Kapitel 7

Das verstärkte Ego und das Substrat des Egos

Das verstärkte Ego

Mit dem verstärkten Ego ist gemeint, dass man ein weit größeres und machtvolleres Bewusstsein und unbegrenzte Möglichkeiten fühlt, wenn die Schranken des gewöhnlichen Mentals und Vitals beseitigt sind. Wenn man aber all das an den Schwanz des eigenen Egos bindet, wird man tausendmal egoistischer als ein gewöhnlicher Mensch. Die Größe des Göttlichen wird zu einem Vorwand und einer Stütze für die eigene Größe, und das große „Ich“ bläht sich auf, um nicht nur die Erde, sondern auch die Himmel einzunehmen.

Selbst wenn wir die Frucht unseres Wirkens und das Verlangen nach dieser Frucht an den Meister des Opfers hingeben, haben wir uns doch nur vom Egoismus des rajasischen Begehrens getrennt. Wir können immer noch jene egoistische Annahme hegen, wir selbst seien der Täter des Werks. Wir sind immer noch an die Empfindung gebunden, dass wir selbst die Handlung vollziehen und ihre Ursache sind und dass wir ihr unsere Zustimmung erteilen. Immer noch meinen wir, es sei das „Ich“, das auswählt und bestimmt. Immer noch übernimmt unser „Ich“ die Verantwortung und fühlt Schuld oder Verdienst.

Wenn der Egoismus des Arbeitenden verschwindet, kann der Egoismus des Instruments ihn ersetzen oder aber ihn in einer versteckten Form verlängern. Das Leben der Welt war voller Beispiele von Egoismus dieser Art und er kann vereinnahmender und gewaltiger sein als jeder andere.

Ja, der Habitus des Egos wird stark abgeschwächt durch die fundierte Erfahrung, dass alle eigenen Energien und Fähigkeiten von den universalen Kräften stammen – er verschwindet aber nicht ganz. Das Ego sucht Zuflucht in dem Gefühl, ein Instrument zu sein, und es kann – falls nicht die seelische Wende stattfindet – es durchaus vorziehen, das Instrument einer bestimmten Kraft zu sein, welche die Befriedigung des Egos liefert. In solchen Fällen kann das Ego immer noch stark bleiben, obwohl es sich als Instrument und nicht als der hauptsächlich Handelnde fühlt.

Selbst wenn die Verwirklichung angefangen hat, mag es gefährlich sein, sich einzubilden oder zu früh anzunehmen, wir seien nun völlig in der Hand des Höchsten oder seien als dessen Instrument aktiv. Diese Annahme kann eine unheilvolle Verfälschung einleiten. Sie kann eine passive Trägheit bewirken. Sie kann aber auch die Regungen des Egos mit dem Göttlichen Namen verstärken und in verhängnisvoller Weise den ganzen Verlauf des Yoga entstellen und ruinieren.

Auf den spirituellen Ebenen gibt es kein Ego, dennoch kann das Ego auf den niederen Ebenen durch die spirituelle Erfahrung stärker werden und zwar durch Stolz und die falsche Aufnahme der Erfahrung. Das Ego kann sich auch verstärken, wenn man in die größeren mentalen und vitalen Ebenen eintritt. Solche Dinge sind immer möglich, solange im Wesen keine Harmonisierung zwischen dem höheren und niederen Bewusstsein stattgefunden hat und das niedere Bewusstsein nicht in die Natur des höheren umgewandelt worden ist.

Das Substrat des Egos

Aber selbst wenn das alles getan ist, bleibt noch etwas übrig, nämlich ein Substrat all dessen, ein allgemeines Empfinden des gesonderten „Ich“. Dieses Substrat-Ego ist vage, undefinierbar und ungreifbar. Es hat keinen Hang zu etwas Besonderem, als sei das sein Ich (und es braucht das auch nicht). Es identifiziert sich nicht mit irgendetwas Kollektivem. Es ist gleichsam eine fundamentale Form oder Macht des Mentals, die das mentale Wesen dazu veranlasst, sich als ein undefinierbares, aber doch begrenztes Wesen zu fühlen, das zwar nicht das Mental, das Leben oder der Körper selbst ist, unter dem aber deren Aktivitäten in der Natur vor sich gehen. Die anderen Äußerungen des Egos waren eine qualifizierte Ego-Idee und ein Ego-Sinn, die ihre Kraft aus dem Spiel der Prakriti1 bezogen haben. Dieses hier ist jedoch die reine fundamentale Ego-Macht, die sich nur auf das Bewusstsein des mentalen Purusha2 stützt. Da sie aber oberhalb oder hinter dem Kräftespiel und nicht in ihm zu sein scheint und nicht sagt: „Ich bin das Mental, das Vital oder der Körper“, sondern: „Ich bin ein Wesen, von dem die Aktion des Mentals, des Vitals und des Körpers abhängig ist“, meinen viele, sie seien nun befreit, und halten irrtümlich dieses ungreifbare Ego für den Einen, das Göttliche, für den wahren Purusha oder mindestens für die wahre Person in ihrem Inneren. So verwechseln sie das Undefinierbare mit dem Unendlichen. Solange dieser fundamentale Ego-Sinn verbleibt, gibt es keine absolute Befreiung. Selbst wenn das egoistische Leben an Kraft und Intensität verliert, kann es sehr wohl mit dieser Stütze und Hilfe fortdauern. Wenn dann ein Irrtum bei der Identifikation eintritt, kann das egoistische Leben unter diesem Vorwand wieder verstärkte Intensität und Kraft gewinnen. Selbst wenn es nicht zu diesem Irrtum kommt, mag das egoistische Leben zwar umfassender, reiner und flexibler sein. Die Befreiung mag leichter erreichbar und der Vollkommenheit näher erscheinen. Doch das ist keine definitive Befreiung vom Ego. Es ist zwingend nötig, dass wir weiter gehen und uns auch von diesem undefinierbaren, aber fundamentalen Ich-Empfinden befreien, um zum Purusha zurückzukehren, auf den es sich stützt und von dem es ein Schatten ist. Der Schatten muss verschwinden. Durch sein Verschwinden soll er die ungetrübte Substanz des Geistes offenbaren.

1 Natur, Natur-Kraft, Natur-Seele, ausführende oder arbeitende Kraft.

2 Die Person, das bewusste Wesen, die bewusste Seele, die Seele, das essentielle Wesen, welches das Spiel der Prakriti stützt, ein Bewusstsein im Hintergrund, welches das Göttliche ist, der Zeuge, der Wissende, der Genießende, der Erhalter und Ursprung der Zustimmung zum Wirken der Natur.

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