Kapitel 6

Sich einsam fühlen

Worte Sri Aurobindos

Innere Einsamkeit kann allein durch die innere Erfahrung des Einsseins mit dem Göttlichen geheilt werden; keine menschliche Beziehung vermag diese Leere auszufüllen. Ebenso darf im spirituellen Leben die Harmonie mit anderen nicht auf mentaler oder vitaler Wesensverwandtschaft beruhen, sondern muss auf dem göttlichen Bewusstsein und dem Einssein mit dem Göttlichen gründen. Wahre Harmonie kommt erst, wenn man das Göttliche fühlt, wenn man die anderen im Göttlichen fühlt. Solange aber sind Wohlwollen und Einigkeit angebracht, die das Gefühl eines gemeinsamen göttlichen Zieles zur Grundlage haben und die Empfindung, dass wir alle Kinder der Mutter sind… Echte Harmonie kann nur auf einer seelischen oder spirituellen Basis entstehen.

Worte Sri Aurobindos

Mit dem Göttlichen allein zu sein, ist für den Sadhak der höchste aller privilegierten Zustände, denn in diesem kommt er innerlich dem Göttlichen am nächsten und kann das ganze Dasein in der Kammer des Herzens und im Tempel des Universums umschließen. Zudem ist das der Anfang und die Grundlage des wahren Einsseins mit allen, da es dieses Einssein auf seiner wahren Basis, dem Göttlichen, errichtet; denn das Göttliche ist es, in dem der Sadhak allen begegnet und sich mit allen eint und nicht mehr in einem fragwürdigen Austausch des mentalen und vitalen Egos. Fürchte dich also nicht vor der Einsamkeit, sondern vertraue auf die Mutter und schreite auf dem Pfad in ihrer Stärke und Gnade voran.

Worte der Mutter

Euer Freund ist nicht, wer euch ermutigt, auf euer niedrigstes Niveau herunterzukommen, wer euch ermutigt, mit ihm Dummheiten zu begehen oder lasterhaft zu werden, oder der alles gut heißt, was ihr an Hässlichem an euch habt, das versteht sich von selbst. Und doch macht man meistens, sehr sehr oft, viel zu oft, den zu seinem Freund, der einem nicht auf den Wecker fällt, wenn man sich unter seinem eigenen Niveau befindet. Man betrachtet den als seinen besten Kameraden, der uns bei unseren Dummheiten ermutigt: Man tut sich mit den anderen zusammen, um herumzustreifen, anstatt in die Schule zu gehen, um in den Gärten Äpfel zu stehlen, um sich über seine Lehrer lustig zu machen und lauter solche Dinge. Ich will nicht persönlich werden, aber ich könnte doch Beispiele nennen, leider sehr zahlreiche. Und vielleicht habe ich deshalb gesagt: Die sind nicht eure guten Freunde. Freilich sind es die bequemsten Freunde, weil ihr bei ihnen nicht das Gefühl habt, dass ihr im Unrecht seid. Wenn hingegen einer käme und zu euch sagte: „Sag mal, wenn du in den Unterricht kämst anstatt herumzulaufen und nichts zu tun oder Dummheiten anzustellen, glaubst du nicht, das wäre besser!“, dem antwortet ihr meistens: „Du nervst mich. Du bist nicht mein Freund.“ Vielleicht habe ich deswegen diesen Satz geschrieben. So. Ich wiederhole, ich will nicht persönlich werden, aber das ist schließlich mal ein Anlass, um euch etwas zu sagen, was leider viel zu oft geschieht.

Es sind Kinder hier, die vielversprechend waren, die Besten ihrer Klasse, die gewissenhaft arbeiteten, von denen ich viel erhoffte und die durch diese Art Freundschaft völlig verdorben wurden. Da wir davon sprechen, sage ich ihnen heute: Ich bin darüber sehr traurig, und die, vor denen man sich hüten sollte wie vor ansteckenden Krankheiten, nenne ich nicht Freunde, sondern Todfeinde.

Wer ein ansteckende Krankheit hat, den liebt man nicht, man meidet seine Gesellschaft sorgfältig; meist sperrt man ihn ein, damit sich das nicht weiterverbreitet. Aber die Ansteckung des Lasters und des schlechten Benehmens, die Ansteckung der Entwürdigung, der Lüge und des Niederen ist unendlich viel gefährlicher als die Ansteckung irgendeiner Krankheit, und das muss man sehr sorgfältig meiden. Man muss den als seinen besten Freund ansehen, der einen wissen lässt, dass er nicht an einer schlechten oder hässlichen Handlung teilnehmen will; wer einem Mut macht, niederen Verlockungen zu widerstehen, der ist der Freund. Mit dem müsst ihr euch zusammentun und nicht mit dem, der Jux mit euch macht und eure schlechten Neigungen stärkt.

Wir wollen das jetzt nicht weiterverfolgen, und ich hoffe, dass diejenigen, an die ich denke, verstehen, was ich gesagt habe.

Eigentlich sollte man nur die zu Freunden nehmen, die vernünftiger sind als man selber, jemand, dessen Gesellschaft einen veredelt und einem hilft, sich zu überwinden, Fortschritte zu machen, besser zu handeln und klarer zu sehen. Und ist im Grund nicht Gott der beste Freund, den man haben kann, dem man alles sagen, alles offenlegen kann? Denn da liegt die Quelle alles Erbarmens, aller Macht, den Fehler zu tilgen, wenn er nicht wiederholt wird1, den Weg zur wahrhaften Verwirklichung zu öffnen; Er, der alles verstehen, alles heilen, auf dem Weg immer helfen kann, damit man nicht versagt, damit man nicht murrt, damit man nicht fällt, damit man geradewegs zum Ziel marschiert. Er ist der wahre Freund, der Freund guter und schlechter Tage, der verstehen kann, der heilen kann und der immer da ist, wenn man Ihn braucht. Wenn man Ihn aufrichtig ruft, ist Er immer da, um euch zu führen, euch zu stützen – und um euch wahrhaft zu lieben.

1 1961, bei der ersten Veröffentlichung dieses Gesprächs kommentierte die Mutter diesen Satz so: „Solange man seine Fehler wiederholt, kann nichts aufgehoben werden, weil man sie jeden Augenblick wieder erschafft. Wenn ein Mensch einen Fehler macht, schwer oder nicht, hat dieser Fehler Konsequenzen im Leben, ein Karma, das man erschöpfen muss, aber die göttliche Gnade, wenn man sich an Sie wendet, hat die Macht, die Konsequenzen auszuschalten, aber dazu darf der Fehler nicht wiederholt werden. Man sollte nicht denken, dass man dieselben Fehler unbegrenzt weitermachen kann und dass die Gnade alle Auswirkungen unbegrenzt annulliert, so ist es nicht! Die Vergangenheit kann vollständig geläutert, gereinigt werden, so dass sie keinerlei Wirkung auf die Zukunft hat, doch unter der Bedingung, dass man daraus nicht wieder eine fortwährende Gegenwart macht; ihr selbst müsst die schlechte Schwingung in euch zum Stehen bringen, ihr dürft dieselbe Schwingung nicht unbegrenzt reproduzieren.“