Kapitel 8

Himmel und Hölle, geschaffen von Religionen

(Ein Kind) Kommen die Menschen nach dem Tod in die vitale Welt, doch die, die Gutes tun, in das Paradies?

Wo ist dein Paradies? Wer hat dich denn das gelehrt? Hat man dir vom Himmel, von der Hölle, vom Fegefeuer erzählt?

Meistens sagen das die Priester der Religionen den Gläubigen, um sie zu ermuntern, Gutes zu tun. Denn es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass das Leben für die Guten nicht leichter ist als für die Schlechten. Meistens ist es das Gegenteil: Die Schlechten haben mehr Erfolg als die Guten! Also sagen sich die Leute, die nicht sehr spirituell sind: „Warum soll ich mir Mühe geben, gut zu sein? Es ist besser, ich bin schlecht, und mein Leben ist leicht.“ Man kann ihnen nur sehr schwer klar machen, dass es mehrere Arten des Guten gibt und dass es sich manchmal doch lohnt, sich anzustrengen, um gut zu sein. Um das den weniger Intelligenten verständlich zu machen, sagt man ihnen: „Also, das ist ganz einfach. Wenn ihr recht gehorsam, recht lieb, recht selbstlos seid, wenn ihr immer gute Werke vollbringt und zudem an das Dogma glaubt, das wir euch lehren, dann also wird Gott euch in das Paradies schicken, wenn ihr sterbt. Seid ihr manchmal guten Willens und manchmal böswillig, tut ihr manchmal Gutes, manchmal auch nicht, denkt ihr viel an euch und sehr wenig an die anderen, schickt man euch, wenn ihr sterbt, ins Fegefeuer, damit ihr dort eine andere Erfahrung macht. Sodann, wenn ihr grundschlecht seid, wenn ihr den anderen die ganze Zeit Böses zufügt, wenn ihr alles mögliche Böse anstellt und euch um niemandes Wohl kümmert, und wenn ihr vor allem nicht an das Dogma glaubt, das wir euch lehren, dann kommt ihr direkt in die Hölle, und zwar für die Ewigkeit.“

Dies ist eine der schönsten Erfindungen, von denen ich je gehört habe: Sie haben die ewige Hölle erfunden. Das heißt, wenn man einmal in der Hölle ist, ist man es auf ewig. … Verstehst du, was das bedeutet, ewig? – Du wirst gefoltert und verbrannt – in den heißen Ländern wirst du verbrannt, in den kalten Ländern gefroren –, und zwar für die Ewigkeit. Da hast du‘s! Ich weiß nun nicht, wer dir diese netten Geschichten beigebracht hat. Das sind doch bloß Erfindungen, um die Leute zum Gehorsam zu bringen, um sie unter Kontrolle zu halten.

Es gibt Lehren, die nicht so sind. Manche Religionen sind nicht so. Nun, man kann immerhin poetisch, bildlich, bildhaft beschreibend von einem Himmel oder Paradies reden, denn mit diesem Himmel ist ein wunderbarer Ort gemeint, wo höchste Freude, höchstes Glück und größtmögliche Geborgenheit herrschen. … Und überdies kommt es auf die Religion an, zu der man gehört: Denn es gibt Himmel, wo man seine Zeit damit verbringt, das Lob Gottes zu singen – und man tut nichts anderes –, auf die Dauer muss das wohl etwas langweilig werden. Wie auch immer, man verbringt seine Zeit mit Musizieren und mit Singen zum Lobe Gottes. Umgekehrt genießt man in anderen Himmeln alle möglichen Freuden: Alles, was man sich im Leben gewünscht hat, bekommt man im Himmel. Es gibt Himmel, wo man ständig in glückseliger Meditation versunken ist – doch für Leute, die keinen großen Wert auf das Meditieren legen, muss das eher langweilig sein. Wie auch immer, man hat alles Mögliche erfunden, damit die Leute richtig Lust bekommen, artig zu sein und die Gesetze zu befolgen, die man ihnen gegeben hat.

Und die menschliche Vorstellungskraft ist so schöpferisch, so formgebend, dass es auf der Welt Orte gibt, die diesen Himmeln gleichen. Manche Orte dagegen sind wie diese Höllen und manche Orte wie diese Fegefeuer. Der Mensch erschafft völlig frei, was er sich vorstellt. Wenn es dir gelingt, dein Bewusstsein zu erleuchten, kannst du aus diesen Orten herausgezogen werden. Im anderen Fall bleibst du dort eingeschlossen, gefangen durch den Glauben, den du hattest, als du noch lebtest. Du wirst sagen, das entspreche doch einer Daseinsform, doch ist das ein völlig trügerisches und äußerst begrenztes Dasein. Wirklich ist das nur für die, die so denken. Sobald man anders denkt, existiert eins für einen nicht mehr. Man kann da herauskommen. Man kann von diesen Plätzen weggeholt werden und merkt dann plötzlich, dass man in seiner eigenen Formation eingeschlossen war.

Die Menschen haben eine außerordentliche Gestaltungskraft. Sie haben einen ganzen Komplex von Gottheiten nach ihrem Bilde geschaffen, die mit den gleichen Fehlern behaftet sind wie die Menschen und im Großen das tun, was Menschen auch tun, nur machtvoller. Diese Wesen haben eine relative Existenz, die freilich unabhängig ist, so wie unser Denken. Wenn du einen Gedanken, eine wohlgestaltete mentale Formation hast, die du aus dir herauslässt, wird sie eine unabhängige Wesenheit, und dann setzt sie ihren Weg fort und tut das, wofür sie geschaffen wurde. Unabhängig von dir setzt sie ihr Handeln fort. Daher muss man sich in acht nehmen. Wenn du eine solche Formation bildest und sie ist fort, ist sie deshalb fort, um ihr Werk zu verrichten. Und nach einer gewissen Zeit merkst du, dass es vielleicht nicht sehr glücklich war, so zu denken, dass diese Formation nicht sehr vorteilhaft war. Diese Formation wieder einzufangen ist sehr schwer. Du musst über ein beträchtliches okkultes Wissen verfügen. Sie ist fort und geht ihren Weg. Nehmen wir an, in einem Augenblick großer Wut, wenn du furchtbar zornig auf jemanden bist, sagst du: „Ach, wenn ihm nur ein Unglück zustieße!“ Deine Formation ist fort, und du hast keine Kontrolle mehr über sie. Sie geht und organisiert das eine oder andere Unglück. Sie tut das Ihrige. Und nach einiger Zeit geschieht dieses Unglück. Glücklicherweise hat man nicht genügend Kenntnis, um sich sagen zu können: „Ach, ich bin dafür verantwortlich!“ Aber das ist die Wahrheit.

Man muss dabei beachten, dass diese Formationskraft einen großen Vorteil hat, wenn man sich ihrer zu bedienen weiß. Du kannst gute Formationen bilden, und wenn du sie passend machst, wirken sie auf die gleiche Art wie die anderen. Du kannst den Menschen viel Gutes tun, vielleicht um ein Vielfaches mehr, wenn du einfach ruhig in deinem Zimmer sitzt, statt äußerlich viel Aufhebens zu machen. Wenn du korrekt, kraftvoll, intelligent und gütig denken kannst und du liebst jemanden und bist ihm ganz tief und aufrichtig, von ganzem Herzen zugetan, nutzt ihm das sehr, gewiss weitaus mehr, als du denkst. Ich habe es schon oft gesagt, besonders jenen, die hier sind: Sie erfahren, dass ein Familienmitglied sehr krank ist und wollen in ihrem kindlichen Impuls sofort dort hineilen, um den Kranken zu pflegen. Solange es sich nicht um einen außergewöhnlichen Fall handelt und niemand da ist, der sich um den Kranken kümmert – und sogar noch in diesem Fall –, du die richtige Geisteshaltung bewahren kannst und dich mit Zuneigung und gutem Willen auf den Kranken konzentrierst, wenn du für ihn beten und wohltätige Formationen zu bilden vermagst, tust du ihm weitaus mehr Gutes, als ihn zu pflegen und zu füttern und ihm beim Waschen zu helfen – all das, was jeder zu tun vermag. Jeder kann jemanden pflegen. Aber nicht jeder kann gute Formationen bilden und Kräfte aussenden, die heilsam sind.

Auf jeden Fall, und damit kommen wir wieder auf unseren Himmel zurück, ist er eine kindische Entstellung – aus Unwissenheit oder Diplomatie – von etwas in einem gewissen Sinne Wahrem, das sich aber ganz anders verhält… Wir haben in uns viele Seinszustände, und jeder Seinszustand hat sein Eigenleben. Dies alles ist in einem einzigen Körper vereinigt, solange man einen Körper hat und durch diesen einen Körper handelt. Dadurch bekommt man den Eindruck, das sei eine einzige Person, ein einziges Wesen. Doch sind es viele, und vor allem gibt es Konzentrationen auf verschiedenen Ebenen: Ebenso wie man ein physisches Wesen hat, hat man ein vitales Wesen, ein mentales Wesen, hat man ein seelisches Wesen und viele andere und alle möglichen Zwischenstufen. Doch ist das etwas kompliziert, du kannst es nicht verstehen. Angenommen, du lebst ein Leben voller Begierden, Leidenschaften und Triebe: Dann überwiegt in dir das vitale Wesen. Lebst du aber mit einer spirituellen Bemühung, mit einem starken guten Willen, mit dem Wunsch, Gutes in einer selbstlosen Weise zu tun, und einem Willen zum Fortschritt, dann überwiegt in dir das seelische Wesen. Wenn du nun deinen Körper verlässt, zerstreuen sich alle diese Wesen. Erst wenn man ein sehr fortgeschrittener Yogi und fähig ist, sein Wesen um das göttliche Zentrum zu vereinigen, bleiben diese Wesen miteinander verbunden. War man zu dieser Einung nicht imstande, wird das alles im Augenblick des Todes auseinandergehen: Jedes Wesen kehrt in seinen Bereich zurück. Was zum Beispiel das vitale Wesen betrifft, werden sich deine verschiedenen Wünsche trennen, und jeder eilt seiner Verwirklichung zu, ganz unabhängig, denn kein physisches Wesen hält sie mehr zusammen. Hast du aber dein Bewusstsein mit dem seelischen Bewusstsein vereint, bleibst du dir deines seelischen Wesens bewusst, wenn du stirbst, und das seelische Wesen kehrt in die seelische Welt zurück, die eine Welt der Glückseligkeit, der Freude, des Friedens, der Ruhe und eines wachsenden Wissens ist. Wenn du das einen Himmel nennen willst, ist es sehr gut. Denn es ist tatsächlich so: Je stärker du dich mit deinem seelischen Wesen identifizierst, umso bewusster wird es dir und umso enger bist du mit ihm verbunden. Es ist unsterblich, und es geht in seinen Bereich der Unsterblichkeit, um sich an einem Leben oder einer Ruhe vollkommenen Glücks zu erfreuen. Wenn du das als Paradies bezeichnen möchtest, so tue dies. Bist du gut, bist du dir des seelischen Wesens bewusst geworden und lebst du in ihm, nun, dann wirst du, wenn dein Körper stirbt, mit deinem seelischen Wesen im Zustand der Glückseligkeit in der seelischen Welt ausruhen.

Hast du aber im Vital gelebt mit all seinen Trieben, wird jeder Trieb versuchen, sich hier oder dort zu verwirklichen… Der Geizige zum Beispiel, der nur an sein Geld dachte: Wenn er stirbt, setzt sich der Teil seines Vitals, der am Geld interessiert war, dort fest und bleibt dort, um über das Geld zu wachen, damit es keiner nimmt. Die Leute sehen ihn nicht, dennoch ist er da und sehr unglücklich, wenn seinem geliebten Geld etwas zustößt. Eine Dame, mit der ich sehr gut bekannt war, besaß ein gewisses Vermögen und hatte Kinder. Es waren fünf Kinder, eines verschwenderischer als das andere. So sehr sie darauf geachtet hatte, sich ein Vermögen zu schaffen, so sehr schienen sie für dessen Vergeudung zu sorgen. Sie warfen damit um sich. Und als nun diese arme alte Dame starb, suchte sie mich auf und sagte: „Ach, jetzt verschwenden sie mein ganzes Geld!“ Und sie war ganz unglücklich. Ich konnte sie etwas trösten, hatte aber große Mühe, sie davon abzubringen, ihr Geld zu bewachen, dass es nicht verschwendet würde.

In den unsichtbaren Welten gibt es auch Bereiche, die das Ergebnis menschlicher Mentalformationen sind. Man kann da alles finden, was man will. Tatsächlich findet man sehr häufig gerade das, was man erwartet. Es gibt Höllen, es gibt Himmel, es gibt Fegefeuer. Da ist alles, je nach den verschiedenen Religionen und ihren Vorstellungen. Diese Dinge haben nur einen sehr relativen Bestand, ihre Bedingtheit entspricht aber den materiellen Dingen hier. Das heißt, für den, der sich dort befindet, sind sie durchaus wirklich, und ihre Wirkungen sind durchaus greifbar. Eine innere Befreiung, eine Ausweitung des Bewusstseins und ein Bezug zu einer tieferen und höheren Wahrheit ist nötig, um ihrer Scheinwirklichkeit entgehen zu können. Aber das entspricht nahezu dem, was hier passiert: Die Menschen sind zum größten Teil davon überzeugt, dass die einzige Wirklichkeit die physische Wirklichkeit ist – die Wirklichkeit dessen, was man berühren, was man sehen kann –, und für sie ist alles, was man nicht sehen, nicht berühren, nicht fühlen kann, im Grunde genommen problematisch. Ein ganz ähnliches Phänomen spielt sich dort ab. Die Menschen, die im Augenblick des Todes aus dem einen oder anderen Grund überzeugt sind, dass sie in einen Himmel oder auch in eine Hölle kommen, befinden sich dort nach ihrem Tod, und für sie ist es wirklich ein Himmel oder wirklich eine Hölle. Man hat die allergrößte Mühe, sie da wieder herauszubringen, damit sie an einen Ort gehen, der wahrer, wirklicher ist.

Weist Gott mir meinen Platz in der Hölle zu, wüsste ich nicht, warum ich nach dem Himmel trachten sollte. Er weiß am besten, was gut für mich ist. – Sri Aurobindo

Gibt es Himmel und Hölle?

Himmel und Hölle sind wirklich und unwirklich zugleich. Es gibt sie, und es gibt sie nicht.

Das menschliche Denken ist schöpferisch. Es verleiht der mentalen, der vitalen und sogar der feinstofflichen Substanz mehr oder weniger dauerhafte Formen. Diese sind eher Anschein als Wirklichkeit. Doch für jene, die sie denken, und noch mehr für jene, die daran glauben, haben sie ein genügend konkretes Dasein, um Wirklichkeit vorzutäuschen. Für die Gläubigen gewisser Religionen, die behaupten, es gebe eine Hölle, ein Paradies oder verschiedene Himmel, existieren diese Orte ganz objektiv, und bei ihrem Tod können sie für mehr oder weniger lange Zeit dorthin gehen. Doch handelt es sich dabei bloß um mentale Formationen ohne Dauer. Sie tragen nicht die ewige Wahrheit in sich.

Ich habe Himmel und Höllen gesehen, wohin einige Leute nach ihrem Tod gegangen sind, und es ist sehr schwer, ihnen verständlich zu machen, dass das nicht wahr ist. Einmal brauchte ich mehr als ein Jahr, um jemanden zu überzeugen, dass seine vermeintliche Hölle gar keine war, und ihn herauszuholen.

Die Hölle, von der Sri Aurobindo hier spricht, ist eher ein Bewusstseinszustand als ein Ort. Sie ist ein psychologischer Zustand, in den man sich selber versetzt.

Wie man einen Himmel beseligender Kommunion mit dem Göttlichen in sich tragen kann, kann man auch, wenn man nicht sorgsam die asurischen1 Züge in der eignen Natur zu meistern strebt, eine Hölle der Pein und der Trostlosigkeit in seinem Bewusstsein tragen.

Es gibt Augenblicke im Leben, wo alles um dich herum, Personen und Umstände, so dunkel, so widrig, so hässlich ist, dass dir jede Hoffnung auf eine höhere Verwirklichung schwinden will und die Welt unheilbar zu einer Nacht grausamen Hasses, blinden, hartnäckigen Unwissens und unverbesserlichen schlechten Willens verurteilt scheint. Dann kann man mit Sri Aurobindo sagen: „Gott hat mir einen Platz in der Hölle zugewiesen.“ Und mit ihm muss man auch, unter allen Umständen, wie furchtbar sie auch scheinen mögen, in der friedvollen Freude der völligen Hingebung an das Göttliche bleiben und in aller Aufrichtigkeit zum Herrn sagen: „Dein Wille geschehe.“

1 Von den Asuras, feindliche Wesen der mentalisierten Vitalebene.

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