Kapitel 5

Über andere Menschen urteilen

Worte der Mutter

Es ist immer besser, einen ruhigen Kopf zu bewahren und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, bevor man nicht die notwendigen Informationen hat.

Worte der Mutter

Solange deine Schau nicht ständig die Schau des Göttlichen in allen Dingen ist, hast du nicht nur kein Recht, sondern auch keine Fähigkeit, den Zustand zu beurteilen, in dem sich andere befinden. Und ein Urteil über jemanden zu fällen, ohne diese Schau spontan und mühelos zu haben, ist genau ein Beispiel für die mentale Anmaßung, von der Sri Aurobindo immer sprach…. Und so kommt es, dass jemand, der die Schau, das Bewusstsein hat, der fähig ist, die Wahrheit in allen Dingen zu sehen, niemals das Bedürfnis verspürt, irgendetwas zu beurteilen. Denn er versteht alles und weiß alles. Deshalb musst du dir ein für alle Mal sagen, dass du dich in dem Moment, in dem du anfängst, Dinge, Menschen, Umstände zu beurteilen, in der größten menschlichen Unwissenheit befindest.

Kurz gesagt, man könnte es so ausdrücken: Wenn man versteht, urteilt man nicht mehr, und wenn man urteilt, bedeutet das, dass man nichts weiß.

Worte der Mutter

Die Schlussfolgerung ist stets die gleiche: Die einzige wahre Einstellung ist eine der Demut und der stillen Ehrfurcht vor dem, was man nichts weiß, und der tiefen Sehnsucht, aus seiner Unwissenheit herauszukommen. Das ist eines der Dinge, das der Menschheit am meisten forthelfen würde: zu respektieren, was sie nicht kennt, bereitwillig einzugestehen, dass man nichts weiß und folglich nicht urteilen kann. Doch tut man beständig das Gegenteil. Man gibt endgültige Urteile über Dinge ab, von denen man überhaupt nichts versteht, und bestimmt mit wisserischer Miene: „Dies ist möglich, das ist unmöglich“, während man nicht einmal weiß, worum es geht. Man gehabt sich überlegen, weil man eben bezweifelt, was man noch nie gewusst hat.

Man meint, Zweifeln sei ein Zeichen von Überlegenheit, während es tatsächlich ein Zeichen von Unterlegenheit ist.

Skepsis und Zweifel sind die größten Hindernisse für den Fortschritt. Damit fügt man zum Unwissen noch die Anmaßung hinzu.

Worte der Mutter

Es gibt eine Situation, in der ein einfaches Gespräch, bei dem man gezwungen ist, auf der Ebene des gewöhnlichen Lebens zu bleiben, einem Kopfschmerzen bereitet, den Magen umdreht und, wenn es sich fortsetzt, Fieber verursachen kann. Ich spreche natürlich von der Art von Gesprächen, bei denen es sich um Klatsch und Tratsch handelt. Ich glaube, dass jeder, von wenigen Ausnahmen abgesehen, dieser Praxis nachgeht und über Dinge spricht, über die er besser schweigen oder über andere Dinge plaudern sollte. Das ist so natürlich, dass man sich nicht daran stört. Aber wenn du so weitermachst, verhinderst du den Aufstieg deines Bewusstseins vollständig; du fesselst dich mit eisernen Ketten an das gewöhnliche Bewusstsein, und die Arbeit im Unterbewusstsein ist nicht getan oder hat nicht einmal begonnen. Diejenigen, die aufsteigen wollen, haben schon genug Schwierigkeiten, ohne im Außen nach Ermutigungen zu suchen.

Natürlich ist die Anstrengung, das Bewusstsein auf einem hohen Niveau zu halten, am Anfang ermüdend, wie jene Übungen, die man zum Aufbau seiner Muskeln macht. Aber man gibt deswegen nicht das Turnen auf! Also musst du auch mental dasselbe tun. Du darfst nicht zulassen, dass dein mentaler Geist zu tief sinkt: Klatsch und Tratsch erniedrigen dich, und wenn du Yoga machen willst, musst du dich dessen entziehen, das ist alles.

Worte der Mutter

Wenn dir bei einem anderen etwas völlig unannehmbar oder lächerlich vorkommt – „Wie! so ist der? so führt er sich auf? solche Sachen sagt er? so etwas macht er?“ –, dann sollte man sich sagen: „Schau, schau! Aber vielleicht ist es mit mir auch so, und ich merke es nur nicht. Ich sollte besser erst einmal mich selbst betrachten, bevor ich andere kritisiere, um ganz sicher zu sein, dass ich nicht mit einer kleinen Abweichung genau dasselbe tue.“ Und hat man genügend gesunden Menschenverstand, dies jedes Mal zu tun, wenn man bei jemand anderem etwas anstößig findet, dann stellt man fest, dass im Leben die Beziehung zu den anderen wie ein Spiegel ist, der uns vorgehalten wird, damit wir unsere Schwächen leichter und klarer erkennen können.

Was dich bei anderen stört, ist in der Regel gerade etwas, das du in dir selber hast, mehr oder weniger verhüllt, mehr oder weniger versteckt, vielleicht in einer etwas verschiedenen Form, die dir erlaubt, dich selbst zu täuschen; und was dich an dir selbst nicht stört, wirkt haarsträubend, wenn du es an anderen siehst.

Mache die Erfahrung, das wird dir außerordentlich helfen, dich selbst zu ändern, und zudem bringt es in deine Beziehungen mit anderen eine lächelnde Duldsamkeit, einen verständnisvollen guten Willen, und das beendet sehr oft ganz unnötige Streitereien.

Man kann nämlich leben, ohne sich zu streiten. Das hört sich lustig an, aber wie die Dinge stehen, sieht es im Gegenteil so aus, als wäre das Leben zum Streiten da; denn die Hauptbeschäftigung der Menschen, die zusammen sind, ist offener oder heimlicher Streit. Man wirft sich zwar nicht immer Grobheiten an den Kopf, man wird nicht immer handgemein (glücklicherweise), aber es gibt einen Zustand ständiger Gereiztheit, weil man um sich herum nicht die Vollkommenheit antrifft, die man selbst verwirklichen möchte – und die man recht schwer zu verwirklichen findet, nichtsdestoweniger anderen ganz natürlich zumutet.

„Wie können die nur so sein!?“ Man vergisst, wie schwierig man es selber findet, nicht „so“ zu sein!

Versuche es, du wirst sehen!

Begegne allem mit einem wohlwollenden Lächeln, nehme die Dinge, die dich ärgern, als eine Lehre für dich selber, und du lebst viel friedlicher und auch wirksamer; denn gewiss wird ein hoher Prozentsatz von Energie mit Ärger vergeudet, den man darüber verspürt, dass man bei anderen die Vollkommenheit nicht findet, die man selber verwirklichen möchte.

Man bleibt bei dem stehen, was die anderen verwirklichen sollten, und ist sich oft des eigenen Ziels nicht bewusst. Bist du dir dessen bewusst, wohl an, beginne damit, die dir gegebene Arbeit zu tun, nämlich das zu verwirklichen, was dir obliegt, ohne dich um das zu kümmern, was andere tun, denn im Grunde geht dich das ja gar nichts an. Die richtige Haltung nimmst du am besten ein, indem du dir sagst: „Alle, die mich umgeben, alle Umstände meines Lebens, alle Leute, mit denen ich zu tun habe, sind der Spiegel, den mir das Göttliche Bewusstsein vorhält, um mir den Fortschritt zu zeigen, den ich machen muss. Alles, was mich bei anderen ärgert, ist die Arbeit, die ich an mir selbst zu leisten habe.“

Und trüge man in sich eine wahre Vollkommenheit, so würde man sie vielleicht in den anderen häufiger entdecken.

Worte der Mutter

Mit unserer eigenen Vollkommenheit wächst in uns ein großherziges Verständnis für andere.

Worte der Mutter

Es ist eine der höchsten Tugenden, seine Nase nicht in die Angelegenheiten anderer zu stecken.

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