Kapitel 7

Was die Menschen „künstlerisch“ nennen

Liebe Mutter, was bedeutet „künstlerisch“?

Was die meisten Menschen „künstlerisch“ nennen, ist nur „etwas kontrastieren“. Künstler sagen und empfinden, dass es die Schatten sind, die das Licht erschaffen, dass sie nicht dazu in der Lage wären, ein Bild zu malen, wenn es keine Kontraste gäbe. Bei Musik ist es ebenso: Der Kontrast zwischen „forte“ und „piano“ ist einer der größten Reize der Musik.

Ich kannte einige Dichter, die zu sagen pflegten: „Es ist der Hass meiner Feinde, der mich die Zuneigung meiner Freunde schätzen lässt.“ Und es ist die nahezu unausweichliche Wahrscheinlichkeit des Unglücks, die dem Glück seinen ganzen Geschmack verleiht usw. Und sie schätzen Ruhe nur im Gegensatz zur täglichen Aufregung, Schweigen nur wegen des gewohnten Lärms, und einige von ihnen teilen dir sogar mit: „Oh, eben weil es Krankheiten gibt, wird die Gesundheit gepflegt.“ Es geht so weit, dass eine Sache nur dann geschätzt wird, wenn sie verloren ist. Und wie Sri Aurobindo hier (in Thoughts and Glimpses, SABCL Vol. 16, p. 385) sagt: Wenn dieses Fieber der Tätigkeit, der Bewegung, diese Aufregung des schöpferischen Denkens nicht da ist, fühlt man, dass man in Trägheit verfällt. Die meisten Leute fürchten Schweigen, Ruhe, Stille. Sie fühlen sich nicht mehr lebendig, wenn sie nicht in Bewegung sind.

Ich habe viele Fälle gesehen, in denen Sri Aurobindo jemandem Schweigen vermittelt, sein Mental zum Schweigen gebracht hatte, und jene Person kam in einer Art von Verzweiflung zu ihm zurück und sagte: „Aber ich bin dumm geworden!“ Denn ihr Denken war nicht mehr aufgeregt.

Was er hier sagt, ist erschreckend wahr. Die Menschen wollen Freiheit, aber sie sind in ihre Ketten verliebt, und wenn man sie wegnehmen will, wenn man ihnen den Pfad wahrer Befreiung zeigen möchte, fürchten sie sich, und oftmals protestieren sie sogar.

Fast alle menschlichen Kunstwerke – literarische, poetische, künstlerische – gründen sich auf der Heftigkeit der Gegensätze im Leben. Wenn man sie aus ihren täglichen Dramen herauszuziehen versucht, empfinden sie wirklich, dass das nicht künstlerisch ist. Wenn sie ein Buch schreiben oder ein Schauspiel dichten wollten, in dem es keine Gegensätze gäbe, wo es keine Schatten im Bild gäbe, wäre das wahrscheinlich etwas scheinbar sehr Langweiliges, sehr Monotones, Lebloses, denn was der Mensch „Leben“ nennt, ist das Lebensdrama, die Lebensangst, die Heftigkeit der Gegensätze. Und vielleicht wären sie des Lebens schrecklich müde, gäbe es keinen Tod.

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