Kapitel 8

Bedingungen für das Kommen eines spirituellen Zeitalters

Eine solche Wandlung der mentalen und vitalen Lebensordnung zu einer spirituellen hin muss sich notwendigerweise erst im Individuum und einer großen Zahl von Individuen ereignet haben, ehe sie in der Gemeinschaft wirksam werden kann. Der Geist in der Menschheit enthüllt, entwickelt und formt sich im individuellen Menschen: durch Fortschritt und Gestaltung des Einzelnen offenbart er sich und ermöglicht es dem Mental der Menschheit, sich selbst neu zu erschaffen. Denn das gemeinsame Mental bewahrt die Dinge erst im Unterbewusstsein oder, wenn bewusst, dann auf eine verwirrte, chaotische Art. Nur durch das individuelle Mental vermag die Masse zu einer klaren Erkenntnis zu gelangen und die im unterbewussten Selbst enthaltenen Dinge schöpferisch zu gestalten. Denker, Historiker und Soziologen, die das Individuum gering achten und es in der Masse auflösen möchten oder es im wesentlichen als Zelle, als Atom ansehen, haben nur die dunklere Seite des wahren Wirkens der Natur in der Menschheit erfasst. Da der Mensch weder den materiellen Erscheinungsformen der Natur noch dem Tier ähnelt, sondern die Natur in ihm eine immer bewusstere Entfaltung anstrebt, ist die Individualität in ihm so stark entwickelt und so unbedingt wichtig und unentbehrlich. Zweifellos muss das, was im Individuum zum Ausdruck kommt, was später die Masse bewegt, schon im universalen Mental vorhanden gewesen sein. Das Individuum ist nur ein Werkzeug für seine Offenbarung, Erkenntnis und Entfaltung; es ist aber ein unentbehrliches Werkzeug, nicht nur der unterbewussten Natur, nicht nur eines instinktiven Dranges, der die Menge bewegt, sondern ein unmittelbares Werkzeug des Geistes, für dessen Schöpfung die Natur selbst Werkzeug und Mutterboden ist. Deshalb finden alle größeren Veränderungen ihre erste klare und bedeutsame Auswirkung, ihre unmittelbare Gestaltungskraft im Mental und im Geist eines Individuums oder einer begrenzten Zahl von Individuen. Die Masse folgt, bedauerlicherweise in einer sehr unvollkommenen und verwirrten Art, die oft oder sogar fast immer in einem Versagen, einer Verdrehung des Geschaffenen endet. Wäre dem nicht so, dann hätte die Menschheit Fortschritte machen können mit sieghafter Schnelligkeit anstatt mit schwerfälligen Verzögerungen und bald erschöpften Anläufen, die scheinbar das einzige sind, zu dem sie bisher fähig gewesen ist.

Soll also die spirituelle Wandlung, von der wir sprachen, vor sich gehen, dann müssen zwei Bedingungen auf einen Nenner gebracht werden, die gleichzeitig befriedigt werden müssen, aber sehr schwierig zu vereinen sind. Es muss sowohl das Individuum wie die Individuen geben, die sich im Bild des Geistes zu erblicken, zu entwickeln und neu zu gestalten vermögen und die in der Lage sind, sowohl ihre Idee wie deren Kraft auf die Masse zu übertragen. Zu gleicher Zeit muss es eine Masse geben, eine Gesellschaft, ein gemeinsamen mentalen Geist oder zumindest die Bestandteile eines Gruppenkörpers, die Möglichkeit einer Gruppenseele, die den Geist zu empfangen und sich wirksam einzuverleiben vermag, die zu folgen bereit ist und auch wirklich ankommt, die nicht den ihr selbst innewohnenden Schwächen unterliegt und auf dem Weg vor der entscheidenden Verwandlung anhält oder zurückfällt. Eine solche Gleichzeitigkeit hat es niemals gegeben, wenn auch der Eifer des Augenblicks bisweilen den Anschein hiervon erweckte. Sicherlich wird diese Verbindung der beiden Voraussetzungen eines Tages gelingen. Aber niemand vermag zu sagen, wie viele Versuche zuvor gewagt, wie viele Ablagerungen an spiritueller Erfahrung in der unterbewussten Mentalität der Allgemeinheit angesammelt werden müssen, ehe der Boden bereitet ist. Denn die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg einer so schwierigen Aufwärtsentwicklung, die die Wurzeln selbst unserer Natur berührt, ist immer weniger groß als die zahlreichen Möglichkeiten eines Versagens. Wer den Anstoß gibt, mag selbst unvollkommen sein, mag nicht lange genug gewartet haben, um selbst völlig eins zu werden mit dem Erschauten. Auch die wenigen, die das Amt des Apostels übernahmen, mögen die Kraft des Geistes sich nicht vollkommen einverleibt und in sich ausgestaltet haben. Sie werden diese deshalb noch weiter vermindert der Masse übermitteln, die nach ihnen kommt. Die Gesellschaft mag intellektuell, vital, ethisch und temperamentsmäßig nicht ausreichend vorbereitet sein, so dass die endgültige Annahme der spirituellen Idee durch die Gesellschaft zugleich den Anfang ihres Verfalls und ihrer Verzerrung bedeutet und dies die Auflösung oder die Verminderung des Geistes zur Folge hat. Eine dieser Möglichkeiten oder alle zugleich mögen eintreten. Wie so oft in der Vergangenheit wird sich hieraus ergeben, dass trotz einiger Fortschritte und einiger wesentlicher Veränderungen die entscheidende Wandlung nicht erreicht wurde, die allein die Menschheit in einem göttlicheren Abbild neu zu erschaffen vermag.

Welches wird dann der Zustand der Gesellschaft, welches die Bereitschaft des gemeinsamen Mentals sein, der für diese Wandlung am günstigsten ist, so dass dies, wenn sie auch nicht sofort eintreten wird, so doch in ihrem Weg zumindest entscheidender vorbereitet werden kann, als dies bisher möglich war? Denn das erscheint als die wesentlichste Voraussetzung, nachdem das Unvorbereitetsein, die mangelnde Bereitschaft der Gesellschaft oder des gemeinsamen Mentals immer das hauptsächlichste Hemmnis war. Die Bereitschaft dieses gemeinsamen Mentals ist von allergrößter Bedeutung. Denn selbst wenn die Lebensbedingungen der Gesellschaft und die sie beherrschenden Grundregeln einer spirituellen Wandlung entgegenstehen, selbst wenn sie fast völlig einer vitalen, äußeren, wirtschaftlichen oder mechanischen Ordnung zugehören, wie dies sicherlich bei den Menschenmassen im Augenblick der Fall ist, besteht doch die Hoffnung auf Fortschritt in nicht allzu ferner Zukunft, sobald das gemeinsame Mental des Menschen die Ideen einer höheren Ordnung anzunehmen beginnt, die eines Tages vorherrschen soll, und das menschliche Herz sich des Strebens bemächtigt, das aus diesen Ideen entsteht. Erstes wesentliches Anzeichen einer solchen Entwicklung wird das Wachstum einer subjektiven Idee des Lebens, einer Idee der Seele, des inneren Wesens sein, ihrer Kräfte und Auswirkungen. Dass sich diese Ideen entfalten und ihren Ausdruck finden, dass eine wahre, schöne und förderliche Umwelt entsteht, ist von ausschlaggebender Wichtigkeit. Das alles sind Zeichen, Vorläufer eines subjektiven Zeitalters im Denken und sozialen Streben der Menschheit.

Solche Ideen werden sich wahrscheinlich zuerst in Philosophie, psychologischem Denken, in Kunst, Dichtung, Malerei, Bildhauerei und Musik, in den wesentlichsten ethischen Ideen ausdrücken, in der Ausdehnung subjektiver Grundgedanken auf soziale, vielleicht sogar, wenn dies auch gewisse Gefahren in sich schließt, auf politische und wirtschaftliche Fragen, also auf die harte, widerspenstige, nur einer zweckhaften Behandlung zugänglichen Materie. Wissenschaft oder zumindest die Forschung werden unerwartete, neue Richtungen einschlagen, Wendungen, deren höchst fruchtbaren Untersuchungen die Orthodoxen nur ungern den Namen Wissenschaft zubilligen. Erkenntnisse werden die Trennungswand zwischen Seele und Materie schwächen. Es wird versucht werden, die exakte Wissenschaft auf psychologische und psychische Bereiche auszudehnen, aus der Erkenntnis der Wahrheit heraus, dass diese unter eigenen Gesetzen stehen, die nicht physische sind, die aber doch Gesetze sind, wenn sie auch von den irdischen Sinnen sich nicht fassen lassen und unendlich formbar und subtil sind. Die Religion wird anstreben, sich von ihrem bisherigen Gewicht an toter Materie zu befreien und an den Quellen des Geistes ihre Kräfte neu beleben. Dies alles sind sichere Zeichen einer künftigen Ordnung, zumindest der Wahrscheinlichkeit einer solchen, Zeichen von Bemühungen, die zweifellos gemacht werden, Zeichen eines neuen Strebens, das vielleicht von einem umfassenderen Überblick, einer besser ausgestatteten Intelligenz unterstützt wird, die fähig ist, die sich offenbarende Wahrheit nicht nur zu erfühlen, sondern sie auch zu verstehen. Einige dieser Zeichen lassen sich schon gegenwärtig erkennen, obwohl sie erst zeitweise und zusammenhanglos auftreten und nicht wesentlich genug sind, um Vertrauen und Sicherheit zu geben. Erst wenn diese tastenden Anfänge das Ziel ihres Suchens gefunden haben, können sie tatsächlich einen Einfluss auf die Umbildung des menschlichen Lebens gewinnen. Bis dahin werden sie wahrscheinlich nicht mehr erreichen können als eine innere Vorbereitung. Im übrigen werden grundlegende und umwälzende Experimente zweifelhafter Art mit der umfangreichen, schwerfälligen Maschinerie vorgenommen werden, unter der sich das Leben jetzt stöhnend müht.

Ein subjektives Zeitalter kann lange vor Erreichen der Spiritualität seine Entwicklung unterbrechen. Denn die subjektive Richtung ist nur deren erste Voraussetzung, aber nicht ein Ergebnis, nicht das Ziel. Die Suche nach der Wirklichkeit, nach dem wahren Selbst des Menschen kann sehr wahrscheinlich in jener natürlichen Ordnung verlaufen, die in den Upanishaden in dem tiefen Gleichnis von dem suchenden Weg des Bhrigu, des Sohnes von Varuna, geschildert ist. Dem Sucher erschien zunächst die Materie als letzte Wirklichkeit und das physische, stoffliche Wesen, der äußere Mensch, als unser einziges Selbst und Geist. Später betrachtete er das Leben als diese Wirklichkeit und das vitale Wesen als das Selbst und den Geist. Zum dritten versuchte er die Wirklichkeit im Mental und im mentalen Wesen zu finden. Erst danach konnte er – jenseits des oberflächlichen Subjektiven – durch das supramentale Wahrheitsbewusstsein zu der ewigen, sich segenspendenden, immer schöpferischen Wirklichkeit gelangen, deren Teil alle die vorhergehenden Erkenntnisse nur waren. Da die Menschheit aber im Allgemeinen nicht so ausdauernd sein dürfte wie der Sohn Varunas, wird das Streben wohl frühzeitig ein Ende finden. Nur wenn der Geist ein bestimmtes Ziel erreichen und erkennen will, wird er jede ungenügende Form, sobald sie sich gebildet hat, durchbrechen und das menschliche Denken zu weiterer Erkenntnis und letzten Endes zu der höchsten und herrlichsten von allen vorwärtsdrängen. Etwas Ähnliches hat sich ereignet, aber auf einer sehr äußerlichen und oberflächlichen Weise. Nachdem die Materie, die als Richtschnur den größten Teil des 19. Jahrhunderts beherrscht hatte, dem Menschen den für ihn bisher schwersten Dienst im mechanischen Ablauf des äußeren Lebens aufgebürdet hat, führte uns der erste Versuch eines Durchbruchs zu der lebendigen Wirklichkeit in den Dingen fort von der mechanischen Auffassung des Lebens, der Lebensart und der Gesellschaft zu jenem oberflächlichen Vitalismus, der schon einen Einfluss auf das Denken auszuüben begann, noch ehe die unlösbar miteinander verbundenen Normen gemeinsam den flammenden Scheiterhaufen des Weltkrieges angefacht hatten. Der élan vital brachte uns keine Befreiung, sondern nutzte lediglich den schon bestehenden Mechanismus mit größerer, fieberhafter Intensität, mit dem heftigen Versuch, schneller, intensiver zu leben, mit einem maßlosen Willen nach Tätigkeit und Erfolg, nach Erweiterung der reinen Lebenskraft, nach einer unerhörten Lebensleistung. Das Ergebnis wäre das gleiche gewesen, wenn der Vitalismus weniger oberflächlich und äußerlich gewesen wäre und statt dessen im wahren Sinn subjektiver. Leben, handeln, wachsen, die Lebenskraft steigern, den intuitiven Lebensimpuls verstehen, benutzen und erfüllen, dies alles ist an sich nicht fehlerhaft, sondern wesentlich, solange es auf richtige Weise getan wird. Das heißt, es kommt darauf an, dass es auf ein Ziel jenseits des rein vitalistischen Impulses gerichtet ist und von dem innersten Wesen des Menschen beherrscht wird, das höher ist als das Leben. Die Lebenskraft ist Werkzeug, nicht Ziel. Sie ist auf dem aufwärts steigenden Weg das erste große, subjektive, supraphysische Werkzeug des Geistes und Grundlage aller Handlungen und Bestrebungen. Erkennt die Lebenskraft aber nichts außer sich selbst an, fühlt sie sich zu keinem Dienst an etwas anderem als den Forderungen und Antrieben ihrer eigenen Organisation verpflichtet, wird sie sehr bald der Dampfkraft gleichen, die eine Maschine führerlos treibt, oder einer Maschine, deren Dampfkraft den Führer zum Diener, nicht zum Herrn gemacht hat. Sie wird den Naturkräften der materiellen Welt lediglich noch den zügellosen Antrieb eines hoch strebenden oder in der Breite wirkenden Titanismus – vielleicht sind es auch niedrige dämonische Kräfte – hinzufügen, dessen Diener der Intellekt ist. Dieser Antrieb von maßloser, rastloser Schaffenskraft, Besitzgier und Expansion wird zu etwas Gewaltsamem, Riesigem und „Kolossalem“ führen, das schon von Natur aus zu Übermaß und Verfall verurteilt ist, da es nicht das Licht und die Wahrheit der Seele in sich trägt, noch die Heiligung durch die Götter, durch ihren gleichbleibenden ewigen Willen und ihre Weisheit.

Jenseits der Subjektivität des vitalen Selbstes aber kann es einen bewussten, ja sogar mentalen Subjektivismus geben, der sich zunächst vielleicht an die schon erkannte Idee von der Seele als tätigem Leben anlehnen und diese weiter ausbauen wird. Er mag einem stark mentalisierten Pragmatismus gleichen, der sich aber später möglicherweise zu der höheren Idee des Menschen als einer Seele erhebt, die sich selbst im Leben und Körper individuell und kollektiv durch das Spiel eines sich immer stärker ausbreitenden mentalen Wesens entwickelt. Diese größere Idee würde erkennen, dass die Aufwertung des menschlichen Wesens nicht allein durch materielle Leistung oder durch das umfassende Spiel seiner vitalen und dynamischen Kräfte geschieht, die mit Hilfe des Verstandes die Energie der physischen Natur zur Befriedigung der eigenen Lebensinstinkte zu meistern suchen. Nicht nur durch Intensivierung seiner gegenwärtigen Lebensweise, sondern durch die Größe seines mentalen und seelischen Wesens, durch eine Erkenntnis, die seine höhere Natur und deren Kräfte hervorruft, kann der Mensch sich erheben. In diesem Fall würde er das Leben als eine Gelegenheit zu Freude und Macht des Wissens, zu Freude und Macht der Schönheit ansehen, zu Freude und Macht seines Willens, der nicht nur die physische Natur, sondern auch die vitale und mentale Natur zu beherrschen vermag. Dann könnte er das bisher noch nicht erahnte Geheimnis seiner Gedanken- und Lebensmächte entdecken und sie zu seiner Befreiung aus den Begrenzungen und Fesseln seines körperlichen Lebens einsetzen. Auf diese Weise könnte der Mensch zu neuen seelischen Beziehungen, zu einer überlegeneren, sich in der Handlung selbsterkennenden Kraft der Ideen gelangen, könnte er die Hindernisse von Entfernung und Teilung durch seine inneren Möglichkeiten überwinden, die selbst die letzten, wunderbaren Leistungen der materiellen Wissenschaft in den Schatten stellen würden. Eine solche Entwicklung aber ist weit genug entfernt von den Träumen der Menschheit. Und doch gibt es gewisse schwache Anzeichen und Vorhersagen einer solchen Möglichkeit; Ideen dieser Art verkörpern schon zahlreiche Menschen, die vielleicht eine heute noch unerkannte Vorhut der Menschheit darstellen. Es ist nicht unmöglich, dass schon heute unter dem Horizont ein Licht verborgen ist, das auf seinen Aufstieg in aller Herrlichkeit wartet und das durch die noch verworrenen Stimmen eines neuen Morgen angekündigt wird.

Würde sich eine solche Wendung im Denken, Streben und in den Lebensideen des gemeinsamen Mentals bemächtigen, so würde dies zweifellos eine Umwälzung des ganzen menschlichen Kosmos bedeuten. Von Anbeginn an würde dieses einen neuen Ton, eine andere Atmosphäre, einen höher strebenden Geist, einen weiteren Horizont und größere Ziele erhalten. Es würde sich vielleicht ohne weiteres eine Wissenschaft entwickeln, die sich die Kräfte der physischen Welt tatsächlich und nicht nur begrenzt und mechanisch unterwerfen und möglicherweise die Tore zu anderen Welten öffnen würde. Eine Vollendung würde in Kunst und Schönheit erreicht werden, der gegenüber die Werke der Vergangenheit verblassen würden und die die Welt von der heute erstaunlich weitgehenden Herrschaft zweckmäßiger Hässlichkeit befreien könnte. Eine solche Wendung würde einen engeren und freieren Austausch zwischen der Mentalität der Menschen und hoffentlich auch einen freundlicheren zwischen Herz und Leben der Menschen auslösen. Die Menschen aber sollten sich noch nicht mit diesem Erfolg begnügen, sondern könnten zu wesentlicheren Zielen fortschreiten, von denen diese nur die Anfänge sind. Wohl würde dieser mentale und seelische Subjektivismus seine Gefahren haben, größere sogar als diejenigen, die den vitalen Subjektivismus erwarten, da auch seine auswirkenden Möglichkeiten größere wären. Im Gegensatz zum vitalistischen Subjektivismus aber, der dazu nicht in der Lage ist, besäße er die Fähigkeit zu klärender Unterscheidung, zu starker Sicherung und großer, befreiender Erleuchtung.

Dies ist vielleicht eine notwendige Stufe der menschlichen Entwicklung, die mit viel Schwierigkeiten von der Materie zum Geist führt. Es war einer der Hauptfehler der früheren Versuche einer Spiritualisierung der Menschheit, dass der materielle Mensch durch eine Art plötzlichen Wunders unmittelbar spiritualisiert werden sollte. Wenn dies auch möglich sein könnte, es würde ein solches Wunder doch wahrscheinlich nicht von Dauer sein, denn es überspringt die Stufen des Aufstiegs, lässt die dazwischen liegenden Ebenen unbetreten und vermag sie deshalb nicht zu meistern. Beim Einzelnen mag ein solcher Schritt Erfolg haben – indisches Denken würde sagen, bei denen, die sich durch frühere Daseinsformen dafür vorbereiten –, bei den meisten aber muss er versagen. Über diese Einzelnen hinaus würde ein erzwungenes Wunder des Geistes erschlaffen. Nicht fähig, durch innere Kraft zu verwandeln, sucht die neue Religion ihr Heil im Mechanischen, verfängt sich in den Drehungen ihrer eigenen Werkzeuge, verliert die Verbindung mit dem Geist und geht schnell zugrunde oder verfällt langsam. Dies ist das Schicksal aller Versuche des vitalistischen, intellektuellen und mentalen wie des spirituellen Strebens, den Menschen mit Vorrang oder ausschließlich in seinem physischen Mental anzusprechen. Ein solcher Versuch scheitert an dem vom Menschen selbst geschaffenen Mechanismus, der ihn zum Sklaven und Opfer der Maschine macht. Dies ist die Rache unserer materiellen, selbst mechanisch gewordenen Natur gegenüber solchem gewaltsamen Bemühen, das sie unter ihre Kontrolle bringt infolge der ihrem eigenen Gesetz dargebrachten Zugeständnisse. Soll die Menschheit spiritualisiert werden, dann muss sie zunächst in ihrer Mehrheit das materielle und vitale Wesen aufgeben und zu einem seelischen und wirklich mentalen Wesen werden. Es mag fraglich sein, ob ein solcher Fortschritt der Masse, eine solche allgemeine Bekehrung möglich ist. Sollte dies nicht der Fall sein, dann ist die Spiritualisierung der Menschheit als Gesamt nur ein Trugbild.

Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, muss es als wesentliches Zeichen, als große Verheißung angesehen werden, dass das Rad der Zivilisation seine bisherige und gegenwärtige Aufwärtsdrehung von einer festen physikalischen Erkenntnis aus zu einer Erweckung innerer höherer Kräfte hin begann, die zwischen Materie und Geist vermitteln. Der menschliche Intellekt wurde dabei zunächst veranlasst, die Möglichkeiten des Materialismus durch ungeheure Leistungen in Leben und Welt auszuschöpfen auf der Grundlage der Materie als einziger Wirklichkeit, der Materie als Ewigkeit, der Materie als Brahman, annam brahma. Später entwickelte sich die Grundauffassung, dass das Dasein eine große Schwingung des machtvollen, sich entfaltenden Lebens sei, Schöpfer der Materie. So wurde das Sein auf der Grundlage des Lebens als ursprünglicher Wirklichkeit angesehen, das Leben als das große Ewige, prano brahma, erkannt. Heute hat der menschliche Verstand schon im Keim eine neue Vorstellung in Vorbereitung, die Entdeckung eines großen, sich selbst ausdrückenden und sich selbst findenden inneren Mentals als beherrschende Kraft des Daseins, das sich von unserer oberflächlichen Mentalität unterscheidet. Das ist der umfassende Versuch, mit unseren Möglichkeiten und unserer Lebensweise auf der Grundlage des Mentals, des großen Ewigen, mano brahma, als der ursprünglichen Wirklichkeit zu leben. Es wäre ein Zeichen des Versprechens, wenn diese Auffassungen schnell aufeinander folgen und intensiv nacheinander die Möglichkeiten jeder dieser Ebenen lebendig machen würden. Denn dies würde zeigen, dass es eine Bereitschaft in unserer unterbewussten Natur gibt, und dass wir nicht auf jeder Stufe Jahrhunderte verbringen müssten.

Trotzdem muss ein subjektives Zeitalter für die Menschheit ein Abenteuer voller Gefahren und Unsicherheiten darstellen, wie dies bei allen großen Abenteuern der Menschenart der Fall gewesen ist. Sie mag lange wandern, bis sie sich selbst findet. Vielleicht findet sie sich niemals und muss wieder zurückschwingen zu neuer Wiederholung des Zyklus. Das wahre Geheimnis kann nur entdeckt werden, wenn auf der dritten Stufe, in dem Zeitalter des erkennenden Subjektivismus, die Idee sich durchsetzt, dass das Mental selbst nur eine zweitrangige Macht des spirituellen Wirkens ist, dass der Geist das große Ewige ist, die wirkliche und trotz der vielen offenen und verborgenen Ausdrucksformen einzige Wirklichkeit, ayam atma brahma. Erst dann werden wir am Anfang des wirklichen, entscheidenden Strebens stehen, Leben und Welt erforschen, erkennen und nach jeder Richtung als den sich selbst findenden und als sich selbst ausdrückenden Geist behandeln. Dann erst wird ein spirituelles Zeitalter der Menschheit möglich sein.

Der Versuch, dieses Ereignis einigermaßen zu erklären – und eine nicht angemessene Erklärung wäre fruchtlos –, bedürfte eines oder zwei weiterer Bände. Denn wir müssten von einer Erkenntnis sprechen, die selten und überall erst in den Anfängen vorhanden ist. Für heute genügt es festzustellen, dass eine spirituelle menschliche Gesellschaft in ihrem Streben nach Verwirklichung von drei wesentlichen Wahrheiten des Daseins ausgeht, die die Natur sämtlich durch ihre Gegensätze zu verbergen sucht und die deshalb bisher für die Mehrzahl der Menschen nur Worte und Träume bedeuten: Gott, Freiheit, Einheit, drei Dinge, die eins sind. Denn du kannst Freiheit und Einheit nicht besitzen, wenn du nicht Gott besitzt, wenn du nicht zugleich dein höchstes Selbst und das Selbst aller Geschöpfe besitzt. Was sonst unter Freiheit und Einheit verstanden wird, sind nur Versuche unserer Abhängigkeit, unseres Zersplittertseins, durch Schließen der Augen uns selbst zu entfliehen und Purzelbäume um den eigenen Mittelpunkt zu schlagen. Nur wenn der Mensch imstande ist, Gott zu sehen und zu besitzen, wird er wirkliche Freiheit kennen und zu wirklicher Einheit gelangen. Anders ist dies nicht möglich. Gott wartet nur, dass Er erkannt wird, während der Mensch überall nach Ihm sucht und Bilder des Göttlichen errichtet, in Wirklichkeit aber nur Bilder in seinem eigenen Mental-Ego und Lebens-Ego aufbaut und verehrt. Hört er mit diesem Angeln und Jagen nach dem Ego auf, dann erlangt er seine erste, wirkliche Gelegenheit zu spirituellem Wirken im inneren und äußeren Leben. Dies wird jedoch nicht genügen, aber es ist ein Anfang, ein wahres Tor und keine Scheintür.

Eine spiritualisierte Gesellschaft würde, wie es ihre spirituellen Individuen tun, nicht im Ego, sondern im Geist leben, nicht als ein kollektives Ego, sondern als kollektive Seele. Diese Freiheit von dem egoistischen Standpunkt wäre ihr erstes und wesentlichstes Merkmal. Eine solche Befreiung von der Selbstsucht aber wird nicht, wie man dies heute anstrebt, durch Überredung oder Zwang des Individuums zur Aufgabe seines persönlichen Wollens und Strebens erreicht, durch Unterwerfung der wertvollen und schwer erworbenen Individualität unter den kollektiven Willen, unter Ziele und Selbstsucht der Gesellschaft, indem der Einzelne, dem Opfer des Altertums gleich, gezwungen wird, seine Seele auf dem Altar dieses riesigen, gestaltlosen Idols darzubringen. Denn dies wäre nur das Opfer eines kleineren Egoismus für einen größeren – größer an Umfang, aber nicht notwendigerweise an Qualität und Wert. Ein kollektiver Egoismus, der die Summe ist der vereinten Egoismen aller, kann ebensowenig als Gott verehrt werden, denn er ist ebenso befleckt und oft als Fetisch hässlicher, barbarischer als die Selbstsucht des Einzelnen. Der spirituelle Mensch strebt danach, durch den Verlust des Egos das Selbst zu finden, das eins ist in allem, vollkommen und ganzheitlich in jedem. Er sucht durch ein Leben im Geist in das Bild seiner Vollendung hineinzuwachsen, und zwar als Individuum – das ist wichtig zu beachten –, obwohl seine Natur das All umfasst und bewusst in sich einschließt. In den alten indischen Schriften heißt es, dass Vishnu im zweiten Zeitalter, dem Zeitalter der Macht, als König, im dritten, dem Zeitalter des Ausgleichs, als Gesetzgeber, im Zeitalter der Wahrheit aber als Yajna herabsteigt, das heißt als Meister der Werke, die sich in den Herzen seiner Geschöpfe offenbaren. Dieses Königreich Gottes im Innern ist es, das Ergebnis der Findung Gottes in uns selbst und nicht in einem entfernten Himmel, das die Gesellschaftsordnung im Zeitalter der Wahrheit, dem spirituellen Zeitalter, bestimmen und ihr die äußere Gestalt geben wird.

Deshalb müsste eine Gesellschaft, selbst wenn sie erst am Anfang der Spiritualisierung stände, die Offenbarung und Entdeckung des göttlichen Selbstes im Menschen als erstes Ziel aller ihrer Tätigkeit, Erziehung, Weisheit, Wissenschaft, Ethik und Kunst, aber auch ihrer wirtschaftlichen wie politischen Struktur stellen. Eine solche Erziehung würde in gewissem Umfang der kulturellen Erziehung der höheren Klassen in den alten Zeiten der Veden gleichen. Sie würde alles Wissen umfassen, aber das ganze Streben und Ziel, der alles durchdringende Geist wäre nicht auf weltliche Tüchtigkeit gerichtet, sondern auf diese Selbstentwicklung und Selbstfindung des Geistes. Sie würde physikalische und psychische Wissenschaft nicht allein betreiben, um Welt und Natur in ihren Vorgängen kennenzulernen und für materielle Zwecke der Menschheit einzusetzen, sondern um durch, in, unter und über allen Dingen das Göttliche in der Welt und die Wege des Geistes in und hinter seinen Masken kennenzulernen. Die Ethik würde sich zum Ziel setzen, nicht eine neue Ordnung des Tuns aufzustellen, sei es als Ergänzung oder teilweise auch zur Verbesserung des sozialen Gesetzes, denn das soziale Gesetz ist trotz allem nur eine oft grobe, unwissende Regel für das Verhalten der zweibeinigen Menschenherde, sondern um die göttliche Natur im menschlichen Wesen zu entwickeln. Die Kunst würde es zu ihrer Aufgabe machen, nicht nur Bilder der subjektiven und objektiven Welt zu gestalten, sondern sie in einer sinnvollen und schöpferischen Schau zu sehen, die ihre Erscheinungen durchdringt, und würde die ihr zugrunde liegende Wahrheit und Schönheit darstellen, deren Formen, Masken, Symbole und Sinnbilder die uns sichtbaren und unsichtbaren Dinge sind.

Eine spiritualisierte Gesellschaft würde in ihrer Soziologie das Individuum vom Heiligen bis zum Verbrecher nicht als Einheit eines sozialen Problems ansehen, die durch eine geschickt ausgedachte Maschinerie durchgedreht und entweder in eine soziale Form hineingepresst oder aus ihr herausgedrückt wird. Für sie handelte es sich vielmehr um leidende, in einem Netz gefangene Seelen, die zu retten sind, als wachsende Seelen, die von ihrem Wachstum ermutigt werden sollen, als bereits entwickelte Seelen, von denen die niederen, noch nicht reifen, Hilfe und Kraft erhalten können. Ziel ihrer Wirtschaft wäre nicht die Schaffung einer riesigen Produktionsmaschine, zum Zwecke des Wettstreits oder einer uneigennützigen Genossenschaft, sondern den Menschen nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten Freude an einer Arbeit zu geben, die ihnen entspricht, freie Muße zu innerem Wachstum und ein einfaches, reiches und schönes Leben für alle. Politik hieße für die spiritualisierte Gesellschaft nicht, die Nationen im Rahmen ihres eigenen, inneren Lebens als ungeheure Staatsmaschinen anzusehen, von Menschen betrieben, die um dieser Maschine willen leben und sie als ihren Gott, ihr größeres Selbst verehren, bereit beim ersten Anruf, andere auf ihrem Altar zu opfern und auch selbst dort zu verbluten, damit die Maschine unversehrt und mächtig bleibt und sogar noch größer, umfassender, nachhaltiger und mechanisch noch leistungsfähiger und ganzheitlicher gemacht wird. Die spiritualisierte Gesellschaft würde sich nicht damit zufriedengeben, dass diese Nationen oder Staaten in den gleichen gegenseitigen Beziehungen verblieben wie bisher, als schädliche Maschinen, die in Friedenszeiten Giftgas aufeinander loslassen und in Zeiten der Auseinandersetzung auf die Bewaffneten und die Millionen Unbewaffneten des anderen Volkes losstürzen mit geladenen Waffen, als Menschen, deren Aufgabe das Morden ist, wie feindliche Panzer auf den neuzeitlichen Schlachtfeldern. Für sie sind die Menschen Gruppenseelen, die die Gottheit in sich schließen und die sich selbst als menschliche Kollektivwesen entdecken, Gruppenseelen, die wie das Individuum ihrer eigenen Natur entsprechend wachsen und durch dieses Wachstum sich selbst gegenseitig und damit der ganzen Menschheit bei dem gemeinsamen Werk helfen sollen. Und dieses Werk wäre die Entdeckung des göttlichen Selbstes in Individuum und Kollektiv, die spirituelle, mentale, vitale und materielle Vollendung der größten, weitesten, reichsten und tiefsten Möglichkeiten in dem inneren Leben aller und in ihrer äußeren Tätigkeit und Natur.

Denn in das Göttliche, das ihnen innewohnt, müssen Mensch und Nation hineinwachsen. Es ist nicht eine äußere Idee oder Regel, die ihnen von außen auferlegt werden muss. Deshalb wird das Gesetz des Wachstums der inneren Freiheit im spirituellen Zeitalter der Menschheit als das entscheidende angesehen werden. Es ist richtig, dass der Mensch, solange er nicht der Selbsterkenntnis wirklich nahegekommen ist und sich darauf eingestellt hat, dem Gesetz des äußeren Zwanges nicht entrinnen kann und alle seine Bemühungen hierzu vergeblich wären. Solange dies andauert, ist er – und muss es sein – der Sklave anderer, der Sklave seiner Familie, seiner Kaste, seines Clans, seiner Kirche, der Gesellschaft und der Nation. Er kann nichts anderes sein, und auch diese können nichts anderes tun, als ihren harten, mechanischen Zwang auf ihn auszuüben, weil sie und er Sklaven ihres eigenen Egos, ihrer eigenen, niederen Natur sind. Wir müssen den Drang des Geistes fühlen und ihm gehorchen, wollen wir unser inneres Recht durchsetzen, fremdem Zwang zu entrinnen. Wir müssen unsere niedere Natur zum willigen Sklaven, zum bewussten und erleuchteten Werkzeug oder zum edlen, dem eigenen Selbst aber noch unterworfenen Teil, Gefährten oder Partner des göttlichen Wesens in uns machen. Denn diese Unterwerfung ist die Bedingung für unsere Freiheit, da spirituelle Freiheit nicht eine egoistische Bestätigung unseres eigenständigen Mentals und Lebens zulässt, sondern Gehorsam gegenüber der Göttlichen Wahrheit in uns fordert, in unseren Gliedern und in allem, das uns umgibt. Doch dürfen wir dabei nicht vergessen, dass Gott die Freiheit der natürlichen Glieder unseres Wesens achtet und ihnen den Raum zum Wachstum in ihre eigene Natur zubilligt, so dass diese durch natürliches Wachstum und nicht durch Selbstauslöschung das Göttliche in sich selbst zu finden vermögen. Die Unterwerfung, die sie letztendlich vollkommen und unbedingt bejahen, muss die freiwillige Unterwerfung der Anerkennung und Sehnsucht sein nach der eigenen Lichtquelle und Kraft, nach dem höchsten Wesen in ihnen selbst. Darum können wir auch in einem noch nicht erneuerten Staat feststellen, dass jenes Wachsen und Tun das gesündeste, wahrste und lebendigste ist, das in größtmöglicher Freiheit geschieht, und dass jedes Übermaß an Zwang entweder dem Gesetz allmählicher Atrophie folgt oder als Ausbruch einer Tyrannei anzusehen ist, die sich nur durch die größte Unordnung wieder verändert oder heilen lässt. Durch die Erkenntnis des eigenen spirituellen Selbstes, oft auch schon durch ernstes Streben nach ihr, befreit sich der Mensch, wie frühen Religionen und frühem Wissen bekannt war, von dem äußeren Gesetz und tritt in die Ordnung der Freiheit ein.

Ein spirituelles Zeitalter der Menschheit wird diese Wahrheit erfahren. Es wird nicht versuchen, den Menschen durch die Maschine vollkommen zu machen oder ihm durch Fesselung seiner Glieder Haltung zu geben. Es wird dem Einzelnen in der Gesellschaft sein höheres Selbst nicht in Gestalt eines Polizisten, Beamten oder Offiziers vorhalten, noch etwa in Form einer sozialistischen Bürokratie oder einer sowjetischen Arbeiterregierung. Sein Ziel wird es sein, möglichst schnell und weitgehend den äußeren Zwang im menschlichen Leben durch Erweckung des inneren göttlichen Dranges des Geistes zu vermindern und alle vorbereitenden Mittel für dieses Ziel einzusetzen. Am Ende wird das spirituelle Zeitalter vor allem, wenn nicht ausschließlich, den spirituellen Einfluss einsetzen, den das spirituelle Individuum – und wie viel mehr sollte dies nicht eine spirituelle Gesellschaft zu tun vermögen – auf seine Umwelt auszuüben vermag. Dieser Einfluss wird in uns trotz aller inneren Widerstände und äußerer Verneinung die Kraft des Lichtes, die Sehnsucht und den Willen wecken, durch die eigene Natur hindurch zum Göttlichen hin zu wachsen. Denn in der vollkommen spiritualisierten Gesellschaft werden, wie von den spirituellen Anarchisten erträumt wird, alle Menschen zutiefst frei sein, und dies wird geschehen, weil die Voraussetzung hierzu erfüllt wurde. Dann wird jeder Mensch nicht sich selbst Gesetz sein, sondern er wird das Gesetz sein, das göttliche Gesetz, weil er eine in der Göttlichen Wirklichkeit lebende Seele ist und nicht ein Ego, das vor allem, wenn nicht ausschließlich, für die eigenen Interessen und Zwecke lebt. Sein Leben wird von dem Gesetz seiner eigenen göttlichen Natur bestimmt werden, die von dem Ego befreit ist.

Dies bedeutet nicht, dass alle menschliche Gesellschaft in die isolierte Handlung von Einzelnen aufgesplittert wird. Denn das dritte Wort des Geistes ist Einheit. Spirituelles Leben ist die Frucht nicht einer gestaltlosen, sondern einer bewussten und vielfältigen Einheit. Jeder Mensch muss in sich selbst durch sein eigenes individuelles Sein in die Göttliche Wirklichkeit hineinwachsen. Darum bedarf der Einzelne in seiner Entwicklung eines gewissen zunehmenden Maßes an Freiheit. Darum ist vollkommene Freiheit Anzeichen und Bedingung eines vollkommenen Lebens. Das Göttliche aber, das der Einzelne in sich selbst erkennt, erschaut er auch in allen anderen und als den gleichen Geist in allen. Darum ist eine wachsende innere Einheit mit den anderen für sein Wesen notwendig und eine vollkommene Einheit Zeichen und Bedingung des vollkommenen Lebens. Dem vollkommenen Gesetz des spirituellen Wesens entspricht nicht nur, das Göttliche in sich selbst zu schauen und zu finden, sondern auch in allen anderen, nicht nur nach der eigenen, individuellen Befreiung oder Vollendung zu streben, sondern auch nach der Befreiung und Vollendung der anderen. Wäre die gesuchte Göttlichkeit eine gesonderte Gottheit in uns selbst und nicht das eine Göttliche, oder suchte der Einzelne Gott für sich selbst allein, dann freilich könnte ein ungeheurer Egoismus das Ergebnis sein, der olympische Egoismus Goethes, der titanische Egoismus in der Vorstellung Nietzsches oder das gesonderte Eigenwissen des Hochmütigen, die Askese des Einsiedlers. Wer aber Gott in allen sieht, wird im Dienst der Liebe Gott frei in allem dienen. Das bedeutet, dass er nicht nur seine eigene Freiheit erstreben wird, sondern die Freiheit aller. Er wird seine Individualität nur in der weitesten Allumfassung als vollendet empfinden, sein eigenes Leben nur in der Einheit mit dem universalen als erfüllt ansehen. Weder für sich selbst noch für den Staat und die Gesellschaft, weder für das individuelle Ego noch für das kollektive wird er leben, sondern für etwas viel Größeres, für Gott in sich selbst und für das Göttliche im Weltall.

Das spirituelle Zeitalter wird anbrechen, wenn das allgemeine Mental des Menschen beginnt, für diese Wahrheit allgemein aufgeschlossen zu sein, wenn es von diesem dreifachen oder dreieinigen Geist erfasst wird oder erfasst zu werden wünscht. Dies bedeutet, dass das Zeitalter der sozialen Entwicklung endet, die wir in ihren unvollkommenen Wiederholungen verfolgt haben, und fortschreitet auf einer neuen aufsteigenden Linie zum neuen Ziele hin. Nachdem die Entwicklung – unserer Annahme entsprechend –, mit einem symbolischen Zeitalter begonnen hatte, in dem der Mensch eine große Wirklichkeit hinter allem Leben empfand, die er in Symbolen zu fassen suchte, wird sie ein Zeitalter erreichen, in dem sie in dieser Wirklichkeit lebt, nicht mit Hilfe von Symbolen noch durch die Kraft einer Norm, einer Übereinkunft oder der individuellen Vernunft und des intellektuellen Willens, sondern in unserer eigenen, höchsten Natur. Dies wird die Natur jener Wirklichkeit sein, die sich in den Bedingungen des irdischen Daseins – die nicht die gleichen wie die augenblicklichen sein müssen – erfüllt. Die Religionen haben dieses mit mehr oder weniger Intuition erkannt, am häufigsten aber – wie in einem dunklen Spiegel – als Königreich Gottes auf Erden empfunden, als inneres Königreich, das im Geist des Menschen ruht und das deshalb – denn das eine ist das materielle Ergebnis der Wirksamkeit des anderen – zugleich auch ein äußeres Königreich im Leben der Völker ist.

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