Kapitel 8
Weitere Anleitungen
Seine Mitte verlegen
Worte Sri Aurobindos
Damit diese Umwandlung aber ihre weiteste Vollständigkeit und ganze Tiefe erlangen kann, muss das Bewusstsein seine Mitte, seine statische und dynamische Position, von der Außenseite in das innere Wesen verlegen. Hier müssen wir die Grundlage für unser Denken, Leben und Handeln finden, denn es kommt zu keiner ausreichenden Transformation, wenn wir draußen in unserer vordergründigen Person verbleiben und vom inneren Wesen her nur Anregungen empfangen und befolgen. Man muss aufhören, die Persönlichkeit der Außenseite zu sein. Man muss zur inneren Person, zum Purusha werden. Das ist aber aus zwei Gründen schwierig. Erstens weil die äußere Natur dieser Bewegung Widerstand entgegenstellt und sich an ihr normales gewohntes Kräfte-Verhältnis und an die veräußerlichte Art des Daseins klammert. Zweitens weil es ein langer Weg von der Außenseite in die Tiefen ist, in denen sich das seelische Wesen vor uns verhüllt und weil dieser Zwischenraum von der subliminalen Natur und ihren Bewegungen erfüllt ist, die keineswegs alle unser völliges Eindringen in das Innere begünstigen.
Beruhigende Läuterung der äußeren Natur
Worte Sri Aurobindos
Die äußere Natur muss sich einer Umwandlung ihres bisherigen Kräfte-Ausgleichs unterziehen. Sie muss ihre Substanz und Energie stilllegen, läutern und in etwas Feineres verwandeln, wodurch die vielen Widerstände in ihr seltener werden, entfallen oder sonstwie verschwinden. Dann wird es möglich, durch sie hindurch in die Tiefen unseres Wesens einzudringen. Von den so gewonnenen Tiefen her kann ein neues Bewusstsein gebildet werden, das sowohl hinter dem äußeren Selbst wie in ihm wirkt und die Tiefen mit der Oberfläche vereinigt. In uns muss ein Bewusstsein emporwachsen oder sich offenbaren, das immer mehr aufgeschlossen ist für das tiefere und höhere Wesen, das empfänglicher wird für das kosmische Selbst, für seine Macht und für alles, was aus der Transzendenz herabkommt, das sich hinwendet zu einem höheren Frieden, durchlässig wird für mehr Licht, Kraft und Entzücken – ein Bewusstsein, das über die kleine Persönlichkeit hinauswächst und das begrenzte Licht und die begrenzte Erfahrung des vordergründigen Mentals, die beschränkte Stärke und Sehnsucht des Lebens-Bewusstseins und die dunkle und begrenzte Reaktionsfähigkeit des Körpers übertrifft.
Gefahren durch gewaltige Anstrengung
Worte Sri Aurobindos
Aber schon bevor diese beruhigende Läuterung der äußeren Natur wirksam oder ausreichend wurde, kann man durch die Gewalt von Anrufung und Erstreben, durch stürmischen Willen, gewaltige Anstrengung, wirkungsstarke Selbstzucht oder einen Denkvorgang die Wand niederbrechen, die unser inneres Wesen gegen unser äußeres Bewusstsein abschirmt. Diese Bewegung mag aber unzeitig früh unternommen werden und ist dann nicht ohne ernstliche Gefahren. Wenn man in den inneren Bereich eindringt, kann man sich mitten in einem Chaos übernormaler Erfahrungen finden, mit denen man nicht vertraut ist und zu deren Verständnis man keinen Schlüssel besitzt. Oder der Druck subliminaler oder kosmischer Kräfte, die unterbewusst, mental, vital, subtil-physisch sind, kann das Wesen übermäßig beeinflussen und hin- und hertreiben. Sie können es in einer Höhle mit Finsternis umgeben, in einer Wüste von Verzauberung, Verführung und Trug herumirren lassen oder auch in ein düsteres Schlachtfeld stoßen, das voll ist von verborgenen, verräterischen und irreführenden oder offen gewalttätig auftretenden Widersachern. Vor den inneren Sinnen, dem Schauen und Hören, mögen Wesen, Stimmen und Einflüsse erscheinen, die von sich behaupten, sie seien das Göttliche Wesen, seine Boten oder Mächte und Gottheiten des Lichts oder Führer auf dem Pfad zur Verwirklichung. In Wahrheit sind sie aber von ganz anderer Art. Ist zu viel Egoismus in der Natur des Suchenden, eine starke Leidenschaft, übermächtiger Ehrgeiz, Eitelkeit oder eine andere ihn beherrschende Schwäche oder ist sein Mental unklar, sein Wille schwankend, seine Lebenskraft schwach, ist er haltlos und unausgeglichen, dann wird er wahrscheinlich an diesen Schwächepunkten angegriffen: Er soll frustriert werden, abirren vom rechten Weg inneren Lebens und Suchens, auf falsche Pfade gelenkt werden oder auf den Irrwegen im Chaos seiner Erfahrungen im Zwischenbereich im Stich gelassen werden und den Ausweg in die wahre Verwirklichung verfehlen. Diese Gefahren waren der vergangenen spirituellen Erfahrung wohl bekannt. Man trat ihnen entgegen, indem man auf die Notwendigkeit von Initiation, Disziplin, Methoden der Läuterung, auf den Test durch das Gottes-Urteil drängte. Man musste sich ganz den Weisungen dessen unterwerfen, der den Pfad gefunden hatte und ihn führte, der die Wahrheit erkannt hatte und sie selbst besitzt, der das Licht, die Erfahrung übermitteln kann, eines Führers, der stark genug ist, den Suchenden bei der Hand zu nehmen und über schwierige Übergänge hinwegzuführen wie auch den Weg zu lehren und auf ihn hinzuweisen.
Zeichen für die Bereitschaft zur Umwandlung
Worte Sri Aurobindos
Trotzdem werden die Gefahren weiterbestehen. Wir können sie nur überwinden, wenn in uns völlige Aufrichtigkeit wächst, der Wille zur Läuterung, die Bereitschaft, der Wahrheit zu gehorchen, sich dem Höchsten völlig zu übergeben und das einengende und sich behauptende Ego aufzugeben oder einem göttlichen Joch zu unterwerfen. Diese Dinge sind ein Zeichen dafür, dass der wahre Wille zur Verwirklichung, zur Umwandlung des Bewusstseins und zur Transformation erlangt worden ist. In einer solchen Verfassung können die Mängel der Natur, die zum menschlichen Wesen gehören, kein dauerndes Hindernis gegen die Umwandlung vom mentalen in den spirituellen Zustand sein. Der Prozess mag nie ganz leicht sein. Doch ist der Weg nun erschlossen und gangbar gemacht worden.