Kapitel 5

Die Vorgehensweise

Vier Dinge müssen erreicht werden

Die erste Aufgabe des Sadhaks ist es, zu sehen, ob er den perfekten Gleichmut besitzt, wie weit er in dieser Richtung gekommen ist oder wo es sonst eine Schwachstelle gibt, und beharrlich seinen Willen auf seine Natur auszuüben oder den Willen des Purusha zu erbitten, um die Unvollkommenheit und ihre Ursachen loszuwerden. Es gibt vier Dinge, die er besitzen muss; zuerst Gelassenheit im allerpraktischsten Sinn des Wortes, samata, Freiheit von mentalen, vitalen und physischen Vorlieben, eine gleichmütige Akzeptanz des Wirken Gottes im Innern und in der Umgebung; zweitens, einen gefestigten Frieden und Abwesenheit aller Störungen und Kämpfe; drittens, ein positives inneres spirituelles Glücklichsein und eine spirituelle Leichtigkeit des natürlichen Wesens, die durch nichts gemindert werden kann, sukham; und viertens, eine heitere Freude und ein Lachen der Seele, die das Leben und Dasein umarmen.1

Die Vorgehensweise

Gleichmütig zu sein bedeutet, unendlich und universal zu sein, sich nicht zu begrenzen, sich nicht an diese oder jene Form des Mentals, Lebens und ihre parteiischen Vorlieben und Begierden zu binden. Aber da der Mensch in seiner jetzigen normalen Natur nicht in der Freiheit seines Geistes, sondern in seinen mentalen und vitalen Formationen lebt, ist Gebundensein an sie und die zu ihnen gehörenden Wünsche und Vorlieben auch sein normaler Zustand. Anfangs ist es unvermeidlich, sie zu akzeptieren; sie zu überwinden ist extrem schwierig und vielleicht nicht möglich, solange wir gezwungen sind, das Mental als das Hauptinstrument unseres Handelns zu nutzen. Deshalb ist es erst einmal notwendig, ihnen den Anreiz zu nehmen und ihrem größeren Insistieren, ihrem gegenwärtigen Egoismus und heftigerem Beherrschen unserer Natur – auch wenn sie fortdauern – das Recht zu entziehen.

Eine ungestörte Ruhe im Mental und Geist beweist, dass wir dies getan haben. Der Sadhaka muss als der beobachtende und wollende Purusha im Hintergrund oder – sobald er dazu in der Lage ist – eher oberhalb des Mentals wachsam sein und sogar das kleinste Anzeichen und Auftreten von Ärger, Unruhe, Sorge, Revolte und Störung in seinem Mental zurückweisen. Wenn diese Dinge auftreten, muss er sofort ihre Ursache finden, die Schwäche, die sie aufzeigen, und den Fehler egoistischer Forderung, vitalen Begehrens, der Gefühle und Ideen, von denen sie ausgehen, und sie mit seinem Willen, seiner spiritualisierten Intelligenz und seiner seelischen Einheit mit dem Herrn seines Wesens zu verhindern suchen. Auf keinen Fall darf er irgendeine Entschuldigung für sie gelten lassen, gleich wie natürlich, scheinbar richtig oder plausibel sie sind, und ebenso keine innere oder äußere Rechtfertigung. Wenn es das Prana ist, das gestört ist und lärmt, muss er sich vom aufgewühlten Prana distanzieren, in seiner höheren Natur im Buddhi und im Training des Buddhi fest bleiben und die Forderung der begehrlichen Seele in sich zurückweisen. Genau so muss er verfahren, wenn es das emotionale Herz ist, das aufgewühlt schreit. Wenn allerdings der Wille und die Intelligenz selber schuld sind, ist das Problem schwieriger zu beherrschen, weil sein Hauptinstrument dann zu einem Komplizen des Aufbegehrens gegen den göttlichen Willen wird, und die alten Sünden der niederen Wesensteile sich diese Zustimmung zunutze machen, um ihre trüben Köpfe zu heben. Deshalb muss es ein ständiges Bestehen auf einer Hauptvision geben, die Selbsthingabe an den Herrn unseres Wesens, an Gott in uns und in der Welt, an das höchste Selbst und den universalen Geist. Der immer in dieser großen Vision wohnende Buddhi muss alle seine minderen Forderungen und Vorlieben entmutigen und das ganze Wesen lehren, dass das Ego, ob es seine Forderung durch den Verstand, den persönlichen Willen, das Herz oder die Wunschseele im Prana stellt, keinerlei Recht auf irgendeinen Anspruch hat, und aller Kummer, Aufruhr, Ärger und jede Ungeduld eine Gewalttätigkeit gegen den Herrn unseres Wesens ist.

Diese vollständige Selbsthingabe muss die tragende Säule des Sadhaks sein, weil sie abgesehen von völliger Ruhigstellung und Gleichgültigkeit gegenüber allem Handeln – die vermieden werden müssen – der einzige Weg ist, durch den vollständige Ruhe und Frieden kommen können. Die Hartnäckigkeit der Unruhe, asanti, und die für die Reinigung und Vervollkommnung notwendige Zeit dürfen kein Grund zu Entmutigung und Ungeduld werden. Sie treten auf, weil es immer noch etwas in der Natur gibt, das auf sie reagiert. Das Wiederauftreten des Problems soll die Schwäche aufzeigen, den Sadhak wachsam machen und einen aufgeklärteren und beständigeren Handlungswillen erzeugen, um es zu beseitigen. Wenn das Problem zu groß ist, als dass man es loswerden kann, muss man es vorübergehen lassen und sein erneutes Auftreten durch größeren Eifer und Beharrlichkeit des spiritualisierten Buddhi verhindern. Wenn man hartnäckig bleibt, zeigt sich, dass diese Dinge ihre Kraft mehr und mehr verlieren und immer äußerlicher werden und weniger lange anhalten, bis schließlich Ruhe zum Gesetz des Wesens wird…

Die in unserem Wesen gefestigte Ruhe muss konstant sein, was immer auch geschieht, in Gesundheit und Krankheit, Vergnügen und Leid, sogar bei stärkstem körperlichem Schmerz, in Glück und Unglück, unserem eigenen und dem derer, die wir lieben, in Ehre und bei Beleidigung, Lob und Tadel, dem uns gegebenen Recht oder Unrecht und allem, was normalerweise das Mental beeinträchtigt. Wenn wir überall Einheit sehen, wenn wir erkennen, das alles vom göttlichen Willen ausgeht, Gott in allen sehen, in unseren Feinden oder – besser – Gegnern im Spiel des Lebens oder unseren Freunden, in den Kräften, die uns ablehnen und Widerstand leisten, wie auch in den Kräften, die uns begünstigen und unterstützen, in allen Energien und Kräften und Geschehnissen, und wenn wir außerdem fühlen können, dass alles nicht von uns getrennt und die ganze Welt eins mit uns in unserem universalen Wesen ist, dann fällt dem Herzen und Mental diese Haltung viel leichter. Aber sogar bevor wir diese universale Vision erreichen können oder in ihr gefestigt sind, müssen wir in jedem Fall mit unserer Kraft auf dieser aufnahmebereiten und aktiven Gleichmütigkeit und Ruhe bestehen. Sogar nur ein wenig davon, svalpam api asya dharmasya, ist ein großer Schritt zur Perfektion. Eine erste Stabilität in ihr ist der Anfang befreiter Perfektion; ihre Vollständigkeit gibt die perfekte Gewissheit eines schnellen Fortschritts in allen anderen Bereichen der Vervollkommnung. Denn ohne sie können wir keine feste Basis haben; und bei ihrem völligen Fehlen werden wir beständig in den niederen Status von Begehren, Ego, Dualität und Unwissenheit zurückfallen.

1 „Hasyam ist die aktive Seite von sukham; es besteht aus einem inneren Zustand der Freude und Heiterkeit, die durch keine negative mentale oder physische Erfahrung gemindert werden kann. Ihre Vervollkommnung ist Gottes Siegel auf dem Siddhi des samata. In unserem inneren Wesen ist es das Bild des spielenden (balavat) Sri Krishna als der balaka und kumara im Garten der Welt.“ Worte Sri Aurobindos. Für den vollständigen Text siehe „Shanti-catushtaya“ (unten angegeben in Supplement, SABCL Vol. 27, pp. 356-59, -Hrsg.)