetung der Kraft führt – zu den Verbrechen der Mächtigen und dem Untergang von Kontinenten.
Nein, der Weg zum Übermenschentum, zum Zukunftsmenschen ist in der Entfaltung des ewig vollkommenen Geistes begründet. Alles würde sich ändern, alles würde einfach werden, könnte der Mensch seiner Spiritualisierung zustimmen. Die höhere Vollkommenheit des spirituellen Lebens wird kommen, wenn der spiritualisierte Mensch spontan der Wahrheit seiner eigenen Selbstverwirklichung gehorcht, wenn er „Er Selbst“ geworden ist, wenn er seine wahre Natur gefunden hat; aber diese Spontaneität wird nicht so wie im Tier instinktiv und unterbewusst sein, sondern intuitiv und vollständig und allumfassend bewusst.
Deshalb werden jene Einzelnen am meisten für die Zukunft der Menschheit des neuen Zeitalters tun, die eine spirituelle Entwicklung als das Ziel und deshalb als die große Notwendigkeit für den Menschen ansehen, eine Evolution oder Veränderung des gegenwärtigen Menschentypus in einen spiritualisierten Menschen, ebenso wie der tierhafte Mensch weitgehend in eine hochgradig mentalisierte Menschheit weiterentwickelt wurde.
Sie werden sich gegenüber bestimmten Glaubenshaltungen und Religionsformen vergleichsweise indifferent verhalten und es den Menschen überlassen, sich den Glaubenshaltungen und äußeren Formen zuzuwenden, von denen sie sich natürlich angezogen fühlen. Sie werden als wesentlich lediglich die spirituelle Veränderung ansehen. Vor allem werden sie nicht den Fehler begehen, zu meinen, dass dieser Wandel durch mechanische Mittel und äußere Institutionen bewerkstelligt werden kann; sie werden wissen und niemals vergessen, dass er durch jeden Menschen innerlich ausgelebt werden muss, weil er sonst nie zu einer Realität wird.
Und unter diesen Einzelnen muss die Frau als erste diesen großen Wandel verwirklichen, da es ihre besondere Aufgabe ist, in dieser Welt die ersten Vertreter dieser neuen Menschenart zu gebären. Und um das tun zu können, muss sie mehr oder weniger erkennen, wie die praktischen Ergebnisse dieses spirituellen Wandels aussehen. Denn wenn dieser spirituelle Wandel einerseits nicht einfach durch äußerliche Veränderungen bewirkt werden kann, kann er andererseits auch nicht verwirklicht werden, ohne dabei solche Veränderungen zu verursachen.
Das wird ganz gewiss im Bereich der Moral und des sozialen Verhaltens nicht weniger der Fall sein als auf intellektuellem Gebiet.
Ebenso wie religiöse Glaubensformen und Kulte zweitrangig sein werden, werden auch die ethischen Einschränkungen oder Vorschriften, die Verhaltensregeln oder Gewohnheiten ihre Bedeutung verlieren.
Natürlich ist nichts schwieriger, als eine Beschreibung dessen zu geben, was die neue Menschenart sein wird; es ist ein beinahe unmögliches Unterfangen, und wir werden sicher nicht versuchen, in die Einzelheiten zu gehen; denn wir können von unserem mentalen Geist nicht verlangen, dass er mit irgendeiner annähernden Gewissheit oder Genauigkeit diese Schöpfung des Supramentals, des spirituellen Geistes erfasst.
Aber da wir bereits gesehen haben, dass der Wandel vom mentalen Verstand zu intuitivem Wissen eines der bezeichnenden Merkmale des zukünftigen Wesens sein wird, können wir uns auf die gleiche Weise fragen, wie das moralische und soziale Niveau des Lebens der neuen Menschenart aussieht.
Vom ethischen Standpunkt wird es für den Einzelnen der neuen Menschenart sicherlich keine Einschränkungen oder Vorschriften, Verhaltensregeln oder Konventionen mehr geben. Im menschlichen Leben, wie es ist, konzentriert sich das ganze moralische Problem auf den Konflikt zwischen dem vitalen Willen und seinen Impulsen und der mentalen Kraft mit ihren Vorschriften. Wird der vitale Wille der mentalen Kraft untergeordnet, dann wird das Leben des Individuums oder der Gesellschaft moralisch. Aber nur wenn sich beide, vitaler Wille und mentale Kraft, gleichermaßen etwas Größerem unterordnen, dem Supramental, geht man über das menschliche Leben hinaus, beginnt man das wahre spirituelle Leben, das Leben des Zukunftsmenschen, denn sein Lebensgesetz wird von innen kommen, es wird das göttliche Gesetz sein, das im Mittelpunkt von jedem Lebewesen leuchtet und das Leben von da aus beherrscht, das göttliche Gesetz, vielfältig in seinen Ausdrucksweisen, aber eins im Ursprung. Und wegen seines Geeintseins ist dieses Gesetz das Gesetz erhabenster Ordnung und Harmonie.
Auf diese Weise wird das Individuum, das nicht länger von egoistischen Motiven, Gesetzmäßigkeiten oder Gewohnheiten gelenkt wird, alle selbstsüchtigen Ziele aufgeben. Seine Verhaltensregel wird völlige Selbstlosigkeit sein. Wegen persönlichem Gewinn, sei es in dieser Welt oder in einer anderen, jenseitigen Welt, zu arbeiten, wird eine undenkbare Unmöglichkeit werden. Denn jede Tat wird in völligem, einfachen, freudigen Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz, das sie hervorbringt, vollbracht werden, ohne dass dabei irgendeine Belohnung oder Ergebnisse gefordert werden, da die höchste Belohnung in der Wonne selbst enthalten ist, entsprechend solch einer Inspiration zu handeln, im Bewusstsein und Willen mit dem göttlichen Prinzip in sich identifiziert zu sein.
Und in dieser Identifikation wird der Übermensch ebenso sein soziales Verhalten gründen. Denn indem er das göttliche Gesetz in sich selbst entdeckt, erkennt er auch das gleiche göttliche Gesetz in jedem Wesen, und indem er sich mit dem göttlichen Gesetz in sich identifiziert, wird er mit ihm in allen identifiziert sein und wird so der Einheit in allem gewahr, nicht nur ihrer Essenz und Substanz nach, sondern auch auf den äußerlichsten Ebenen des Lebens und der Form. Er wird nicht ein Mental, ein Leben oder ein Körper sein, sondern die innewohnende und erhaltende Seele oder das Selbst, still, friedvoll, ewig, die Mental, Leben und Körper besitzt; und diese Seele oder dieses Selbst wird er überall wahrnehmen, wie sie alle Leben und Mentale und Körper erhält und bewohnt und besitzt. Er wird sich dieses Selbst als des göttlichen Schöpfers bewusst, des Vollbringers aller Werke, eins in allen Daseinsformen; denn die vielen Seelen der universellen Manifestation sind nur Gesichter der einen Göttlichkeit. Er wird jedes Lebewesen als die universale Gottheit erkennen, die ihm viele Antlitze zeigt; er wird mit Dem verschmelzen und seinen eigenen Mental, sein eigenes Leben und seinen eigenen Körper als eine der Darstellungen des Selbstes sehen, und alle, die wir gegenwärtig noch als andere empfinden, werden sich seinem Bewusstsein als das eigene Selbst in anderen Mentalen, Leben und Körpern darstellen. Er wird fähig sein, den eigenen Körper als eins mit allen Körpern zu empfinden, ebenso wie er sich ständig der Einheit aller Materie gewahr ist; er wird sich in Mental und Herz mit allem Dasein verbinden; kurz, er wird seine eigene Person in allen anderen fühlen und alle anderen in sich selbst und wird so wahre Solidarität in der Vollkommenheit des Einsseins verwirklichen.
Aber wir müssen unsere Beschreibung des Übermenschen auf diese unerlässlichen Andeutungen beschränken und werden den Versuch, ihn zu porträtieren, nicht weiter vertiefen, da wir überzeugt davon sind, dass sich jede Bemühung um größere Genauigkeit nicht nur als vergeblich, sondern als nutzlos erweisen würde. Denn es handelt sich nicht um eine Anzahl von Vorstellungen, die mehr oder weniger genau sind, die uns bei der Formung des zukünftigen Typus helfen kann. Wir können bei der Formung der Söhne der Zukunft einen entscheidenden Schritt tun, indem wir uns in unserem Herz und Mental an der Dynamik und dem unwiderstehlichen Antrieb festhalten, die aus einer ehrlichen und flammenden Aspiration erwachsen, indem wir in uns eine gewisse Verfassung erleuchteter Empfänglichkeit aufrechterhalten, offen zu der erhabenen Idee der neuen Menschenart, die sich auf der Erde manifestieren will: so können wir uns befähigen, als Bindeglied für die Erschaffung jener Wesen zu dienen, die die Menschheit retten sollen.
Denn in Wahrheit werden sie Retter sein, da jedes einzelne Wesen dieser neuen Lebensform nicht für sich selbst oder für den Staat oder die Gesellschaft, für das individuelle Ego oder das kollektive Ego leben wird, sondern für etwas viel Größeres, für Gott in sich selbst und für Gott in der Welt.
Kapitel 2
Das seelische Wesen und der Augenblick der Konzeption
Worte der Mutter
Das seelische Wesen ist um den göttlichen Funken angeordnet. Der göttliche Funken ist eins, universell, der gleiche überall und in allem, eins und unendlich, in allem von der gleichen Art. Du kannst nicht sagen, er sei ein Wesen – er ist das Wesen, wenn du so willst, aber nicht ein Wesen. Wenn du zurück zum Ursprung gehst, kannst du natürlich sagen, dass es nur eine Seele gibt, denn der Ursprung aller Seelen ist der gleiche, ebenso wie der Ursprung des ganzen Universums und der ganzen Schöpfung ein Ursprung ist. Aber das seelische Wesen ist ein individuelles persönliches Wesen, das seine eigene Erfahrung hat, seine eigene Entwicklung, sein eigenes Wachstum, seine eigene Organisation; nur ist diese Organisation das Ergebnis des Wirkens des zentralen göttlichen Funkens.
Aber an dem Tag, wo ein äußeres Wesen (physisch, mental, vital) in direkte und beständige Verbindung mit dem seelischen Wesen tritt, kann man ebenso sagen, dass das physische Wesen dieser Person durch das zentrale göttliche Bewusstsein organisiert wird. In dem Augenblick, wo du dich damit in Verbindung setzt, wo du dich ihm unterordnest, wirst du von ihm organisiert, durch das zentrale göttliche Bewusstsein; man kann sagen, dass der Körper durch es organisiert wird, aber es ist ein Körper, nicht eine Seele. Nur die Tatsache, dass er durch den göttlichen Funken organisiert wird, macht ihn nicht zu einer Seele…
Ich muss euch sagen, dass das seelische Wesen, wenn es völlig geformt ist, eine ausgeprägte Gestalt hat, die unserer physischen Form entspricht. Es sieht nicht genauso aus, aber es hat eine ausgeprägte Form. Jedes seelische Wesen unterscheidet sich von einem anderen seelischen Wesen – sie sind nicht schablonengleich, entsprechend einem Muster angefertigt. Sie sind unterschiedlich, jedes hat eine Individualität, eine Persönlichkeit…
Folgendes passiert. Nehmen wir einen göttlichen Funken, der um sich durch Anziehung, durch Affinität und Auswahl die Anfänge eines seelischen Bewusstseins versammelt (diese Arbeit ist schon in Tieren sehr gut wahrnehmbar – denkt nicht, ihr seid außergewöhnliche Wesen, dass nur ihr ein seelisches Wesen habt und der Rest der Schöpfung nicht. Es fängt im Mineral an, es ist etwas mehr entwickelt in der Pflanze, und im Tier findet sich der erste Schimmer der seelischen Gegenwart). Dann kommt ein Augenblick, an dem dieses seelische Wesen genügend entwickelt ist, um ein unabhängiges Bewusstsein und einen persönlichen Willen zu haben. Und dann wird es nach einer Vielzahl mehr oder weniger individualisierter Leben sich seiner selbst, seiner Regungen und der Umgebung, die es für seine Entfaltung gewählt hat, bewusst. An einen bestimmten Punkt des Gewahrseins gelangt, beschließt es – gewöhnlich im letzten Augenblick des Lebens, das es gerade auf der Erde abgeschlossen hat –, wie die Umstände aussehen, unter denen es das nächste Leben verbringen wird. Hier muss ich euch eine sehr wichtige Sache sagen: Das seelische Wesen kann sich nur im physischen Leben und auf der Erde weiterentwickeln und formen. Sobald es einen Körper verlässt, tritt es in einen Ruhezustand ein, der entsprechend seiner Wahl und seinem Maß an Entwicklung mehr oder weniger lang anhält – ein Ruhezustand, um zu verarbeiten, für einen passiven Fortschritt gewissermaßen, ein Ruhezustand für ein passives Wachsen, das demselben seelischen Wesen erlaubt, auf neue Erfahrungen zuzugehen und einen aktiveren Fortschritt zu machen. Aber nachdem es ein Leben beendet hat (das gewöhnlich erst endet, wenn das seelische Wesen getan hat, was es tun wollte), wird es die Umgebung ausgesucht haben, in der es wiedergeboren wird, den ungefähren Platz, wo es geboren wird, die Umstände und die Art des Lebens, in das es geboren wird, und ein sehr genaues Programm an Erfahrungen, die es zu durchlaufen hat, um den Fortschritt zu machen, den es erlangen will.
Ich werde euch ein ziemlich konkretes Beispiel geben. Nehmen wir ein seelisches Wesen an, das sich aus dem einen oder anderen Grund entschlossen hat, in den Körper eines Wesens einzutreten, das dazu bestimmt ist, ein König zu werden, denn es gibt eine ganze Reihe von Erfahrungen, die es nur unter diesen Umständen haben kann. Nachdem es diese Erfahrungen eines Königs durchlaufen hat, stellt es fest, dass es einen ganzen Bereich gibt, in dem es gerade wegen dieser bestimmten Lebensumstände, in denen es sich befindet, keinen Fortschritt machen kann. Deshalb entschließt es sich, nachdem es seine Zeit auf der Erde erfüllt hat und sich entscheidet zu gehen, dass es im nächsten Leben in einer gewöhnlichen Umgebung geboren wird, in gewöhnliche Lebensumstände, weder hoch noch niedrig, sondern so, dass der Körper, den es bewohnt, die Freiheit hat, zu tun, was er will. Denn ich erzähle euch nichts Neues, wenn ich sage, dass das Leben eines Königs das Leben eines Sklaven ist; ein König ist gezwungen, sich einem Protokoll zu unterwerfen und allen möglichen Zeremonien, um sein Prestige zu wahren (das ist für eitle Leute vielleicht sehr erfreulich, aber für ein seelisches Wesen ist es nicht erfreulich, denn dieser Zustand enthält ihm die Möglichkeit für eine große Anzahl von Erfahrungen vor). Nach dem es diese Entscheidung gefällt hat, trägt es in sich alle die Erinnerungen, die ein königliches Leben ermöglichen kann, und es begibt sich für die Zeit, die ihm nötig erscheint, zur Ruhe (ich muss hinzufügen, dass ich hier von einem seelischen Wesen spreche, das ausschließlich mit sich selbst beschäftigt ist, und nicht von einem, das sich einer Arbeit geweiht hat, weil in diesem Fall die Arbeit bestimmend dafür ist, wie die zukünftigen Leben und ihre Umstände aussehen; ich spreche von einem seelischem Wesen, das dabei ist, seine Entwicklung zu vervollkommnen). Deshalb beschließt es, dass es in einem bestimmten Augenblick einen Körper annehmen wird. Da es bereits eine Reihe von Erfahrungen gemacht hat, weiß es, dass sich in einem bestimmten Land ein bestimmter Teil des Bewusstseins entwickelt hat; in einem anderen Land ein anderer Teil und so weiter; es wählt also den Platz, der ihm gute Entwicklungsmöglichkeiten bietet: das Land, die Lebensbedingungen, die ungefähre Natur der Eltern und auch die Verfassung des Körpers an sich, seine physische Struktur und die Fähigkeiten, die es für seine Erfahrungen braucht. Es ruht sich aus und wacht dann im richtigen Augenblick auf und projiziert sein Bewusstsein auf die Erde und zentralisiert es in dem gewählten Bereich und den gewählten Umständen – oder beinahe; denn ihr müsst wissen, dass da ein kleiner Spielraum besteht, weil man im seelischen Bewusstsein zu weit entfernt vom materiell physischen Bewusstsein ist, um eine klare Schau zu haben; es ist eine Annäherung. Es irrt sich nicht bezüglich des Landes oder der Umgebung, und es sieht recht genau die innere Vibration des gewählten Volkes, aber es kann eine leichte Ungenauigkeit geben. Aber wenn gerade in diesem Augenblick ein Paar oder vielmehr eine Frau auf der Erde ist, die selbst eine seelische Aspiration hat und aus dem einen oder anderen Grund, ohne zu wissen warum oder wie, ein außergewöhnliches Kind haben möchte und auf bestimmte außergewöhnliche Bedingungen anspricht – wenn in diesem Augenblick diese Aspiration auf der Erde vorhanden ist, bewirkt sie eine Vibration, ein seelisches Licht, welches das seelische Wesen sofort sieht, und ohne zu zögern eilt es dann auf das Licht zu. Von diesem Augenblick an (es ist der Augenblick der Konzeption) wacht es über die Formation des Kindes, damit diese Formation so günstig wie möglich für den Plan, den es hat, ausfällt; folglich ist sein Einfluss schon in Verbindung mit dem Kind, bevor es in der physischen Welt auftaucht.
Wenn alles gut geht, wenn es keinen Unfall gibt (Unfälle können immer passieren), wenn alles gut geht, eilt die seelische Kraft (vielleicht nicht in ihrer Totalität, aber ein Teil des seelischen Bewusstseins) in das Wesen und gibt ihm vom ersten Schrei an einen Schub auf die Erfahrungen zu, die das Kind machen soll. Das Ergebnis ist, dass selbst wenn die Eltern nicht bewusst sind und selbst, das Kind in seinem äußeren Bewusstsein nicht ganz bewusst ist (ein kleines Kind hat nicht das nötige Gehirn dafür, es bildet sich langsam und allmählich heran), es dem seelischen Einfluss trotz alledem möglich ist, alle die Ereignisse zu lenken, alle die Umstände des Lebens dieses Kindes bis zu dem Augenblick, in dem es fähig wird, in bewussten Kontakt mit seinem seelischen Wesen zu kommen (physisch findet das allgemein zwischen vier und sieben Jahren statt, manchmal früher, manchmal beinahe sofort, aber in solchen Fällen haben wir es mit Kindern zu tun, die nicht „Kinder“ sind, die „übernatürliche“ Fähigkeiten besitzen, wie man sagt – sie sind nicht „übernatürlich“, sondern lediglich der Ausdruck der Gegenwart des seelischen Wesens). Aber es gibt Menschen, die nicht die Gelegenheit oder vielmehr das Glück hatten, wenn man es so nennen will, jemandem physisch konkret zu begegnen, der sie leiten könnte. Und dennoch haben sie das Gefühl, dass jeder Schritt ihres Daseins, jeder Umstand ihres Lebens von jemand Bewusstem arrangiert wird, damit sie den maximalen Fortschritt machen. Wenn sie einen bestimmten Lebensumstand brauchen, stellt er sich ein; wenn sie bestimmten Leuten begegnen sollen, kommen diese Leute; wenn sie bestimmte Bücher lesen sollen, finden sie diese Bücher in ihrer Nähe. Alles ist auf solch eine Weise arrangiert, als würde jemand über sie wachen, damit ihr Leben die maximalen Entwicklungsmöglichkeiten biete. Diese Leute mögen ohne weiteres sagen: „Aber was ist ein seelisches Wesen?“, denn niemand, der mit ihnen gesprochen hat, benutzte jemals diese Worte, oder sie sind nie jemandem begegnet, der ihnen all das erklären konnte; aber für diese Menschen ist oft eine einzige Begegnung ausreichend, nur ein Blick, damit sie aufwachen; ein Wort genügt, um sie erinnern zu lassen: „Aber ich wusste all das!“
Das genau ist es, was einem seelischen Wesen geschieht, das die letzte Stufe seiner Entwicklung erreicht hat. Danach wird es nicht länger gezwungen sein, auf die Erde zu kommen, es wird seine Entwicklung abgeschlossen haben und fähig sein, freiwillig zu entscheiden, ob es sich dem Göttlichen Werk weiht oder anderswohin geht, das heißt, in die höheren Welten. Aber im Allgemeinen erinnert es sich, wenn es diese Stufe erreicht hat, an alles, was mit ihm geschehen ist, und versteht, wie sehr es nötig ist, jenen zu Hilfe zu kommen, die immer noch inmitten von Schwierigkeiten kämpfen. Diese seelischen Wesen geben all ihr Sein dem Göttlichen Werk – das ist nicht absolut, unabdingbar so, sie entscheiden sich freiwillig, aber in neunundneunzig Fällen von hundert fällt die Entscheidung so aus.