Kapitel 8

Warum ist die Schöpfung voller Falschheit?

Worte Sri Aurobindos

Eine Evolution aus dem Nichtbewussten muss nicht leidvoll sein, solange kein Widerstand vorhanden ist; sie kann ein bewusst langsames und harmonisches Aufblühen des Göttlichen sein. Man sollte erkennen können, wie schön die äußere Natur sein kann und auch gewöhnlich ist, obwohl sie anscheinend „nichtbewusst“ ist. Warum sollte das Wachsen des Bewusstseins in der inneren Natur von so viel Hässlichkeit und Bösem begleitet sein, das die Schönheit der äußeren Schöpfung verdirbt. Der Grund ist in einer Entstellung zu suchen, geboren aus der Unwissenheit, die mit dem Leben aufkam und sich im Mental vergrößerte – es ist die Falschheit, das Böse, die aus dem tiefen Schlaf der Nichtbewusstheit stammen und die deren Wirken vom Licht der verborgenen, doch ihr immer innewohnenden Bewusstheit trennten. Es hätte jedoch nicht so sein müssen, es sei denn aufgrund des alles beherrschenden Willens des Höchsten. Dies aber bedeutet, dass die Möglichkeiten der Entstellung durch die Nichtbewusstheit und Unwissenheit manifestiert werden mussten, da jede Möglichkeit sich irgendwo manifestieren muss, um eliminiert zu werden. Ist sie einmal eliminiert, dann wird die Göttliche Manifestation in der Materie größer sein als im anderen Fall, da sie alle Möglichkeiten, die in dieser komplizierten Schöpfung enthalten sind, verbinden wird, und nicht nur einige von ihnen, wie es in einer einfacheren und weniger komplizierten Schöpfung durchaus hätte sein können.

„Von Schönheit zu größerer Schönheit, von Freude zu größerer Freude durch besondere Anpassung der Sinne“ – ja, das wäre der normale, wenn auch langsame Verlauf einer göttlichen Manifestation in der Materie. „Misstönender Klang und störender Geruch“ sind das Ergebnis einer Disharmonie zwischen Bewusstsein und Natur, sie sind nicht eigentlich vorhanden; für ein befreites und harmonisches Bewusstsein wären sie, da ihm wesensfremd, nicht gegenwärtig und würden eine richtig entwickelte Seele und Natur nicht berühren. Selbst der „speiende Vulkan, das drohende Gewitter, der wirbelnde Zyklon“ sind in sich großartige und schöne Dinge und lediglich für ein Bewusstsein schädlich oder schrecklich, das unfähig ist, ihnen zu begegnen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen oder einen Pakt mit den Geistern des Windes und Feuers zu schließen. Du gehst davon aus, dass die Manifestation aus dem Nichtbewussten so zu sein habe, wie sie jetzt und hier ist, und dass keine andere Art Welt der Materie möglich war; doch die Harmonie der stofflichen Natur als solcher zeigt, dass es nicht notwendigerweise eine uneinige, böse, wütende, aufgewühlte und leidvolle Schöpfung sein muss. Das seelische Wesen, wäre es ihm erlaubt gewesen, sich von Anfang an im Leben zu manifestieren und die Evolution zu lenken, statt hinter dem Schleier verbannt zu sein, wäre die Grundlage einer ewig hervorströmenden Harmonie gewesen. Jeder, der die Seele einmal in sich wirken fühlte, frei von vitaler Einmischung, wird sofort erkennen, dass dies ihre Wirkung gewesen wäre, da ihre Wahrnehmung nicht irrt, ihre Wahl richtig und ihr Tun harmonisch ist. Es ist nicht so gekommen, da die dunklen Mächte das Leben zu etwas Forderndem, statt zu einem Instrument machten. Die Wirklichkeit der Feindlichen Mächte, die Art ihrer Rolle und die Richtung ihres Bestrebens kann von niemandem angezweifelt werden, dessen innere Schau entsiegelt wurde und der ihre unerquickliche Bekanntschaft machte.

Worte Sri Aurobindos

Unwissenheit bedeutet avidya, das trennende Bewusstsein und das egoistische Mental und Leben, die aus ihm hervorgehen, sowie alles Übrige, das diesem trennenden Bewusstsein und egoistischen Mental und Leben eigen ist. Diese Unwissenheit ist das Ergebnis einer Bewegung, durch die sich die kosmische Intelligenz vom Licht des Supramentals (der göttlichen Gnosis) trennte und damit die Wahrheit verlor – die Wahrheit des Seins, die Wahrheit des göttlichen Bewusstseins, die Wahrheit der Kraft und Tat, die Wahrheit des Ananda. Die Folge davon ist, dass wir an Stelle einer Welt integraler Wahrheit und göttlicher Harmonie im Licht der göttlichen Gnosis eine Welt errichtet haben, die auf den Teilwahrheiten einer niedrigeren kosmischen Intelligenz beruht, in welcher alles eine halbe Wahrheit und ein halber Irrtum ist. Sie wurde von Denkern der Vergangenheit, wie Shankara, die die größere Wahrheits-Kraft dahinter nicht wahrnahmen, als Maya stigmatisiert in der Meinung, es sei die höchste schöpferische Macht des Göttlichen. Im Bewusstsein dieser Schöpfung ist alles entweder begrenzt oder aber durch die Trennung vom integralen Licht entstellt; selbst die Wahrheit, die sie erkennt, ist nur ein Halb-Wissen. Daher wird sie die Welt der Unwissenheit genannt.

Falschheit hingegen ist nicht dieses avidya, sondern ihr extremstes Ergebnis. Sie wird von einer asurischen Macht geschaffen, die sich in diese Schöpfung einmischt, und ist nicht nur von der Wahrheit getrennt und daher in ihrem Wissen begrenzt und dem Irrtum offen, sondern befindet sich auch im Aufruhr gegen die Wahrheit oder aber ergreift diese lediglich, um sie zu entstellen. Diese Macht, die dunkle asurische Shakti oder rakshasische Maya gibt ihr entstelltes Bewusstsein als das wahre Wissen aus und seine vorsätzlichen Verzerrungen oder Verdrehungen der Wahrheit als die eigentliche Wirklichkeit der Dinge. Die Mächte und Personalitäten dieses entstellten und entstellenden Bewusstseins nennen wir feindliche Mächte oder feindliche Kräfte. Und wann immer diese Entstellungen, die sie aus dem Stoff der Unwissenheit schaffen, von ihnen als die Wahrheit der Dinge ausgegeben werden, bezeichnet man es im yogischen Sinn als Falschheit, mithya, moha, Lüge oder Täuschung.

Diese sind Kräfte und Wesen, die danach trachten, die Falschheiten, die sie in der Welt der Unwissenheit erschufen, aufrechtzuerhalten und sie als die Wahrheit auszugeben, der die Menschen zu folgen haben. In Indien werden sie Asuras, Rakshasas, Pishachas genannt (Wesen des jeweilig mentalisierten Vitals, des mittleren Vitals und der niederen vitalen Ebenen), die sich in Widerstreit mit den Göttern, den Mächten des Lichtes, befinden. Auch sie sind Mächte und auch sie haben ihr kosmisches Feld, in dem sie ihre Herrschaft und Tätigkeit ausüben; einige von ihnen waren einst göttliche Mächte (die früheren Götter, purve devah, wie sie im Mahabharata genannt werden), die durch ihr Aufbegehren gegen den göttlichen Willen, der hinter dem Kosmos steht, der Dunkelheit anheimfielen. Das Wort „Erscheinungen“ bezieht sich auf die Formen, die sie annehmen, um die Welt zu beherrschen – Formen, die oft falsch sind und immer die Falschheit verkörpern, manchmal auch pseudo-göttliche Formen.

Worte der Mutter

Man könnte sich fragen, ob es wirklich keine absolute Dummheit oder absolute Falschheit gibt, ob hinter den Dingen immer eine Wahrheit liegt, dass es keine absolute Falschheit gibt?

Es kann keine absolute Falschheit geben. Praktisch kann das nicht sein, weil das Göttliche hinter allem ist.

Das ist wie bei jenen, die fragen, ob bestimmte Elemente aus dem Universum verschwinden werden. Was kann das bedeuten, die Zerstörung eines Universums? Wenn wir aus unserer Narrheit herauskommen, was kann man dann noch als „Zerstörung“ bezeichnen? – Nur die Form, die Erscheinung wird zerstört (die Erscheinungen werden alle zerstört, eine nach der anderen). Es wird auch gesagt (es wird überall geschrieben, man erzählt vieles), dass die gegnerischen Kräfte entweder bekehrt werden, das heißt sie werden sich der Göttlichkeit in ihnen bewusst und werden göttlich, oder sie werden zerstört. – „Zerstört“, was heißt das?! Ihre Form? – Ihre Bewusstseinsform kann zerstört werden, aber das „Etwas“, wodurch sie existieren, wodurch alles existiert, wie könnte das je zerstört werden?… Das ist schwer zu begreifen, mein Kind. Das Universum ist eine Objektivierung, ein objektives Bewusst-Werden von Dem, das seit aller Ewigkeit besteht, also? Wie kann das Ganze aufhören zu sein? Es ist das Unendliche und Ewige Ganze, das heißt es hat in keiner Weise irgendwelche Grenzen – was kann das verlassen? Es gibt keinen Ort, wo es hingehen könnte! (Du siehst, darüber kann man sich den Kopf zerbrechen, so viel man will!) Wohin gehen? Es gibt nur DAS.

Worte der Mutter

(Mutter zeigt eine Skizze, die sie soeben zeichnete, um einen Abschnitt aus Savitri zu illustrieren, in dem Sri Aurobindo vom „sardonischen Lachen Gottes“ spricht.)

Ich wollte dieses „sardonische Lachen“ des Herrn sehen! So schaute ich, und anstelle eines sardonischen Lachens erblickte ich ein Gesicht… mit einem solch tiefen Schmerz – so tief und ernst – und voller Mitgefühl… Danach sagte ich mir (du erinnerst dich, es war da drüben, ich sah dies): „Die Falschheit ist der Schmerz des Herrn.“ Es war natürlich in der Erfahrung begründet, dass alles der Herr ist – es gibt nichts, was der Herr nicht sein könnte. Was bedeutet also dieses „sardonische Lachen“?… Ego schaute mir das an und erblickte dieses Gesicht.

Ich sollte als Vorlagen für Hs Gemälde Skizzen erstellen, und so machte ich die Skizze: „Die Falschheit ist der Schmerz des Herrn“.

(Mutter zeigt die Skizze, die das schmerzvolle Gesicht des Herrn darstellt. Langes Schweigen)

Sri Aurobindo hatte das Gefühl oder die Empfindung, dass das, was am weitesten vom Herrn entfernt ist… (ich stütze mich dabei die ganze Zeit auf diese Erfahrung, die sich sehr konkret als Empfindung der „Nähe“ oder des „Entfernt-seins“ äußert – keine gefühlsmäßige Entfernung, durchaus nicht, sondern etwas wie eine materielle Tatsache, allerdings keine räumliche Entfernung), nun, Sri Aurobindo selbst hatte den Eindruck, die Grausamkeit sei am weitesten entfernt. Davon fühlte er sich am fernsten, diese Schwingung schien ihm am weitesten weg von jener des Herrn.

Und trotzdem, es scheint sonderbar, aber selbst in der Grausamkeit spürt man noch die Schwingung der Liebe, einer entstellten Liebe. Weit hinter oder tief innerhalb dieser Schwingung der Grausamkeit existiert immer noch die Schwingung der Liebe – in deformierter Form. Und die Falschheit – die wirkliche Falschheit, die nicht von der Angst herrührt und von nichts sonst, für die kein Grund besteht –, die wirkliche Falschheit, die Negation der Wahrheit (die gewollte Negation der Wahrheit), ist für mich etwas völlig Schwarzes und Lebloses. Diesen Eindruck gibt sie mir. Sie ist schwarz, schwärzer als die schwärzeste Kohle, und sie ist leblos – leblos, ohne jegliche Reaktion.

Als ich diese Beschreibung in Savitri las, empfand ich einen Schmerz, den zu empfinden ich, wie ich glaubte, seit langer Zeit nicht mehr fähig war – seit langer Zeit. Ego glaubte (wie soll ich sagen?), von dieser Möglichkeit geheilt zu sein. Und das letzte Mal, als ich dies sah, erkannte ich, dass sie immer noch existierte, und als ich hinschaute, erkannte ich diesen selben Schmerz in dem Herrn, in Seinem Gesicht, Seinem Ausdruck.

Die willentliche Negierung all dessen, was göttlich ist – all dessen, was wir göttlich nennen.

Das Göttliche ist für uns immer die noch nicht manifestierte Vollkommenheit, alle noch nicht manifestierten Wunder, die sich immer noch weiter entfalten müssen.

Das äußerste Ende der Manifestation (wenn man von einer progressiven Herabkunft ausgeht, was möglich ist, ich weiß es nicht… Es gibt so viele Wahrnehmungen von dem, was passiert ist, und manchmal auch widersprüchliche Wahrnehmungen, immer unvollkommene und vermenschlichte Wahrnehmungen), aber wenn man den Aspekt der Evolution ins Auge fasst, neigt man dazu, von einem äußersten Ende auszugehen, von dem aus man auf ein anderes äußerstes Ende hinschreitet (das ist offensichtlich kindisch, na ja…), oder eine äußerste Seinsart, die sich in Richtung auf die Entgegengesetzte Seinsart entwickelt. Nun denn, was mir am Schwärzesten, am Leblosesten erscheint, als vollständige Verneinung dessen, was wir anstreben, ist das, was die Falschheit ausmacht.

Das heißt, vielleicht ist es das, was ich als Falschheit bezeichne, denn die menschliche Falschheit ist immer eine Mischung aus allen möglichen Dingen; die eigentliche Falschheit hingegen ist folgendes: Sie ist die Behauptung, dass Gott nicht existiert, das Leben nicht existiert, das Licht nicht existiert, die Liebe nicht existiert, der Fortschritt nicht existiert – Licht, Leben und Liebe existieren nicht. Ein negatives Nichts, ein dunkles Nichts. Vielleicht ist es dieses Etwas, das sich an die Evolution klammerte und die Dunkelheit erschuf, welche das Licht verneinte, und den Tod, der das Leben verneinte, und auch den Hass und die Grausamkeit, all das, was die Liebe verneinte – aber das ist schon verdünnt, das befindet sich schon in einem verdünnten Zustand, es ist bereits eine Vermischung.

Oh, wenn man daraus Dichtung machen wollte (dies ist keine philosophische und auch keine spirituelle Betrachtungsweise mehr, sondern eine bildliche Art zu sehen), würde man sich einen Herrn vorstellen, der die Totalität aller möglichen und unmöglichen Möglichkeiten in sich schließt und sich auf der Suche nach einer Reinheit und Vollkommenheit befindet, die niemals erreicht werden können und immer weiter fortschreiten… und der Herr würde sich im Laufe der Manifestation von all dem befreien, was Seine Entfaltung erschwert – Er würde mit dem Scheußlichsten beginnen. Verstehst du das?… Totale Nacht, totale Unbewusstheit, totaler Hass (nein, der Hass impliziert noch, dass es die Liebe gibt), die Unfähigkeit zu fühlen. Das Nichts.

Worte der Mutter

109 – Alles, was über seine bereits erreichte Stufe hinausgeht, erscheint dem Menschen schwierig, und für seine alleinige Anstrengung ist es das auch; es wird aber sofort leicht und einfach, wenn Gott im Menschen die Arbeit übernimmt. – Sri Aurobindo (Aphorismen)

Das ist perfekt. Dazu gibt es nichts zu sagen.

Erst vor zwei oder drei Tagen schrieb ich etwas als Antwort auf eine Frage, und ich sagte ungefähr folgendes: „Sri Aurobindo ist der Herr, aber nur ein Teil des Herrn, nicht der Herr in Seiner Totalität, denn der Herr ist Alles – alles Manifestierte und Nicht-Manifestierte.“ Dann schrieb ich: „Es gibt nichts, was nicht der Herr ist, nichts – there is nothing –, es gibt nichts, was nicht der Herr ist, aber sehr wenige sind sich des Herrn bewusst. Und diese Unbewusstheit der Schöpfung macht ihre Falschheit aus.“

Plötzlich war es so offensichtlich: „Das ist es ja!…“ Wie entstand die Falschheit? – Aber genau so: Die Unbewusstheit der Schöpfung macht die Falschheit der Schöpfung aus. Sobald sich die Schöpfung wieder bewusst wird, der Herr zu sein, hört die Falschheit auf.

So läuft es doch: Alles ist schwierig, alles ist anstrengend, alles ist mühsam, alles ist schmerzlich, weil alles außerhalb des Bewusstseins des Herrn geschieht. Wenn Er jedoch wieder Besitz von Seinem Reich ergreift (oder vielmehr, wenn man Ihn wieder von Seinem Reich Besitz ergreifen lässt) und die Dinge in Seinem Bewusstsein, mit Seinem Bewusstsein geschehen, wird alles nicht nur leicht, sondern wunderbar und glorreich – und unsagbar freudig.

Das wurde ganz offensichtlich. Man sagt: „Was ist das, was nennt man Falschheit? Warum ist die Schöpfung voller Falschheit?“ – Sie ist keine Illusion in dem Sinne, dass sie nicht existent wäre: sie ist vollkommen existent, aber… sie ist sich nicht dessen bewusst, was sie ist! Sie ist sich weder ihres Ursprungs bewusst noch ihrer Essenz und ihrer Wahrheit. Sie ist sich ihrer Wahrheit nicht bewusst. Deshalb lebt sie in der Falschheit.

Dieser Aphorismus ist großartig. Es gibt nichts hinzuzufügen, er sagt alles.