Kapitel 6

Das spirituelle Ziel und das Leben

Eine auf Spiritualität gegründete Gesellschaft wird sich in zwei wesentlichen Punkten von der natürlichen menschlichen Gesellschaft unterscheiden, deren Ausgangs- und Endpunkt die niedere Wesensart ist. Die natürliche menschliche Gesellschaft beginnt mit dem Herdentrieb, der durch vielfältige, sich vielleicht widersprechende Interessen beeinflusst wird, mit Verbindung und Zusammenprall von Einzelwesen, mit einem Sichtreffen, Zusammenschließen und Bekämpfen von Ideen, Bestrebungen und Grundsätzen. Zunächst sucht sie abweichende Interessen einander anzupassen und Frieden zu stiften zwischen Meinungsverschiedenheiten, indem sie eine Reihe Regeln setzende Verträge natürlicher oder notwendiger Ordnungen schafft, die zum Brauchtum für das gesamte Leben werden und nach ihrer Entstehung als soziales Gesetz Anerkennung finden. Als Gegenstück zu den Interessen, die zu Wettstreit führen, schafft sie andere Interessen, die Zusammenschluss und gegenseitige Unterstützung verlangen, lässt sie Sympathien und die Gewohnheit der Hilfsbereitschaft wachsen, die der Wirksamkeit dieser Gesetze, Gebräuche und Verträge psychologisch einen Rückhalt gewähren und sie gutheißen. So rechtfertigen sich die zahlreichen sozialen Einrichtungen und Seinsgewohnheiten, die ihre Entstehung somit einer größeren Befriedigung und Leistungsfähigkeit des physischen, vitalen und mentalen Lebens des Menschen verdanken, mit einem Wort, dem Wachstum und den Vorteilen der Zivilisation. Freilich können recht bedeutende Verluste diesen Gewinnen gegenübergestellt werden. Aber wir müssen diese bejahen als Preis, den wir für die Zivilisation zu zahlen haben.

Die natürliche Gesellschaft behandelt den Menschen vorwiegend als ein physisches, vitales und mentales Wesen. Denn Leben, Mental und Körper sind die drei Ausdrucksformen des Wesens, mit denen sich auseinanderzusetzen ihre Aufgabe ist. Sie entwickelt ein System für Wachstum und Wirksamkeit des Mentals, eine intellektuelle, ästhetische und moralische Kultur. Sie entfaltet die vitale Seite des menschlichen Lebens und schafft immer größere Möglichkeiten wirtschaftlicher Leistung und vitaler Freuden. Diese Lebensform wird mit zunehmender Zivilisation immer reicher, inhaltsvoller und umfassender. Durch Entfaltung der mentalen und vitalen Kräfte wird die natürliche Kraft der physischen und animalischen Seite des Menschen immer mehr unterdrückt. Um das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen, werden Systeme der Körperkultur geschaffen, ein umfangreiches Wissen um die Gewohnheiten, Heilmittel zur Heilung der selbstverschuldeten Krankheiten, werden, soweit möglich, die künstlichen Lebensformen verbessern, die Teil ihres sozialen Systems sind. Letzten Endes aber zeigt die Erfahrung, dass die Gesellschaft dazu neigt, an ihrer eigenen Entwicklung zu sterben, ein sicheres Anzeichen dafür, dass das System grundlegende Fehler enthält, ein schlüssiger Beweis, dass ihre Idee vom Menschen und ihre Methode der Entwicklung der Wirklichkeit des menschlichen Seins und dem Ziel, das diese Wirklichkeit verlangt, überhaupt nicht entsprechen.

Die Entwicklung der menschlichen Zivilisation weist somit einen grundlegenden Fehler auf. Wo aber liegt er, und wie sollen wir dem nicht endenden Kreislauf des Versagens entrinnen? Die Fortschritte unseres zivilisierten Lebens enden in einer Erschöpfung der Vitalität und in der Weigerung der Natur, weitere Fortschritte in gleicher Richtung zu unterstützen. Unsere zivilisierte Mentalität, die zu eigenem Vorteil das Gleichgewicht im Menschen gestört hatte, entdeckt schließlich, dass sie erschöpft und vernichtet hat, was sie nährte, dass sie auf diese Weise das Vermögen zu gesunder Leistung und Schaffenskraft verloren hat. So musste man feststellen, dass die Zivilisation viel mehr Probleme schuf, als sie zu lösen vermag, dass sie übertriebene Bedürfnisse und Wünsche vervielfachte, zu deren Befriedigung sie nicht genügend vitale Kraft besitzt, dass sie einen Dschungel von Ansprüchen und künstlichen Instinkten wachsen ließ, in dem das Leben die Richtung seines Weges verliert und keinen Ausblick auf das Ziel mehr besitzt. Fortgeschrittenere Denker beginnen die Zivilisation als Fehlschlag zu erklären, und die Gesellschaft fängt an, dies als berechtigt zu empfinden. Als Heilung wird entweder vorgeschlagen anzuhalten, sogar zurückzugehen, ein Verfahren, das schließlich nur noch mehr Verwirrung, Erstarrung und Verfall zur Folge hat, oder sich zur »Natur« zurückzuwenden, was unmöglich ist oder nur durch eine Umwälzung oder Auflösung der Gesellschaft erreicht werden kann. Man erhofft sich sogar eine Heilung durch mehr und mehr wissenschaftlich ausgebaute, auf die Spitze getriebene, künstliche Hilfsmittel, durch vielfältige mechanische Auswege, durch eine stärkere wissenschaftliche Organisation des Lebens. Das würde bedeuten, dass die Maschine das Leben ersetzt, dass der eigenwillige logische Verstand die Stelle der umfassenden Natur einnehmen und der Mensch in der Mechanisierung Rettung finden wird. Ebenso gut könnte man sagen, eine Krankheit bis zu ihrer Krise treiben, sei das beste Heilmittel für sie.

Im Gegenteil könnte man mit einiger Wahrscheinlichkeit behaupten, dass der grundlegende Fehler unseres ganzen Systems die mangelnde Entwicklung eben dessen ist, was die Gesellschaft am meisten vernachlässigt hat: des spirituellen Elements, der Seele des Menschen, die sein wahres Wesen ausmacht. Sogar ein gesunder Körper, eine starke Vitalität, aktive und klare mentale Fähigkeiten, sogar die Möglichkeit, diese zu betätigen und Befriedigung an ihnen zu finden, bringt den Menschen nur einen kleinen Schritt vorwärts. Bald wird er unwillig und müde, da er sich nicht wirklich selbst findet und kein befriedigendes Ziel für sein Handeln und sein Fortschreiten sieht. Diese drei Dinge machen nicht die Summe vollkommenen Menschentums aus. Sie sind nur Mittel, um ein weiteres Ziel zu erreichen und können auf die Dauer nicht als Ziel an sich angesehen werden. Selbst wenn man ein Leben reich an Gefühlen auf hohem ethischen Niveau annimmt, fehlt noch ein Zusätzliches, fehlt ein höchstes Gut, das in diesen Dingen liegen sollte, das sie aber nicht selbst zu erreichen, das sie nicht zu entdecken vermögen, solange sie über sich selbst hinauswachsen. Auch wenn man ein religiöses System und einen umfassenden Geist des Glaubens und der Frömmigkeit annimmt, hat man doch nicht den Weg sozialer Rettung gefunden. Alle diese Dinge hat die menschliche Gesellschaft entwickelt. Aber nichts bewahrte sie vor Enttäuschung und Verfall. Die alten intellektuellen Kulturen Europas endeten jäh in Skepsis, Ohnmacht, die Frömmigkeit Asiens in Erstarrung und Niedergang. Die heutige Gesellschaft hat eine neue Grundregel für das Überleben und den Fortschritt gefunden, das Ziel dieses Fortschritts aber hat sie niemals entdeckt, es sei denn, dieses Ziel wäre immer mehr Wissen, mehr Material, mehr Annehmlichkeit und Bequemlichkeit, mehr Vergnügen, eine immer größere Vielfalt der Wirtschaft, ein immer inhaltsreicheres, satteres Leben. Diese Dinge müssen aber letztlich zu dem gleichen Ziel führen wie die früheren, denn sie sind nur das gleiche, wenn auch in größerem Umfang. Sie führen deshalb im Kreis herum, das heißt nirgendwohin. Sie führen nicht fort aus dem Kreislauf von Geburt, Wachstum, Verfall und Tod. Sie finden nicht das eigentliche Geheimnis einer Verlängerung des Lebens durch stete Selbsterneuerung, die Grundgesetz der Unsterblichkeit ist, sondern scheinen dieses nur für einen Augenblick zu erreichen durch die Vortäuschungen einer Reihe von Experimenten, die alle in Enttäuschung enden. Solcher Art ist bisher der moderne Fortschritt gewesen. Hoffnung verspricht erst die Wendung nach innen, hin zu einer größeren Subjektivität, an deren Beginn wir jetzt zu stehen scheinen. Denn diese Wendung verhilft vielleicht zu der Erkenntnis, dass die wirkliche Wahrheit des Menschen in seiner Seele zu finden ist. Es ist freilich noch nicht sicher, dass ein subjektives Zeitalter uns zu dieser Erkenntnis führen wird, aber es gibt uns die Möglichkeit; es kann, sinnvoll geführt, die stärkere Aufgeschlossenheit unseres Inneren dort hinwenden.

Man könnte sagen, dies sei eine alte Weisheit und habe unter dem Namen Religion schon die alten Gesellschaftsformen beherrscht. Aber dies trifft nur scheinbar zu. Religionen hatten nur Bedeutung für das Leben des Einzelnen, und auch für dieses suchte man Erfüllung nicht auf Erden, sondern in einem Jenseits. Die Erde galt nur als Ort der Vorbereitung für die einsame Erlösung oder Befreiung von der Last des Lebens. Die menschliche Gesellschaft sah die Erkenntnis der Seele niemals als die Möglichkeit an, das Gesetz des eigenen Wesens zu erkennen, und suchte in dem Wissen um die wahre Natur der Seele, ihre Notwendigkeiten und ihre Vollendung niemals den rechten Weg zu irdischer Erfüllung. Wenn wir die früheren Religionen in ihrem sozialen Aspekt gesondert von dem individuellen betrachten, dann stellen wir fest, dass der Gebrauch, den die Gesellschaft von ihnen machte, sich nur auf ihre unspirituellsten, zumindest ihre weniger spirituellen Teile bezog. Sie benutzte die Religionen lediglich, um ihren vielfältigen Gebräuchen und Einrichtungen eine erhabene, ehrfurchtgebietende, sozusagen ewige Bestätigung zu geben. Sie wob um diese ein verschleiertes Mysterium zur Abwehr menschlicher Fragen, sie schuf einen unsichtbaren Schild gegen Neuerungen. Soweit sie ein Mittel zur menschlichen Erlösung und Vollendung in der Religion sah, bemächtigte sie sich ihrer sofort, um sie zu mechanisieren, um die menschliche Seele zu fangen und sie in ein sozial-religiöses System einzubinden und an Stelle der Freiheit ihr den Zwang eines Joches und eines eisernen Gefängnisses aufzuerlegen. Auf das religiöse Leben des Menschen wurde eine Kirche, eine Priesterschaft, eine Menge von Zeremonien aufgebaut und eine große Zahl von Wachhunden unter dem Namen von Glaubensformeln und Dogmen losgelassen, die man anerkennen und denen man gehorchen musste bei Androhung ewiger Verdammnis durch einen ewigen, jenseitigen Richter, genauso wie man die Gesetze der Gesellschaft gehorsam anzunehmen hatte, um nicht von einem irdischen Richter zu Gefängnis oder Tod verurteilt zu werden. Diese missverstandene Sozialisierung der Religion ist immer der Hauptgrund ihres Versagens bei der Erneuerung der Menschheit gewesen.

Denn nichts kann für eine Religion und ihr spirituelles Element verhängnisvoller sein, als dass sie durch äußere Hilfen, Formen und Mechanismen in ihrem Wesen zerstört oder in Regeln gebunden wird. Die Fehler, die bei der sozialen Anwendung der Religion früher gemacht wurden, zeigen sich in ihren Folgen. Die Geschichte hat mehr als einmal das Zusammentreffen von größtem religiösem Eifer und Frömmigkeit mit dunkelster Unwissenheit aufgezeigt, mit finsterstem Schmutz und Vegetieren der Menschenmassen, mit einer ausgesprochenen Herrschaft der Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Unterdrückung, mit der Organisation eines äußerst gewöhnlichen Lebens, das kein Streben und keine Höhen kannte und kaum an der Oberfläche berührt war von intellektueller oder halb-spiritueller Erleuchtung. Und dieses alles endete in einer weitgreifenden Empörung, die sich vor allem gegen die bestehende Religion als den Kern aller Falschheit, des Bösen und der Unwissenheit richtet. Ein anderes Warnzeichen ist es, wenn eine zu gewissenhafte Beobachtung des sozial-religiösen Systems, seiner Riten und Formen, die gerade aus der Tatsache dieser Überbetonung ihren eigentlichen Sinn und ihren wirklichen religiösen Wert verlieren, zum Gesetz und wichtigsten Ziel einer Religion wird an Stelle spirituellen Wachstums von Individuum und Menschheit. Ebenso ist es ein Zeichen des Versagens, wenn das Individuum der Gesellschaft entfliehen muss, um Raum für sein spirituelles Wachstum zu finden. Ist das menschliche Wesen dem sich nicht erneuernden Mental, dem Leben und Körper überantwortet, ist der Raum spiritueller Freiheit von den Fesseln der Kirche und Lehre, Shastra, eingenommen, von den Gesetzen der Unwissenheit, dann muss der Mensch dieses alles verlassen, um in einem Kloster oder auf Bergeshöhen, in Höhlen, Einsiedeleien oder Wäldern sein spirituelles Wachstum zu suchen. Solange diese Trennung zwischen Leben und Geist besteht, ist das Urteil über das menschliche Leben gesprochen. Entweder es spielt sich in dem gewohnheitsmäßigen Kreislauf ab, oder es wird als unwürdig und unwirklich, als eitelste Eitelkeit empfunden. Es verliert das Vertrauen in sich selbst, den inneren Glauben an den Wert seiner irdischen Ziele, sraddha, ohne die es nichts erreichen kann. Denn der Geist des Menschen muss nach den Höhen streben. Verliert er seine Spannung und sein Streben, wird die Menschheit bewegungslos werden und erstarren oder sogar in Dunkelheit und Staub versinken. Verwirft das Leben den Geist oder der Geist das Leben, kann es noch immer eine Selbstbestätigung des innersten Wesens geben. Es kann auch eine beachtliche Zahl von Heiligen und Einsiedlern auf dem fruchtbaren Boden der Spiritualität leben. Doch ehe nicht die Menschheit, die Gesellschaft, die Nation zur Spiritualisierung des Lebens geführt wird oder sich selbst, vom Licht eines Ideals geleitet, zu ihr entwickelt, wird das Ergebnis Kleinlichkeit, Schwäche und Erstarrung sein. Oder aber die Menschheit muss den Intellekt wieder zur Hilfe aufrufen als gewisse Hoffnung, als neues Ideal, und im Kreislauf durch ein Zeitalter des Rationalismus wieder frischen Antrieb für eine erneute Darstellung der spirituellen Wahrheit erhalten, für einen neuen Versuch zur Spiritualisierung des menschlichen Lebens.

Das wahre, vollkommene spirituelle Ziel der Gesellschaft wird den Menschen nicht als Mental, als Leben und Körper betrachten, sondern als Seele, die sich zu göttlicher Erfüllung auf der Erde, nicht nur im jenseitigen Himmel verkörpert. Sie hätte ja den Himmel nicht zu verlassen brauchen, hätte sie nicht eine göttliche Aufgabe hier in der Welt der physischen, vitalen und mentalen Natur zu vollbringen. Das spirituelle Ideal wird deshalb Leben, Mental und Körper nicht an sich als Ziel der eigenen Befriedigung ansehen, auch nicht als sterbliche Glieder, anfällig für Krankheiten, die man nur abzustreifen braucht, um den geretteten Geist in seine eigenen, reinen Bereiche auffliegen zu lassen; sondern sie sind die wichtigsten Werkzeuge der Seele, im Augenblick noch unvollkommene Werkzeuge für noch nicht erkannte göttliche Zwecke. Das spirituelle Ziel aber glaubt an ihre Bestimmung und wird ihnen helfen, an sich selbst zu glauben, eben um dieser ihrer höheren und nicht wegen der niedersten oder niederen Möglichkeiten willen. Seiner Auffassung nach ist es ihre Bestimmung, sich zu spiritualisieren und damit sichtbare Glieder des Geistes zu werden, erleuchtete Mittel seiner Offenbarung, selbst spirituell, erleuchtet, immer bewusster und vollkommener. Denn wenn die Gesellschaft die menschliche Seele als etwas vollkommen Göttliches, als Wahrheit annimmt, wird sie auch die Möglichkeit bejahen, dass das ganze menschliche Wesen trotz der zunächst bestehenden offensichtlichen Widersprüche der Natur gegen diese Möglichkeit, trotz ihrer Leugnung dieser höchsten Gewissheit göttlich zu werden vermag, sogar mit diesen Hemmnissen als dem notwendigen irdischen Ausgangspunkt. Und so wie sie den Menschen als Individuum betrachtet, wird sie ihn auch im Kollektiv als eine Seelenform des Unendlichen, als eine in Millionenzahl auf Erden verkörperte Kollektivseele ansehen, bestimmt zur Erfüllung des Göttlichen in seinen mannigfachen Beziehungen und Handlungen. Darum wird sie all die verschiedenen Teile des menschlichen Lebens, die den Teilen seines Wesens entsprechen, all seine physische, vitale, dynamische, gefühlsmäßige, ästhetische, ethische, intellektuelle und seelische Entfaltung heilig halten und in ihnen Werkzeuge zum Wachstum des göttlicheren Lebens sehen. Vom gleichen Standpunkt aus werden für sie jede menschliche Gesellschaft, Nation, Volk oder jedes andere organische Gefüge sozusagen Unter-Seelen bedeuten, Mittel zu einer Gesamtoffenbarung und Selbsterfüllung des Geistes, der Göttlichen Wirklichkeit, das bewusste Unendliche im irdischen Menschen. Da der Mensch innerlich eins ist mit Gott, wird die Möglichkeit seiner Göttlichkeit sein einziger Glaube, sein einziges Dogma sein.

Die Gesellschaft wird aber nicht versuchen, selbst dieses eine erhabene Dogma durch äußeren Zwang den niederen Gliedern des menschlichen Wesens aufzudrängen. Dies wäre Nigraha, eine sinnwidrige Unterdrückung der Natur, die wohl zu einer scheinbaren Unterdrückung des Bösen führen kann, nicht aber zu einem wirklich gesunden Wachstum des Guten. Sie wird eher dies Glaubensbekenntnis und Ideal als leitendes Licht, als schöpferische Erkenntnis für alle ihr Zugehörigen bewahren, damit diese aus dem eigenen Innern heraus zur Gottheit gelangen und in Freiheit göttlich werden können. Weder im Individuum noch im Kollektiv wird die Gesellschaft Gefängnis, Einmauerung, Unterdrückung und Verarmung anstreben, sondern wird so viel als möglich freie Luft und helles Licht hereinlassen. Umfassende Freiheit wird das Gesetz einer spirituellen Gesellschaft sein. Die Zunahme dieser Freiheit wird einen Maßstab darstellen für das Wachstum der menschlichen Gesellschaft zur wahren Spiritualisierung hin. Niemals kann der Versuch erfolgreich sein, eine Gesellschaft von Sklaven zu spiritualisieren, Sklaven der Macht, der Autorität, der Sitte, des Dogmas und aller Arten auferlegter Gesetze, unter denen, oder besser gesagt, durch die sie leben, innerliche Sklaven ihrer eigenen Schwäche, ihrer Unwissenheit und ihrer Leidenschaften, von deren schlimmsten Auswirkungen sie durch eine andere, äußere Sklaverei befreit werden wollen oder müssen. Alle diese müssen zunächst ihre Fesseln abwerfen, um für eine höhere Freiheit bereit zu sein. Wohl hat der Mensch manches Joch auf seinem Weg aufwärts zu tragen. Aber nur das Joch, das er freiwillig auf sich genommen hat, weil es dem höchsten, inneren Gesetz seiner Natur und seines Strebens entspricht, und zwar möglichst vollkommen entspricht, wird ihm wirklich eine Hilfe sein. Andernfalls muss der Mensch für seine Erfolge schwer zahlen. Außerdem wird er seine Entwicklung ebenso sehr oder sogar mehr hemmen, als er auf der anderen Seite den Fortschritt beschleunigt.

Das spirituelle Ziel wird erkennen, dass der Mensch auf dem Weg seines Wachstums möglichst viel freien Raumes bedarf, damit alle seine Glieder ihre eigenen Kräfte entfalten können, damit sie sich selbst und ihre Möglichkeiten erkennen. Wohl wird der Mensch in seiner Freiheit irren, da Erfahrung durch manchen Irrtum entsteht. Jeder aber trägt in sich selbst ein göttliches Grundgesetz, das er herausfinden, dessen Bestehen, Bedeutung und Ordnung er aufzeigen wird, je mehr die Erfahrung seiner selbst sich vertieft und erweitert. Deshalb wird wahre Spiritualität Wissenschaft und Philosophie nicht unterjochen oder zwingen, ihre Schlüsse irgendeiner dogmatisch religiösen Wahrheit anzugleichen, selbst nicht einer gewonnenen spirituellen Wahrheit, wie dies einige der alten Religionen vergeblich versuchten, unwissend, aus einer unspirituellen Eigenwilligkeit und Einbildung heraus. Jeder Teil des menschlichen Wesens hat sein eigenes Gesetz, Dharma, dem es folgen muss und auch letztlich folgen wird, welcherlei Bindungen ihm auch auferlegt werden. Gesetz des Wissens, des Denkens und der Philosophie ist die leidenschaftslose, vorurteilsfreie und unvoreingenommene intellektuelle Suche nach der Wahrheit, ohne irgendwelche andere Voraussetzungen als die vom Gesetz des Denkens und der Beobachtung selbst gestellten. Wissenschaft und Philosophie sind nicht gehalten, ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen irgendeiner gebräuchlichen Idee eines religiösen Dogmas, einer ethischen Regel oder eines ästhetischen Vorurteils anzupassen. Sie werden, wenn sie frei sich entwickeln können, letztendlich die Einheit der Wahrheit mit dem Guten, dem Schönen, mit Gott finden. Dies wird für sie von größerer Bedeutung sein, als dies für uns jede dogmatische Religion, jede formale Ethik oder jede beschränkte ästhetische Idee sein kann. In der Zwischenzeit aber muss ihnen die Freiheit gelassen werden, wenn sie es wollen, wenn die ernste Beobachtung der Dinge sie dazu führt, selbst Gott, das Gute und Schöne zu verleugnen. Denn alle Ablehnung wird am Ende des Kreislaufs wieder aufwärts führen und eine umfassende Wahrheit über die Dinge ermöglichen, die man zunächst verworfen hat. Häufig wird man feststellen müssen, dass der Atheismus des Individuums oder der Gesellschaft ein notwendiger Übergang ist zu tieferer, religiöser und spiritueller Wahrheit. Manchmal muss man Gott leugnen, um ihn zu finden. Das Finden aber ist unvermeidlich am Ende aller ernsten Skepsis und Leugnung.

Dasselbe Gesetz gilt für die Kunst. Das ästhetische Wesen im Menschen erhebt sich in gleicher Weise in einer ihm eigenen Kurve zu seinen göttlicheren Möglichkeiten. Höchstes Ziel des ästhetischen Wesens ist das Finden des Göttlichen durch die Schönheit. Die vollendete Kunst vermag durch spiritualisierte Anwendung sinnvoller und deutender Formen die Tore des Geistes zu öffnen. Um aber dieses hohe Ziel umfassend und ernsthaft zu erreichen, muss die Kunst zuerst Mensch, Natur und Leben um ihrer selbst willen, nach den ihnen eigenen Merkmalen der Wahrheit und Schönheit beschreiben. Denn hinter diesen äußeren Merkmalen liegt stets die Schönheit des Göttlichen in Leben, Mensch und Natur. Nur durch ihre rechte Gestaltung kann das von ihnen zunächst Verschleierte offenbar gemacht werden. Die Lehre, die Kunst müsse religiös sein, oder aber sie dürfe überhaupt nicht bestehen, ist falsch, ebenso wie die Forderung, sie müsse der Ethik oder Zweckmäßigkeit, der wissenschaftlichen Wahrheit oder philosophischen Ideen dienen. Kunst mag diese Dinge als Elemente nutzen. Sie hat aber ihr eigenes Grundgesetz, svadharma. Indem sie diesen eigenen natürlichen Richtlinien folgt und nur dem eingeborenen Gesetz des eigenen Wesens gehorcht, wird sie höchster Spiritualität teilhaftig sein.

Selbst für die niedere Wesensart im Menschen, bei der man naturgemäß zur Annahme verleitet sein könnte, Zwang sei das einzige Heilmittel, wird das spirituelle Ziel eine freie Selbstregelung und eine Entwicklung von innen her anstreben und nicht eine Unterdrückung des dynamischen und vitalen Wesens von außen. Alle Erfahrung zeigt, dass dem Menschen eine gewisse Freiheit zum Straucheln in seinem Handeln, zum Irren in seinem Wissen so lange gegeben sein muss, bis er sich von innen her von falscher Tat und Irrtum befreit hat. Auf andere Weise kann er nicht wachsen. Um ihrer selbst willen muss die Gesellschaft dynamische und vitale Menschen in Schranken halten. Dies allein legt dem Teufel nur Ketten an und mildert im besten Fall seine Handlungsweise in zivilisierte Formen ab. Ausgeschaltet aber wird er nicht und kann er auch nicht werden. Die wirkliche Tugend eines dynamischen und vitalen Wesens, das Leben des Purusha, kann nur die Folge davon sein, dass der Mensch in sich selbst für seine Tätigkeit ein höheres Gesetz und spirituelles Streben lebendig macht. Diese ihm zu geben, seinen Impuls zu erleuchten und zu verwandeln, nicht aber, ihn zu zerstören, ist das wahre spirituelle Mittel der Erneuerung.

So wird Spiritualität auch die Freiheit der niederen Glieder achten, sie aber doch nicht sich selbst überlassen, sondern ihnen die Wahrheit des Geistes in ihnen selbst aufzeigen. Sie wird sie ihnen in ihre eigenen Tätigkeitsbereiche übersetzen und sie in einem Lichte darstellen, das alle ihre Handlungen erleuchtet und sie das höchste Gesetz der eigenen Freiheit erkennen lässt. Sie wird zum Beispiel nicht dem wissenschaftlichen Materialismus zu entrinnen suchen durch sinnlose Ablehnung des physischen Lebens oder durch Leugnung der Materie selbst. Vielmehr wird sie dem skeptischen Verstand folgen, wenn er selbst bestätigt oder verneint, und ihm dort das Göttliche zeigen. Vermag Spiritualität dies nicht, dann beweist sie nur, dass sie selbst unerleuchtet oder schwach ist, dass nur eine Seite von ihr dem Licht zugekehrt ist. Die Vitalität im Menschen lässt sich nicht durch Leugnung des Lebens vernichten. Spiritualität muss vielmehr dem Leben das Göttliche aufzeigen, das es als Grundgesetz einer eigenen Wandlung in sich trägt. Vermag sie dies nicht, dann ist sie selbst noch nicht tief genug in den Sinn der Schöpfung und das Geheimnis des Avatar eingedrungen.

Das spirituelle Ziel wird sich deshalb in der Fülle des Lebens und des menschlichen Wesens im Individuum wie im Kollektiv zu erfüllen suchen. Die Fülle des Lebens wird die Grundlage bilden für die Höhen des Geistes und wird letzten Endes eins werden mit dem höchsten Gipfel. Dabei wird sie nicht den Körper verächtlich vernachlässigen, sie wird auch nicht das vitale Wesen asketisch aushungern, wird als Regel des spirituellen Lebens nicht äußerste Kargheit oder gar Entwertung setzen, noch verlangen, dass Kunst, Schönheit und ästhetische Lebensfreude puritanisch geleugnet, Wissenschaft und Philosophie als arme, nicht zu beachtende oder irreführende intellektuelle Bestrebungen angesehen und vernachlässigt werden. Freilich muss zugegeben werden, dass selbst diese Übersteigerungen zeitweilig nützlicher sein können als Auswüchse in entgegengesetzter Richtung. Das spirituelle Ziel wird allumfassend sein für alle. Dabei aber wird es zugleich das höchste Ziel und den tiefsten Sinn einschließen, wie es auch der allumfassende Ausdruck des Lebens sein wird, in dem alles, was es ist und sucht, Erfüllung finden wird. In der Gesellschaft wird es eine wahre, innere Theokratie anstreben, nicht die falsche einer herrschenden Kirche oder Priesterschaft. Es wird vielmehr die Theokratie des inneren Priesters, Propheten und Königs aufbauen. Es wird dem Menschen die Göttlichkeit in sich selbst offenbaren als Licht, Kraft, Schönheit, Güte, Freude und Unsterblichkeit. Es wird zeigen, dass sie in ihm wohnen, und wird zugleich in seinem äußeren Leben das im Innern entdeckte Königreich Gottes aufbauen. Es wird dem Menschen den Weg zeigen, mit jedem Teil seines Seins nach dem Göttlichen zu suchen, sarvabhavena,1 das Göttliche zu finden und in ihm zu leben. Dann wird der Mensch, wie immer er auch leben und handeln mag, in diesem,2 dem Göttlichen, dem Geist, in der ewigen Wirklichkeit seines Wesens leben und handeln.

1 Gita.

2 Gita. Sarvatha vartamano’pi sa yogi mayi vartate.

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