Kapitel 6
Wie man das innere Bewusstsein entwickelt
Zielstrebigkeit
Worte Sri Aurobindos
Jeder, der durch sein seelisches Wesen auf den spirituellen Pfad gerufen wird, hat eine Fähigkeit für diesen Weg und kann zum Ziel gelangen, wenn oder sobald er allein dafür einen zielstrebigen Willen entwickelt. Jeder Sadhak aber ist in sich zwei Elementen gegenübergestellt, dem inneren Wesen, welches das Göttliche und die Sadhana will, und dem äußeren, vorwiegend vitalen und physischen Wesen, das sie nicht will, sondern den Dingen des gewöhnlichen Lebens verhaftet bleibt. Das Mental wird manchmal von dem einen und manchmal von dem anderen beeinflusst. Daher ist eine der wichtigsten Aufgaben, die er zu tun hat, den Streit zwischen diesen beiden Teilen grundlegend zu entscheiden: die widersetzlichen Elemente durch seelisches Streben, durch Stetigkeit im mentalen Denken und Willen und durch die Möglichkeiten des höheren Vitals in seinem emotionalen Wesen zu überzeugen oder dazu zu zwingen, zunächst zur Ruhe zu gelangen und dann die Zustimmung zu erteilen. Solange er nicht fähig ist, das zu tun, wird er entweder sehr langsam oder aber schwankend und wechselvoll fortschreiten, weil das innere Streben zu keinem anhaltenden Wirken bzw. keinem anhaltenden Ergebnis kommt.
Kontrolle
Worte Sri Aurobindos
Man muss die Fähigkeit erlangen, Mental und Vital zu beruhigen. Wenn es anfangs nicht ständig möglich ist, dann wenigstens wann immer man es will. Denn Mental und Vital verhüllen sowohl das seelische Wesen als auch das Selbst (atman), und um zu einem von ihnen zu gelangen, muss man sich durch ihre Verhüllung hindurch nach innen wenden. Wenn Mental und Vital aber immer tätig sind und du dich immer mit ihren Tätigkeiten identifizierst, wird die Verhüllung immer bestehen bleiben.
Meditation
Worte Sri Aurobindos
Durch die Meditation beginnt sich ein inneres Bewusstsein zu entwickeln, das nach einiger Zeit – nicht sofort oder plötzlich – mehr und mehr von selbst anhält. Man empfindet es als vom äußeren, arbeitenden Bewusstsein getrennt. Zuerst wird das abgetrennte Bewusstsein bei der Arbeit nicht empfunden, doch fühlt man, sobald die Arbeit beendet ist, dass es die ganze Zeit über gegenwärtig war und aus dem Hintergrund beobachtete. Später beginnt man, es selbst während der Arbeit zu fühlen, so als würde man aus zwei Teilen bestehen – einem Teil, der aus dem Hintergrund beobachtet und hilft, der sich der Mutter erinnert und ihr die Arbeit darbringt, und einem anderen, der die Arbeit tut. Sobald dies geschieht, wird es immer einfacher, im wahren Bewusstsein zu arbeiten.
Loslösung
Worte Sri Aurobindos
Es ist aber auch möglich, dich loszulösen und diese Tätigkeiten zu betrachten, als ob es nicht deine eigenen wären, sondern ein mechanisches Wirken der Natur, das du als unbeteiligter Betrachter beobachtest. Man kann dann ein inneres Wesen wahrnehmen, das für sich ist, still und nicht in die Natur verwickelt. Das kann der innere mentale oder vitale Purusha sein und nicht die Seele, aber das Bewusstsein des inneren manomaya- und pranamaya-purusha zu erlangen, ist immer ein Schritt auf die Enthüllung des seelischen Wesens hin.
Worte Sri Aurobindos
Das innere Wesen setzt sich aus dem inneren Mental, dem inneren Vital, dem inneren Physischen zusammen. Die Seele ist zuinnerst und stützt alle Übrigen. Gewöhnlich findet diese Trennung zuerst im inneren Mental statt, und es ist der innere mentale Purusha, der schweigend bleibt und die Prakriti als von sich getrennt betrachtet. Es kann auch der innere vitale oder der innere physische Purusha sein, aber auch ohne örtliche Festlegung das ganze Purusha-Bewusstsein, das von der gesamten Prakriti getrennt ist. Manchmal wird es über dem Kopf gefühlt, dann wird es meist als Atman bezeichnet, und die Verwirklichung ist die des schweigenden Selbstes.
Worte Sri Aurobindos
Loslösung von den Unvollkommenheiten und Schwächen der eigenen Natur besteht darin, dass man von ihnen zurücktritt, dass man sich nicht mit ihnen identifiziert und sich nicht darüber aufregt oder beunruhigt, dass sie da sind, sondern man sie vielmehr als etwas betrachtet, das dem eigenen wahren Bewusstsein und wahren Selbst fremd ist. Man weist diese Bewegungen zurück und ruft die Kraft der Mutter in sie hinein, um sie zu beseitigen und das wahre Bewusstsein und seine Bewegungen an ihre Stelle zu setzen.
Worte der Mutter
Die meisten leben an der Oberfläche ihres Wesens, der Berührung durch äußere Einflüsse ausgesetzt. Sie leben fast als Projektion, gleichsam außerhalb ihres Körpers, und wenn sie irgendeinem unangenehmen, ähnlich projizierten Geschöpf begegnen, werden sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Der ganze Verdruss entsteht, weil sie nicht gewohnt sind zurückzutreten. Man muss immer in sich selbst zurücktreten. Deshalb lerne, tief nach innen zu gehen – tritt zurück, und du wirst geschützt sein. Gib dich nicht oberflächlichen Kräften hin, die sich in der äußeren Welt bewegen, tritt für eine Weile zurück, und du wirst zu deiner Überraschung entdecken, wie viel eher und mit wie viel größerem Erfolg deine Arbeit getan werden kann. Wenn jemand ärgerlich auf dich ist, lasse dich nicht von seinen Schwingungen einfangen, sondern tritt einfach zurück, und sein Ärger, weil er keine Unterstützung oder Erwiderung findet, wird vergehen. Bewahre deinen Frieden, widerstehe aller Versuchung, ihn zu verlieren. Entscheide niemals irgendetwas, ohne zurückzutreten, sprich niemals ein Wort, stürze dich niemals in eine Handlung, ohne zurückzutreten. Alles, was zur gewöhnlichen Welt gehört, ist ohne Dauer und flüchtig, deshalb gibt es in ihr nichts, das es wert wäre, uns aus der Fassung zu bringen. Was dauerhaft ist, unsterblich und unendlich – das lohnt sich zu haben, zu erobern, zu besitzen. Es ist Göttliches Licht, Göttliche Liebe, Göttliches Leben – es ist auch Höchster Friede, Vollkommene Freude und All-Meisterschaft auf der Erde mit der Vollendeten Manifestation als ihrer Krönung. Wenn du die Relativität der Dinge spürst, kannst du, was auch immer geschehen mag, zurücktreten und schauen. Du bist fähig, ruhig zu bleiben und die Göttliche Kraft zu rufen und auf eine Antwort zu warten. Dann wirst du genau wissen, was zu tun ist. Deshalb sei dir bewusst, dass du die Antwort nicht empfangen kannst, bevor du sehr friedvoll bist. Übe dich in diesem inneren Frieden, mache wenigstens einen kleinen Anfang und fahre darin fort, bis er dir zur Gewohnheit geworden ist.
Betrachter-Bewusstsein
Worte Sri Aurobindos
Das innere Betrachter-Bewusstsein einzunehmen, ist ein sehr wesentliches Stadium während des Fortschritts – wobei ich nicht glaube, dass es unbedingt eine äußere Zurückgezogenheit miteinbezieht, obwohl auch das möglich ist. Das Betrachter- Bewusstsein trägt zur Befreiung von der niederen Prakriti bei – nicht mehr in die gewöhnlichen Bewegungen der Natur verwickelt zu werden. Es trägt zur Errichtung einer vollkommenen Stille und eines vollkommenen Friedens im Inneren bei, denn dann bleibt ein Teil des Wesens losgelöst und beobachtet, ohne durch die Störungen an der Oberfläche beunruhigt zu werden. Es unterstützt ferner das Ansteigen in das höhere Bewusstsein und das Herabkommen des höheren Bewusstseins, denn durch dieses stille, losgelöste und befreite innere Wesen können Anstieg und Herabkunft leicht stattfinden. Ebenso ist es eine große Hilfe, sowohl für die Befreiung als auch für die Universalisierung des Wesens, mit dem gleichen Blick des Betrachters die Bewegungen der Prakriti in anderen zu sehen und zu verstehen, von ihnen jedoch in keiner Weise gestört zu werden. Aus diesem Grund konnte ich auf keinen Fall etwas gegen diese Bewegung in einem Sadhak einwenden.
Was die Hingabe anbelangt, ist sie mit der Haltung des Betrachters nicht unvereinbar. Im Gegenteil, durch die Befreiung von der gewöhnlichen Prakriti wird die Hingabe an die höhere oder göttliche Macht leichter. Sehr häufig, wenn die Haltung des Betrachters nicht eingenommen wurde, aber ein erfolgreicher Ruf um das Wirken der Kraft ergangen ist, sorgt diese Kraft mit als erstes dafür, diese Betrachter-Haltung zu errichten, um mit weniger Einmischung und Störung durch die Bewegungen der niederen Prakriti wirken zu können.