Kapitel 9
Moderne Kunst
Warum sind die heutigen Maler nicht so gut wie diejenigen aus der Zeit Leonardo da Vincis?
Weil die menschliche Evolution in Spiralen verläuft. Ich habe das erklärt1. Ich sagte, dass Kunst seit dem Anfang des letzten Jahrhunderts bis hin zu seiner Mitte zu einer völlig käuflichen Angelegenheit geworden war, dunkel und unwissend. Sie war zu etwas sehr Kommerziellem und ziemlich weit vom wahren Sinn der Kunst Entfernten geworden. Und so kommt der künstlerische Geist natürlich nicht! Die Kunst folgte schlechten Formen, und doch versuchte sie sich zu manifestieren, um der vorherrschenden Erniedrigung des Geschmacks entgegenzuwirken. Aber wie bei jeder Bewegung der Natur im Menschen gingen natürlich, so wie einige zum einen Extrem gegangen waren, andere zum anderen Extrem und fertigten diese Art sklavischer Kopie des Lebens an – und nicht einmal das, zu jener Zeit nannte man es „eine fotografische Ansicht“ der Dinge, aber jetzt kann man das nicht mehr sagen, denn die Fotografie hat so große Fortschritte gemacht, dass man ihr Unrecht täte, wenn man dies sagte, nicht wahr? Die Fotografie ist künstlerisch geworden, also kann man ein Bild nicht kritisieren, indem man es fotografisch nennt. Auch kann man es nicht mehr realistisch nennen, denn es gibt eine realistische Malerei, die ganz und gar nicht so ist – sondern es war konventionell, künstlich und ohne jedes wahre Leben. Also ging die Reaktion genau ins Gegenteil und natürlich zu einer anderen Absurdität: „Kunst“ sollte nicht mehr physisches, sondern mentales oder vitales Leben ausdrücken. Und so kamen die ganzen Schulen, wie die Kubisten und andere, die von ihrem Kopf aus schufen. In der Kunst dominiert jedoch nicht der Kopf, sondern das Schönheitsempfinden. Und sie brachten absurde, lächerliche und furchterregende Dinge hervor. Jetzt sind sie noch weiter gegangen, aber das, das rührt von den Kriegen her – mit jedem Krieg steigt eine in Zersetzung begriffene Welt auf die Erde nieder, die eine Art Chaos hervorruft. Und einige finden dies alles natürlich sehr schön und bewundern es sehr.
Ich verstehe, was sie tun wollen, aber ich kann nicht sagen, dass ich finde, dass sie es gut machen. Alles was ich sagen kann, ist, dass sie es versuchen.
Aber vielleicht ist es (mit seiner ganzen Entsetzlichkeit von einem gewissen Standpunkt aus), vielleicht ist es besser als das, was in jenem Zeitalter extremen und praktischen Philistertums produziert wurde: im Viktorianischen Zeitalter oder im Zweiten Kaiserreich in Frankreich. Und so beginnt man an einem Punkt, an dem eine Harmonie bestand, und beschreibt eine Kurve, und mit dieser Kurve verlässt man vollständig diese Harmonie und mag in eine totale Finsternis eintreten, und dann steigt man auf, und wenn man sich auf gleicher Linie mit der alten Verwirklichung der Kunst befindet, wird man der Wahrheit, die sich in dieser Verwirklichung befand, gewahr, jedoch mit der Notwendigkeit, etwas Vollständigeres und Bewussteres auszudrücken. Während man aber den Kreis beschreibt, vergisst man, dass Kunst der Ausdruck von Formen ist, und man versucht, Ideen und Gefühle mit einem Minimum an Formen auszudrücken. Das ergibt das, was wir haben, was du sehen kannst (ich glaube, wir haben Reproduktionen der modernsten Maler in der Universitätsbibliothek). Wenn man jedoch noch etwas weiter geht, wenn man zum gleichen Punkt der Spirale (nur ein wenig höher) zurückkehrt, wird man entdecken, dass diese Idee und diese Gefühle, die sie ausdrücken wollen und sehr unbeholfen ausdrücken, der Embryo einer neuen Kunst sind, die eine Kunst der Schönheit sein und nicht nur das materielle Leben ausdrücken wird, sondern die auch versuchen wird, seine Seele zum Ausdruck zu bringen.
Jedenfalls sind wir noch nicht dorthin gelangt, doch wir hoffen, dass wir bald dort ankommen…
Auch die Kunst folgt einer Evolution und scheint in einem gewissen Augenblick von ihrem Ziel weggetrieben zu werden, und in einem anderen nähert sie sich einer größeren Höhe. Es gibt jedoch noch etwas anderes, das heißt einen sozialen Gesichtspunkt: Es gibt eine Periode, wie zum Beispiel das Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten, in dem der Sinn für künstlerisches Schaffen vorherrschend war, und dieser Sinn scheint in jenem Augenblick eine gewisse Wahrnehmung von Schönheit vermittelt zu haben. Später brachte jedoch die soziale Evolution andere Bedürfnisse und andere Ideen ein, und nun steht seit mehr als einem Jahrhundert der Kommerzialismus zuoberst in der Welt, und es gibt nichts, was sich mehr im Widerspruch zu Kunst befindet als Kommerz. Denn dieser ist genau die populäre Verbreitung von etwas, das außergewöhnlich sein sollte. Er bedeutet, etwas, das nur von einer Elite verstanden werden konnte, in jedermanns Reichweite zu platzieren. Und da wir uns in einem Zeitalter der Mechanisierung und des Kommerzialismus befinden, ist es eine Zeit, die für eine Blüte der Kunst völlig unpassend ist. Und wahrscheinlich sucht die Kunst deshalb, weil sie nicht die nötigen Bedingungen für ihre volle Blüte findet, nach einem anderen Ventil und betritt zu ihrem Ausdruck das mentale und vitale Feld. Das ist der Grund. Wenn die Zeit kommt, diesen Merkantilismus sozusagen abzuschütteln, ihn zurückzuweisen und zu einer schöneren Wirklichkeit zu erwachen, wird auch die Kunst in einem größeren Bewusstsein der Harmonie wiedergeboren werden.
1 Siehe Questions and Answers 1929 (28 July).