Kapitel 5

Leben eines gewöhnlichen Menschen und die erste Notwendigkeit

Für den gewöhnlichen Menschen, der an seiner wachen Oberfläche lebt und die Tiefen seines Selbstes und die unermesslichen Weiten hinter dem Schleier nicht kennt, ist sein psychologisches Sein recht einfach. Eine kleine, aber lärmende Gesellschaft von Wünschen, einigen dringenden intellektuellen und ästhetischen Gelüsten, einigen Geschmäckern, einigen wenigen vorherrschenden oder herausragenden Ideen in einem großen Strom unzusammenhängender oder schlecht verbundener und meist trivialer Gedanken, eine Anzahl mehr oder weniger dringender vitaler Bedürfnisse, ein Wechsel von körperlicher Gesundheit und Krankheit, eine diffuse und inkonsequente Abfolge von Freuden und Leiden, häufige kleinere Störungen und Wechselfälle und eine seltenere starke Suche und Unruhe von Mental oder Körper, – und in all diesem die Natur, die teils unter Mithilfe seines Denkens und Willens, teils ohne sie oder trotz ihnen diese Dinge in einer rohen praktischen Weise, einer erträglich unordentlichen Ordnung arrangiert, – dies ist der Stoff seiner Existenz. Das durchschnittliche menschliche Wesen ist sogar jetzt in seinem inneren Sein so grob und unentwickelt, wie es in uralter Zeit der primitive Mensch in seinem äußeren Leben war.

…nichts ist schwieriger, als die Größe und erhebende Kraft des spirituellen Bewusstseins dem naturhaften Menschen, der die unüberschaubare Mehrheit der Spezies bildet, nahezubringen, denn sein mentaler Geist und seine Sinne sind den äußeren Rufen des Lebens und seiner Objekte zugewendet und niemals nach innen auf die Wahrheit gerichtet, die hinter jenen liegt. Diese äußere Sicht und Anziehung sind die Essenz der blendenden universalen Kraft, welche in der indischen Philosophie die Unwissenheit genannt wird. Die alte indische Spiritualität erkannte, dass der Mensch in der Unwissenheit lebt und durch ihre unvollkommenen Hinweise zu einem höchsten inneren Wissen geführt werden muss. Unser Leben bewegt sich zwischen zwei Welten, den unermesslichen Tiefen unseres inneren Wesens und dem Oberflächenfeld unserer äußeren Natur. Die Mehrheit der Menschen legt den Schwerpunkt ihres Lebens auf das Äußere und lebt sehr stark in ihrem Oberflächenbewusstsein und sehr wenig im inneren Sein. Sogar die hervorragenden, durch Denken und Kultur aus der Grobheit der allgemeinen vitalen und körperlichen Gussform herausgehobenen Geister gehen gewöhnlich nicht über ein intensives Sich-Befassen mit geistigen Dingen hinaus. Ihr größter Höhenflug ist – und das ist es, was der Westen fortwährend als Spiritualität missversteht – eine Vorliebe dafür, eher im mentalen Geist und in den Emotionen zu leben, als im groben äußeren Leben, oder auch ein Versuch, diese rebellischen Dinge des Lebens dem Gesetz intellektueller Wahrheit oder ethischer Vernunft und noblem Willen oder ästhetischer Schönheit oder allen dreien zusammen zu unterwerfen. Aber spirituelles Leben erkennt, dass es etwas Größeres in uns gibt. Unser innerstes Selbst, unser wahres Wesen ist nicht der Intellekt, nicht der ästhetische, ethische oder denkende mentale Geist, sondern das Göttliche im Innern, der Geist; und diese anderen Dinge sind nur Instrumente des Geistes. Eine bloße intellektuelle, ethische und ästhetische Kultur reicht nicht an die innere Wahrheit des Geistes heran; sie ist immer noch Unwissenheit, ein unvollständiges, äußeres und oberflächliches Wissen. Unser tiefstes Wesen und unsere verborgene spirituelle Natur entdeckt zu haben, ist die erste Notwendigkeit.

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