Kapitel 6

Das tamasische, rajasische und sattwische Ego

Das tamasische Ego

Tamas1 und tamasisches Ego schließen einander mit ein. Wenn man dem Tamas nachgibt, gibt man sich dem tamasischen Ego hin.

Das tamasische Ego akzeptiert und stützt die Verzagtheit, die Schwäche, Trägheit und Selbst-Erniedrigung, den Widerwillen zu handeln und den Widerwillen zu wissen oder offen zu sein, die Ermüdung, Faulheit, Nichtstuerei.

Tamas wird uns zur Fessel durch die Schwäche in unserer Natur und durch ihr Verlangen nach leichtem Leben und nach Untätigkeit. Unser Ego sinkt immer hinab in den Müßiggang, in Depression, Verwirrung des Denkens, in Furcht, Enttäuschung, Niedergeschlagenheit und Verzweiflung.

Das tamasische Ego hingegen hat immer das Gefühl: „Ich bin schwach, ich bin elend, ich bin machtlos, ich werde vom Göttlichen weder geliebt, noch bin ich von ihm auserwählt, ich bin so schlecht und unfähig – was kann das Göttliche für mich tun?“ Oder auch: „Ich bin in besonderem Maß für Unglück und Leiden ausersehen. Jeder andere wird mir vorgezogen, alle machen Fortschritte, nur ich bleibe zurück. Alles lässt mich im Stich, vor mir liegt nichts als Flucht, Tod oder Verhängnis“, usw. usw., oder etwas von allem oder alles zusammen gemischt. Manchmal vermengen sich der rajasische und tamasische ahankar2 miteinander und unterstützen sich gegenseitig auf subtile Weise. In beiden Fällen ist es das „Ich“, das ein Spektakel veranstaltet und die wahre Schau trübt. Die wahre spirituelle oder seelische Schau ist diese: „Was immer auch geschehen mag, meine Seele ist ein Kind des Göttlichen und muss das Göttliche früher oder später erreichen. Ich bin unvollkommen, suche aber die Vollendung des Göttlichen in mir – das aber wird nicht durch mich, sondern durch die Göttliche Gnade zuwege gebracht. Wenn ich mich an das halte, wird die Göttliche Gnade selbst alles tun.“ Das „Ich“ muss den ihm angemessenen Platz einnehmen, als ein kleiner Teil, ein kleines Instrument des Göttlichen, etwas, das ohne das Göttliche nichts ist, aber mit der Gnade all das sein kann, was das Göttliche will, es sei.

Solcherart [Gefühle der Hoffnungslosigkeit] sind die Gefühle des tamasischen Egos – die Reaktion auf eine Enttäuschung im rajasischen Ego. Mit der richtigen Haltung und Erfahrung vermischt oder gleichzeitig damit einhergehend bestand eine Forderung des Vitals: „Was ich jetzt habe, muss ich immer haben, sonst kann ich die Sadhana nicht ausüben. Wenn ich das jemals verliere, werde ich sterben.“ Die richtige Haltung aber ist diese: „Wenn ich es für eine gewisse Zeit verliere, dann deshalb, weil etwas in mir gewandelt werden muss, damit sich das Bewusstsein der Mutter in mir vollende, nicht nur im Selbst, sondern in jedem Wesens-Teil.“ Die niederen Kräfte griffen an einer schwachen Stelle an, stellten Forderungen durch das Vital und führten einen Zustand von Trägheit herbei, in dem das, woran du dich geklammert hattest, verloren schien und sich hinter dem Schleier verbarg. So kam die tamasische Reaktion des Egos zustande: „Welchen Sinn hat es zu leben, ich möchte lieber sterben.“ Offensichtlich ist es nicht dein ganzes Wesen, welches das sagt, sondern ein Teil im enttäuschten Vital oder tamasischen Physischen. Die aktiven Forderungen zu zähmen und abzulegen ist nicht genug. Denn auch diese Haltung ist ein passiver Weg des Forderns: „Meine Forderungen können nicht erfüllt werden, nun gut, ich trete ab, ich will nicht mehr leben.“ All das muss aufhören.

Das rajasische Ego

Rajas3 fesselt durch das Begehren und Sehnen in unserer Natur nach Betätigung und Aktivität. Es ist immer auf das Wirken und auf die Frucht des Wirkens aus.

Der rajasische Mensch, vital, dynamisch, aktiv, versucht sich seiner Welt und Umgebung aufzuzwingen. Er vermehrt aber dadurch nur die ihn verwundende Bürde, das tyrannische Joch seiner turbulenten Leidenschaften, Begierden und Egoismen, die Last seines ruhelosen Ich-Willens, das Joch seiner rajasischen Natur.

Das rajasische Ego ist durch Stolz und Eigendünkel aufgebläht oder setzt sich ständig oder wo immer es kann hartnäckig durch…

Willst du behaupten, dass du niemals ein rajasisches Element in dir hattest? Es gibt kein menschliches Wesen ohne dieses rajasische Element in sich, solange es in seinem Vital nicht vergöttlicht ist. Was waren all die vitalen Suggestionen, die dir so beharrlich zusetzten anderes als Appelle an das rajasische Ego? Als du Sex, Eifersucht, Eitelkeit usw. aus dir verbannt hattest, was hattest du verbannt, wenn nicht das rajasische Ego?

Es gibt drei Hindernisse im Vital, die man zu überwinden hat, und sie sind sehr schwer zu überwinden: Lust (sexuelles Begehren), Zorn und das rajasische Ego. Das rajasische Ego ist die stützende Grundlage für die beiden anderen.

Das sattwische Ego

Sattwa4 bindet durch das Streben nach Erkennen und nach Lebensfreude. Es hängt sich immer an eine noch unvollkommene Verwirklichung, an die Überzeugung von der eigenen Tugend, an die Richtigkeit der eigenen Meinungen und Grundsätze. Auf dem Höhepunkt stellen wir sogar, wie es Arjuna tat, unsere persönliche Auffassung von Altruismus, Gerechtigkeit oder Tugend in einen Gegensatz zur Unterwerfung unseres Willens unter das, was Gott von uns verlangt.

Der sattwische Mensch versucht, seine begrenzten personalen Maßstäbe rationaler Erkenntnis zu errichten und ihnen zu folgen: der erleuchteten Nützlichkeit oder mechanisierten Tugend, religiösen, philosophischen und ethischen Formeln, mentalen Systemen und Konstruktionen, starren Vermittlern von Idee und Verhalten, die nicht mit der Ganzheit des Lebenssinnes übereinstimmen und ständig von der Bewegung der umfassenderen universalen Absicht des Geistes durchbrochen werden. Das Dharma5 des sattwischen Menschen ist im Kreislauf der Gunas6 das höchste. Aber auch dieses ist eine begrenzte Betrachtung und ein zwerghafter Maßstab. Seine unvollkommenen Anleitungen führen nur zu kleinlicher und relativer Vollkommenheit. Mögen sie auch zeitweise das erhellte persönliche Ego befriedigen, so gründen sie sich doch weder auf die ganze Wahrheit des Selbsts noch die der Natur.

Der menschliche Geist hat zur Ethik als Korrektiv seine Zuflucht genommen. Den ersten Gesetzen moralischen Verhaltens gelingt es jedoch im besten Fall auch nur, die egoistische Lebensnorm zu zügeln, nicht, sie zu überwinden. Daher hat sich der ethische Gedanke energisch nach vorn in das andere, entgegengesetzte Prinzip des Altruismus gedrängt. Allgemein ergab sich daraus hauptsächlich ein klareres Erkennen kollektiver Egoismen und ihres Anspruchs auf den Egoismus des Einzelnen und zum andern ein ganz zweifelhafter und undefinierbarer Mischmasch von Widerstreit und Ausgleich egoistischer und altruistischer Motive in unserem Verhalten. Oft genug bleibt der Altruismus vorwiegend ein Bekenntnis, oder er ist ein ganz oberflächlicher Wille, der unser Handeln nicht zentral bestimmt. Er wird dann entweder eine absichtliche oder aber halbbewusste Tarnung, mit der der Egoismus sich maskiert, um unverdächtig an sein Objekt heranzukommen. Aber auch im echten Altruismus ist das Ego verborgen, und der scharfe Test aufrichtiger Selbstprüfung besteht darin, die in unseren mildtätigsten, ja aufopferndsten Handlungen versteckte Ego-Menge herausfinden zu können, und wer diese oft schmerzvolle Analyse nicht rücksichtslos gemacht hat, der kann sich auch nicht wirklich selbst erkennen.

1 Das Prinzip der Unwissenheit und Trägheit, die Kraft der Unbewusstheit, die sich als Unfähigkeit und Untätigkeit ausdrückt.

2 Ego-Sinn, das teilende Prinzip des Egos, der teilende Ego-Sinn, der jedes Wesen sich als unabhängige Persönlichkeit betrachten lässt.

3 Das Prinzip der Tat, des Wünschens, der Leidenschaft, die Kraft der Kinetik, die sich als Kampf, Bemühung, Leidenschaft und Tat ausdrückt.

4 Das Prinzip des Lichtes, Gleichgewichts und Friedens, die Kraft des Gleichgewichts, die sich als Harmonie, Glücklichkeit und Licht ausdrückt.

5 Gesetz des Seins, Prinzip der Wahrheit, Regel oder Gesetz des Handelns, die indische Auffassung des religiösen, sozialen und moralischen Gesetzes und der Verhaltensweise.

6 1. Eigenschaft, Charakter, Merkmal, 2. die drei gunas, die drei Erscheinungsformen der Natur, sattva, rajas, tamas.

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