Kapitel 5
Der erste Schritt zur wahren Universalität
Worte Sri Aurobindos
Tatsächlich bedeutet aber diese Hinwendung und Bewegung nach innen nicht, dass wir in unser personales Selbst eingesperrt werden, sondern sie ist der erste Schritt zur wahren Universalität. Sie vermittelt uns die Wahrheit sowohl über unser äußeres Dasein als auch über unser inneres Sein. Denn dieses innere Leben kann sich ausweiten und das universale Leben umfassen, und es kann viel realer und dynamischer mit dem Leben aller in Berührung kommen, dort eindringen und es umfassen, weit mehr als das in unserem vordergründigen Bewusstsein überhaupt möglich ist. Auch wenn wir uns an unserer Außenseite so weit wie möglich allumfassend machen, ist das nur ein armseliges und hinkendes Bemühen, eine Konstruktion, ein Vorwand, nicht die wirkliche Sache: Denn in unserem vordergründigen Bewusstsein müssen wir vom Bewusstsein der anderen Menschen getrennt sein und die Fesseln des Egos tragen. Gerade hier wird unsere Egolosigkeit zumeist zu einer subtilen Form von Egohaftigkeit und geeignet zu einer noch stärkeren Durchsetzung unseres Egos. Selbstzufrieden mit unserer Pose von Altruismus, sehen wir nicht, dass das eine Verschleierung dessen ist, dass wir anderen Menschen, die wir in unseren ausgeweiteten Umkreis einbeziehen, unser individuelles Ego, unsere Ideen, unsere mentale und vitale Persönlichkeit und unser Bedürfnis nach Ausweitung unseres Egos aufnötigen. Insoweit wir wahrhaft erfolgreich für andere Menschen leben, wird das durch die innere spirituelle Kraft von Liebe und Sympathie getan, doch sind das Vermögen und der Wirkungsbereich dieser Kraft in uns gering, die seelische Bewegung, die das fördert, ist unvollkommen, ihr Wirken vollzieht sich oft unwissend, weil es hier zwar eine Berührung von Mental und Herz gibt, unser Wesen jedoch nicht das Wesen der anderen Menschen in gleicher Weise umfasst wie unser eigenes. Äußere Einung mit anderen Menschen muss immer dazu führen, dass das Vordergründige des Lebens der einen mit dem der anderen von außen her miteinander verbunden wird – und das mit einem entsprechenden geringen inneren Ergebnis. Zwar binden sich unser Mental und Herz mit ihren Regungen an das gemeinsame Leben und an die Menschen, mit denen wir hier zusammentreffen. Als Fundament aber bleibt dieses gemeinsame äußerliche Leben bestehen – die im Inneren konstruierte Einheit oder was immer von ihr trotz gegenseitiger Unwissenheit, disharmonischem Egoismus, des Konflikts der Mentalitäten, Herzen, vitalen Temperamente und Interessen überhaupt dauerhaft werden kann, ist nur ein partieller und ungesicherter Überbau. Das spirituelle Bewusstsein, das spirituelle Leben kehrt dieses Aufbau-Prinzip um. Es gründet sein Wirken im kollektiven Leben auf innere Erfahrung und das Mit-Einbeziehen der anderen Menschen in unser eigenes Wesen, auf ein inneres Empfinden und eine Wirklichkeit von Einssein. Der individuelle spirituelle Mensch handelt aus diesem Empfinden von Einssein, das ihm die unmittelbare Erfahrung des Anspruchs verschafft, den das eine Selbst an das andere stellt, aus dem Bedürfnis des Lebens, das gut ist, des Werks von Liebe und Sympathie, das in der Wahrheit geleistet werden kann. Nur die Verwirklichung der spirituellen Einheit, eine Kraftaufladung des innigen Bewusstseins, dass wir eins sind, dass in allen Menschen nur ein Selbst ist, kann das göttliche Leben begründen und sein Wirken durch diese Wahrheit regieren.