Kapitel 8

Der Höchste Wille

Im Licht der fortschreitenden Offenbarung des Geistes, der zuerst in der Unwissenheit gebunden zu sein scheint, dann aber frei in der Macht und Weisheit des Unendlichen hervortritt, können wir das krönende Gebot der Gita an den Karma-Yogin besser verstehen: „Gib jedes Dharma, alle Prinzipien, Gesetze und Regeln für die Lebensführung auf und nimm deine Zuflucht allein zu mir!“ — Alle diese Normen und Regeln sind zeitgebundene, vergängliche Konstruktionen, die sich auf die Bedürfnisse des Egos bei seinem Übergang aus der Materie zum Geist gründen. Diese Notbehelfe haben so lange eine relativ zwingende Bedeutung, als wir noch zufrieden auf den Übergangsstufen stehen bleiben, uns mit dem physischen und vitalen Leben abfinden und an die Funktionen unseres Mentals gebunden sind. Das gilt auch dann noch, wenn wir schon in jenen Bereichen der mentalen Ebene stehen, die vom Schimmer des Geistes berührt werden. Jenseits davon liegt jedoch die unbegrenzbare Weite eines supramentalen unendlichen Bewusstseins; dort gehen alle zeitbedingten Strukturen zuende. Wir können nicht bis zum letzten in die spirituelle Wahrheit des Ewigen und Unendlichen eintreten, wenn wir nicht den Glauben und den Mut aufbringen, uns ganz in die Arme des Herrn aller Dinge, des Freundes aller Geschöpfe zu werfen und unsere mentalen Begrenzungen und Maßstäbe ganz und gar hinter uns zu lassen. Es kommt ein Augenblick, da wir uns ohne Zögern, vorbehaltlos und ohne Furcht oder Bedenken in den Ozean des freien, unendlichen Absoluten stürzen müssen. Nach dem Gesetz kommt die Freiheit. Auf die personalen, auf die allgemeinen und auf die universalen Normen folgt etwas Größeres: die apersonale plastische Vielförmigkeit, die göttliche Freiheit, die transzendente Kraft und der erhabene Impuls. Am Ende des geraden Pfades des Aufstiegs öffnen sich vor uns auf der höchsten Höhe die weiten Ebenen.

Es gibt drei Stufen des Aufstiegs. Ganz unten ist das körperliche Leben, das unter dem Druck des Bedürfens und Begehrens geknechtet ist. In der Mitte tritt das Mental hervor, die höhere emotionale und seelische Ordnung, die nach höheren Interessen, Aspirationen, Erfahrungen und Ideen tastet. Auf den höchsten Höhen erfahren wir zuerst einen tieferen seelischen und spirituellen Zustand, dann tritt ein supramentales ewiges Bewusstsein hervor, in dem alle unsere Aspirationen und Bestrebungen ihre innerste Bedeutung entdecken. Im körperlichen Leben haben zunächst das Begehren und die Bedürfnisse, dann das praktische Wohl des Individuums und der Gesellschaft vordringlich Rang und bestimmende Macht. Im mentalen Leben regieren Ideen und Ideale. Die Ideen sind nur halbe Lichter, die sich in das Gewand der Wahrheit kleiden. Die Ideale werden vom Mental als das Ergebnis einer wachsenden, aber noch unvollkommenen Intuition und Erfahrung gebildet. Wo immer das mentale Leben vorherrscht, das körperliche aber sein stürmisches Drängen vermindert, fühlt sich der Mensch, das mentale Wesen, durch den Drang der mentalen Natur dazu getrieben, das individuelle Leben im Sinne der Idee oder des Ideals zu formen. Schließlich wird sogar das unbestimmtere, komplexere Leben der Gesellschaft dazu gezwungen, diesen subtilen Prozess durchzumachen. Diese begrenzten Motivkräfte treten im spirituellen Leben oder wenn sich eine höhere Macht als das Mental geoffenbart und von der Natur Besitz ergriffen hat zurück. Sie werden immer bedeutungsloser und verschwinden allmählich ganz. Alleiniger Herr in uns muss das spirituelle oder supramentale Selbst, das Göttliche Wesen, sein; es ist die höchste immanente Wirklichkeit. Sie will unsere endgültige Entwicklung frei im Einklang mit dem gestalten, was der höchste, umfassendste und integrale Ausdruck des Gesetzes unserer Natur ist. Am Ende wirkt die Natur in der vollkommenen Wahrheit und in ihrer spontanen Freiheit. Sie gehorcht nur noch der lichtvollen Macht des Ewigen. Dann kann das Individuum nichts Höheres mehr gewinnen; es muss ihm kein Wunsch mehr erfüllt werden. Es ist zu einem Teil der Apersonalität oder der universalen Personalität des Ewigen geworden. Sein Wirken kann durch keinen anderen Zweck mehr motiviert werden, als den Göttlichen Geist zu manifestieren, an seinem Kräftespiel im Leben und an der dauernden Erhaltung der Welt teilzuhaben und ihren Gang hin zu ihrem göttlichen Ziel zu lenken. Mentale Ideen, Meinungen und Konstruktionen sind nicht mehr seine Sache. Seine mentalen Funktionen sind in Schweigen versunken und nur noch ein Kanal für das Licht und die Wahrheit des göttlichen Wissens. Ideale sind zu eng für die unermessliche Weite seines Geistes. Der Ozean des Unendlichen strömt durch ihn und bewegt ihn für immer.

Wer aufrichtig den Pfad des Wirkens (Karma-Yoga) betritt, muss jene Stufe hinter sich lasen, auf der die Bedürfnisse und das Begehren das erste Gesetz für unsere Handlungen sind. Wenn wir das hohe Ziel des Yoga akzeptieren, müssen wir alles Begehren, das uns noch beunruhigt, von uns weggeben und in die Hand des Herrn in unserem Inneren legen. Die höchste Macht wird es so behandeln, wie es dem Wohl des Sadhaka und dem Wohl aller dient. Sobald diese Überantwortung (surrender) einmal vollzogen ist – immer unter der Voraussetzung, dass die Zurückweisung unseres Begehrens aufrichtig geschieht –, erleben wir zwar, dass die egoistischen Neigungen des Verlangens noch für eine gewisse Zeit zurückkehren, da der Impuls der früheren Natur ständig nachwirkt. Durch dieses Wiederkommen soll jedoch seine erworbene Antriebskraft erschöpft werden. So lernt der Mensch in seinem am schwersten belehrbaren Teil, in seiner nervlichen, vitalen und emotionalen Natur, durch die Reaktionen auf das Begehren, auf den dadurch verursachten Kummer und die Ruhelosigkeit – im bitteren Gegensatz zu den ruhigen Augenblicken des höheren Friedens und den wunderbaren Regungen des göttlichen Ananda –, dass das egoistische Begehren kein gültiges Gesetz mehr für die Seele ist, die nach Befreiung strebt oder ihre eigene ursprüngliche Gott-Natur zu erlangen sucht. Allmählich wird dann das Element des Begehrens in diesen impulsiven Kräften abgebaut, unerbittlich ausgeschieden, weil ein ständiger Druck auf seine Verwerfung und Transformation hinwirkt. Dann wird nur die reine Wirkenskraft (pravrtti) in der frohen Harmonie einer endgültigen Vollkommenheit in ihnen erhalten bleiben, die dadurch gerechtfertigt ist, dass man mit ausgeglichener Freude jedes Werk tut und das Ergebnis jedes Wirkens hinnimmt, das von oben her inspiriert und auferlegt wird. Das normale Gesetz und Recht unseres nervlichen Wesens ist es, zu handeln und zu genießen. Wenn wir aber unser Handeln und Genießen nur nach unserem persönlichen Begehren auswählen, ist das nicht unser Recht, sondern unser ignoranter Wille. Wählen darf nur der erhabene und universale Wille. Unser Handeln soll sich in eine dynamische Bewegung dieses Willens umwandeln. Unser Genießen soll durch das Kräftespiel eines reinen spirituellen Ananda ersetzt werden. Jeder persönliche Wille wird dann entweder zu einer vorübergehenden Delegation von oben her; oder es hat ein ignoranter Asura von ihm Besitz ergriffen.

Der zweite Begriff unserer fortschrittlichen Entwicklung, das Gesetz der Gesellschaft, ist zunächst ein Mittel zur Unterwerfung des Egos, damit es durch seinen Gehorsam einem umfassenderen kollektiven Ego gegenüber Disziplin lernt. Dieses Gesetz kann ganz leer von jedem sittlichen Inhalt sein; es dient dann nur den Bedürfnissen oder dem praktischen Wohl der Gesellschaft (bzw. dem, was eine Gesellschaft darunter versteht). Oder dieses Gesetz kann die Bedürfnisse und das Wohl der Gesellschaft zum Ausdruck bringen, aber modifiziert, gefärbt und ergänzt durch ein höheres sittliches oder ideales Gesetz. Dieses Gesetz bindet das sich entwickelnde, jedoch noch nicht völlig entfaltete Individuum in der Form der gesellschaftlichen Pflicht, der Verantwortung gegenüber der Familie, den Forderungen der Gemeinde und der eilen Empfinden für ein höheres Recht in Konflikt stehen. Der Sadhaka des Karma-Yoga wird auch dieses Gesetz an den Herrn der Werke überantworten. Hat er sich ihm einmal völlig übergeben, dann dienen auch die gesellschaftlichen Triebkräfte und Urteile (wie vorher seine Begehren) nur noch dazu, sich allmählich zu erschöpfen. Sind sie aber noch eine Zeitlang notwendig, dann sollen sie seine niedere mentale Natur dazu befähigen, sich mit der Menschheit im allgemeinen oder mit irgendeiner Gruppierung der Menschheit zu identifizieren, um an ihren Werken, Hoffnungen und Bestrebungen teilzunehmen. Wenn diese kurze Zeit vorüber ist, werden die Einflüsse zurückgezogen, und es bleibt dann allein eine göttliche Lenkung übrig. Von nun ab ist er mit dem Göttlichen und mit den anderen Menschen nur durch das göttliche Bewusstsein identifiziert, nicht mehr durch seine mentale Natur.

Selbst wenn der Sadhaka frei geworden ist, verbleibt er weiter in der Welt. In der Welt leben heißt aber, im Wirken verbleiben. Wenn der Karma-Yogin weiter handelt, aber ohne Begehren ist, bedeutet das, dass er für das Wohl der Welt im allgemeinen oder für seinesgleichen, für die Menschheit oder für eine Neue Schöpfung wirkt, die auf der Erde entwickelt werden muss. Er kann auch zu einem Werk gedrängt werden, das ihm der Göttliche Wille in seinem Inneren auferlegt. Dieses Handeln soll dann innerhalb des Rahmens geschehen, der ihm durch seine Umwelt oder durch die Gruppe zur Verfügung steht, in die er geboren ist oder gestellt wird; er kann es auch innerhalb einer Gemeinschaft tun, die eine göttliche Lenkung für ihn ausgewählt oder geschaffen hat. Im Verlauf unserer Vervollkommnung soll also nichts mehr in unserem mentalen Wesen übrig bleiben, was unserem Mitfühlen und unserer Selbst-Identifizierung mit unsern Nächsten, mit der Gruppe oder irgendeiner kollektiven Ausdrucksform des Göttlichen widerstreitet oder sie verhindert, wo wir lenkend, helfend oder dienend wirken sollen. Am Ende muss es dann zu einer freien Selbst-Identifizierung durch Identität mit dem Göttlichen kommen. Hier darf keine mentale Bindung, kein moralisches Band der Einung und keine Vereinigung vitaler Art mehr bestehen, in denen irgendein Egoismus persönlicher oder gesellschaftlicher Art, der Nation, der Gemeinde oder des Glaubensbekenntnisses vorherrscht. Wenn man noch einem Gesetz der Gesellschaft gehorcht, dann aus keinem äußeren Grunde mehr: weder aus physischer Notwendigkeit, aus einem Empfinden persönlichen oder allgemeinen Interesses, noch aus Berechnung, unter dem Druck der Umgebung oder aus irgendeinem Pflichtgefühl. Der Sadhaka wird alles nur um des Herrn der Werke willen tun, weil er fühlt oder weiß, dass der Göttliche Wille verlangt, dass das Gesetz, die Ordnung oder die Beziehungen der Gesellschaft so, wie sie jetzt noch bestehen, als eine Ausdrucksform des inneren Lebens beibehalten werden können, und dass der Sinn der Menschen nicht durch ihre Verletzung verwirrt werden darf. Muss er aber das Gesetz oder die Ordnung oder die menschlichen Beziehungen in der Gesellschaft missachten, dann wird er dabei nicht aus seinem Begehren, seinem persönlichen Willen oder aufgrund seiner persönlichen Meinung handeln, sondern weil er eine höhere Rechtsordnung fühlt, die das Gesetz des Geistes zum Ausdruck bringt, oder weil er weiß, dass im Vollzug des göttlichen Allwillens eine Bewegung nach einer Umwandlung drängt. Er muss das Bestehende der Gesetze und Formen überhöhen oder zugunsten eines freieren, umfassenderen Lebens abschaffen, das für den Fortschritt der Welt notwendig ist.

Schließlich haben wir noch das sittliche Gesetz oder das Ideal. Selbst bei vielen, die sich für frei halten, gelten diese als für ewig geheiligt und unantastbar. Auch sie wird der Sadhaka, dessen Blick immer zu den Höhen gerichtet ist, an Ihn hingeben, den alle Ideale nur unvollkommen und als Stückwerk zum Ausdruck bringen. Alle sittlichen Eigenschaften sind nur eine geringe, starre Entstellung jener spontanen, unbegrenzbaren göttlichen Vollkommenheit. Mit dem Verschwinden des nervlichen Begehrens schwindet auch unsere Gebundenheit an die Sünde und an das Böse dahin. Denn dieses gehört zum rajoguna, zur Qualität der Leidenschaft, des Impulses oder der Neigung des Vitals in uns. Es wird mit der Transformation dieser Qualität der Natur ausgelöscht. Der Aspirant darf aber nicht durch die vergoldete oder goldene Kette einer konventionellen, gewohnheitsmäßigen, vom Mental verordneten Tugend, auch nicht durch die hohe, helle Tugend des Sattwa gebunden sein. Etwas Tieferes und Wesenhafteres wird diese Haltungen minderen Wertes ersetzen, die die Menschen Tugend nennen. Der ursprüngliche Sinn dieses Wortes Tugend bedeutet Mannhaftigkeit. Das ist etwas viel Umfassenderes und Tieferes als das moralische Mental und seine Strukturen. Die höchste Höhe des Karma-Yoga ist aber ein noch höherer und tieferer Zustand, eine Haltung, die man vielleicht mit „Seelenmächtigkeit“ bezeichnen könnte. Die Seele ist ja größer als der Mensch. Eine freie Seelenmächtigkeit, die spontan in Werken höchster Wahrheit und Liebe aufwallt, wird die menschliche Tugend ersetzen. Wir können diese höchste Wahrheit nicht dazu zwingen, die ärmlichen Gebäude der praktischen Vernunft zu bewohnen oder sich in die vornehmeren Konstruktionen der umfassenderen ideativen Vernunft niederzulassen, die ihre Begriffe, die nur Repräsentationen der Wahrheit sind, der begrenzten menschlichen Intelligenz aufzwingt, als ob sie die reine Wahrheit wären. Diese höchste Liebe kann nicht notwendigerweise mit den partiellen und schwächlichen, ignoranten und von Emotionen beherrschten Regungen der menschlichen Anziehung, der Sympathie und des Mitleidens in Einklang stehen, und noch weniger will sie damit identisch sein. Das enge Gesetz des Mentals kann ihre umfassendere Bewegung nicht binden. Da das Mental nur Teilziele verwirklichen kann, darf es der Seele, die ihre Erfüllung sucht, seine Vorschriften nicht aufzwingen.

Am Anfang werden die höhere Liebe und Wahrheit ihre Einwirkung auf den Sadhaka im Einklang mit dem wesentlichen Gesetz oder der Art seiner eigenen Natur vollziehen. Diese individuelle Natur ist der besondere Aspekt der göttlichen Natur, die eigenartige Macht der höchsten Shakti, aus der die Seele des Sadhaka in das Spiel der Schöpfung hervorgetreten ist. Die Seele wird zwar in Wirklichkeit nicht durch die Formen dieses Gesetzes und durch diese Eigenart eingegrenzt; die Seele ist unendlich. Ihr Stoff der Natur trägt aber noch deren Gepräge und entwickelt sich im Fluss seiner Entfaltung nach deren Grundlinien, oder sie bewegt sich in den Spirallinien des sie beherrschenden Einflusses. Der Sadhaka wird die Bewegung der göttlichen Wahrheit gemäß den wesentlichen Eigenschaften (Gunas) manifestieren, die seine Gestaltung konstituieren und seinem Wesen durch dessen eigenen inneren Drang verliehen sind: entweder im Einklang mit dem Temperament des Weisen oder des löwengleichen Kämpfers, des Liebenden und Genießers oder des Arbeiters, des Dieners oder in sonst einer Kombination dieser guna. Die Natur seines Selbst, die sich im freien Spiel in seinen Taten entfaltet, werden die Menschen an ihm sehen, keine Lebensführung, die hart umrissen, abgezirkelt und künstlich reglementiert wird durch eine niedere Ordnung oder ein äußeres Gesetz.

Wir müssen aber ein noch höheres Ziel erreichen. Es gibt eine Unendlichkeit (ānantya), in der wir selbst über diese letzte Begrenzung hinauskommen, da unsere Natur nun bis zu ihrer äußersten Möglichkeit erfüllt worden ist und alle Grenzen verschwinden. Dort lebt die Seele ohne Beschränkungen. Sie verwendet alle Formen und Ausprägungen so, wie es der göttliche Wille in ihr vorschreibt. Sie wird dadurch in gar keinem Zwang gehalten und nicht irgendwie in die Macht oder Form, deren sie sich bedient, gebunden und gefangen. Das ist die höchste Höhe des Pfades der Werke. Das ist die äußerste Freiheit der Seele in ihrem Wirken. Sie selbst hat dabei keine Handlungen zu tun. All ihr Wirken ist zu einem Rhythmus des Höchsten geworden und strömt souverän aus Jenem allein hervor wie spontane Musik aus dem Unendlichen.

Weg und Ziel des Karma-Yoga ist: wir sollen unser ganzes Wirken dem höchsten universalen Willen bedingungslos und ohne eigenen Maßstab überantworten. Ein ewiges Wesen regiert in uns und ersetzt das übliche Wirken unserer Ego-Natur. Was ist aber dieser göttliche höchste Wille? Wie kann er von unseren in Täuschungen befangenen Instrumenten oder von unserer blind eingeschlossenen Intelligenz erkannt werden?

Gewöhnlich verstehen wir uns als ein abgesondertes „Ich“ im Universum, das seinen Körper, seine mentale und moralische Natur regiert, in voller Freiheit seine eigenen, von ihm selbst bestimmten Handlungen auswählt, unabhängig dasteht und darum auch als Herr über sein Wirken für dieses verantwortlich ist. Dem gewöhnlichen Mental fällt es nicht leicht, sich vorzustellen, irgendetwas in uns könnte wahrer, tiefer und mächtiger sein als dieses offensichtliche „Ich“ und seine Herrschaft. Das Mental hat noch nicht tiefer nachgedacht und noch keinen wirklichen Einblick in seine eigene Konstitution und die Faktoren gewonnen, die es konstituieren. Das ist selbst für das Mental solcher Menschen schwer, die zwar nachgedacht, aber noch keine spirituelle Schau und Erfahrung gewonnen haben. Den ersten Schritt zu einem Wissen vom Selbst und zur wahren Erkenntnis der Phänomene tun wir, wenn wir hinter die äußere Erscheinung der Dinge gelangen und die eigentliche maskierte, wesentliche und dynamische Wahrheit entdecken, die durch die Erscheinung der Dinge verdeckt wird.

Dieses Ego oder „Ich“ ist keine bleibende Wahrheit, und noch weniger ist es der wesentliche Teil von uns. Es ist nur eine Gestaltung der Natur, eine mentale Form zur Denk-Zentralisierung in dem wahrnehmenden und unterscheidenden Mental. Es ist eine vitale Form zur Zentralisation des Fühlens und Empfindens in unseren Organen. Es ist eine Form des körperlichen bewussten Empfangens, das die Substanz und die Funktion der Substanz in unserem Körper zentralisiert. In unserem eigentlichen inneren Wesen sind wir aber nicht unser Ego, vielmehr ein Bewusstsein, eine Seele, Geist. Aber auch das, was wir in unserem äußeren Wesen und in den Funktionen unserer Außenseite sind und tun, ist nicht das Ego sondern Natur. Eine ausführende kosmische Kraft gibt uns unsere Gestalt und diktiert uns unser ganzes Wirken und seine Ergebnisse durch unser Temperament, unsere Umwelt und unser dadurch gestaltetes Mental, also durch unsere individualisierte Ausformung der kosmischen Energien. In Wahrheit sind nicht wir es, die denken, wollen oder handeln. Vielmehr geschieht das Denken, der Wille, der Impuls und das Handeln in uns. Unser Ego-Sinn sammelt das alles um sich als Mittelpunkt. Dieses ganze Strömen der Wirkensweisen der Natur zieht er in sich zusammen. Es ist die kosmische Kraft, die Natur, die das Denken bildet, den Willen auferlegt und den Impuls mitteilt. Unser Körper, unser Mental und unser Ego sind nur eine Welle in diesem Meer von Kraft in Aktion. Sie werden von dieser Kraft regiert und dirigiert, nicht umgekehrt. Der Sadhaka muss bei seinem Vordringen zu Wahrheit und Erkenntnis seines Selbst an einen Punkt gelangen, wo seine Seele die Augen des inneren Schauens öffnet und die Wahrheit über sein Ego und über das Wirken erkennt. Dann gibt er den Gedanken auf, ein mentales, vitales oder physisches „Ich“ zu sein, das handelt und Handlungen regiert. Er erkennt, dass Prakriti, die Kraft der kosmischen Natur, ihren Gesetzen folgend, in ihm, in allen Dingen und Geschöpfen die einzige Handelnde ist.

Wie kamen die Naturgesetze zustande? Oder wer hat ihre Kraft hervorgebracht und regiert ihr Wirken? Hinter ihnen steht ein Bewusstsein, oder ein Wesen mit Bewusstsein. Es ist der Herr, der beobachtende Zeuge, der Wissende; ihm zur Freude geschieht das Wirken der Natur; er fördert und trägt es; von ihm geht die Sanktion für ihr Wirken aus. Dieses Bewusstsein ist die Seele, der Purusha. Prakriti gestaltet das Wirken in uns aus; Purusha in ihr oder hinter ihr ist dessen beobachtender Zeuge, gibt seine Zustimmung, trägt, fördert und stützt es. Prakriti gestaltet das Denken in unserem Mental; Purusha in ihr oder hinter ihr weiß den Gedanken und die in ihm enthaltene Wahrheit. Prakriti bestimmt das Ergebnis des Handelns; Purusha in ihr oder hinter ihr nimmt die Konsequenzen des Handelns aktiv oder passiv auf sich. Prakriti gestaltet das Mental und den Körper, arbeitet an ihnen und entwickelt sie; Purusha fördert und stützt die Gestaltung und Evolution und sanktioniert jeden Schritt ihres Wirkens. Prakriti setzt die Willenskraft ein, die in den Dingen und Menschen wirkt; Purusha macht die Willenskraft dadurch wirksam, dass er schaut, was getan werden soll. Dieser Purusha ist nicht das äußere Ego des Menschen, sondern ein schweigendes Selbst, eine Quelle von Macht hinter dem Ego, Ursprung und Empfänger des Wissens. Unser mentales „Ich“ ist nur eine falsche Spiegelung dieses Selbstes, dieser Macht, dieses Wissens. Darum ist der Purusha als das tragende Bewusstsein Ursache, Empfänger und Förderer aller Wirkensweisen der Natur, doch selbst nicht der Handelnde. Prakriti, die Naturkraft im Vordergrund, und Shakti, die Bewusstseinskraft und der Seelenkraft im Hintergrund, – diese beiden sind das nach innen und das nach außen gewandte Gesicht der universalen Mutter – bilden zusammen Ursache und Wirkung bei dem, was im Universum geschieht. Die universale Mutter, Prakriti-Shakti, ist einzig und allein die Wirkende.

Purusha-Prakriti, Bewusstseinskraft, Seele, die die Natur trägt und fördert – denn auch wenn diese beiden getrennt wirken, sind sie doch eine untrennbare Einheit –, sind zugleich eine universale und transzendente Macht. Es gibt aber auch im Individuum etwas, das nicht das mentale Ego ist, etwas das eins im Wesen ist mit dieser Wirklichkeit. Das ist eine klare Widerspiegelung oder ein Teil des einen Purusha. Es ist die Seele, die Person oder das verkörperte Wesen, das individuelle Selbst, Jivatman. Dieses Selbst scheint seine Macht und sein Wissen einzuschränken, um ein individuelles Kräftespiel der transzendenten und universalen Natur tragen und erhalten zu können. Der unendliche Eine ist in seiner tiefsten Wirklichkeit auch der endlich Vielfältige. Wir sind nicht nur eine Spiegelung oder ein Teil dieses Einen; wir sind Dieses. Unsere spirituelle Individualität schließt nicht, wie unser Ego, Universalität und Transzendenz aus. In unserem gegenwärtigen Zustand hat sich aber unsere Seele oder unser Selbst völlig darauf eingestellt, durch den Gedanken, ein Ego zu sein, sich in der Natur zu individualisieren. Es nimmt die dadurch entstehende Verwechslung in Kauf. Aus dieser Unwissenheit muss unsere Seele frei werden. Sie soll sich selbst als eine Widerspiegelung, als einen Teil oder als ein Wesen des höchsten, universalen Selbst, als ein Zentrum seines Bewusstseins in der Welt-Aktion erkennen. Aber auch dieser Jiva Purusha ist ebensowenig der Vollzieher des Wirkens wie das Ego oder das tragende Bewusstsein des Beobachters und Wissenden. Immer und überall ist es die transzendente und universale Shakti, die allein die Wirkende ist. Aber hinter ihr steht der Eine, der Erhabene, der sich durch sie als die duale Macht, als Purusha-Prakriti, als Ishwara-Shakti offenbart. Der Erhabene wird als die Shakti dynamisch und ist durch sie der alleinige Urheber und Meister des Wirkens im Universum.

Anmerkung: Ishwara-Shakti ist nicht genau dasselbe wie Purusha-Prakriti. Purusha und Prakriti sind nämlich voneinander gesonderte Mächte, während bei Ishwara und Shakti jede Macht die andere in sich enthält. Ishwara ist der Purusha, der auch die Prakriti in sich enthält und durch die Macht der Shakti in seinem Inneren regiert. Shakti ist Prakriti, die durch Purusha beseelt wird und durch den Willen des Ishwara handelt. Er wird zu ihrem eigenen Willen, so dass sie seine Gegenwart in ihrem Wirken stets in sich trägt. Die Realisation von Purusha-Prakriti ist für den Suchenden von grundlegender Notwendigkeit auf seinem Pfad des Wirkens. Dass sich das bewusste Wesen und die Energie voneinander trennen und dass das Wesen dem Mechanismus der Energie unterworfen wird, bewirkt unsere Unwissenheit und Unvollkommenheit. Durch diese Realisation kann sich das Wesen aus dem mechanischen Wirken der Natur befreien, unabhängig werden und zu einer ersten spirituellen Beherrschung der Natur gelangen. Ishwara-Shakti steht hinter der Beziehung Purusha-Prakriti und deren unwissendem Handeln und stellt diese in den Dienst eines evolutionären Zweckes. Die Ishwara-Shakti-Realisation macht es uns möglich, dass wir an einer höheren Dynamik, an einem göttlichen Wirken, einem totalen Einssein und einer Harmonie des Wesens in einer spirituellen Natur teilnehmen.

Wenn das die Wahrheit rechten Wirkens ist, dann muss sich der Sadhaka in erster Linie aus den egoistischen Formen der Aktivität zurückziehen und völlig frei werden von dem Empfinden, dass sein „Ich“ handelt. Er soll sehen und fühlen, dass alles in ihm durch den plastischen bewussten, unterbewussten und manchmal überbewerten Automatismus seiner mentalen und körperlichen Instrumente geschieht, die durch die Kräfte der spirituellen, mentalen, vitalen und physischen Natur in Bewegung gehalten werden. An seiner Außenseite gibt es eine Personalität, die auswählt und ihren Willen ausübt, sich unterwirft und kämpft, sich in der Natur zu behaupten oder über sie zu siegen versucht. Diese Personalität ist aber selbst eine Konstruktion der Natur und wird von ihr so beherrscht, getrieben und bestimmt, dass sie nicht frei sein kann. Sie ist eine Gestaltung oder Ausdrucksform des Selbstes in ihr. Sie ist aber viel eher ein Selbst der Natur als ein Selbst des Selbstes. Sie ist das naturhafte, die Prozesse des Wirkens vollziehende, aber nicht das spirituelle und dauernde Wesen des Selbst. Diese Personalität ist für eine vorübergehende Zeit konstruiert; sie ist jedoch nicht die wahre, unsterbliche Person. Sie muss aber zu jener Person werden. Darum soll der Sadhaka es immer besser fertigbringen, in seinem Inneren ruhig zu werden, sich als der Beobachter seiner äußeren aktiven Personalität von dieser loszulösen und das Spiel der kosmischen Kräfte in sich dadurch verstehen zu lernen, dass er zurücktritt und nicht mehr blind von ihren Abläufen und Bewegungen absorbiert wird. Wenn er so sich ruhig, ohne Hang und Bindungen, selbst erforscht und ein Beobachter seiner eigenen Natur ist, wird er dessen inne, dass er die individuelle Seele ist, die das Wirken der Natur beobachtet. Ruhig akzeptiert er ihre Resultate und sanktioniert er die Impulse ihres Wirkens, oder er verweigert ihnen die Anerkennung. Gegenwärtig ist diese Seele, der Purusha, wenig mehr als ein Zuschauer, der nur seine Einwilligung gibt, vielleicht das Handeln und die Entwicklung des Wesens durch den Druck seines verhüllten Bewusstseins beeinflusst. Zum größten Teil delegiert er aber seine Mächte oder einen Teil von ihnen an die äußere Personalität, also eigentlich an die Natur. Dieses äußere Selbst ist ihr gegenüber nicht der Herr, sondern ihr Untertan, anīśa. Ist die Seele aber einmal unverhüllt hervorgetreten, kann sie ihre Zustimmung oder Zurückweisung wirksam machen. Sie wird dann Herr über das Handeln und diktiert souverän eine Wandlung der Natur. Selbst wenn noch für lange Zeit – als Folge verfestigter Kräfteverbindungen oder vergangener Kräfteaufspeicherungen – der gewohnheitsmäßige Ablauf unabhängig von der Zustimmung des Purusha weitergeht oder selbst wenn die von ihm sanktionierte Bewegung hartnäckig von der Natur zurückgewiesen wird, weil diese in der Vergangenheit nicht daran gewöhnt wurde, wird er doch schließlich erkennen, dass sich seine Zustimmung oder Zurückweisung durchsetzt. Das geschieht entweder langsam gegen viel Widerstand oder rasch mit einer schnellen Anpassung ihrer Mittel und Tendenzen. Dann verwandelt die Natur sich selbst und ihre Art zu wirken in der Richtung, die durch das innere Schauen des Purusha und die Tendenz seines Willens gewiesen wird. So lernt der Sadhaka anstelle einer mentalen Kontrolle oder eines egoistischen Willens eine innere spirituelle Beherrschung, die ihn zum Meister über die in ihm wirkenden Naturkräfte macht. Er ist nun nicht mehr ihr unbewusstes Instrument oder ihr mechanisch arbeitender Knecht. Über ihm steht die Shakti, die universale Mutter umgibt ihn. Von ihr kann er alles erhalten, was seine innerste Seele braucht und haben will, wenn er nur eine wahre Kenntnis ihres Wirkens besitzt und sich aufrichtig dem göttlichen Willen in ihr unterwirft. Schließlich nimmt er jenes höchste dynamische Selbst in seinem Inneren und in der Natur wahr, den Ursprung all seines Schauens und Wissens, die Quelle der Sanktion, die Ursache für das Akzeptieren und für das Zurückweisen. Das ist der Herr, der Höchste, der Eine-in-allen, Ishwara-Shakti, von dem seine Seele ein Teilchen ist, ein Wesen aus jenem Wesen, eine Macht aus jener Macht. Unser ganzer weiterer Fortschritt hängt von unserer Erkenntnis der Wege ab, auf denen der Herr der Werke seinen Willen in der Welt und in uns manifestiert und wie er seine Werke durch die transzendente und universale Shakti ausführt.

In seiner Allwissenheit sieht der Herr, was getan werden muss. Dieses Schauen ist sein Wille. Es ist eine Form schöpferischer Macht. Was er schaut, nimmt die allbewusste Mutter, die mit ihm eins ist, in ihr dynamisches Selbst auf und verkörpert es. Dann führt es die exekutive Naturkraft als der Mechanismus ihres allmächtigen Wissens aus. Die Schau dessen, was sein soll und darum getan werden muss, kommt aus dem eigentlichen Sein hervor; es strömt direkt aus dem Bewusstsein und der Daseinsfreude des Herrn, so spontan wie das Licht aus der Sonne. Das ist nicht unsere Art zu schauen, nicht unser schwieriges Herankommen an die Wahrheit des Handelns und seines Motivs oder an die rechte Erfüllung der Forderung der Natur. Hier brauchen wir uns nicht so mühevoll an die Wahrheit des Handelns, an das richtige Motiv dafür oder an die richtige Erfüllung der Forderung der Natur heranzuarbeiten. Sobald die individuelle Seele in ihrem Wesen und Wissen völlig mit dem Herrn geeint ist und direkt mit der Shakti des Ursprungs, mit der transzendenten Mutter, in Verbindung steht, kann der höchste Wille auch in uns in der hohen, göttlichen Weise als das hervortreten, was sein muss und nun durch das spontane Wirken der Natur zustande gebracht wird. Dann gibt es kein Begehren, keine Verantwortlichkeit und keine Reaktion mehr. Alles vollzieht sich dann im Frieden, in der Ruhe, im Licht und in der Macht des Göttlichen, das alles fördert und trägt, einhüllt und allem innewohnt.

Selbst bevor wir so der Identität mit dem Göttlichen am nächsten gekommen sind, kann sich in uns etwas vom höchsten Willen als ein gebieterischer Antrieb und als ein von Gott getriebenes Handeln offenbaren. Wir können dann durch eine spontane, selbstbestimmende Kraft handeln. Eine vollere Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres Zieles kommt erst später. Der Impuls zum Handeln kann auch als Inspiration oder Intuition zu uns kommen, jedoch eher in Herz und Körper als im Mental. Unsere Schau wird dadurch tiefer; die vollständige und exakte Erkenntnis wird aber noch hinausgeschoben und kommt, wenn überhaupt, erst später. Der göttliche Wille kann auch als ein lichtvolles einziges Gebot, als eine totale Wahrnehmung oder als ein ständiger Strom von Wahrnehmung dessen, was getan werden muss, zu uns gelangen und unseren Willen oder unser Denken bestimmen. Oder der Wille Gottes offenbart sich als eine Weisung von oben, die spontan von unseren niederen Organen erfüllt wird. Solange der Yoga noch unvollkommen ist, können nur einige Handlungen auf diese Weise getan werden. Es mag auch ein allgemeines Wirken so ablaufen, das ereignet sich aber meist nur in Zeiten innerer Erhebung und Erleuchtung. Wenn der Yoga jedoch vollkommen geworden ist, nimmt alles Wirken diesen Charakter an. — Tatsächlich können wir drei Stufen eines wachsenden Fortschritts unterscheiden. Auf der ersten Stufe wird der personale Wille gelegentlich oder häufig durch einen höchsten Willen oder eine bewusste Kraft von jenseits erleuchtet oder bewegt. Später wird er ständig durch die göttliche Macht-Aktion ersetzt. Zuletzt wird er mit ihr identifiziert und geht dann ganz in ihr auf. Auf der ersten Stufe werden wir noch völlig vom Intellekt, von Herz und Sinnen regiert. Diese müssen die göttliche Inspiration und Lenkung suchen oder auf sie warten; sie finden und empfangen dies aber nicht immer. Auf der zweiten Stufe wird die menschliche Intelligenz immer mehr durch ein hohes erleuchtetes oder intuitives spiritualisiertes Mental, das äußere menschliche Herz durch das innere seelische Herz und die Sinne durch eine geläuterte und selbstlose vitale Kraft ersetzt. Auf der dritten Stufe kommen wir über das spiritualisierte Mental hinaus zu den supramentalen Ebenen.

Auf allen drei Stufen ist der fundamentale Charakter des befreiten Handelns derselbe: Prakriti wirkt nun spontan, nicht mehr durch und für das Ego, sondern im Einklang mit dem Willen und zur Freude des höchsten Purusha. Auf einer höheren Stufe kommt die Wahrheit des absoluten und universalen Höchsten durch die individuelle Seele zum Ausdruck und wird bewusst durch die Natur zur Auswirkung gebracht. Das wird in uns nicht länger als Teil-Wahrnehmung gemindert und entstellt wirksam durch die strauchelnde, ignorante und alles verzerrende Energie unserer niederen Natur, sondern durch die allweise transzendente und universale Mutter.

Der Herr hat sich selbst, seine absolute Weisheit und sein ewiges Bewusstsein in die unwissende Naturkraft verhüllt und duldet es, dass sie mit seiner Zustimmung als das Ich das individuelle Wesen antreibt. Diese niedere Wirkensweise der Natur herrscht dann oft noch lange vor, auch wenn der Mensch in seinen halb-erleuchteten Bemühungen noch unvollkommen nach einem edleren Motiv und einer reineren Erkenntnis seines Selbst strebt. Unser menschliches Bemühen nach Vollkommenheit versagt oder macht nur unvollständige Fortschritte, weil die Kraft des früheren Wirkens der Natur in uns noch stark ist und weil die vergangenen Gestaltungen mit ihren tief eingewurzelten Gedankenassoziationen noch vorherrschen. Darum macht es noch ungenügende Fortschritte. Erst dann erlangt unser Streben seinen wahren, hohen Erfolg, wenn ein größeres Wissen oder eine höhere Macht als die unsrige durch den „Verschluss“ unserer Unwissenheit durchbricht und unseren personalen Willen führt oder in sich aufnimmt. Denn unser menschlicher Wille ist ein von der rechten Bahn abgelenkter, unstet herumwandernder Lichtstrahl, der sich aus der höchsten Machtfülle losgelöst hat. Die Zeit, da der Sadhaka aus dieser niederen Art zu wirken langsam in ein höheres Licht und in eine reinere Kraft emporkommt, ist für ihn, der nach Vollkommenheit strebt, das „Tal der Schatten des Todes“. Das ist ein furchtbarer Übergang mit vielen Prüfungen, Leiden, Kümmernissen, Verdunklungen, Fehltritten, Irrungen und Fußangeln. Um diese Pein abzukürzen oder zu erleichtern oder mit einer göttlichen Seligkeit zu durchdringen, ist ein starker Glaube notwendig. Das Mental muss sich immer mehr an jenes Wissen hingeben, das sich vom Inneren her durchsetzt. Vor allem ist wahre Aspiration und zielgerichtetes, unnachgiebiges und aufrichtiges Üben erforderlich. „Übe diesen Yoga fest entschlossen und ohne Schwanken“, sagt die Gita, „mit einem Herzen, das frei ist von Niedergeschlagenheit.“ Selbst wenn wir auf der früheren Stufe des Pfads das bittere Gift innerer Zerrissenheit und tiefen Leidens trinken müssen, ist doch der letzte Geschmack aus diesem Becher der süße Nektar der Unsterblichkeit und der Honigwein eines ewigen Ananda.

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