Kapitel 9

Die erste Vorbereitung: Still und gelassen zu werden

Worte Sri Aurobindos

Still, gelassen und ruhig zu sein, ist nicht die erste Voraussetzung für die Sadhana, sondern für die Siddhi. Es sind nur wenige Menschen (sehr wenige, einer, zwei, drei, vier von hundert Sadhaks), die dies von Anfang an erlangen können. Die meisten müssen durch eine lange Vorbereitung gehen, bevor sie auch nur in die Nähe davon gelangen. Sogar danach, wenn sie beginnen, den Frieden und die Stille zu spüren, braucht es Zeit, um diese zu festigen – sie schwanken für eine ziemlich lange Zeit zwischen Frieden und Unruhe, bis alle Teile der Natur die Wahrheit und den Frieden akzeptiert haben. Es gibt also keinen Grund für dich, anzunehmen, dass du nicht vorankommst oder ankommst. Du hast große Schwierigkeiten mit einem Teil deines Wesens, der daran gewöhnt war, sich diesen Gefühlen zu öffnen, der Trennung von der Mutter und der Bindung an Verwandte, und der nicht bereit ist, sie aufzugeben – das ist alles. Aber jeder findet solche hartnäckigen Schwierigkeiten in diesem Teil des Wesens, selbst die hier erfolgreichsten Sadhaks. Man muss ausharren, bis das Licht dort obsiegt.

Worte Sri Aurobindos

Still zu sein, stetig, im Geist, gefestigt dhira, sthira, diese Ruhe des Mentals, die Trennung des inneren Purusha von der äußeren Prakriti – all dies ist durchaus hilfreich und beinahe unerlässlich. Solange das Wesen dem Gedankenwirbel oder dem Durcheinander der vitalen Regungen unterworfen ist, kann man nicht still und im Geist gefestigt sein. Es ist unerlässlich sich abzulösen, zurückzustehen, sie als nicht zu sich gehörend zu empfinden.

Worte Sri Aurobindos

Der Aufruhr der mentalen (intellektuellen) Aktivität muss ebenso zum Schweigen gebracht werden wie die vitale Aktivität des Verlangens, damit die Stille und der Friede vollkommen sein können. … In dieser Stille werden die gewöhnlichen mentalen Aktivitäten wie die gewöhnlichen vitalen Aktivitäten zu Oberflächenbewegungen, mit denen das schweigende innere Selbst nicht verbunden ist.

Worte Sri Aurobindos

Der erfahrene Yogi weiß, dass die kleinen Anfänge von höchster Wichtigkeit sind, dass sie der Pflege bedürfen und ihrer Entwicklung mit großer Geduld stattgegeben werden muss. Er weiß zum Beispiel, dass die neutrale, für den vitalen Eifer des Sadhaks so unbefriedigende Ruhe der erste Schritt zu jenem Frieden ist, der alles Verstehen übersteigt, … dass die Herabkunft, die den Körper in konzentriertem Schweigen erstarren lässt, die erste Berührung von etwas ist, an dessen Ende die Göttliche Gegenwart steht. Er ist nicht ungeduldig; er ist vielmehr auf der Hut, die beginnende Entwicklung nicht zu stören.

Worte Sri Aurobindos

Diese Ruhe ist keineswegs Tamas – es ist eine Ruhe der gewöhnlichen rajasischen Regungen der Natur (Verlangen, Kummer, Anhaftung und andere Reaktionen), die sehr wichtig ist, damit Friede einkehren kann. Es ist das, was wir das ruhige Vital nennen können – in ein ruhiges Mental und ruhiges Vital vermag das wahre spirituelle Bewusstsein am leichtesten einzutreten.

Worte Sri Aurobindos

Das einzig Wichtige ist, sich von der Gewohnheit des Eindringens störender Gedanken und falscher Gefühle frei zu machen, von dem Wirrwarr der Ideen, den unglücklichen Regungen usw. Diese stören die Natur und umwölken sie und erschweren der Kraft das Wirken. Wenn das Mental ruhig und friedvoll ist, kann die Kraft leichter wirken.

Worte der Mutter

Jemand hat mich gefragt, was ich mit diesen Worten meinte:

„Man muss still sein“.

Es liegt auf der Hand, dass ich, wenn ich zu jemandem sage: „Sei still“, viele verschiedene Dinge meine, der jeweiligen Person entsprechend. Die erste unerlässliche Stille aber ist die mentale Ruhe, denn diese fehlt im Allgemeinen am meisten. Wenn ich zu jemanden sage: „Sei still“, meine ich: Versuche, keine rastlosen, erregten und aufgewühlten Gedanken zu haben; versuche, dein Mental zu beruhigen, und höre damit auf, all deine Einbildungen und Beobachtungen und mentalen Gestaltungen umherzuwälzen.

Man sollte gerechterweise eine Frage hinzufügen: Du sagst uns: „Sei still“, doch was sollen wir tun, um still zu sein? … Die Antwort ist immer mehr oder weniger die gleiche: du musst vor allem das Bedürfnis danach haben und es wollen, und dann danach streben und es versuchen! Es gibt unzählige Methoden, die vorgeschrieben und von vielen getestet wurden. Diese Methoden sind im Allgemeinen langwierig, mühsam und schwierig; und bevor sie das Ziel erreicht haben, verlieren viele Menschen den Mut, denn je mehr sie sich bemühen, um so mehr beginnen ihre Gedanken umherzuwirbeln und rastlos in ihren Köpfen zu werden.

Für jeden ist die Methode verschieden, doch zuerst muss man die Notwendigkeit fühlen, aus welchem Grund auch immer – sei es, dass man müde ist oder überanstrengt, oder weil man sich tatsächlich über den Zustand, in dem man lebt, erheben will – man muss es zuerst verstehen, man muss die Notwendigkeit dieser Ruhe fühlen, dieses Friedens im Mental. Später dann kann man alle Methoden nacheinander ausprobieren, bekannte und unbekannte, um zu dem Ergebnis zu kommen.

Worte der Mutter

Man erkennt dann rasch, dass es noch eine andere Ruhe gibt, die erforderlich ist und sogar sehr dringend benötigt wird – es ist die vitale Ruhe, das heißt die Abwesenheit des Begehrens. Doch das Vital, wenn es nicht hinreichend entwickelt ist, schläft entweder ein oder streikt, sobald es sich ruhig verhalten soll; es sagt: „Oh nein, nichts da, ich gehe nicht weiter. Wenn du mir nicht die Nahrung gibst, die ich brauche, Aufregung, Enthusiasmus, sogar Leidenschaft, ziehe ich vor, mich nicht zu bewegen, und werde nichts mehr tun.“ Hier wird dann das Problem etwas heikler und vielleicht sogar noch schwieriger; denn von Aufregung in Trägheit zu verfallen, ist sehr weit davon entfernt, ein Fortschritt zu sein! Man darf niemals Trägheit oder eine schläfrige Passivität mit Stille verwechseln.

Worte Sri Aurobindos

Die Fähigkeit, dieses Schweigen und diesen Frieden zu erlangen, ist ein höchst wichtiger Schritt in der Sadhana. Sie [das Schweigen und der Frieden] treten zuerst in der Meditation auf und können das Bewusstsein nach innen, in die Trance versetzen, nachher aber müssen sie im Wachzustand stattfinden und sich als dauernde Grundlage für alles Leben und alle Tätigkeit festigen. Das ist die Voraussetzung für die Verwirklichung des Selbstes und die spirituelle Transformation der Natur.

Worte der Mutter

Ein ständiges Wortgeplätscher scheint der unvermeidliche Begleiter bei der täglichen Arbeit zu sein. Und trotzdem erkennt man, sobald man sich bemüht den Lärm auf ein Minimum zu reduzieren, dass viele Dinge im Schweigen besser und schneller getan werden und dies hilft, den inneren Frieden und die Konzentration aufrecht zu erhalten.

Wenn du nicht allein bist und mit anderen zusammen lebst, kultiviere die Gewohnheit, dich nicht ständig durch lautes Sprechen nach außen zu wenden. Und du wirst bemerken, dass sich ganz allmählich ein inneres Verstehen zwischen dir und anderen einstellt. Du wirst dann mit den anderen mit einem Minimum an Worten oder sogar ganz ohne Worte kommunizieren können. Diese äußere Stille ist für inneren Frieden sehr vorteilhaft, und mit gutem Willen und beharrlichem Bemühen wirst du eine harmonische Atmosphäre schaffen können, die dem Fortschritt sehr förderlich ist.

Worte Sri Aurobindos

Mein Mental wird für einige Zeit ruhig, aber dann stürmen viele absurde Gedanken auf mich ein und ich kann sie nicht zur Ruhe bringen. Dann fühle ich mich sehr unruhig. Wie lange wird es dauern, bis mein mentaler Geist zur Ruhe kommt?

Was im Leben noch unruhig ist, muss zur Ruhe kommen, damit der Friede des mentalen Geistes ausgewogen und beständig ist. Er muss kontrolliert werden, aber Kontrolle allein reicht nicht aus. Mutters Kraft muss immer gerufen werden.