Kapitel 7

Warum sind wir mit dem Sinn für Gut und Böse belastet?

Worte Sri Aurobindos

Das ist also der Ursprung und die Natur von Irrtum, Falschheit, Unrecht und Bösem im Bewusstsein und im Willen des Individuums: Ein begrenztes Bewusstsein, das aus dem Nichtwissen emporwächst, ist die Quelle des Irrtums. Persönliches Hängen an der Begrenzung und am daraus entstehenden Irrtum ist der Ursprung der Falschheit. Ein falsches Bewusstsein, das vom Lebens-Ego beherrscht wird, ist der Ursprung des Bösen. Es ist aber offensichtlich, dass ihr relatives Dasein nur eine äußere Erscheinung ist, die durch die kosmische Kraft in ihrem Drang nach einem evolutionären Selbst-Ausdruck herausgestellt wurde. Hier müssen wir nach der Bedeutung dieses Phänomens Ausschau halten. Denn das Hervortreten des Lebens-Egos ist, wie wir gesehen haben, ein Mechanismus der kosmischen Natur, um das Individuum durchzusetzen, um es herauszulösen aus der unbestimmten Massen-Substanz des Unterbewussten und um ein bewusstes Wesen auf der durch die Nichtbewusstheit vorbereiteten Grundlage erscheinen zu lassen. Das Prinzip der Lebens-Behauptung durch das Ego ist die notwendige Folge davon. Das individuelle Ego ist eine pragmatische und wirksame Erfindung, eine Übertragung des verborgenen Selbsts in die Begriffe des vordergründigen Bewusstseins oder ein subjektiver Ersatz für das wahre Selbst in unserer äußeren Erfahrung: Es ist durch die Unwissenheit von dem Selbst der anderen und von der inneren Divinität abgesondert. Dennoch wird es insgeheim zur evolutionären Vereinigung in der Verschiedenheit weitergetrieben. Obwohl es selbst endlich ist, hat es hinter sich den Impuls des Unendlichen. Aber dies überträgt sich in den Begriffen eines unwissenden Bewusstseins in den Willen, sich auszuweiten und grenzenlos endlich zu sein. Es will alles, was es kann, in sich hineinnehmen, in alles eindringen, es besitzen und auch selbst von diesem in Besitz genommen werden, wenn es sich dadurch befriedigt fühlen und in anderen oder durch sie wachsen kann. Oder es kann durch Unterwerfung das Wesen und die Macht anderer in sich hineinnehmen, dadurch eine Hilfe oder einen Impuls für seine Lebens-Behauptung, seine Lebens-Freude und die Bereicherung seines mentalen, vitalen oder physischen Daseins gewinnen.

Weil es aber als ein gesondertes Ego diese Dinge zu seinem eigenen Vorteil tut, und nicht durch bewussten Austausch, Gegenseitigkeit und Einigkeit, entstehen im Leben Zwietracht, Konflikt und Disharmonie. Deren Ergebnisse nennen wir das Unrecht und das Böse. Die Natur akzeptiert sie, weil sie notwendige Begleiterscheinungen der Evolution sind, unentbehrlich für das Wachstum des zerteilten Wesens. Sie sind die Ergebnisse der Unwissenheit, befördert durch ein unwissendes Bewusstsein, das sich auf die Zerteilung gründet, durch einen unwissenden Willen, der durch die Zerteilung wirkt, durch eine unwissende Daseins-Freude, die Lust hat an der Zerteilung. Die evolutionäre Absicht wirkt ebenso durch das Böse wie durch das Gute. Sie muss alles verwenden, weil eine Beschränkung auf ein begrenztes Gutes die beabsichtigte Evolution einsperren und verhindern würde. Sie gebraucht jedes verfügbare Material und tut mit ihm, was sie kann. Aus diesem Grunde sehen wir Böses aus Gutem und Gutes aus dem hervorgehen, was wir Böses nennen. Dass selbst jenes, das man für böse hielt, als gut anerkannt wird, und was man für gut hielt, als böse, kommt daher, dass unsere Maßstäbe für beides evolutionsbedingt, begrenzt und veränderlich sind. Es scheint also zunächst, als bevorzuge die evolutionäre Natur, die irdische kosmische Kraft, keinen dieser Gegensätze. Sie verwendet beide gleichermaßen für ihre Absicht. Und doch hat dieselbe Natur, die gleiche Kraft, den Menschen mit dem Sinn für Gut und Böse belastet und legt Nachdruck auf dessen Bedeutung: Offensichtlich hat also auch dieser Sinn einen Zweck in der Evolution. Auch er muss notwendig sein und dazu dienen, dass der Mensch gewisse Dinge hinter sich lässt und anderen zustrebt, bis er aus dem Guten und Bösen hervortreten kann in ein Gutes, das ewig und unendlich ist.

Wir benutzen Cookies

Wir verwenden auf unserer Website nur für den Betrieb notwendige sowie sogenannte Session Cookies, also ausdrücklich keine Werbe- oder Trackingcookies.

Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Website zur Verfügung stehen.