Kapitel 5
Das Ende des Zeitalters des Verstandes
Die rationale, kollektivistische Idee der Gesellschaft wirkt auf den ersten Blick sehr anziehend. Ihr liegt die tiefe Wahrheit zugrunde, dass jede Gesellschaft ein kollektives Wesen darstellt und dass das Individuum in diesem und durch dieses lebt und ihm alles, was es zu geben vermag, schuldet. Überhaupt kann der Einzelne erst durch eine bestimmte Beziehung zu der Gesellschaft, durch eine gewisse Harmonie mit diesem größeren kollektiven Ich die Vielfalt seiner entfalteten oder zu entfaltenden Kräfte und seiner Tätigkeiten voll nutzbar machen. Als kollektives Wesen sollte der Einzelne natürlich eine wahrnehmbare kollektive Vernunft und einen Willen besitzen, die immer stärker ihren richtigen Ausdruck und Einsatz finden müssten, wenn ihnen bewusst und wirksam die Möglichkeit einer organisierten Selbstdarstellung und Ausübung gegeben würden. Dieser kollektive Intellekt und Wille, der seiner ursprünglichen Idee nach allen in gleichem Ausmaß zukommt, würde naturgemäß sein eigenes Wohl erstreben und aufbauen, während der Einzelne oder eine herrschende Klasse ihre Macht zu ganz anderen Zwecken missbrauchen könnte. Die rechte Organisation des sozialen Lebens auf der Grundlage der Gleichheit und Kameradschaft sollte jedem einen für ihn geeigneten Platz in der Gesellschaft einräumen, ihm für die Aufgaben der Gemeinschaft eine vollkommene Schulung und Entfaltungsmöglichkeit geben, ihm den gebührenden Anteil an Arbeit, Muße, Belohnung und den rechten Wert seines Lebens zukommen lassen im Vergleich zum kollektiven Sein, zur Gesellschaft. Dies wäre ein Platz, ein Anteil und ein Wert, bestimmt durch das Wohl des Individuums und des Kollektivs, nicht ein übertriebener oder herabgeminderter Wert, zufällig erworben durch Geburt und Glück, durch Reichtum erkauft oder im mühsamen und kraftraubenden Kampf erlangt. Sicherlich wird die Wirksamkeit der Gemeinschaft im Außen, ihre gemäßigte, geordnete und wirtschaftliche Arbeit, ihre Fähigkeit zu schaffen und für das allgemeine Wohl zu sorgen, in einem gut organisierten und zentralisierten Staat ungeheuer zunehmen, wie sich aus der noch ganz unvollkommenen Entwicklung der kollektiven Leistung in der jüngsten Vergangenheit ergibt.
Wendet man hiergegen ein, dass zur vollkommenen Erreichung dieses Zieles die Freiheit des Einzelnen vernichtet oder auf ein verschwindendes Maß zurückgeschraubt werden muss, so könnte man antworten, dass die Annahme des Rechts eines Einzelnen auf irgendeine egoistische Freiheit im Verhältnis zum Staat als dem Vertreter des Mentals, des Willens, des Wohles und des Interesses der ganzen Gemeinschaft, sarvam brahma, eine gefährliche Täuschung, einen verderblichen Mythos darstellt. Individuelle Freiheit des Lebens und Handelns — selbst wenn Freiheit des Gedankens und des Wortes eine gewisse Zeit erlaubt ist, was zweifellos nicht lange ungestört der Fall sein wird, wenn erst einmal der sozialistische Staat seine Hand fest auf die Schulter des Einzelnen gelegt hat — kann in Wirklichkeit sehr wohl eine den vorrationalen Teilen seiner Natur nicht gebührende Freiheit bedeuten. Muss nicht gerade diese Freiheit in ihm energisch beherrscht oder vielleicht sogar völlig unterdrückt werden, wenn er ein vernünftiges Wesen werden soll, das ein vernünftiges Leben führt? Eine solche Beherrschung kann am vernünftigsten und wirksamsten durch kollektiven Verstand und Willen des Staates erfolgen, die umfassender, besser und erleuchteter sind als die des Einzelnen. Denn ihnen steht alle Weisheit und alles Streben der Gesellschaft zu Gebote, was für das durchschnittliche Einzelwesen nicht zutrifft. Das erleuchtete Einzelwesen kann freilich diese kollektive Vernunft und diesen kollektiven Willen vielleicht als das eigene, umfassendere Mental, das eigene Wollen und Bewusstsein ansehen und sich in freiwilliger Unterordnung von seinem kleineren, weniger verständigen Selbst befreit fühlen, somit eine wirklichere Freiheit finden, als sein kleines, gesondertes Ego es jemals hätte erwarten können. Es ist schon oft behauptet worden, dass der disziplinierte Deutsche, der sich dem kleinsten Wink des Polizisten, des Staatsbeamten oder Offiziers unterordnet, in Wirklichkeit das freieste, glücklichste und moralischste Einzelwesen in ganz Europa und damit in der ganzen Welt sei. Gleiches könnte man in noch stärkerem Maß von dem gedrillten Glück im faschistischen Italien und Nazi-Deutschland sagen. Der Staat, der das Individuum erzieht und beherrscht, macht es sich zur Aufgabe, dieses vernunftmäßig, ethisch und praktisch zu schulen und es ganz allgemein zu vervollkommnen und dabei achtzugeben, dass es immer und in allen Dingen, ob es will oder nicht, streng und genau die vom Staat gebilligte Linie auf intellektuellem, ethischem und praktischem Gebiet einhält.
Bedauerlich ist nur, dass die ausgezeichnete Theorie, ebenso wie vor ihr die individuelle Theorie, sicherlich an dem Widerspruch zwischen ihren Ideen und den tatsächlichen Gegebenheiten der menschlichen Natur scheitern wird. Denn sie leugnet die Vielfältigkeit des menschlichen Wesens und alles, was sich aus dieser Vielfalt ergibt. Vor allem leugnet sie die Seele des Menschen und sein großes Bedürfnis nach Freiheit, zweifellos auch nach Freiheit von der Herrschaft seiner niederen Schichten – denn dies ist ein wichtiger Teil der Freiheit, nach der er strebt –, vor allem aber auch von der bedeutsamer werdenden Selbstbeherrschung, die nicht eine mechanische Regelung durch den mentalen Geist und den Willen anderer darstellt. Auch Gehorsam gehört zur menschlichen Vollendung, aber ein freier, natürlicher Gehorsam gegenüber einer wirklich entscheidenden Macht, nicht gegenüber einer organisierten Herrschaft und Ordnung. Ein Kollektivwesen ist eine Tatsache; aber dieses Wesen besteht aus Seele und Leben, nicht nur aus Mental und Körper. Jede Gesellschaft entwickelt sich zu einer Art Unter-Seele oder Gruppen- Seele dieser Menschheit und entfaltet ein allgemeines Temperament, einen allgemeinen Charakter, einen Typ des mentalen Geistes, entwickelt vorherrschende Ideen und Bestrebungen, die ihr Leben und ihre Einrichtungen gestalten. Es lässt sich aber nicht feststellen, dass die Gesellschaft eine gemeinsame, allen ihren Gliedern eigene Vernunft und Willen besitzt. Denn die Gruppenseele schafft sich ihre Ziele durch eine Vielfalt von Meinungen, Willensentschlüssen und Lebensformen, und die Vitalität des Gruppenlebens hängt sehr stark von der Wirksamkeit, der Erhaltung und der Fülle dieser Vielfalt ab. Die Herrschaft durch einen organisierten Staat muss dementsprechend immer Herrschaft einer Anzahl von Individuen bedeuten. Ob diese theoretisch eine Minorität oder Majorität darstellen, macht letztendlich keinen grundlegenden Unterschied. Denn selbst wenn angeblich die Majorität herrscht, so sind es doch tatsächlich Vernunft und Wille einer vergleichsweise geringen Zahl von Menschen – und nicht wirklich gemeinsame Vernunft und gemeinsamer Wille aller –, die mit Zustimmung einer halb-hypnotisierten Masse die Dinge in der Hand haben und regeln.1 Es liegt kein Grund zu der Annahme vor, dass eine sofortige Sozialisierung des Staates irgend etwas an der praktischen Notwendigkeit einer Staatsherrschaft ändern würde, da die überwiegende Zahl der Menschen in ihrem Mental noch nicht von Grund auf vernünftig und entwickelt ist.
In den früheren, vorrationalen Gesellschaftsformen herrschte – zumindest zu Beginn – nicht der Staat, sondern die Gruppenseele selbst, die ihr Leben entwickelte und in überkommenen Einrichtungen nach eigener Entscheidung für alle verbindlich organisierte. Die Herrschenden waren nur ausführende Organe und Werkzeuge der Gruppenseele. Dies verlangte tatsächlich eine starke Unterwerfung des Individuums unter die Gesellschaft. Doch wurde diese nur wenig empfunden, da die individualistische Idee noch nicht geboren war und die sich ergebenden Unterschiede auf die eine oder andere Weise in der Natur der Dinge gegründet lagen, in einigen Fällen durch den beachtlichen Umfang sozialer Verschiedenheit, die eine Staatsherrschaft mehr und mehr zu unterdrücken sucht. Je mehr sich diese also entwickelt, um so stärker wird die Minorität durch die Majorität oder umgekehrt, wird das Einzelwesen vom Kollektiv, werden endlich alle von der unbarmherzigen Staatsmaschine unterdrückt und bedrückt. Die demokratische Freiheit suchte diese Unterdrückung zu verringern; sie überließ dem Individuum freien Spielraum und beschränkte die Rolle des Staates, so weit sie konnte. Der Kollektivismus vertritt das genau entgegengesetzte Extrem. Er lässt dem Individuum nicht genügend Ellbogenfreiheit. Je mehr er den Einzelnen durch eine allgemeine, hoch entwickelte Erziehung vernünftig zu machen sucht, um so stärker wird dieser die Unterdrückung empfinden, jedenfalls so lange, bis die Gedankenfreiheit endgültig abgeschafft und das Mental aller in eine Norm gezwungen ist.
Der Mensch braucht für sein Wachstum Freiheit des Denkens und Handelns. Sonst bleibt er in seiner Entwicklung stehen und verkümmert. Sind sein individuelles Denken und Wollen noch wenig entfaltet, dann mag er damit einverstanden sein, sich – wie das vorrationale Mental in der Gruppenseele – in der Herde, der Masse in einer allgemeinen halbbewussten Weise den niederen Naturvorgängen angepasst, zu entwickeln. Sobald er jedoch individuelle Vernunft und Willen entwickelt, braucht und verlangt er von der Gesellschaft Raum für das sich verstärkende Spiel seiner individuellen Freiheit und Vielfalt, zumindest in einem Umfang, der den anderen und der Gesellschaft als Ganzheit nicht schadet. Ist dem individuellen Mentalen volle Entfaltung und freies Spiel gelassen, wird mit der ungeheuren Verschiedenheit, die die Entwicklung mit sich bringen muss, auch die Notwendigkeit der Freiheit zunehmen. Ist aber nur ein freies Spiel der Gedanken und Vernunft erlaubt, das freie Spiel des intelligenten Willens aber durch eine zu weit gehende Regelung des Lebens gehemmt, dann ist ein unerträglicher Widerspruch, eine Verfälschung der Dinge die Folge. Eine Zeitlang wird der Mensch dies ertragen in Anbetracht der großen, mit der kollektivistischen Gesellschaftsform verbundenen, sichtbaren neuen Wohltaten wie geregeltes Leben, wirtschaftliche Entwicklung, neue Mittel der Wirksamkeit und wissenschaftliche Erfolge der Vernunft. Wenn diese Wohltaten aber zur Selbstverständlichkeit werden und ihre Mängel immer stärker und sichtbarer hervortreten, dann werden mit Sicherheit die klarsten und bedeutendsten Denker der Gesellschaft von Unzufriedenheit und Empörung erfasst, die sich auch der Masse bemächtigen. Unter solchen Bedingungen kann diese Unzufriedenheit im Intellektuellen und Vitalen sehr wohl die Form anarchistischer Gedanken annehmen und Anlass zu einer Revolte werden, weil diese gerade die Notwendigkeit einer freien Veränderlichkeit des inneren Lebens und seines äußeren Ausdrucks verlangen. Anarchistische Gedanken müssen notwendigerweise auf den Umsturz einer sozialistischen Ordnung hinzielen. Sie können vom Staat nur durch eine Erziehung bekämpft werden, die, seinen festen Lebensformen angepasst, den Bürger, wie dies in der vorrationalen Ordnung der Dinge geschah, durch eine Normung seiner Gedanken, Eigenschaften und Bestrebungen schult und seine Rede- und Gedankenfreiheit unterdrückt, so dass alle zu gleicher Mentalität, Empfindung, Rede und gleichem Fühlen erzogen und gezwungen werden. Dieses Heilmittel aber widerspricht in sich selbst einer rationalen Gesellschaftsform und wird deshalb ohne Wirkung sein, oder aber falls es wirkungsvoll ist, wird es schlimmere Folgen hervorrufen als das bekämpfte Übel selbst. Wenn andererseits die Gedankenfreiheit schon von Anfang an unterdrückt wird, so bedeutet dies das Ende des Zeitalters der Vernunft und seines Ideals einer rationalen Gesellschaft. Wird dem Menschen, dem mentalen Wesen, die Verwendung seines Mentals und seines intelligenten Willens bis auf einen festgelegten, beschränkten Umfang untersagt, so verkümmert sein Wachstum, und er wird wie Tier und Insekt zu einem Wesen von unveränderlicher Art.
Dieser entscheidende Fehler sollte einen sozialistischen Staat von seiner Unfähigkeit überzeugen und ihn dazu bewegen, von der Verfolgung eines neuen Ideals abzusehen. Der Druck der Staatsorganisation auf das individuelle Leben hat bereits einen kaum mehr erträglichen Grad erreicht. Fährt der Staat fort, das zu tun, was er heute tut, nämlich das individuelle Leben durch eine verhältnismäßig geringe Zahl Einzelner zu beherrschen und nicht, wie er vorgibt, durch Wollen und Vernunft der Gemeinschaft, wird er sozusagen offen undemokratisch oder bleibt er weiter nur pseudo-demokratisch, dann wird es diese Verfälschung sein, deretwegen der anarchistische Gedanke ihn angreifen wird. Diese im eigentlichen Wesen liegende Schwierigkeit aber würde auch nicht verschwinden, wenn der sozialistische Staat wirklich demokratisch würde, wirklich Ausdruck des frei begründeten Willens einer übereinstimmenden Majorität. Jede solche Entwicklung wäre tatsächlich sehr schwierig und bliebe ein Wunschbild. Denn der Kollektivismus strebt danach, das Leben nicht nur in seinen wenigen Grundsätzen, seinen Hauptzügen zu lenken, wie dies jede Gesellschaftsordnung versuchen wird, sondern auch in seinen Einzelheiten. Sein Ziel ist eine alles erfassende, wissenschaftliche Regulierung. Eine Übereinstimmung aber des freien vernünftigen Willens von Millionen in allen Grundsätzen und in den meisten Einzelheiten des Lebens ist ein Widerspruch in sich selbst. Wie vollkommen auch der organisierte Staat sein mag, die Unterdrückung oder Einschränkung der individuellen Freiheit durch den Willen der Majorität oder Minorität wird immer ein entscheidender Fehler sein, der seine eigenen Grundsätze verletzt. Und noch etwas Schlimmeres würde eintreten. Eine alles erfassende, wissenschaftliche Regelung des Lebens kann nur mit Hilfe einer alles erfassenden Mechanisierung des Lebens erreicht werden. Die Neigung zur Mechanisierung muss als eingeborener Fehler des Staatsgedankens und seiner Anwendung angesehen werden. Diesen Fehler haben sowohl das intellektuelle, anarchistische Denken wie die Einsicht des spirituell Denkenden bereits erkannt. Er wird noch wesentlich stärkere Bedeutung erhalten, wenn der Staatsgedanke in der Praxis immer weitere Auswirkung beansprucht. Es ist der grundsätzliche Fehler der Vernunft, das Leben beherrschen und dessen natürliche Entwicklung in etwas wie eine rationale Ordnung pressen zu wollen.
Das Leben ist etwas anderes als die mechanische Ordnung des physikalischen Weltalls, die die Vernunft beherrschen konnte, weil sie mechanisch ist und unveränderlich in den Spuren fester kosmischer Regeln verläuft. Das Leben ist demgegenüber eine bewegliche, sich entwickelnde und entfaltende Kraft, eine Kraft, die immer stärker zur Ausdrucksform einer unendlichen Seele in den Geschöpfen wird und die, je stärker sie sich entfaltet, ihre eigenen subtilen Verschiedenheiten, Notwendigkeiten und ihre Vielfältigkeit erkennen lernt. Der Fortschritt des Lebens umfasst die Entwicklung und das Ineinandergreifen einer ungeheuren Vielzahl von Dingen, die miteinander streiten, die oft sogar einen absoluten Widerspruch und Gegensatz zu bilden scheinen. Es muss immer das mehr allgemeine Ziel der gewollten Lebensentwicklung der Menschheit sein – will sie überhaupt aus den verwirrenden, mühevollen und dunklen Bewegungen des Lebens, aus den Kompromissen herauswachsen, die die Natur mit der Unwissenheit der Lebens-Mentalität und dem Nichtwissen der Materie geschlossen hat –, eine diese Gegensätze verbindende Grundregel, einen einenden Standpunkt, einen Ansatzpunkt zur Versöhnung zu finden, um eine breitere, bessere Entwicklung möglich zu machen auf der Grundlage von Eintracht. Dies kann nur geschehen, wenn die Seele sich selbst in ihrer höchsten Wirklichkeit erfährt und ihre Lebenswerte allmählich in spirituelle Werte verwandelt. So werden alle ihre spirituelle Wahrheit erfahren und in dieser Wahrheit einen Standpunkt gegenseitiger Anerkennung und Versöhnung finden. Das Spirituelle ist die eine Wahrheit, deren verschleierte Aspekte, verführerische Verkleidungen oder dunkle Entstellungen alle anderen Wahrheiten sind. In ihr allein kann der Mensch die eigene wahre Form und seine Beziehung zu den anderen finden. Diese Aufgabe kann die Vernunft nicht lösen, die nur ein vermittelndes Amt innehat. Sie soll das Leben denkend beobachten und erkennen, ihm die Richtung weisen, die es einschlagen soll und den Weg zur Selbstentfaltung. Um diese Aufgabe zu erfüllen, muss die Vernunft für beschränkte Zeit feste Standpunkte einnehmen, deren keiner ganz wahr ist, muss Systeme schaffen, deren keines als endgültiger Ausdruck der ganzheitlichen Wahrheit der Dinge angesehen werden kann. Die ganzheitliche Wahrheit der Dinge ist nicht eine Wahrheit der Vernunft, sondern eine des Geistes.
Im Bereich des Denkens ist dieses gleichgültig. Da hier die Vernunft nicht zu einer praktischen Auswirkung gelangt, vermag sie ungestraft entgegengesetzte Standpunkte und Systeme nebeneinander bestehen zu lassen, sie miteinander zu vergleichen und auf verschiedenste Weise zwischen ihnen auszugleichen, sie zu verbinden, immer wieder zu verändern, zu erweitern und zu erheben. Sie kann frei handeln, ohne dauernd an die unmittelbaren, praktischen Folgen zu denken. Sucht aber die Vernunft Einfluss auf das Leben zu nehmen, dann muss sie ihren Standpunkt festlegen und ihr System zusammenfassen. Veränderungen werden dann tatsächlich oder scheinbar zweifelhaft, schwierig und gefährlich. Die Folgen lassen sich nicht ohne weiteres übersehen, da der Widerstreit von Standpunkten, Grundsätzen und Systemen zu Kampf und Revolution führt und nicht die Grundlage für eine harmonisierende Entwicklung schafft. Die Vernunft mechanisiert, um inmitten des Flusses aller Dinge eine feste Haltung und Regel zu gewinnen. Wohl genügt eine Mechanisierung im Umgang mit den physischen Kräften, da sie mit dem Gesetz des Dharma, der physischen Natur, in Einklang steht. Doch kann sie niemals mit Erfolg auf das bewusste Leben angewendet werden. Denn hier steht sie im Gegensatz zu dem Gesetz des Lebens, dem höchsten Dharma. Während also der Versuch zu einer rationalen Regelung der Gesellschaft als ein Fortschritt gegenüber der verhältnismäßigen Unbeweglichkeit und der langsamen, unterbewussten oder halbbewussten Entwicklung der vorrationalen Gesellschaften und der wirren, verschwommenen Entwicklung halbrationaler Gesellschaften angesehen werden kann, so kann ein solcher Versuch doch niemals durch die ihm eigenen Methoden zur Vollkommenheit gelangen. Denn die Vernunft ist nicht die wichtigste Grundkraft des Lebens, nicht sein letztes und höchstes oder überhaupt ausreichendes Prinzip.
Offen bleibt die Frage, ob anarchistisches Denken, das zu dem kollektivistischen hinzukommt, mit besserem Erfolg eine befriedigende soziale Grundregel zu finden vermag. Denn wenn es mit der Mechanisierung aufräumt, dem einen praktischen Mittel einer rationalisierenden Lebensorganisierung, auf welcher Grundlage wird es dann aufbauen, und womit wird es etwas Neues schaffen? Man könnte dem Anarchismus gegenüber einwenden, dass die kollektivistische Periode, wenn nicht die letzte und beste, so doch zumindest eine notwendige Stufe des sozialen Fortschritts ist. Denn man muss es als Untugend des Individualismus ansehen, den Egoismus des mentalen und vitalen Wesens durch allzu große Betonung der freien Entwicklung und des Selbstausdrucks des Lebens und des Mentals oder der Lebens-Seele im Individuum zu übertreiben und zu verhindern, dass die Einheit mit den anderen erkannt wird, eine Erkenntnis, ohne die volle Selbstentwicklung und gefahrlose Freiheit nicht erlangt werden kann. Der Kollektivismus zumindest behauptet diese Einheit, indem er das Leben des gesonderten Einzelwesens dem Leben des größeren Gruppenwesens völlig unterordnet und auf diese Weise der Mentalität und den Lebensgewohnheiten des Individuums die Notwendigkeit einer Vereinigung seines Lebens mit dem Leben der anderen aufprägt. Später, wenn der Einzelne wieder beginnt, seine Freiheit zu verteidigen, wie dies eines Tages geschehen muss, dann hat er vielleicht gelernt, solches auf der Grundlage der Einheit, nicht auf der seines gesonderten, egoistischen Lebens zu tun. Dies mag die Absicht der Natur in der menschlichen Gesellschaft sein, wenn sie kollektivistische Grundlagen für das soziale Leben entwickelt. Letzten Endes wird möglicherweise der Kollektivismus selbst dieses Ziel verwirklichen, wenn er die ihm eigenen Grundsätze so weit abzuändern vermag, dass eine freie individuelle Entwicklung auf der Grundlage der Einheit und eine weitgehend aufeinander abgestimmte, gemeinsame Lebensform ermöglicht wird. Hierfür aber muss er sich zunächst selbst spiritualisieren und die ihm eigene grundlegende Idee wandeln. Dies ist nicht möglich auf Grund des logischen Verstandes und einer wissenschaftlich-mechanischen Ordnung des Lebens.
Anarchistisches Denken, das bisher noch keine feste Form gefunden hat, kann sich nur in der Masse entwickeln, wie sich der Druck der Gesellschaft auf das Individuum steigert, da dieser Druck ein für die menschliche Vollendung notwendiges Element ungebührlich in seiner Wirksamkeit beschränkt. Dem gröberen, vitalistischen oder gewaltsamen Anarchismus, der sich den sozialen Grundregeln auf das Schärfste entgegenstellt oder das Recht, sein »eigenes Leben zu leben«, für den Einzelnen in einer egoistischen, rohen und triebhaften Weise verlangt, brauchen wir nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Es gibt aber ein höheres, ein intellektuelles anarchistisches Denken, das in Ziel und Bekenntnis eine sehr reale Wahrheit der Natur und des Göttlichen im Menschen wiederentdeckt und zu ihren letzten logischen Folgerungen führt. In seiner Empörung gegen die Übertreibungen des entgegengesetzten sozialen Grundsatzes erklärt er, dass alle gewaltsame Herrschaft von Mensch über Mensch ein Übel, eine Verletzung, Unterdrückung oder Entstellung des natürlichen Prinzips des Guten sei, das andernfalls sich verstärken und der Vollendung der Menschheit dienen würde. Sogar das soziale Prinzip an sich ist in Frage gestellt und wird verantwortlich gemacht für den Fall des Menschen aus einer natürlichen Lebensordnung in eine unnatürliche und künstliche.
Die Übersteigerung und die dieser anspruchsvollen Idee innewohnenden Schwächen sind offensichtlich. Denn der Mensch lebt tatsächlich nicht als ein gesondertes Wesen und kann sich auch nicht durch eine gesonderte Freiheit entfalten. Er entwickelt sich durch seine Beziehungen zu anderen, und seine Freiheit muss sich auswirken, indem sie einen immer harmonischeren Einklang mit der Freiheit der Mitmenschen findet. Deshalb wären die sozialen Grundregeln, abgesehen von den Formen, die sie angenommen haben, an sich schon voll und ganz gerechtfertigt allein durch die Notwendigkeit, die Gesellschaft als Möglichkeit von Beziehungen zu brauchen, die dem Individuum Gelegenheit geben, zu seiner Vollendung fortzuschreiten. Wohl lehrte das alte Dogma die ursprüngliche Unschuld und Vollkommenheit des Menschen. Die Vorstellung, dass im Uranfang der ideale Zustand der Menschheit die harmonische Glückseligkeit des freien und natürlichen Lebens war, in dem es kein soziales Gesetz, keinen Zwang gab, da man ihrer nicht bedurfte, stammt schon aus den Zeiten des Mahabharata. Aber auch diese Theorie muss einen Fall des Menschen aus seiner natürlichen Vollkommenheit zugeben. Dieser Fall war nicht die Folge der Einführung einer sozialen Grundregel in die Lebensgestaltung des Menschen, vielmehr musste die soziale Regelung und die Herrschaft des Zwanges als Ergebnis seines Falles eingeführt werden. Würden wir im Gegensatz hierzu die Entwicklung des Menschen nicht als einen Sturz aus der Vollkommenheit, sondern als einen allmählichen Aufstieg, als ein Wachstum aus dem vorrationalen Zustand seines Seins ansehen, dann wäre es klar, dass nur durch Ausübung eines sozialen Zwangs auf die vitalen und physischen Instinkte seines vorrationalen Egoismus, nur durch deren Unterwerfung unter die Notwendigkeiten und Gesetze des sozialen Lebens ein solches Wachstum auf breiterer Basis möglich gewesen wäre. In ihrer ersten, groben Form verbessern sich die vorrationalen Instinkte nicht von allein ohne den zwingenden Druck der Notwendigkeit, sondern nur auf Grund der Einführung eines Gesetzes, das nicht ihr eigenes ist und das sie letztlich lehrt, ein noch größeres, inneres Gesetz zu ihrer eigenen Schulung und Läuterung zu erlassen. Das Prinzip des sozialen Zwanges wurde nicht immer, vielleicht überhaupt niemals wirklich weise angewandt. Dies Prinzip ist ein Gesetz menschlicher Unvollkommenheit in sich selbst und deshalb auch immer unvollkommen in Methode und Ergebnis. Es war aber unvermeidlich, auf den ersten Stufen der Entwicklung. Ehe der Mensch nicht über seine Notwendigkeit hinausgewachsen ist, wird er nicht wirklich bereit sein für anarchistische Lebensgrundsätze.
Es ist aber ebenso klar, dass der Mensch seiner wahren und natürlichen Vollendung um so näher kommt, je mehr das äußere Gesetz von einem inneren abgelöst wird. Im vollkommenen sozialen Staat muss aller Zwang von außen abgeschafft und dem Menschen die Möglichkeit gegeben werden, mit seinem Nächsten auf der Grundlage freier Übereinstimmung und Zusammenarbeit zu leben. Wie aber kann er für diese große und schwierige Vollendung vorbereitet werden? Der intellektuelle Anarchismus beruht auf zwei Kräften im Menschen. Die erste ist die Erleuchtung seiner Vernunft. Das erleuchtete Mental des Menschen wird Freiheit für sich selbst verlangen, aber zugleich dieselben Rechte anderen zubilligen. Ein gerechter Ausgleich wird von selbst einer wahren, in sich ruhenden, nicht entstellten menschlichen Natur entspringen. Dies würde offensichtlich genügen, wenn es auch kaum ohne beträchtliche Änderungen und Fortschritte in den mentalen Fähigkeiten des Menschen möglich wäre, falls der Einzelne vorwiegend für sich leben würde und nur wenige, notwendige Berührungspunkte mit anderen besäße. Tatsächlich aber ist unser Dasein eng mit unserer Umwelt verbunden. Es gibt ein gemeinsames Leben, gemeinsame Arbeit, Bemühungen und Ziele, ohne die die Menschheit nicht zu ihrer ganzen Fülle und Weite heranwachsen könnte. Um bei dieser ständigen Beziehung eine Zusammenarbeit zu sichern und Zusammenstöße wie Streit zu vermeiden, bedarf es einer anderen Kraft als der des erleuchteten Intellekts. Anarchistisches Denken findet diese Kraft in der natürlichen, menschlichen Sympathie, die eine naturgegebene Zusammenarbeit zuverlässig gewährleisten würde, wenn ihr unter den rechten Voraussetzungen freier Spielraum gegeben wird. Ein amerikanischer Dichter nennt sie Kameradschaftsliebe. Es ist die Brüderlichkeit, das dritte und am meisten vernachlässigte Postulat der französischen Revolution. Ein freier Ausgleich, auf unmittelbarer Zusammenarbeit gegründet, nicht auf der Macht einer Regierung oder auf sozialem Zwang, ist das höchste Ideal des Anarchismus.
Dies würde uns augenscheinlich zu der freien Zusammenarbeit des Kommunismus führen, einer Vereinheitlichung des Lebens, in dem Arbeit und Eigentum aller dem Wohle aller dienen, oder – besser ausgedrückt – zu einem Kommunalismus, zur freien Zustimmung des Individuums, in einer Gesellschaft zu leben, in der die gerechte Freiheit des Einzelwesens anerkannt, der Überschuss seiner Arbeit und seines Besitzes – aus einem natürlichen Antrieb zur Zusammenarbeit heraus – für das allgemeine Wohl genutzt oder bedingungslos zur Verfügung gestellt wird. Anarchismus in seiner strengsten Form lehnt jeden Kompromiss mit dem Kommunismus ab. Es ist schwierig zu erkennen, wie ein staatenloser Kommunismus, der als Endziel des russischen Ideals angesehen wird, unter so weiten und vielfältigen Bedingungen wirken kann, wie sie das heutige Leben verlangt. Tatsächlich ist nicht einmal klar, wie gerade ein freier Kommunismus ohne eine gewisse Macht der Regierung und ohne sozialen Zwang sich aufbauen, erhalten oder davor bewahren kann, letzten Endes entweder in einen starren Kollektivismus oder nach dem anderen Extrem in Kampf, Anarchie und Zerstörung auszuarten. Denn die logische Mentalität, die ihre sozialen Ideen aufbaut, bezieht die vorrationalen Elemente des Menschen, den vitalen Egoismus nicht genügend ein, dem der tätigste und wirksamste Teil seiner Natur verbunden ist. Dies ist sein vorherrschender Antrieb, der letztendlich alle Berechnungen der idealisierenden Vernunft zum Scheitern bringt, ihr genau erarbeitetes System auflöst oder nur das wenige annimmt, das sie ihren eigenen Bedürfnissen und Zwecken anpassen kann. Ist jenes treibende Element, die Ego-Kraft im Menschen, zu stark überschattet, eingeschüchtert, entmutigt, zu sehr rationalisiert, wird ihr zu wenig Auswirkung gelassen, dann wird sein Leben künstlich, verliert das Gleichgewicht, wird arm an Lebenssaft, mechanisch und unschöpferisch. Wird dieser Egotrieb aber nicht unterdrückt, so drängt er andererseits schließlich zur Selbstbestätigung und verwirrt die rationale Seite des Menschen, da er Kräfte enthält, deren rechte Erfüllung oder endgültige Verwandlung die Vernunft nicht zu erkennen vermag.
Wäre die Vernunft das geheime, höchste Gesetz des Weltalls, oder wäre der Mensch als mentales Wesen durch seine Mentalität in Schranken gehalten, dann würde er kraft seiner Vernunft die Beherrschung durch die vorrationale Natur überwinden, die sein tierisches Erbteil ist. Dann würde er gesichert in seinem besten, menschlichen Selbst als vollkommenes, vernünftiges und liebevolles Wesen leben, in allen Teilen ausgewogen und ausgeglichen, als sattwischer Mensch der indischen Philosophie. Dieses wäre der Gipfel seiner Möglichkeiten, seine Vollendung. Seine Natur aber ist vergänglich, und das rationale Wesen liegt nur auf halbem Wege der Entwicklung seiner Natur. Rationale Befriedigung kann ihn nicht vor dem Drang des Unten sichern, noch von der Anziehung von oben befreien. Wäre dem nicht so, würde das Ideal des intellektuellen Anarchismus als die Theorie dessen, was das menschliche Leben in vernünftiger Vollendung sein könnte, leichter erfüllbar und annehmbar sein. Da der Mensch aber so ist, wie er ist, sind wir letztendlich gezwungen, höher hinaufzustreben und weiter fortzuschreiten.
Ein spiritueller oder spiritualisierter Anarchismus scheint möglicherweise der wirklichen Lösung näher zu kommen oder sie zumindest zu berühren. In dem Anarchismus, wie er sich heute darbietet, liegt viel Übertreibung und Unvollkommenheit. Seine Anhänger scheinen oft eine unmögliche Verneinung des vitalen Lebens und eine Askese zu lehren, die das vitale Leben zu unterdrücken, selbst zu töten sucht, anstatt es zu verwandeln und zu reinigen. Durch diese strenge Härte machen sie das Leben selbst in seinem Ursprung arm oder ausgetrocknet. Erfasst von einem anspruchsvollen Geist der Empörung, erklären diese Propheten die Zivilisation für einen Misserfolg, da sie das vitale Leben überbetont. Gleichzeitig aber vertreten sie die entgegengesetzte Übertreibung, die wohl die Zivilisation von einigen ihrer wesentlichen Fehler und Hässlichkeiten befreien, uns aber zugleich auch viele echte und wertvolle Errungenschaften bringen würde. Abgesehen aber von diesen Auswüchsen eines zu logischen Denkens und eines zu einseitigen Impulses, abgesehen von der Unfähigkeit eines jeden »Ismus«, die spirituelle Wahrheit auszudrücken, die jede solche Einteilung unmöglich macht, scheinen wir hier dem wirklichen Ausweg, der Entdeckung der rettenden Antriebskraft, nahe zu sein. Die Lösung liegt nicht in der Vernunft, sondern in der Seele des Menschen, in seinen spirituellen Bestrebungen. Nur eine spirituelle, eine innere Freiheit kann eine vollkommene menschliche Ordnung schaffen. Eine spirituelle Erleuchtung allein, die der rationalen überlegen ist, vermag die vitale Natur des Menschen zu erleuchten und ihr Eigenstreben, ihre Widersprüche und Unstimmigkeiten auszugleichen. Eine tiefere Bruderschaft, ein noch nicht gefundenes Gesetz der Liebe ist die einzig mögliche Grundlage für eine vollkommene soziale Entwicklung, die nichts anderes ersetzen kann. Diese Bruderschaft und Liebe aber wird nicht aus den vitalen Trieben oder der Vernunft entstehen. Dann würden sie entgegengesetzten Überlegungen und anderen feindlichen Instinkten begegnen und von diesen verspottet oder abgelenkt werden. Sie werden auch nicht in der Natur des menschlichen Herzens gefunden, das erfüllt ist von vielen anderen Leidenschaften, die sie bekämpfen würden. Allein in der Seele des Menschen können sie ihre Wurzel finden: die Liebe, die auf einer tieferen Wahrheit unseres Wesens gründet, die Bruderschaft, oder besser gesagt, die spirituelle Kameradschaft, Ausdruck einer inneren Erfahrung der Einheit. Denn es handelt sich um ein anderes Gefühl als das der Bruderschaft in ihrem vitalen oder mentalen Empfinden, um eine ruhigere, mehr dauerhafte treibende Kraft. Nur so kann der Egoismus schwinden und ein wahrer Individualismus der einmaligen Gottheit in jedem Menschen sich aufbauen auf dem wahren Kommunismus einer gleichartigen Gottheit der Menschheit, deren eigentliche Natur die Einheit in der Vielfalt ist. Denn es ist die Aufgabe des Geistes, das innerste Selbst, die allumfassende Gottheit, das individuelle Leben und die Natur im Wesen aller zur Vollendung zu bringen, in dem Leben und der Natur der universalen Gemeinschaft.
Dieser Lösung kann der Vorwurf gemacht werden, sie verlege das Ziel einer besseren menschlichen Gesellschaft in eine weit entfernte zukünftige Entwicklung der Menschheit; denn sie besagt, dass kein von der Vernunft geschaffenes System den individuellen oder kollektiven Menschen verbessern könne. Eine innere Wandlung der menschlichen Natur, zu schwierig, um von vielen erreicht zu werden, wäre hierfür notwendig. Ob dies zutrifft, ist nicht sicher. Sicher aber ist, dass, wenn diese Lösung nicht die richtige ist, es überhaupt keine Lösung gibt, dass, wenn dies nicht der Weg ist, es überhaupt für die Menschheit keinen gibt. Denn die irdische Entwicklung muss über den Menschen hinweggehen, wie sie über das Tier hinweggegangen ist. Eine bedeutendere Wesensart muss kommen, die fähig ist zu einer spirituellen Verwandlung. Eine Lebensform muss geboren werden, die dem Göttlichen näher ist. Jedenfalls besteht keine logische Begründung für die Behauptung, eine solche Veränderung könne sich überhaupt nicht anbahnen, nur weil ihre Verwirklichung nicht unmittelbar möglich erscheint. Eine entscheidende Wendung der Menschheit zu dem spirituellen Ideal hin, der Anfang eines stetigen Aufstiegs, einer Führung hinauf zu den Höhen, sollte nicht für völlig unmöglich gehalten werden, auch wenn die Gipfel zunächst nur von den wenigen Führern erreicht werden, weit entfernt von den Spuren der Allgemeinheit. Ein solcher Anfang kann vielleicht den Einbruch eines Einflusses bedeuten, der das ganze menschliche Leben in seiner Ausrichtung sofort verändert und seine Möglichkeiten und sein ganzes Gefüge für immer erweitern wird, wie es einst die Entwicklung seiner Vernunft tat und noch weit über jede Entwicklung der Vernunft hinaus.
1 Diese Wahrheit offenbarte sich mit einer auffallenden Kraft an Selbstdarstellung im kommunistischen Russland und nationalsozialistischen Deutschland, von anderen Ländern zu schweigen. Das starke Wiederaufbrechen der menschlichen Bedürfnisse nach einem gekrönten König — Diktator, Führer, Duce — und einer herrschenden und verwaltenden Oligarchie war das Ergebnis der angeblichen Erhebung des Proletariats.