Kapitel 7

Verhaltensnormen und spirituelle Freiheit

Das Wissen, auf das ein Mensch, der im Yoga wirkt, all sein Handeln und seine Entwicklung gründen muss, hat zum Eckstein seines Gebäudes eine immer konkreter werdende Wahrnehmung der Einheit, das lebendige Empfinden eines alles durchdringenden Geeintseins. Er bewegt sich in dem wachsenden Bewusstsein der unteilbaren Ganzheit alles Seienden. So ist alles Tun ein Teil dieses unteilbaren göttlichen Ganzen. Sein persönliches Handeln und dessen Ergebnisse können nicht länger eine abgesonderte Bewegung sein oder als solche erscheinen, die hauptsächlich oder vollständig durch den egoistischen „freien“ Willen eines Individuums bestimmt sind, das für sich gesondert in der Masse lebt. Unsere Werke sind Teil einer unteilbaren kosmischen Aktion. Sie werden an ihren Platz im Ganzen gestellt, aus dem sie entstehen – oder genauer gesagt, sie stellen sich selbst dorthin. Ihr Ergebnis wird durch Kräfte bestimmt, die mächtiger sind als wir. Diese Weltaktion ist in ihrer ungeheuren Totalität und in jeder kleinsten Einzelheit die unteilbare Bewegung des Einen, das sich fortschreitend im Kosmos manifestiert. Auch der Mensch wird erst in dem Maße immer besser der Wahrheit über sich selbst und der Wahrheit in den Dingen bewusst, wie er erwacht zur Erkenntnis des Einen in seinem Inneren und außerhalb von sich, sowie zum Verständnis der verborgenen, wunderbaren und bedeutungsvollen Wirkensweise der Kräfte dieses Einen im Ablauf der Natur. Diese Aktion und Bewegung ist weder in uns selbst noch in den Menschen unserer Umgebung auf jenen kleinen fragmentarischen Teil der kosmischen Wirkensweisen begrenzt, dessen wir in unserem Oberflächenbewusstsein innewerden. Sie wird von einem ungeheuren uns umgebenden, allem zugrundeliegenden Dasein getragen und gefördert, das für unser Mental hinter seinem Wachbewusstsein verborgen subliminal oder unterbewusst ist. Es wird von einem mächtigen, unsere Existenz transzendierenden Sein angezogen, das für unsere Natur überbewusst ist. So erhebt sich unser Handeln ebenso aus einer Universalität, wie wir selbst aus dieser empor getaucht sind, deren wir aber nicht gewahr werden. Wir gestalten sie durch unser persönliches Temperament, unser persönliches Mental, unseren Denk-Willen oder durch die Kraft unseres Impulses oder Begehrens. Die tiefe Wahrheit der Dinge und das wahre Gesetz des Handelns sind aber viel umfassender als die persönlichen menschlichen Gestaltungen. Für das Auge der spirituellen Wahrheit ist jeder Standpunkt und jede von Menschen gemachte Regel des Handelns – auch wenn sie für die äußerliche Praxis noch so nützlich sein mögen –, sofern sie diese unteilbare Totalität der kosmischen Bewegung missachten, doch nur eine unvollkommene Betrachtungsweise und ein Gesetz der Unwissenheit.

Selbst wenn wir eine Ahnung von dieser Idee gewonnen haben und sie als ein Wissen des Mentals und als eine sich daraus ergebende Haltung der Seele fest in unser Bewusstsein einprägen konnten, ist es doch für unsere äußeren Seiten und unsere aktive Natur immer noch schwierig, diesen universalen Standpunkt mit den Ansprüchen unserer persönlichen Meinung, unseres persönlichen Willens, Fühlens und Begehrens in Einklang zu bringen. Wir müssen darum immer wieder mit dieser unzerteilbaren Bewegung so umgehen, als ob sie eine Masse unpersönlichen Materials wäre, aus der wir, d. h. unser Ego, unsere Person, uns entsprechend unserem eigenen Willen und unserer mentalen Fantasie durch persönliches Ringen und Mühen etwas herausschneiden müssten. Das ist die normale Haltung des Menschen seiner Umwelt gegenüber. Sie ist in Wirklichkeit falsch, well unser Ego und sein Wille Geschöpfe und Marionetten der kosmischen Kräfte sind. Nur wenn wir hinter unser Ego in das Bewusstsein des göttlichen Wissens-Willen des Ewigen, der in ihnen wirkt, zurücktreten, können wir durch eine Art Beauftragung von oben her ihr Meister werden. Dennoch ist diese personale Stellung für den Menschen solange die richtige Haltung, als er noch an seiner Individualität hängt und diese noch nicht voll entfaltet hat. Ohne eine solche Einstellung und Motivkraft kann er in seinem Ego nicht wachsen und sich nicht genügend aus dem unterbewussten oder halbbewussten universalen Massendasein herausentwickeln und von diesem unterscheiden.

Aber der Einfluss, den dieses Ego-Bewusstsein auf unsere gewohnte Haltung dem Dasein gegenüber ausübt, lässt sich später nur schwer abschütteln, wenn wir in unserer Entwicklung die Stufe der Absonderung, des Individualismus und der Aggression nicht länger nötig haben und aus der Kinderstufe der Seele mit ihrem Bedürfnis nach den kleinen Dingen vorwärts gehen wollen zum Geeintsein, zur Universalität, zum kosmischen Bewusstsein und darüber hinaus zu unserer transzendenten Geistgestalt. Es ist dazu unerlässlich, dass wir nicht nur in unserer Denkweise, sondern auch in der Art, wie wir fühlen, empfinden und handeln, klar erkennen, dass diese Bewegung, diese universale Aktion, keine apersonale Welle des Seins ist, die widerstandslos dem Willen irgendeines Egos je nach dessen Kraft und Drängen zur Verfügung steht. Vielmehr ist sie die Bewegung eines kosmischen Wesens, das Wissender seines Bereiches ist. Es sind die Schritte einer Gottheit, die Meister ihrer eigenen progressiven Kraft des Handelns ist. So wie diese Bewegung eine einzige und unteilbare ist, so ist auch er, der in der Bewegung gegenwärtig ist, einer, einzig und unteilbar. Von ihm wird nicht nur jedes Resultat bestimmt, sondern es hängen auch jede Initiative und jedes Wirken mit allen Abläufen von dem Antrieb durch seine kosmische Kraft ab. Erst sekundär und in ihrer äußeren Form gehören diese Dinge der Kreatur an.

Was muss also die spirituelle Position des als Person Wirkenden sein? Welches ist in der dynamischen Natur seine wahre Beziehung zu diesem einen kosmischen Wesen und zu dieser einen totalen Bewegung? Der Mensch ist für diese Vorgänge nur ein Zentrum. In diesem Mittelpunkt differenziert sich das geeinte personale Bewusstsein; in ihm determiniert sich diese eine totale Bewegung. Seine Personalität reflektiert in der Welle einer beharrenden Individualität die einzige universale Person, den Transzendenten, den Ewigen. Solange wir in der Unwissenheit leben, ist dieses Widerstrahlen immer gebrochen und entstellt, da der Kamm der Welle, unser bewusstes Ego in seinem Wachzustand, nur ein unvollkommenes, verfälschtes Ebenbild des göttlichen Geistes zurückwirft. Alle unsere Meinungen, Maßstäbe, Gestaltungen und Prinzipien sind nur Versuche, in diesem verzerrenden und entstellenden Spiegel etwas von der universalen, progressiven, totalen Aktion und ihre vielseitige Bewegung hin zu einer höchsten Selbst-Offenbarung des Göttlichen zur Darstellung zu bringen. Unser Mental repräsentiert es, so gut es kann, mit einem ziemlich engen Annäherungswert, der insoweit immer mehr dem Göttlichen angemessen ist, als sein Denken an Weite, Licht und Macht zunimmt. Jedoch bleibt es immer nur ein Näherungswert und nicht einmal eine wahre partielle Gestalt dieses Göttlichen. Der Göttliche Wille wirkt in Äonen, um in progressiver Weise etwas von seinem göttlichen Mysterium und der verborgenen Wahrheit des Unendlichen nicht nur in der Einheit des Kosmos, nicht nur in der Kollektivität der lebenden und denkenden Geschöpfe zu offenbaren, sondern auch in der Seele jedes Individuums. Darum findet sich im Kosmos, in den Kollektiven und im Individuum ein tief eingewurzeltes Grundgefühl oder ein Glaube an die eigene Fähigkeit, Vollkommenheit zu erlangen, ein ständiger Drang nach einer immer weiter wachsenden, angemesseneren und harmonischen Selbst- Entfaltung, immer näher hin zu der geheimen Wahrheit der Dinge. Dieses Bemühen findet seine Darstellung dem konstruierenden Mental des Menschen gegenüber in Maßstäben des Wissens und Fühlens, des Charakters, der Ästhetik und des Handelns, – in den Regeln, Idealen, Normen und Geboten, die er zu universalen Gesetzen, Dharma, zu machen sucht.

Wenn wir im Geiste frei und nur der höchsten Wahrheit Untertan sein wollen, müssen wir den Gedanken aufgeben, unsere eigenen mentalen oder moralischen Gesetze seien, selbst in den höchsten gegenwärtigen Normen unserer Lebensführung, für den Unendlichen bindend oder etwas Unantastbares, Heiliges, Absolutes oder Ewiges. Wir dienen wohl dem Göttlichen in seinem Weltengang, wenn wir immer höhere, wenn auch vorübergehende Maßstäbe aufstellen und sie halten, solange sie notwendig sind. Wollten wir aber starr eine absolute Norm aufstellen, dann käme das einem Versuch gleich, gegen den Strom der ewigen Wasser einen Damm zu errichten. Wenn die durch ihre Natur gebundene Seele einmal diese Wahrheit realisiert, ist sie von allem Gegensatz von Gut und Böse befreit. Gut ist dann alles, was dem Einzelnen und der Welt dazu hilft, ihr göttliches Wesen zu erfüllen. Böse ist alles, was diese wachsende Vervollkommnung verzögert oder zunichte macht. Da aber die Vervollkommnung ein fortschreitender Prozess ist und als Evolution in der Zeit abläuft, sind das Gute und das Böse ebenso veränderliche Größen; sie wandeln von Zeit zu Zeit ihre Bedeutung und ihren Wert. Was jetzt böse ist und in seiner gegenwärtigen Gestalt aufgegeben werden muss, war einst für den allgemeinen und individuellen Fortschritt nützlich und notwendig. Etwas anderes, was wir jetzt für böse halten, kann sehr wohl in einer anderen Form und in einer anderen Anordnung zu einem Element zukünftiger Vollkommenheit werden. Auf der spirituellen Ebene gehen wir über diese Unterscheidung noch hinaus. Dort entdecken wir den Zweck und die göttliche Notwendigkeit all der Dinge, die wir gut und böse nennen. Dann müssen wir alles, was in ihnen falsch, entstellt, unwissend und finster ist, im sogenannten Guten nicht weniger als im sogenannten Bösen, zurückweisen. Wir dürfen nur das Wahre und das Göttliche annehmen. In den ewigen Abläufen des Wirkens dürfen wir keine andere Unterscheidung mehr treffen.

Menschen, die nur aufgrund strenger Normen handeln, oder solchen, die nur menschliche und nicht göttliche Werte empfinden können, mag diese Wahrheit als ein gefährliches Zugeständnis erscheinen, da es wahrscheinlich die Grundlage der Sittlichkeit zerstören, die Grundsätze der Lebensführung verwirren und nur ein Chaos hervorbringen würde. Ein solches Resultat müsste für den Menschen in seiner Unwissenheit gewiss herauskommen, wenn es nur die Wahl gäbe zwischen „einer ewigen unveränderlichen“ und „überhaupt keiner Ethik“. Einen solchen „Verlust“ werden wir nicht erleiden, wenn wir, selbst auf unserer menschlichen Ebene, Klarheit und Beweglichkeit genug zu der Erkenntnis besitzen, dass eine Norm für die Lebensführung wohl vergänglich, aber dennoch für ihre Zeit notwendig ist, und wenn wir sie so lange gewissenhaft erfüllen, bis sie durch eine bessere ersetzt werden kann. Wir verlieren nur den Fanatismus unserer unvollkommenen und intoleranten Tugendhaftigkeit. Statt ihrer gewinnen wir Aufgeschlossenheit und die Macht, in unserem sittlichen Handeln stetig höher emporzukommen. Wir wachsen an mitfühlender Güte und an der Fähigkeit, ein verstehendes Mitempfinden für diese ganze Welt der ringenden und strauchelnden Geschöpfe zu haben. Durch solche liebevolle Aufgeschlossenheit gewinnen wir eher ein Recht und eine größere Kraft, den Menschen auf ihrem Wege weiterzuhelfen. An jenem Endpunkt, wo dann das Menschliche aufhört und das Göttliche anfängt, wo das mentale Bewusstsein in dem supramentalen aufgeht und das Endliche in das Unendliche versinkt, verschwindet alles Böse in ein transzendentes göttliches Gutes. Das wirkt sich auf jeder von ihm berührten Bewusstseinsebene universal aus.

So steht für uns fest, dass alle Maßstäbe, denen gemäß wir unser Leben zu führen suchen, nur vorübergehende, unvollkommene, durch unsere Evolution bedingte Versuche sind, durch die wir uns den unsicheren Fortschritt in der universalen Selbst-Realisation der Natur deutlich machen. Die göttliche Manifestation kann nicht durch unsere kleinen Regeln und zerbrechlichen „geheiligten Gebote“ gebunden werden. Dafür ist das dahinter wirkende Bewusstsein viel zu groß. Haben wir diese Tatsache einmal begriffen – so bestürzend sie auch für den Absolutismus unserer Vernunft sein mag –, dann werden wir die in der Entwicklung aufeinanderfolgenden Normen menschlichen Verhaltens, welche die verschiedenen Wachstumsstufen des individuellen und kollektiven Fortschritts der Menschheit regieren, besser an ihre richtige Stelle in ihrem richtigen Verhältnis zueinander einzuordnen verstehen. Auf ihre allgemeinsten Normen wollen wir im Vorübergehen noch einen Blick werfen. Wir wollen erkennen, in welcher Beziehung sie zu jener anderen ungenormten spirituellen und supramentalen Art des Wirkens stehen, die der Yoga zu realisieren strebt und die er durch die Überantwortung (surrender) des individuellen Willens unter den göttlichen Willen und, noch wirkungsvoller, durch seinen Aufstieg bewirkt, den er durch diese Überantwortung an das größere Bewusstsein vollbringt. In diesem wird dann für ihn eine gewisse Identität mit dem dynamischen Ewigen möglich.

Vier Haupt-Normierungen für die menschliche Lebensführung bilden eine aufsteigende Stufenfolge. Die unterste ist das persönliche Bedürfen, Bevorzugen und Begehren. Die nächste ist das Gesetz und das Wohl des Kollektivs. Die dritte ist eine ideale Ethik. Die letzte ist das höchste göttliche Gesetz der Natur.

Der Mensch beginnt die lange Laufbahn seiner Entwicklung mit den beiden ersten dieser vier Normierungen, die ihn am Anfang erleuchten und führen sollen. Sie bilden eigentlich das Gesetz seiner tierhaften und vitalen Existenz; der Mensch beginnt seine Entwicklung nach oben als der vitale und physisch tierhafte Mensch. Es ist aber die wahre Aufgabe des Menschen auf der Erde, im Typus des Menschenwesens ein immer deutlicher hervortretendes Ebenbild des Göttlichen zum Ausdruck zu bringen. Ob er es weiß oder nicht, so wirkt doch die Natur unter der dichten Verhüllung durch ihre inneren und äußeren Vorgänge auf dieses Ziel hin. Der materielle oder tierhafte Mensch weiß aber nichts vom inneren Sinn und Ziel des Lebens. Er kennt nur dessen Bedürfnisse und Begehren und hat darum notwendigerweise für das, was von ihm verlangt wird, keinen anderen Führer als sein eigenes Empfinden des für ihn Notwendigen und das Drängen seines eigenen Begehrens, das ihm den Weg weist. Das erste natürliche Gebot für seine Lebensführung muss also sein, vor allem die Ansprüche und Bedürfnisse seines Körpers und seines Vitals zu befriedigen. Danach muss er alle emotionalen und mentalen Sehnsüchte, die Vorstellungen seiner Fantasie oder die dynamischen Erkenntnisse, die in ihm aufsteigen, verwirklichen. Diesen drängenden natürlichen Anspruch kann allein – durch Abänderung oder Widerspruch – das übergeordnete ausgleichende Gesetz einschränken, jene Forderungen, welche die Ideen, Bedürfnisse und Wünsche seiner Familie, seiner Gemeinschaft oder seines Stammes, also die Herde und das Rudel, deren Glied er ist, an ihn richten.

Könnte der Mensch für sich allein leben (was er aber nur könnte, wenn es das einzige Ziel des Göttlichen in der Welt wäre, nur das Individuum zu entwickeln), dann brauchte dieses zweite Gesetz überhaupt nicht wirksam zu werden. Alles Dasein verläuft aber als eine progressive Entwicklung dadurch, dass das Ganze und die Teile gegenseitig rückwirken und aufeinander einwirken. Darum benötigen einander die Teile, die das Ganze konstituieren, ebenso, wie das konstituierte Ganze die Teile nötig hat. Die Gruppe und die Individuen der Gruppe sind voneinander abhängig. Nach den Begriffen der indischen Philosophie manifestiert sich das Göttliche immer in der doppelten Form des gesonderten und des kollektiven Wesens, vyasti, samasti. Der Mensch, der seine Individualität wachsen und sich frei entfalten lassen möchte, kann nicht einmal seine persönlichen Bedürfnisse und Wünsche erfüllen, wenn er nicht mit anderen Menschen eng verbunden ist. Er ist zwar in sich selbst ein Ganzes, jedoch ohne die anderen unvollständig. Die Verpflichtung ordnet das Gesetz seiner personalen Lebensführung in ein Gruppengesetz ein, das seinen Ursprung in der Form einer dauerhaften Gruppeneinheit mit eigenem kollektiven Mental und Leben hat, unter die das im Individuum verkörperte Mental und Leben als nur vorübergehende Einheiten untergeordnet sind. Trotzdem ist aber in ihm etwas Unsterbliches und Freies, das nicht an diesen Gruppenkörper gebunden ist, der zwar die verkörperte Existenz des Individuums überdauert, jedoch nicht den ewigen Geist des Individuums überdauern kann und darum auch keinen Anspruch erheben darf, ihn durch sein Gesetz zu fesseln.

Dieses scheinbar umfassendere, vordringlichere Gesetz der Gruppe ist an sich nur eine Ausweitung des vitalen tierhaften Prinzips, das den individuellen primitiven Menschen beherrscht. Es ist das Gesetz des Rudels oder der Herde. Der individuelle Mensch identifiziert sein Leben teilweise mit dem Leben einer gewissen Zahl anderer Individuen, mit denen er durch Geburt, eigene Entscheidung oder die Umstände zusammengeschlossen ist. Da nun aber die Existenz der Gruppe für sein eigenes Dasein und die Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse zeitweilig und eigentlich von Anfang an notwendig ist, müssen die Aufrechterhaltung der Gruppe, die Erfüllung ihrer Bedürfnisse und die Befriedigung ihrer kollektiven Anschauungen, Begehren und Lebensgewohnheiten, ohne die sie nicht zusammenhalten könnte, einen vordringlichen Platz einnehmen. Durch das Gebot dieser Situation – nicht aus irgendeinem moralischen oder altruistischen Motiv – müssen also dauernd die Befriedigung der individuellen personalen Vorstellungen und Gefühle, das Bedürfnis und Begehren, die Neigung und Gewohnheit des Individuums untergeordnet und geopfert werden der Befriedigung der Vorstellungen und Gefühle, der Bedürfnisse und Begehren, der Neigungen und Gewohnheiten nicht nur dieses oder jenes anderen Individuums oder einer Zahl von Individuen, sondern der Gesellschaft als Ganzem. Das Bedürfnis der Gesellschaft ist der verborgene dunkle Mutterboden für die Moralität und den sittlichen Impuls des Menschen.

Tatsächlich ist uns nicht bekannt, ob der Mensch zu irgendwelchen primitiven Zeiten für sich allein oder nur mit seinem Partner anderen Geschlechtes zusammenlebte, wie das manche Tiere tun. Jede Kunde über ihn zeigt ihn uns als ein vergesellschaftetes Tierwesen und nicht als einen isolierten Körper und Geist. Das Gesetz des Rudels war immer mächtiger als das individuelle Gesetz seiner Selbstentfaltung. Es scheint, dass er immer nur als ein Einzelwesen in einer Masse geboren wurde, lebte und sich ausbildete. Vom psychologischen Gesichtspunkt her ist aber logischer- und natürlicherweise das Gesetz seines personalen Bedürfens und Begehrens das ursprüngliche, und das Gesetz der Gruppe tritt erst als eine sekundäre beherrschende Macht hinzu. So trägt der Mensch zwei ihn regierende unterschiedliche Antriebskräfte in sich: die individualistische und die von der Gemeinschaft bestimmte, die auf ein personales Leben und die auf ein gesellschaftliches Leben gerichtete, ein personales Motiv für seine Lebensführung und ein durch die Gruppe bestimmtes. An den tiefsten Wurzeln der menschlichen Zivilisation liegt schon die Möglichkeit, dass diese Kräfte einander entgegenwirken und versuchen müssen, Ausgleich zu finden. Diese Spannung dauert in anderen Formen fort, wenn der Mensch über das vitale Tierwesen hinaus zu einem hoch individualisierten mentalen und spirituellen Wesen fortgeschritten ist.

Das Bestehen eines dem Individuum gegenüberstehenden äußeren Gesetzes der Gesellschaft ist zu verschiedenen Zeiten ebenso ein beträchtlicher Vorteil wie ein großer Nachteil für die Entfaltung des göttlichen Wesens im Menschen gewesen. Das ist am Anfang ein Vorteil, solange der Mensch noch roh und unfähig ist, sich durch sein Selbst zu beherrschen und sein Selbst zu entdecken. Dann errichtet das Gesetz der Gesellschaft eine andere Macht als die seines personalen Egoismus, durch die jene Ichsucht veranlasst oder gezwungen werden soll, ihre wilden Forderungen zu mäßigen und ihre unvernünftigen und oft gewalttätigen Regungen zu disziplinieren; manchmal muss sie sogar in einem umfassenderen, weniger personalen Egoismus aufgehen. Das Gesetz der Gesellschaft wird aber zu einem Nachteil für den mündigen Geist, wenn er dazu bereit ist, über die menschliche Formel hinauszukommen, da sie eine äußere Norm ist, die sich ihm von außen her aufzudrängen sucht. Dagegen ist es die Grundbedingung für seine Vervollkommnung, dass er von innen her und durch eine immer größere Freiheit wachsen soll. Seine vervollkommnete Individualität darf nicht unterdrückt werden, sondern er soll über sie hinauswachsen. Man darf ihm nicht länger ein Gesetz auferlegen, das nur seine äußeren Seiten trainiert und diszipliniert. Vielmehr soll sich seine Persönlichkeit dadurch entfalten, dass seine Seele von innen her alle bisherigen Formen durchbricht, um alle Seiten seines Wesens mit ihrem Licht in Besitz zu nehmen und umzuwandeln.

In dem Konflikt zwischen den Ansprüchen der Gesellschaft und denen des Individuums treten zwei ideale und absolute Lösungen einander gegenüber. Auf der einen Seite steht die Forderung der Gruppe, dass der Einzelne sich ihr mehr oder weniger vollständig unterordnen oder sogar seine unabhängige Existenz in der Gemeinschaft verlieren soll. Die kleinere Einheit müsse der umfassenderen Einheit geopfert werden oder sich selbst ihr völlig opfern. Der individuelle Mensch soll das Bedürfnis der Gesellschaft als sein eigenes Bedürfnis und das Begehren der Gruppe als sein eigenes Begehren akzeptieren. Er dürfe nicht für sich selbst leben wollen, sondern gehöre dem Stamm, der Sippe, der Gemeinde oder der Nation, deren Glied er ist. Im Gegensatz dazu wäre es vom Standpunkt des einzelnen Menschen aus die ideale und absolute Lösung, dass die Gesellschaft nicht für sich selbst und für ihren allem übergeordneten kollektiven Zweck leben würde, sondern für das Wohl des Individuums und für dessen Erfüllung, also für das höhere und vollkommenere Leben aller ihrer Glieder. Die Gesellschaft sollte, soweit das möglich ist, das höchste und beste Selbst des Einzelnen repräsentieren und ihm helfen, es zu realisieren. Sie müsste die Freiheit jedes ihrer Glieder respektieren und sich selbst nicht durch Gesetz und Gewalt durchsetzen, sondern durch die freie spontane Zustimmung der sie konstituierenden Personen. Eine Gesellschaft nach diesen beiden Idealen existiert nirgendwo. Es wäre auch sehr schwer, sie zu erschaffen, und noch schwieriger, sie in ihrem immer ungesicherten Dasein zu erhalten, solange der individuelle Mensch an seinem Egoismus als dem primären Motiv seiner Existenz festhält. Der leichtere Weg ist, dass die Gesellschaft im allgemeinen, wenn auch nicht vollständig, über das Individuum herrscht. Das ist auch das System, das die Natur instinktiv von Anfang an verwendet; sie hält ein Gleichgewicht aufrecht durch ein rigoroses Gesetz, eine zwingende Sitte und eine sorgfältige Unterweisung der ihr noch untertänigen, ungenügend entwickelten Intelligenz der menschlichen Kreatur.

In den primitiven Gesellschaften wird das individuelle Leben der strengen unbeweglichen Sitte und Herrschaft der Gemeinschaft unterworfen. Das ist das alte Gesetz der menschlichen Horde, das gern ewig bestehen möchte und sich immer als das ewige Gebot des Unvergänglichen ausgibt, esa dharmah sanātanah. Dieses Ideal ist im menschlichen Mental nicht ausgestorben. Die neueste Entwicklung des Fortschritts der Menschheit tendiert dahin, eine vergrößerte, machtvollere Ausgabe dieser alten Neigung des kollektiven Lebens zur Versklavung des menschlichen Geistes zu errichten. Hier liegt eine ernsthafte Gefahr für die integrale Entwicklung einer größeren Wahrheit und eines höheren Lebens auf der Erde. So egoistisch, falsch und verkehrt auch die Begehren und ungebundenen Bestrebungen des Individuums in ihrer unmittelbaren Ausdrucksform sein mögen, sie enthalten doch in ihren verborgenen Zellen den Keim für eine Entwicklung, die für das Ganze notwendig ist. Hinter seinem unsicheren Suchen und seinen Irrwegen wirkt eine Kraft, die wir festhalten und in das Ebenbild des ihr zugrundeliegenden göttlichen Gedankens umwandeln müssen. Diese Kraft bedarf der Erleuchtung und des Trainings. Sie darf nicht unterdrückt oder ausschließlich an den schweren Karren der Gesellschaft geschirrt werden. Der Individualismus ist für die endgültige Vollkommenheit ebenso notwendig wie die Macht, die hinter dem Gruppengeist steht. Erstickt man das Individuum im Menschen, dann könnte das auch zugleich zum Ersticken des Gottes im Menschen führen. Im gegenwärtigen Kräfteverhältnis in der Menschheit besteht selten wirklich die Gefahr, dass ein übertriebener Individualismus das gesellschaftliche Ganze zerbricht. Dagegen droht ständig die Gefahr, dass die gesellschaftliche Masse durch ihr schweres, dunkles mechanisches Gewicht auf die freie Entwicklung des individuellen Geistes einen übertriebenen Druck ausübt, diesen unterdrückt oder unzulässig behindert. Im Individuum kann die Menschheit leichter erleuchtet, bewusst und offen werden für klare, bestimmte Einflüsse. Der Mensch in der Masse ist noch verfinstert, halbbewusst und wird von universalen Kräften regiert, die sich seiner Beherrschung und Erkenntnis entziehen.

Gegen diese Gefahr, unterdrückt und unbeweglich gemacht zu werden, setzt sich die Natur im Individuum zur Wehr. Sie kann in der Form eines isolierten Widerstandes reagieren, der von der instinktiven brutalen Revolte des Kriminellen bis zur völligen Weltverneinung des Einsiedlers und Asketen reicht. Das Individuum kann auch dadurch reagieren, dass es eine individualistische Richtung in der sozialen Idee herausstellt. Es kann diese dem Massenbewusstsein aufzwingen und einen Kompromiss zwischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen Anspruch herstellen. Ein Kompromiss ist aber keine endgültige Lösung. Er schiebt die Schwierigkeit nur beiseite. Dadurch wird schließlich das Problem nur komplexer und vervielfältigt die Konflikte, die es verursacht. Wir müssen ein neues Prinzip hinzurufen, das anders und höher ist als die beiden miteinander kämpfenden Grundtendenzen und das zugleich machtvoll genug ist, sie zu überwinden und miteinander zu versöhnen. Hier muss der Begriff eines idealen moralischen Gesetzes auftauchen, das einerseits das natürliche individuelle Gesetz überragt, das die Befriedigung unserer individuellen Bedürfnisse, Liebhabereien und Begehren als die einzige Norm unserer Lebensführung aufstellt. Andererseits steht es höher als das natürliche Gesetz der Gemeinschaft, das als übergeordnete Norm die Befriedigung der Bedürfnisse, Lieblingsforderungen und Begehrlichkeiten der Gemeinschaft als eines Ganzen durchsetzen will. Ein solches ideales moralisches Gesetz dient nicht mehr der Befriedigung von Bedürfnis und Begehren. Vielmehr kontrolliert und zwingt es diese, oder es hebt sie sogar auf im Interesse einer idealen Ordnung, die nicht animalisch, vital und körperlich sondern mental ist. Sie ist eine Schöpfung des Mentals, das nach Licht und Wissen, nach dem gerechten Gesetz, nach dem rechten Ablauf des Lebens und einer wahren Ordnung strebt. Sobald dieser Begriff im Menschen machtvoll wird, entkommt er immer mehr dem vitalen und materiellen Leben, das ihn bisher beanspruchte, in ein mentales Dasein. Er tritt im dreifachen Aufstieg der Natur von der ersten zur zweiten Stufe hinauf. Seine Bedürfnisse und Begehren stehen nun in einem helleren Licht von Ziel und Zweck. Das mentale Bedürfen, das ästhetische, intellektuelle und emotionale Begehren bekommen immer mehr die Oberhand über das Verlangen der körperlichen und vitalen Natur.

Das natürliche Gesetz der Lebensführung geht vom Ausgangspunkt eines Konfliktes der Kräfte, Lebenstriebe und Begehren vorwärts zu einem Gleichgewicht zwischen ihnen. Das höhere sittliche Gesetz schreitet durch die Entfaltung der mentalen und moralischen Natur weiter zu einer festgelegten inneren Normierung oder auch zu einem vom Selbst geformten Ideal absoluter Eigenschaften: der Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit und Liebe, der richtigen Verwendung der Vernunft und der Macht, der Schönheit und des Lichtes. Das ist aber im wesentlichen ein individueller Standard und nicht die Schöpfung des Mentals der Masse. Der Denker ist der individuelle Mensch. Er spricht das aus und prägt es in Formen, was sonst im ungestalteten menschlichen Ganzen unterbewusst bleiben würde. Auch der sittliche Kämpfer ist der Einzelne. Die Selbst-Disziplin, die er nicht unter dem Joch eines äußeren Gesetzes, sondern aus Gehorsam gegen ein Licht in seinem Inneren ausübt, ist ganz wesentlich ein individuelles Bemühen. Indem der Denker aber seine persönlichen Normen als Übertragung eines absoluten sittlichen Ideals darstellt, macht er sie nicht nur für sich allein, sondern für alle Individuen verbindlich, die sein Denken erreichen und in die es eindringen kann. Wenn nun die Masse der individuellen Menschen diese Grundsätze immer mehr annimmt, wenigstens in der Idee, nur unvollkommen oder gar nicht in der Praxis, wird auch die Gesellschaft gezwungen, der neuen Orientierung zu gehorchen. Sie nimmt den Einfluss dieser Ideen völlig in sich auf und versucht, wenn auch nicht mit einem hervorragenden Erfolg, ihre Institutionen in neue Formen umzugestalten, die von diesen höheren Idealen bestimmt sind. Ihr Instinkt geht aber immer auf deren Fixierung aus: in ein bindendes Gesetz, in Musterformen, in eine mechanische Sitte oder in einen äußerlichen gesellschaftlichen Zwang auf das Leben ihrer Glieder.

Die Gesellschaft bleibt noch lange in ihren Methoden veräußerlicht, nachdem das Individuum schon teilweise frei und zu einem sittlichen Organismus wurde, der zu bewusstem Wachstum befähigt, eines inneren Lebens gewahr geworden und lebhaft an seinem spirituellen Fortschritt interessiert ist. Sie ist eine materielle, ökonomische und mechanische Organisation, die viel mehr darauf aus ist, den bestehenden Zustand abzusichern und sich selbst darin zu erhalten, als zu wachsen und sich zu vervollkommnen. Der größte gegenwärtige Triumph, den das denkende fortschrittliche Individuum über die vom Instinkt getriebene statische Gesellschaft errungen hat, ist seine durch seinen Denk-Willen errungene Macht, auch sie zum Denken zu zwingen, dass sie sich für die Idee einer sozialen Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit öffnet, in der Gemeinde das Mitgefühl und Mitleiden untereinander erweckt und, als den Prüfstein für ihre Institutionen, mehr nach einer Herrschaft durch die Vernunft als durch die blinde Sitte strebt. Ferner soll sie sich der mentalen und moralischen Zustimmung ihrer einzelnen Glieder versichern, womit ihre Gesetze ihre Gültigkeit erhalten oder mindestens ein wesentliches Element dafür. Nun ist es, wenigstens Ideell, für das Denken der Gemeinschaft möglich, dass sie das Recht statt der Gewalt als die eigentliche Bestätigung für ihre Gesetze anerkennt und als Zweck und Ziel der Strafverfolgung mehr die sittliche Entwicklung des Rechtsbrechers meint als Rache und Freiheitsentzug. Der größte Triumph wird in Zukunft für den Denker dann kommen, wenn er den individuellen Einzelnen und das kollektive Ganze dazu überreden kann, dass sie ihre Lebensbeziehung sowie ihre Gemeinschaft und Stabilität auf eine freie, harmonische Zustimmung und eine gegenseitige Selbst- Anpassung gründen. Sie sollen ihre äußeren Dinge viel mehr durch die innere Wahrheit gestalten und lenken, als dass sie den inneren Geist durch die Tyrannei der äußeren Form und Struktur zwingen wollen.

Selbst dies stellt eher eine Möglichkeit dar, die vielleicht verwirklicht wird, als eine tatsächliche Errungenschaft. Es gibt stets Disharmonie und Widerstreit zwischen dem Sittengesetz im Menschen und dem Gesetz seiner Bedürfnisse und Begehren. Dieselbe Spannung besteht zwischen dem Sittengesetz, das der Gesellschaft auferlegt werden soll, und den physischen und vitalen Erfordernissen, Begehren, Sitten, Vorurteilen, Interessen und Leidenschaften der Kaste, Sippe, religiösen Gemeinschaft, Nation und Gesellschaft. Vergebens errichtet der Moralist seine absoluten ethischen Grundsätze und fordert alle auf, diese ohne Rücksicht auf die Konsequenzen treu zu erfüllen. Für ihn haben die Bedürfnisse und Begehrlichkeiten des Einzelnen keine Geltung, wenn sie mit dem moralischen Gesetz in Widerspruch stehen. Ebenso darf das gesellschaftliche Gesetz an ihn keine Ansprüche stellen, die gegen sein Rechtsempfinden sind und von seinem Gewissen abgelehnt werden. Seine absolute Lösung für den Einzelnen heißt: er soll nichts begehren und beanspruchen, was nicht im Einklang steht mit Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit. Er verlangt von der Gemeinschaft oder Nation, sie solle alles, selbst ihre eigene Sicherheit und dringlichsten Interessen gering achten gegenüber der Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und dem höchsten Wohl der Völker.

Zu diesen Höhen steigt aber der Einzelne nur in intensiven Augenblicken seines Daseins empor, und keine der bis jetzt erschaffenen Gesellschaften hat dieses Ideal erfüllt. Im gegenwärtigen Zustand der Sittlichkeit und menschlichen Entwicklung kann auch vielleicht niemand diesem Ideal gerecht werden, — und sollte es wohl auch nicht. Die Natur wird das nicht erlauben, denn die Natur weiß, dass das nicht sein sollte. Der wichtigste Grund dafür ist: unsere moralischen Ideale selbst sind zum größten Teil viel mehr die ungenügend entwickelten, unwissenden und willkürlichen Konstruktionen des Mentals als die Übertragungen der ewigen Wahrheiten des Geistes. Sie stellen in der Theorie autoritativ und dogmatisch gewisse absolute Normen auf. In der Praxis erweist sich jedoch jedes ethische System als undurchführbar, oder es bleibt ständig unterhalb der Norm des Ideals. Ist aber unser ethisches System selbst ein Kompromiss oder nur etwas Behelfsmäßiges, dann rechtfertigt es auch im Prinzip die weiteren, es unfruchtbar machenden Kompromisse, die Individuum und Gesellschaft stets so eilfertig mit ihm schließen. Wenn dieses Sittengesetz kompromisslos auf eine absolute Liebe, auf die Gerechtigkeit und auf das Rechte drängt, schießt es weit über das hinaus, was überhaupt menschenmöglich ist. Dann wird es zu einem Lippenbekenntnis, das in der Praxis missachtet wird. Wir erkennen, dass es andere Elemente in der Menschheit übersieht, die in gleicher Weise darauf drängen, am Leben erhalten zu bleiben, die sich aber einer Unterordnung unter die moralische Formel widersetzen. Ebenso wie das individuelle Gesetz des Begehrens in sich unschätzbare Elemente des unendlichen Ganzen enthält, die gegen die Tyrannei der sie unterdrückenden gesellschaftlichen Idee geschützt werden müssen, so enthalten auch die eingeborenen Impulse des individuellen wie des kollektiven Menschen in sich unschätzbar wertvolle Elemente, die sich nicht in die engen Grenzen irgendeiner der bis jetzt entdeckten ethischen Formeln einordnen lassen und dennoch für die Fülle und Harmonie einer letzten göttlichen Vollkommenheit notwendig sind.

Würden überdies die absolute Liebe, absolute Gerechtigkeit und die absolute wahre Vernunft von einer so verwirrten, unvollkommenen Menschheit wie der gegenwärtigen angewandt, dann entstünden daraus leicht einander widerstreitende Prinzipien. Oft verlangt die Gerechtigkeit das, was die Liebe verabscheut. Die reine Vernunft, die bei ihrem Suchen nach einer befriedigenden Norm oder Ordnung die Tatsachen der Natur und der menschlichen Beziehungen leidenschaftslos betrachtet, kann nicht ohne Abänderung irgendeine Herrschaft der absoluten Gerechtigkeit oder absoluten Liebe anerkennen. Tatsächlich erweist sich die absolute Gerechtigkeit des Menschen in der Praxis leicht als eine souveräne Ungerechtigkeit. Sein Mental, das in seinen Konstruktionen einseitig und starr ist, stellt ein einseitiges, parteiisches, rigoroses System heraus und beansprucht dafür Totalität und Absolutheit sowie eine Anwendung, welche die subtilere Wahrheit der Dinge und die Formbarkeit des Lebens verkennt. So verflüchtigen sich alle unsere moralischen Normierungen, wenn sie in Taten umgesetzt werden, entweder in einer Aufeinanderfolge von Kompromissen, oder sie irren infolge ihrer Parteilichkeit und unelastischen Struktur. Die Menschheit schwankt von der einen Orientierung zur anderen. Sie geht auf einem Zickzackpfad vorwärts und wird dabei von gegensätzlichen Ansprüchen geleitet. Schließlich erarbeitet sie im ganzen instinktiv das, was die Natur beabsichtigt, jedoch mit viel unnützem Verbrauch und Leiden, ganz anders, als es die Menschheit haben möchte, wie sie es für richtig hält oder wie es das höchste Licht von oben von dem verkörperten Geist verlangt.

Wenn wir zur Verehrung absoluter sittlicher Eigenschaften gekommen sind und den kategorischen Imperativ eines idealen Gesetzes errichtet haben, sind wir noch keineswegs an das Ziel unseres Suchens gekommen und haben noch nicht jene Wahrheit berührt, die befreit. Zweifellos hatten wir, um über die Beschränkung des körperlichen und vitalen Menschen in uns hinauszukommen, bisher als Beistand einen Drang, der uns über die individuellen und kollektiven Bedürfnisse und Begehren eines Menschseins hinausführt, das immer noch an den lebenden Lehm der Materie gebunden ist, in dem es einst seine Wurzeln entwickelte. Das ist jene Aspiration, die das mentale und sittliche Wesen in uns entfalten half. Darum ist dieses neue sublimierende Element in uns ein bedeutender Gewinn gewesen. Seine Einwirkungen bedeuteten in der schwierigen Evolution der irdischen Natur einen wichtigen Schritt vorwärts. Hinter der Unzulänglichkeit dieser sittlichen Begriffe ist etwas verborgen, das uns zu einer höchsten Wahrheit hinzieht und an sie bindet. Hier ist der Widerschein eines Lichtes und einer Macht, die Teil einer noch unerreichten göttlichen Natur sind. Die mentale Vorstellung von diesen Dingen ist jedoch nicht jenes Licht, und ihre moralische Formulierung ist noch nicht jene Macht. Denn diese sind nur repräsentative Konstruktionen des Mentals, die den göttlichen Geist nicht verkörpern können, den sie vergebens in ihre kategorischen Formeln einzusperren suchen. Jenseits des mentalen und moralischen Wesens in uns gibt es ein größeres göttliches Wesen, das spirituell und supramental ist. Wir müssen eine weite spirituelle Ebene durchmessen, wo sich die Formeln des Mentals in einer weißen Flamme direkter innerer Erfahrung auflösen. Dort kommen wir über die Grenzen des Mentals hinaus und gelangen von seinen Konstruktionen hinüber in die ungeheure Weite der supramentalen Wirklichkeiten. Nur dort können wir in greifbare Verbindung kommen mit der Harmonie der göttlichen Mächte, die unserem Mental gegenüber nur kümmerlich durch die einander widerstreitenden oder schwankenden Elemente des moralischen Gesetzes dargestellt oder in einem falschen Bild eingeengt werden. Allein auf jener Ebene, in jenem supramentalen Geist kann die Vereinigung des gewandelten vitalen und körperlichen Wesens im Menschen mit dem erleuchteten mentalen Zustandekommen. Dieser supramentale Geist ist zugleich der geheime Ursprung und das Ziel unseres Mentals, Lebens und Körpers. Nur in ihm gibt es überhaupt die Möglichkeit für absolute Gerechtigkeit und Liebe sowie für ein Recht, das weit entfernt ist von dem, das wir uns vorstellen. Dort sind sie im Lichte jenes höchsten göttlichen Wissens miteinander eins. Darum kann es auch nur in jenem Bereich eine Aussöhnung des Konflikts geben, der zwischen den einzelnen Seiten und Funktionen unserer Natur besteht.

So existiert also, anders ausgedrückt, oberhalb des äußeren Gesetzes der Gesellschaft und des Sittengesetzes des einzelnen Menschen, jenseits von diesen, die umfassendere Wahrheit eines ungeheuren, uneingeschränkten Bewusstseins, eine Wahrheit, die von ihnen, wenn auch schwächlich und unwissend, irgendwie angestrebt wird. Das ist ein göttliches Gesetz, zu dem diese beiden blinden vergröberten Formulierungen mit unsicheren Schritten vorwärtsgehen, in ihrem Versuch, aus dem natürlichen Lebensgesetz des Tierwesens in ein erhabeneres Licht oder in eine universale Ordnung zu entkommen. Da die Gottheit in unserem Inneren unser eigener Geist ist, der sich in der Richtung auf seine verborgene Vollkommenheit hin bewegt, muss diese göttliche Normierung ein höchstes spirituelles Gesetz und die Wahrheit unserer Natur sein. Da wir aber nun durch unsere Verkörperung in der Welt Wesen sind, die eine gemeinsame Existenz und Natur haben und trotzdem auch individuelle Seelen bleiben, die in eine direkte Verbindung mit dem Transzendenten kommen können, muss diese höchste Wahrheit unsrer selbst einen doppelten Charakter haben. Sie muss ein Gesetz und eine Wahrheit sein, durch die wir den vollkommenen Ablauf, die Harmonie und den Rhythmus eines großen spirituellen kollektiven Lebens entdecken und die in vollkommener Weise unsere Beziehungen zu jedem einzelnen Wesen und zu allen Wesen in der Einheit der Natur determiniert. Zugleich muss das ein Gesetz und eine Wahrheit sein, die uns jeden Augenblick den Rhythmus und die genauen Schritte enthüllen, nach denen sich das Göttliche in der Seele, in Mental, Leben und Körper des individuellen Geschöpfes unmittelbar ausdrückt. (Anmerkung: Deshalb definiert die Gita den Begriff Dharma, der mehr bedeutet als nur Religion oder Sittlichkeit, als ein Wirken, das durch unsere wesenhafte Art des Selbst-Seins gelenkt wird.) Wir finden in unserer Erfahrung, dass dieses erhabene Licht und die Kraft zum Wirken in ihrem stärksten Ausdruck zugleich ein zwingendes Gesetz und eine absolute Freiheit sind. Das ist ein verbindliches Gesetz, weil es durch eine unveränderliche Wahrheit jede unserer inneren und äußeren Bewegungen regiert. Dennoch bedient es sich in jedem Augenblick und bei jeder Bewegung der absoluten Freiheit des Höchsten durch eine vollkommen plastische Anpassung unserer bewussten, befreiten Natur.

Der ethische Idealist versucht, dieses höchste Gesetz in seinen eigenen moralischen Voraussetzungen, in den niederen Kräften und Faktoren zu entdecken, die der mentalen und ethischen Formel angehören. Um sie abzusichern und zu organisieren, wählt er ein fundamentales Prinzip der Lebensführung aus, das in seinem Wesen anfechtbar und vom Intellekt, von der Nützlichkeit, vom Lebensgenuss, von der Vernunft, vom intuitiven Gewissen oder von irgendeiner anderen verallgemeinerten Norm konstruiert ist. Alle solche Versuche sind von vornherein zum Fehlschlag verurteilt. Unsere innere Natur ist der progressive Ausdruck des ewigen Geistes. Sie ist eine zu komplexe Macht, als dass sie durch ein einziges dominierendes mentales oder moralisches Prinzip in Fesseln gelegt werden könnte. Nur das supramentale Bewusstsein kann ihren verschiedenartigen, einander widerstreitenden Kräften deren spirituelle Wahrheit offenbaren und sie harmonisieren.

Die späteren Religionen bemühen sich, den Typus einer erhabenen Wahrheit der Lebensführung festzulegen, ein System zu errichten und es als das durch den Mund eines Avatars oder Propheten geoffenbarte Gesetz Gottes zu erklären. Obwohl diese Systeme machtvoller und dynamischer sind als die trockene ethische Idee, sind sie doch größtenteils nichts anderes als idealistische Verherrlichungen des moralischen Prinzips, das durch religiöse Gefühle wie auch die Behauptung eines übermenschlichen Ursprungs geheiligt wird. Einige von ihnen, wie die extreme christliche Ethik, werden deshalb von der Natur zurückgewiesen, weil sie in einer nicht verwirklichbaren Weise eine unpraktische absolute Vorschrift durchsetzen wollen. Andere erweisen sich schließlich als durch die Evolution bedingte Kompromisse, die im Lauf der Zeit veralten. Das wahre göttliche Gesetz kann nicht, wie diese mentalen Nachbildungen, ein System starrer ethischer Bestimmungen sein, die all unsere Lebensregungen in ihre gusseisernen Formen hineinpressen wollen. Das göttliche Gesetz ist die Wahrheit des Lebens und die Wahrheit des Geistes. Darum muss es sich jedes Schrittes unseres Wirkens und der Kompliziertheit all unserer Lebensfragen in freier, lebendiger und elastischer Weise annehmen und sie durch die direkte Einwirkung seines ewigen Lichtes inspirieren. Es darf nicht als eine Verordnung und Formel wirken, sondern es ist eine alles in sich einhüllende und durchdringende bewusste Gegenwart, die all unsere Gedanken, Betätigungen, Gefühle und Impulse des Willens durch ihre unfehlbare Macht und durch ihr Wissen bestimmt.

Die älteren Religionen haben ihre Herrschaft der weisen Männer, ihre Aussprüche eines Manu oder Confucius oder ein umfassendes Shastra geschaffen, worin sie die gesellschaftliche Ordnung und das Sittengesetz durch Verkündigung gewisser ewiger Prinzipien unserer höchsten Natur in einer alles vereinigenden Verschmelzung zu kombinieren suchten. Alle drei Elemente wurden auf derselben Grundlage als der gleichmäßig gültige Ausdruck ewiger Wahrheiten behandelt, sanātana dharma. Zwei dieser Elemente sind aber evolutionären Charakters und nur für eine bestimmte Zeit gültig. Sie sind mentale Konstruktionen und menschliche Wiedergaben des Willens des Ewigen. Das dritte Element, das auch an gewisse gesellschaftliche und moralische Formeln gebunden und ihnen unterworfen war, musste das Schicksal seiner Formen teilen. Entweder veraltet das Shastra und muss im Lauf des Fortschritts verändert oder schließlich weggeworfen werden, oder es steht zuletzt als eine starre Schranke jeder Selbst-Entwicklung des Individuums und der Menschheit im Wege. Das Shastra stellt kollektive äußere Normen auf. Es ignoriert die innere Natur des Individuums, die unwägbaren Elemente einer geheimen spirituellen Kraft in seinem Inneren. Die Natur des Individuums will aber nicht missachtet werden; sie ist in ihrem Verlangen unerbittlich. Wenn der Einzelne seinen äußeren Impulsen zügellos frönt, führt das zu Anarchie und Auflösung. Wenn aber die Freiheit seiner Seele durch eine starr festgelegte mechanische Ordnung unterdrückt und unter Zwang gehalten wird, bedeutet das Stagnation oder inneren Tod. Das Höchste, das der Mensch zu entdecken hat, ist (im Gegensatz zu diesem Zwang oder zu dieser Determinierung von außen her) die freie Enthüllung seines höchsten Geistes und die Wahrheit einer ewigen Bewegung.

Dieses höhere sittliche Gesetz wird vom individuellen Menschen in seinem Mental, seinem Willen und seinem seelischen Empfinden entdeckt und von da aus auf die ganze Menschheit ausgedehnt. Auch dieses höchste Gesetz muss vom Einzelnen in seinem eigenen Geist entdeckt werden. Nur dann kann es, nicht durch die mentale Idee, sondern durch spirituellen Einfluss, auf weitere Kreise übertragen werden. Man kann ein moralisches Gesetz als Richtschnur oder als Ideal derjenigen Masse der Menschen auferlegen, die diese Ebene des Bewusstseins noch nicht erreicht, die noch nicht jene Feinheit des Mentals, des Willens und des seelischen Empfindens gewonnen hat, worin es für sie zu einer Wirklichkeit und lebendigen Kraft wird. Man kann das moralische Gesetz als ein Ideal verehren, ohne dass man es notwendigerweise auch praktizieren müsste. Man mag es als eine Rechtsordnung in seinen Äußerlichkeiten befolgen, selbst wenn sein innerer Sinn völlig verfehlt wird. Auf solche Weise kann man aber das supramentale und spirituelle Leben nicht mechanisieren. Man kann es nicht in ein mentales Ideal oder in äußere Vorschriften verkehren. Es hat seine eigenen großen Linien. Diese müssen als etwas Wirkliches und als die Wirkensweisen einer aktiven Macht im Bewusstsein des einzelnen empfunden werden. Sie sollen als die Übertragung einer ewigen Wahrheit erkannt werden, die so machtvoll ist, dass sie das Mental, das Leben und den Körper umwandelt. Da diese Wahrheit so real, effektiv und zwingend ist, liegt in der allgemeinen Ausbreitung des supramentalen Bewusstseins und des spirituellen Lebens die einzige Kraft, die bei den höchstentwickelten Geschöpfen der Erde zu einer individuellen und kollektiven Vervollkommnung führen kann. Nur wenn wir mit dem göttlichen Bewusstsein und seiner absoluten Wahrheit dauernd in Verbindung kommen, kann sich eine gewisse Form des bewussten Göttlichen, das dynamische Absolute, des Daseins unserer Erde annehmen und ihr Ringen, ihr Straucheln und Leiden sowie alles, was an ihr falsch ist, in ein Ebenbild des höchsten Lichtes, der Macht und des Ananda umwandeln.

Der Höhepunkt der ständigen Verbindung der Seele mit dem Höchsten liegt in jener Selbsthingabe, die wir die Überantwortung unter den göttlichen Willen (surrender) nennen. Da versinkt das abgesonderte Ego in den Einen, der zugleich alle ist. Grundlage und unbedingte Voraussetzung für das supramentale Bewusstsein und das spirituelle Leben ist eine grenzenlose Universalität der Seele und ein intensives Einssein mit allen. Allein in der Universalität und Einheit können wir das höchste Gesetz der göttlichen Manifestation im Leben des verkörperten Geistes finden. Allein in ihr können wir den höchsten Antrieb und das richtige Kräftespiel unserer individuellen Natur entdecken. In ihr allein können sich alle unsere Disharmonien der niederen Ebene in eine überwältigende Harmonie der wahren Beziehungen zwischen den manifestierten Wesen auflösen, da sie ja Teilwesen der einen Gottheit und Kinder der einen universalen Mutter sind.

Unsere ganze Lebensführung und alles Wirken sind ein Teil der Bewegung einer Macht, einer Kraft, die in ihrem Ursprung, geheimen Sinn und Willen unendlich und göttlich ist, wenn auch ihre für uns sichtbaren Gestaltungen unbewusst oder unwissend, materiell, vital, mental und endlich zu sein scheinen. Diese Kraft wirkt ständig daran, progressiv etwas von dem Göttlichen und Unendlichen aus seiner Verborgenheit in der individuellen und kollektiven Natur hervortreten zu lassen. Diese Macht führt hin zum Licht; ihr Weg geht jedoch immer noch durch die Unwissenheit hindurch. Sie lenkt den Menschen zuerst durch seine Bedürfnisse und Begehrlichkeiten. Dann leitet sie ihn durch ausgeweitete Bedürfnisse und Begehrlichkeiten, die durch ein mentales und sittliches Ideal umgeformt und erleuchtet werden. So bereitet sie ihn darauf vor, dass sie ihn bis zu einer spirituellen Realisation bringen kann, die über alle Bedürfnisse und Begehrlichkeiten hinausgeht und diese doch zur Erfüllung und zum harmonischen Ausgleich in allem bringt, was in ihrem Geist und in ihrer Zielsetzung in göttlicher Weise wahr ist. Diese supramentale Macht wandelt die Bedürfnisse und Begehrlichkeiten in einen göttlichen Willen und in Ananda um. Sie transformiert die mentale und sittliche Aspiration in die Mächte der Wahrheit und Vollkommenheit, die jenseits von jenen liegen. Sie ersetzt das in sich gespaltene Ringen der individuellen Natur sowie die Leidenschaft und das Kämpfen des abgesonderten Ego durch das stille, tiefe, harmonische und frohe Gesetz der universalisierten Person in unserem Inneren, durch die Normen unseres zentralen Wesens und Geistes, der ein Teil des höchsten Geistes ist. Diese wahre Person in uns sucht, weil sie universal ist, nicht ihre abgesonderte Befriedigung. Vielmehr möchte sie in ihrem äußeren Ausdruck in der Natur zu ihrer wirklichen Statur heranwachsen und der Ausdruck ihres inneren göttlichen Selbst sein. Sie möchte jene transzendente spirituelle Macht und Gegenwart in ihrem Inneren realisieren, die mit allen geeint ist und mit jedem Ding und jedem Geschöpf mitfühlt. Diese wahre Person ist eins mit der gesamten kollektiven Personalität und mit den Mächten der göttlichen Existenz; und dennoch transzendiert sie diese. Sie wird nicht durch den Egoismus irgendeiner Kreatur oder eines Kollektivs gebunden und ist auch nicht durch die unwissenden Ansprüche ihrer niederen Natur eingeschränkt. Das ist die hohe Realisation, die all unserem Suchen und Ringen vorschwebt. Sie gibt uns das gewisse Versprechen, dass es zu einer vollkommenen Aussöhnung und Umgestaltung aller Elemente in unserer Natur kommen muss. Eine reine, totale und fehlerlose Aktivität ist nur dann möglich, wenn das in uns bewirkt wird und wenn wir die Höhe dieser in uns verborgenen Gottheit erreicht haben.

Das vollkommene supramentale Wirken wird sich nicht an ein einziges Prinzip oder an eine begrenzte Vorschrift halten. Es wird gewiss weder die Normen des individuellen Egoisten noch die irgendeines organisierten Gruppenmentals befriedigen. Es wird weder mit der Forderung des positivistischen praktischen Weltmenschen, noch des formalistischen Moralisten, des Patrioten, des sentimentalen Philanthropen oder des idealisierenden Philosophen übereinstimmen. Das vollkommene supramentale Handeln wird spontan aus den höchsten Bereichen hervorströmen und sich in der Totalität eines erleuchteten, erhöhten Seins, Willens und Wissens vollziehen. Es wird nicht mehr aus dem ausgewählten, berechneten und standardisierten Wirken herrühren, wozu die intellektuelle Vernunft oder der ethische Wille allein fähig sind. Es ist sein einziges Ziel, das Göttliche in uns zum Ausdruck zu bringen, die Welt zusammenzuhalten und ihren Fortschritt zu jener Manifestation hinzulenken, die kommen muss. Aber gerade das wird nicht so sehr ein Ziel und eine Absicht sein als vielmehr ein spontanes Gesetz des Wesens, eine intuitive Bestimmung des Handelns durch das Licht der göttlichen Wahrheit und deren automatischen Einfluss. Wie das Wirken der Natur geht auch es aus totalem Willen und Wissen hervor, die hinter der Natur wirksam sind. Das ist aber ein erleuchteter Wille und ein erleuchtetes Wissen in einer bewussten höchsten Natur, nicht länger verdunkelt durch die unwissende Prakriti. Dieses Wirken wird dann nicht mehr durch die dualen Gegensätzlichkeiten gebunden. Vielmehr ist es erfüllt und weit in einer unparteiischen Daseinsfreude des Geistes. Die frohe, inspirierte Bewegung von göttlicher Macht und Weisheit, die uns lenkt und antreibt, ersetzt dann die Verwirrungen und unsicheren Schritte des leidenden, unwissenden Egos.

Könnte die ganze Menschheit durch das Wunder eines göttlichen Eingreifens auf einmal auf diese Höhe emporgehoben werden, dann hätten wir auf Erden etwas von dem Goldenen Zeitalter der Traditionen, das Satya Yuga: das Zeitalter der Wahrheit oder des wahren Daseins. Das Kennzeichen des Satya Yuga besteht darin, dass das Gesetz in jedem Geschöpf spontan und bewusst ist und dass es seine eigenen Werke in einer vollkommenen Harmonie und Freiheit durchführt. Dann würden Einheit und Universalität die Grundlage des Bewusstseins der Menschheit sein und nicht mehr die absondernde Gespaltenheit. Die Liebe wäre dann absolut. Eine harmonische Gleichheit aller wäre mit einer Hierarchie vereinbar und würde erst in der Verschiedenartigkeit vollkommen werden. Eine absolute Gerechtigkeit könnte durch das spontane Wirken des Wesens im Einklang mit der Wahrheit der Dinge, der Wahrheit seines Selbst und der Wahrheit der anderen auf sicheren Fundamenten stehen; sie würde zu dem rechten Erfolg führen. Der wahren Vernunft, die dann keine mentale, sondern eine supramentale ist, könnte dadurch Genüge getan werden, dass sie nicht mehr künstliche Normen zu beachten braucht, sondern frei und automatisch alle richtigen Beziehungen und deren unfehlbaren Vollzug im Handeln erkennt. Der Streit zwischen dem Individuum und der Gesellschaft und der verhängnisvolle Kampf zwischen der einen und anderen Gemeinschaft würden dann nicht mehr existieren. Das fest in den verkörperten Wesen gegründete kosmische Bewusstsein würde eine Harmonie zwischen der Unterschiedlichkeit und dem Einssein sichern.

Bei dem jetzigen Zustand der Menschheit muss der einzelne als Pionier und Vorläufer zu dieser Höhe emporklimmen. Seine Isoliertheit wird seine äußeren Betätigungen notwendig so bestimmen und formen, dass sie sich noch stark von denen einer bewusst göttlichen kollektiven Aktion unterscheiden. Sein innerer Zustand, der die Wurzel seiner Betätigungen ist, wird derselbe sein. Seine Handlungen können aber noch sehr von dem verschieden sein, was sie auf einer Erde wären, die von der Unwissenheit befreit ist. Aber sein Bewusstsein und der göttliche Mechanismus seiner Lebensführung – wenn ein solches Wort für etwas so Freies verwendet werden darf – wären so, wie sie beschrieben worden sind: frei von allem Unterworfensein unter die vitale Unreinheit, das Begehren und jenen falschen Impuls, den wir Sünde nennen, aber auch ungebunden durch jene Ordnung vorgeschriebener moralischer Formeln, die wir als Tugend bezeichnen. Sein Bewusstsein und seine Lebensführung wären statt dessen spontan sicher, rein und vollkommen, in einer höheren Bewusstheit als in der des Mentals. Das Handeln würde dann in allen seinen Schritten vom Licht und der Wahrheit des Geistes regiert. Wenn nun ein Kollektiv oder eine Gruppe aus solchen Menschen gebildet werden könnte, die die supramentale Vollkommenheit erlangt haben, würde gewiss eine göttliche Schöpfung Gestalt annehmen. Eine neue Erde käme hernieder, die ein neuer Himmel sein würde. Eine Welt supramentalen Lichts könnte hier mitten in der zurückweichenden Finsternis dieser irdischen Unwissenheit erschaffen werden.

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