Kapitel 8

Shastra und jenseits des Shastra

Worte Sri Aurobindos

Die Bedeutung des Shastra besteht darin, dass es einen Maßstab außerhalb von uns aufstellt, der verschieden ist von unseren persönlichen Begehrlichkeiten, Vernunftgründen, Leidenschaften und Vorurteilen, also außerhalb steht von unserem Egoismus und unserem eigensüchtigen Willen. Wenn wir unser Leben im richtigen Geist diesem Sittengesetz unterstellen, dann können wir nicht nur die Selbstbeherrschung erlangen, sondern wir können selbst das höhere, lichtvollere – sattwische – Ego, ahankara, auf ein Mindestmaß herabsetzen und uns so auf die Befreiung vorbereiten. In den „Alten Zeiten“ war das Shastra das Sittengesetz der Veden – Vedika Dharma. Es beruhte auf einem gründlichen Wissen von der Psychologie des Menschen und von den Gesetzen des Weltenlaufes. So offenbarte es dem Menschen sein eigenes Wesen und zeigte ihm, wie er im Einklang mit seiner Natur leben solle. Nach diesen offenbarten Gesetzen kamen später die von den Menschen verfassten Sittengesetze, Smritis, welche dasselbe Ziel auf eine viel gröbere Weise dadurch zu erreichen suchten, dass sie die Menschen aufgrund von allgemeinen Charaktertypen in die vier Gesellschaftsklassen, Kasten, einteilten, caturvarnya, von denen die Veden sprechen. Heute ist davon kaum mehr etwas anderes übrig als nur eine blinde mechanische Sitte und eine zum Gewohnheitsrecht erstarrte Sozialordnung –, nicht mehr von erleuchteter, sattwischer Art,sondern von düsterer Trägheit, tamas. Dieses ist keine Disziplin mehr, die auf die Befreiung vorbereitet, sondern es wurde zur reinen Fessel für die Menschen.

So kann selbst das höchste Sittengesetz, Shastra, für die Zwecke des Egoismus missbraucht werden: für den Egoismus der Tugendhaftigkeit und für den Egoismus des Vorurteils und persönlicher Auffassungen. Bestenfalls ist das Sittengesetz ein starkes Mittel zur Vorbereitung auf die Befreiung. Es ist dann der „Brahma, der durch die ursprüngliche Wortenergie wirkt“, sabda-brahma. Wir dürfen uns aber mit einer bloßen Vorbereitung auf die Befreiung nicht zufrieden geben. Sobald uns die Augen geöffnet sind, müssen wir zur tatsächlichen Befreiung vorwärts eilen. Die befreite Seele und der Sadhak, der nach der Befreiung trachtet, und der auch seine Handlungen völlig Gott überantwortet hat, erreicht „die Höhe jenseits vom höchsten Sittengesetz“, sabdabrahmativartate.

Der Sadhaka des Integralen Yoga soll sich daran erinnern, dass kein geschriebenes Shastra mehr sein kann als ein nur teilweiser Ausdruck des ewigen Wissens, wenn auch seine Autorität noch so groß und sein Geist noch so umfassend ist. Er wird es also verwenden; er wird sich aber an keine, auch nicht an die höchste Schrift binden. Wo die Schrift tief, weit und umfassend ist, kann sie auf ihn Einfluss zum höchsten Guten ausüben und von unberechenbarer Wichtigkeit sein. Sie mag sich in seiner Erfahrung mit seinem eigenen Erwachen zu überragenden Wahrheiten und mit seiner Verwirklichung der höchsten Erfahrungen vereinigen. Sein Yoga kann lange Zeit hindurch von einer einzelnen oder von mehreren Schriften nacheinander bestimmt werden. Wenn der Yoga der Linie der großen Hindu-Tradition folgt, kann das etwa durch die Gita, die Upanishaden oder den Veda geschehen. Ein großer Teil der Entwicklung des Yogin kann in seinem Material auch eine reich variierte Erfahrung der Wahrheiten vieler Schriften umfassen; so kann er seine Zukunft durch all das bereichern, was das Beste in der Vergangenheit ist. Schließlich muss er aber doch seinen eigenen Standpunkt einnehmen, oder besser: Er soll, wenn er es vermag, immer und von Anfang an in seiner eigenen Seele leben, jenseits der Begrenzungen des von ihm gebrauchten Wortes. Die Gita erklärt deshalb, dass der Yogin in seiner Entwicklung unabhängig von der geschriebenen Wahrheit sein muss – sabdabrahmativartate –, über allem stehend, was er je hörte und noch zu hören bekommt – srotavyasya srutasya ca. Denn er ist nicht der Sadhaka eines Buches oder vieler Bücher; er ist der Sadhaka des Unendlichen.

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