Kapitel 9

Das Kommen und Fortschreiten des spirituellen Zeitalters

Wenn ein subjektives Zeitalter als letzter Abschnitt eines sozialen Zyklus in eine spiritualisierte Gesellschaft einmünden und hier Früchte tragen, wenn die Menschheit sich zu einer höheren Stufe hin entwickeln soll, dann genügt es nicht, dass gewisse dieser Wendung des menschlichen Lebens günstige Ideen sich des allgemeinen Mentals der Menschheit bemächtigen, dass sie die üblichen Antriebe des Denkens, der Kunst und Ethik, der politischen Ideale und der sozialen Bemühungen durchdringen oder dass sie selbst in das innerste Denken und Fühlen einströmen. Es ist nicht einmal genug, dass der Gedanke vom Königreich Gottes auf Erden, von der Herrschaft der Spiritualität, Freiheit und Einheit, dass eine wirkliche innere Gleichheit und Harmonie – nicht nur eine äußere und mechanische Angleichung und Beziehung – zum entscheidenden Ideal des Lebens wird. Es ist auch nicht genug, dass dieses Ideal aktiv für möglich, wünschenswert und des Suchens und Erstrebens wert gehalten wird. Es genügt selbst nicht, dass es als vorherrschende Meinung das menschliche Mental erfüllt. Dies alles wäre sicherlich ein sehr großer Schritt vorwärts – wenn man die heutigen Menschheitsideale in Betracht zieht, überhaupt ein Riesenschritt. Es wäre der notwendige Anfang, die mentale Umwelt, die unbedingt notwendig wäre für eine lebendige Umformung der menschlichen Gesellschaft in einen höheren Typus. Für sich allein genommen aber würde es vielleicht nur einen zum Teil fruchtbaren oder einen zwar erfolgreichen, jedoch nur teilweise oder zeitweilig erfolgreichen Versuch darstellen, etwas von dem offenbarten Geist in das Leben und seine Ordnungen zu bringen. Anderes hat die Menschheit in dieser Richtung bisher niemals versucht. Niemals hat sie auch nur dieses wenige gründlich auszuarbeiten gesucht, es sei denn in den Grenzen einer religiösen Ordnung oder einer bestimmten Gemeinschaft. Aber selbst in diesen Fällen tat sie dies mit so ernsten Mängeln und Beschränkungen, dass das Experiment bedeutungslos blieb und keinen Einfluss auf das menschliche Leben ausübte. Wenn wir nicht über das nur Festhalten am Ideal und über seine allgemeinen Einflüsse auf das menschliche Leben hinauswachsen, wird die Menschheit in Zukunft nichts mehr als dies wenige erreichen. Aber mehr tut not. Ein allgemeines spirituelles Erwachen und Sehnen in der Menschheit ist die große wichtige Triebkraft. Die wirksame Kraft muss etwas Größeres sein. Das individuelle Menschentum muss dynamisch in einen spirituellen Typ umgeformt werden.

Allgemein genügt es der Menschheit, sich mit der Sehnsucht nach einem Ideal zufriedenzugeben und sich dessen Einfluss nur teilweise zu unterstellen. Das Ideal soll das ganze Leben nicht umformen, sondern darf es nur mehr oder weniger färben. Oft wird es überhaupt nur als eine Decke, als eine Ausrede benutzt für Dinge, die seinem wahren Geist genau entgegengesetzt sind. Institutionen werden geschaffen, von denen man nur allzu leichthin annimmt, dass sie den Geist der Ideale verkörpern. Die Tatsache, dass ein Ideal vorhanden ist und dass die Menschen unter seinen Institutionen leben, wird als ausreichend angesehen. Ein Ideal zu besitzen, dient geradezu als Entschuldigung dafür, dass man nicht ihm entsprechend lebt. Das Vorhandensein seiner Institutionen genügt, um die Notwendigkeit des Geistes abzuleugnen, aus dem heraus sie geschaffen waren. Spiritualität aber ist schon ihrer Natur nach etwas Subjektives und nicht etwas Mechanisches. Sie ist nur vorhanden, soweit sie innerlich gelebt wird und soweit das äußere Leben diesem inneren Leben entströmt. Symbole, Typen, Konventionen und Ideen genügen nicht. Ein spirituelles Symbol ist nichts als eine bedeutungslose Eintrittskarte, wenn das Symbolisierte nicht im Geist erfahren wird. Eine spirituelle Überlieferung, die ihren spirituellen Sinn verliert oder auf ihn verzichtet, muss zur Lüge werden. Ein spiritueller Typ mag vorübergehend als Form dienen, in die spirituelles Leben einfließen wird, er kann aber auch zu einer Begrenzung und zu einem Gefängnis werden, in dem das Spirituelle erstarrt und verdirbt. Eine spirituelle Idee ist nur so lange eine Kraft, als sie innerlich und äußerlich schöpferisch ist. Wir müssen den pragmatischen Grundsatz, dass Wahrheit das ist, was wir schaffen, dahin erweitern und vertiefen, dass sie das ist, was wir in uns selbst schaffen, mit anderen Worten, was wir werden. Zweifellos gibt es im Jenseitigen ewig spirituelle Wahrheit, die von uns unabhängig ist. Aber sie wird für die Menschheit erst erreichbar, wird erst dann zur irdischen Wahrheit, zur Wahrheit des Lebens, wenn sie gelebt wird. Die göttliche Vollkommenheit besteht immer jenseits von uns. Für den Menschen aber bedeutet Spiritualität, in Bewusstsein und Handeln göttlich werden, innerlich und äußerlich ein göttliches Leben führen. Eine Einschränkung dieses Sinngehalts des Wortes würde ihm nicht gerecht werden und wäre ein Betrug.

Eine solche Wandlung aber kann, wie die subjektiven Religionen erkennen, nur durch die persönliche Wandlung eines jeden menschlichen Lebens erreicht werden. Die Kollektivseele ist hierbei nichts weiter als eine große, halb unterbewusste Quelle des individuellen Daseins. Soll sie eine bestimmte psychologische Gestalt oder eine neue Form des Kollektivlebens annehmen, so kann dies nur durch formendes Wachstum des Individuellen geschehen. Wie der Geist und das Leben der Einzelnen ist, die ein Kollektiv bilden, so wird auch der verwirklichte Geist des Kollektivs und die Kraft seines Lebens sein. Eine Gesellschaft, die nicht durch ihre Menschen, sondern durch ihre Institutionen lebt, ist keine Kollektivseele, sondern eine Maschine. Ihr Leben wird zu einem mechanischen Produkt und hört auf, ein lebendiges Wachstum zu sein. Darum muss einem spirituellen Zeitalter das Erscheinen einer zunehmenden Zahl von Individuen vorangehen, denen das normale intellektuelle, vitale und physische Dasein des Menschen nicht mehr genügt, sondern die erkennen, dass eine größere Entfaltung wahres Ziel der Menschheit ist, dass sie diese in sich selbst zu verwirklichen und andere zu ihr zu führen haben und dass sie diese Entfaltung zum anerkannten Ziel der Menschenart machen müssen. Was sie an Kräften in sich tragen und bisher noch nicht verwirklichten, wird für die Zukunft zu einer tatsächlichen Möglichkeit, je weiter sie voranschreiten und diese Entfaltung Wirklichkeit werden lassen.

Die Zunahme an Spiritualität führte in der Vergangenheit meist zu der Entstehung einer neuen besonderen Religion, die sich der Menschheit als neue Weltordnung aufzuprägen suchte. Diese stellte sich aber immer als eine verfrühte, ja sogar als eine falsche Kristallisation heraus, die eine tiefere und ernstere Vollendung eher hinderte als förderte. Das Ziel eines spirituellen Zeitalters der Menschheit muss allerdings mit dem eigentlichen Ziel aller subjektiven Religionen übereinstimmen. Es muss eine neue Geburt, ein neues Bewusstsein, eine Aufwärtsentwicklung des menschlichen Wesens bedeuten, einen Herabstieg des Geistes in unsere Glieder und eine spirituelle Neuorganisation unseres Lebens. Beschränkt man sich aber auf den alten vertrauten Apparat und die unvollkommenen Mittel einer religiösen Bewegung, so wird dies wahrscheinlich zu neuen Fehlern führen. Eine religiöse Bewegung bringt im Allgemeinen eine Welle spiritueller Erregung und Sehnsucht mit sich, die sich auf eine große Zahl Einzelner überträgt. Als Ergebnis werden diese zeitweilig aufwärts streben, doch tatsächlich nur eine halb spirituelle, halb ethische, halb dogmatische Wandlung ihrer Natur erreichen. Nach einer oder zwei, im besten Fall nach einigen Generationen aber beginnt die Welle nachzulassen, und nur das Formgewordene bleibt bestehen. War die Bewegung eine sehr starke und stand an ihrem Ursprung eine sehr große spirituelle Persönlichkeit, dann mag ein zentraler Einfluss und eine innere Disziplin übrig bleiben, die Ausgangspunkt neuer Strömungen werden können. Je weiter eine solche Bewegung sich von ihren Quellen entfernt, um so weniger mächtig und andauernd werden solche Strömungen sein. Denn in der Zwischenzeit wird eine religiöse Ordnung, eine Kirche, eine Hierarchie, ein festgelegtes und nicht mehr entwicklungsfähiges Lebensethos, eine Reihe fester Dogmen, Kulte und Zeremonien entstanden sein, ein geheiligter Aberglauben, ein ausgearbeitetes System für die Erlösung der Menschheit, um die Gläubigen zusammenzuschließen und sie gleichzeitig von der nicht erneuerten äußeren Welt abzusondern. So wird die Spiritualität einem intellektuellen Glauben wie Verhaltensmaßnahmen und Riten des äußeren Lebens immer stärker untergeordnet, wird das Höhere niederen Antrieben, wird das Wesentliche den Hilfsmitteln, Werkzeugen und Nebensächlichkeiten unterstellt. Der zunächst unmittelbare und kraftvolle Versuch, das ganze Leben in spirituelles Sein zu verwandeln, weicht einem von spirituellen Gefühlen beherrschten System von Glauben und Ethik. Aber schließlich wird sogar dieses rettende Gefühlselement von äußeren Mechanismen unterdrückt. So wird das schützende Gebäude zum Grab. Die Kirche setzt sich an die Stelle des Geistes und verlangt ganz allgemein eine formale Unterordnung unter ihre Glaubenssätze, Riten und Ordnungen. Spirituelles Leben wird von einer Minderzahl und nur in den Grenzen der vorgeschriebenen festen Glaubensformeln und Ordnungen geübt. Die Mehrzahl aber bringt nicht einmal eine so schwache Mühe auf und ist zufrieden, das Streben nach einem tieferen Leben durch sorgsame oder oberflächliche Frömmigkeit zu ersetzen. Am Ende stellt sich heraus, dass der Geist in der Religion nur noch ein dünnes, versandetes Gerinnsel ist. Nur die Tatsache, dass in dem eingetrockneten Flussbett der Konvention gelegentlich etwas Wasser fließt, verhindert, dass alles nur noch zu einer Erinnerung in den toten Kapiteln der Zeit wird.

Der Ehrgeiz bestimmter religiöser Glaubensformen, sich als allgemeingültig anzusehen und sich durchsetzen zu wollen, ist mit der Vielfalt der menschlichen Natur und zumindest einem wesentlichen Zug des Geistes nicht vereinbar. Denn der Geist besitzt seiner Natur nach eine umfassende innere Freiheit und Einheit, in die es jedem Menschen seiner eigenen Natur entsprechend hineinzuwachsen erlaubt ist. Ferner besitzen die religiösen Glaubensformen – und dies ist eine weitere Quelle unvermeidlicher Fehler – die allgemeine Neigung, sich an eine jenseitige Welt zu wenden und die Erneuerung des irdischen Lebens nur als zweites Ziel anzusehen. Diese Neigung steigert sich in dem gleichen Umfang, in dem die ursprüngliche Hoffnung auf eine Erneuerung der Menschheit im Diesseits abnimmt. Obwohl zahlreiche neue, spirituelle Wellen mit ihren starken, besonderen Antrieben und Lehren notwendigerweise die Vorläufer eines spirituellen Zeitalters sein müssen, ist es doch notwendig, ihre Ansprüche im allgemeinen Mental der Menschenart und ihrer spirituellen Führer der Erkenntnis unterzuordnen, dass alle Antriebe und Lehren zwar wertvoll, aber doch keine von ihnen von allein gültigem Wert sind, da sie alle nur Möglichkeiten darstellen, aber nicht das einzige, das zu tun notwendig ist. Dieses einzig Wesentliche aber muss den Vorrang haben: die Wandlung des ganzen menschlichen Lebens unter der Führerschaft des Geistes. Der Aufstieg des Menschen zum Himmel ist nicht das Wesentliche, vielmehr ist es sein Aufstieg im Irdischen zum Geist und der Abstieg des Geistes in seine natürliche Menschlichkeit, die Wandlung seiner irdischen Natur. Dies, nicht irgendeine Erlösung nach dem Tod, ist die wirkliche Neugeburt, die die Menschheit erwartet als Krönung ihres langen, dunklen und leidvollen Weges.

Deshalb werden in einem neuen Zeitalter jene Einzelnen der Zukunft der Menschheit am meisten helfen, die eine spirituelle Entwicklung als Ziel und entscheidende Notwendigkeit des Menschen erkennen. Wie einst der Tiermensch den weiten Weg der Wandlung zu einem mentalen und dann als höchstes Ziel zu einem hochentwickelten mentalen Menschentum gehen musste, so ist heute oder in Zukunft eine Entfaltung – dabei ist es gleichgültig, welche Auslegung wir ihr geben oder durch welche Theorie wir sie zu unterstützen suchen – oder Wandlung des gegenwärtigen Typus der Menschheit in einen spiritualisierten die Notwendigkeit für die Menschenart. Sicherlich liegt eine solche Entwicklung in der Absicht der Natur, deren Ideal und Streben sie ist. Dieser Menschentypus wird besonderen Glaubensformen verhältnismäßig gleichgültig gegenüberstehen und es den Menschen überlassen, die Glaubensformen zu wählen, zu denen sie sich naturnotwendig hingezogen fühlen. Sie werden nur den Glauben an diese spirituelle Wandlung für wesentlich halten, den Versuch, diese zu leben und jedwede Erkenntnis – in welcher Form diese gegossen sein mag, ist dabei nicht ausschlaggebend – in dieses Leben einzubeziehen. Die Menschen werden vor allem nicht den Fehler begehen anzunehmen, dass diese Wandlung durch äußere Systeme und Organisationen erreicht werden kann. Sie werden wissen und niemals vergessen, dass jeder Mensch diese innerlich ausleben muss. Andernfalls kann sie für die Menschheit als Ganzes niemals Wirklichkeit werden. Sie werden in ihrer ureigensten Bedeutung sich die östliche Anschauung zu eigen machen, dass der Mensch das Geheimnis seiner Bestimmung und Erlösung in seinem eigenen Innern suchen muss. Sie werden aber ebenso, wenn auch mit einer anderen Betonung die Wichtigkeit bejahen, die der Westen mit Recht dem Leben und seiner bestmöglichen Erfüllung zuspricht und werden sich eine allgemeine Lebensordnung schaffen. Sie werden die Gesellschaft nicht zu einem dunklen Hintergrund für eine weniger erleuchtete spirituelle Menschheit machen oder zu einem eng umzäunten, erdgebundenen Boden für das Wachstum einer verhältnismäßig seltenen, unfruchtbaren Blume asketischer Spiritualität. Sie werden nicht als Grundsatz annehmen, dass die vielen für immer in den niederen Bereichen des Lebens bleiben müssen und nur wenige in freiere Luft und zum Licht hinaufsteigen dürfen. Sie werden vielmehr von dem Standpunkt der großen spirituellen Wesen ausgehen, die sich um eine Erneuerung des Lebens auf Erden bemühen, und werden trotz früheren Misserfolgen an diese Möglichkeit glauben. Zahlreich müssen zu Beginn die Fehler in allem Großen und Schweren gewesen sein. Aber es kommt eine Zeit, in der die Erfahrung aus vergangenen Fehlern erfolgreich genutzt werden kann, in der sich das Tor, das so lange Widerstand leistete, öffnet. Wie bei allen großen Zielsetzungen und Bemühungen der Menschheit bedeutet hier eine a-priori-Erklärung der Unmöglichkeit ein Zeichen von Unwissenheit und Schwäche. Leitspruch des Suchenden muss das solvitur ambulando [„es wird durch Gehen gelöst“] des Entdeckers sein. Denn nur im Tun lösen sich die Schwierigkeiten. Ein Anfang muss in vollem Ernst gemacht werden. Das Übrige muss der Zeit überlassen werden, die bisweilen ein schnelles Vollbringen schenkt oder aber lange, geduldige Arbeit verlangt.

Was getan werden muss, ist so umfassend wie das menschliche Leben. Darum müssen die Einzelnen, die den Weg weisen, das ganze menschliche Leben zu ihrem Bereich machen. Nichts wird diesen Vorkämpfern fremd sein. Nichts wird außerhalb ihrer Reichweite liegen. Jedes Teil des menschlichen Lebens muss von dem Spirituellem aufgenommen werden – nicht nur das intellektuelle, ästhetische und ethische, sondern auch das dynamische, vitale und physische. Deshalb werden sie nichts, das aus diesen Bereichen hervorgeht, verachten oder ablehnen, wie sehr sie auch auf einer Wandlung im Spirituellen und auf einer Umwandlung der Form bestehen. In jeder natürlichen Kraft werden sie die ihr eigenen Mittel zur Wandlung suchen. In dem Wissen, dass in allem das Göttliche verborgen liegt, werden sie überzeugt sein, dass sie alles zum Mittel spiritueller Selbstfindung gemacht haben, dass alles zum Werkzeug eines göttlichen Lebens verwandelt werden kann. Sie werden die große Notwendigkeit erkennen, das normale in das spirituelle Mental umzuwandeln und dieses Mental seinen höheren Bereichen und einem mehr und mehr ganzheitlichen Tun zu öffnen. Ehe die entscheidende Wandlung sich ereignen kann, muss das tastende, intellektuelle Denken in das klare, erleuchtete, intuitive verwandelt werden. Erst dann vermag es sich in die oberen Bereiche hin zum Obermental, dem Supramental, oder Gnosis, auszuweiten. Der unsichere, tastende, mentale Wille muss zu einem sicheren, intuitiven Willen und zu einem höheren, göttlichen und gnostischen Willen werden. Die seelische Lieblichkeit, das Feuer und das Licht der Seele, hinter dem Herz verborgen, hrdaye guhayam, muss unsere groben Empfindungen, muss den harten Egoismus und die drängenden Wünsche unserer vitalen Natur wandeln. Aber auch alle anderen Glieder unseres Wesens müssen dank der treibenden Kraft und Erleuchtung von oben eine ähnliche Umwandlung erfahren. Die Führer auf dem Wege zur Spiritualität werden auf den Erkenntnissen und Möglichkeiten aufbauen, die frühere Bemühungen in dieser Richtung ergaben, aber sie werden dies nicht tun ohne notwendige, wesentliche Veränderungen. Sie werden sich nicht unbedingt an stereotype, festgelegte Systeme oder an vorhandene Ergebnisse halten, sondern dem Wirken des Geistes in der Natur folgen. Der Geist wird den bisherigen Leistungen bei seinem Aufstieg zur künftigen Größe in der Weise Rechnung tragen, dass er das Frühere stets neu zu entdecken und zu formulieren sucht, es im Mental breiter zusammenfasst und in seiner Tiefe machtvoll neu gestaltet; denn die Wahrheit, die vorher noch nicht erkannt oder noch nicht geordnet war, hat sich für ihn erweitert und verbreitert.

Dieses Bestreben wird sicherlich schon für das Individuum, um vieles mehr aber für die Menschheit eine große und schwierige Arbeit sein. Einmal begonnen, mag sie vielleicht selbst bis zu der ersten entscheidenden Stufe nur langsam vorankommen. Jahrhundertelange Bemühungen mögen erforderlich sein, bis die Fortschritte deutlicher werden. Dies aber ist nicht zu vermeiden. Denn das Grundgesetz solcher Veränderungen in der Natur verlangt eine lange dunkle Vorbereitungszeit, der eine schnelle Ansammlung der Elemente und ihre Konzentration in einer neuen Geburt folgt, eine rasche Änderung, eine Veränderung, die in ihren leuchtendsten Augenblicken nur als Wunder angesprochen werden kann. Auch wenn die erste entscheidende Veränderung geschehen ist, bleibt es gewiss, dass die gesamte Menschheit dieser Entwicklung nicht wird folgen können. Eine große Gruppe wird sich abspalten, die nur imstande ist, in dem Licht zu leben, das vom Geist auf die Ebene des Mentals hinab dringt. Auf einer noch so tieferen Stufe werden die vielen bleiben, die zwar die Einflüsse von oben spüren, doch noch nicht bereit sind für das Licht. Aber auch dies würde eine Wandlung bedeuten, ein Anfang, der weit über alles hinausführt, was bisher erreicht wurde. Eine solche Hierarchie würde nicht, wie in unserem gegenwärtigen Leben, eine egoistische Beherrschung der Unterentwickelten durch die höher Entwickelten bedeuten, sondern die Führung eines jüngeren Bruders der Menschenart durch den älteren, die ständige Bemühung, diesen auf eine höhere spirituelle Ebene mit weiterem Horizont hinzulenken. Auch für die Führenden würde dieser Aufstieg auf die erste spirituelle Stufe nicht eine Vollendung des Weges zum Göttlichen bedeuten, ein Höhepunkt, der auf Erden nichts mehr zu vollbringen übrig ließe. Noch immer werden höhere Bereiche in der supramentalen Welt als Ziel bleiben. Dies wussten die Dichter der Veden, die von dem spirituellen Leben als einem ständigen Aufstieg sprachen:

brahmanas tva satakrato

ud vamsam iva yemire;

yat sanoh sanum aruhat,

bhuri aspasta kartvam, –

Die Priester des Wortes klimmen auf Dir wie auf einer Leiter empor, O Eigner der hundert Kräfte. Von Gipfel zu Gipfel aufsteigend wächst die Erkenntnis, wie viel noch zu leisten übrig bleibt.

Ist aber erst einmal der Grund gelegt, entwickelt das Übrige sich durch fortschreitende Selbstentfaltung, und die Seele ist ihres Weges gewiss. Auch dies wussten die Sänger der Veden:

abhyavasthah pra jayante,

pra vavrer vavris ciketa;

upasthe matur vi caste,

Aus einem Zustand wird ein Zustand geboren; eine Hülle nach der anderen wird sich des Wissens bewusst; im Schoße der Mutter sieht die Seele.

Dies ist letztendlich die höchste Hoffnung, die mögliche Bestimmung, die sich dem menschlichen Blick öffnet. Es ist eine Möglichkeit, die der Fortschritt des menschlichen Mentals wieder zu entfalten scheint. Nimmt das aufgehende Licht zu, wächst die Zahl der Individuen, die in sich selbst und in der Welt diese Möglichkeit zu verwirklichen suchen, und nähern sie sich immer mehr dem rechten Weg, dann wird sich der im Menschen latente Geist, das verborgene Göttliche, wird sich Sicht und Kraft in immer größerer Fülle als Avatar einer bisher noch nicht erschauten und erahnten Gottheit der Seele der Menschheit bemächtigen und in jene großen Einzelwesen hinabsteigen, in denen das Licht und die Kraft am stärksten sind. Dann wird sich die Wandlung erfüllen, die das menschliche Leben bereit macht, aus seinen augenblicklichen Begrenzungen in weitere und reinere Bereiche aufzusteigen. Dann wird die irdische Entwicklung den großen Sprung aufwärts getan haben, wird der offenbarende Schritt zum göttlichen Wachstum hin vollzogen sein. Diesem Schritt gegenüber bedeutet die Geburt des denkenden und strebenden Menschen aus der tierischen Natur heraus nur eine Vorbereitung und ein Versprechen für etwas, das noch in dunkler Ferne liegt.

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