Kapitel 5
Die Beseitigung des Egos auf dem Pfad des Wissens
Auf dem Pfad des Wissens versuchen wir die Beseitigung nach der negativen Seite hin dadurch, dass wir die Wirklichkeit des Egos verneinen. Nach der positiven Seite fixieren wir unser Denken beständig auf die Idee des Einen und Unendlichen an sich oder auf den Einen und Unendlichen überall. Wenn wir das beharrlich tun, verändern wir schließlich unsere mentale Anschauung über uns selbst und über die ganze Welt. Das führt zunächst zu einer Art mentaler Verwirklichung. Danach vertieft sich stufenweise oder vielleicht rasch und zwingend, beinahe schon zu Beginn, die mentale Verwirklichung zur spirituellen Erfahrung, zur Verwirklichung in der eigentlichen Substanz unseres Wesens. Immer häufiger erleben wir Zustände von etwas Undefinierbarem und Unbegrenzbarem, einen Frieden, ein Schweigen, eine Freude, eine unaussprechliche Seligkeit, das Empfinden einer absoluten apersonalen Macht, ein reines Sein, ein reines Bewusstsein, eine alles durchdringende Gegenwart. Das Ego besteht an sich oder in seinen gewohnten Bewegungen noch weiter. Aber der Friede des Einen wird immer mehr zu etwas Gewohnheitsmäßigem, während die anderen Regungen gebrochen, völlig aufgelöst und immer mehr abgewiesen werden, bis sie in ihrer Intensität schwach und kraftlos oder in ihrer Aktion mechanisch sind. Schließlich kommt es dazu, dass wir unser ganzes Bewusstsein in das Wesen des Erhabenen hineingeben. Wenn am Anfang die ruhelose Verwirrung und das verdunkelnde Unreine unserer äußeren Natur noch aktiv sind, während der mentale, vitale und physische Ego-Sinn noch machtvoll ist, finden wir vielleicht diese neue mentale Anschauung und diese Erfahrungen als äußerst schwierig. Sobald jedoch dieser dreifache Egoismus entmutigt wird oder seinem Ende nahe ist und die Instrumente des Geistes zurechtgebracht und in einem völlig reinen, schweigenden, erhellten und ausgeweiteten Bewusstsein geläutert sind, spiegeln sich Reinheit, Unendlichkeit und Ruhe des Einen in uns wider wie der Himmel in einem stillen See. Ein Zusammentreffen oder Hereinnehmen des reflektierten Bewusstseins durch das, was es reflektiert, wird immer dringlicher und leichter möglich. So wird die atmosphärische Kluft zwischen jener unbeweglichen ätherischen, ungeheuren apersonalen Weite und diesem vorher so aufgerührten Wirbel oder dem engen Strom des personalen Daseins immer mehr überbrückt oder beseitigt. Jenes geeinte Bewusstsein ist nun keine mühselig zu erringende Unwahrscheinlichkeit mehr, sondern mag sogar zu einer häufigen Erfahrung, wenn auch noch nicht zu einem andauernden Zustand werden. Aber selbst bevor völlige Läuterung eingetreten ist, kann der Jiva, wenn die Fesseln des egoistischen Herzens und Mentals schon genügend durchgescheuert und gelockert sind, durch ein plötzliches Zerreißen der Hauptbindungen frei werden, wie ein Vogel in die weiten Räume emporsteigt oder wie ein breiter Strom sich als entfesselte Flut in den Einen und Unendlichen ergießt. Zunächst erfahren wir dabei das plötzliche Empfinden eines kosmischen Bewusstseins, als ob wir uns in das Universale hineinstürzen. Von dieser Universalität aus ist unsere Aspiration nach dem Transzendenten dann umso leichter. Es ist, als ob die Wände, die unser bewusstes Wesen einschlossen, zurückgeschoben oder zerbrochen würden und einstürzten. Wir verlieren alles Empfinden unserer Individualität und Personalität. Wir haben unsere Position nicht mehr in Raum und Zeit. Wir unterstehen nicht mehr der Aktion oder dem Gesetz der Natur. Da gibt es kein Ego mehr, keine Person, die definiert oder definierbar wäre. Da ist nur Bewusstsein, nur Dasein, nur Friede und Seligkeit. So wird man zur Unsterblichkeit, zur Ewigkeit, zur Unendlichkeit. Was noch von der personalen Seele übrig blieb, ist eine einzige Hymne des Friedens, der Freiheit und Seligkeit, die irgendwo im Ewigen erklingt.
Darum ist der erste Schritt in diesem Yoga, dass wir das Ego aufgeben, dass wir zum apersonalen Selbst und apersonalen Brahman in unserem Bewusstsein werden.
Wie soll das aber geschehen? Die Gita sagt: zuerst durch Einung unserer geläuterten Intelligenz mit der reinen spirituellen Substanz in uns durch Buddhi-Yoga, buddhya visuddhaya yuktah. Diese spirituelle Umkehrung der Buddhi1 von dem nach außen und unten gerichteten zu dem nach innen und oben gerichteten Blick ist die Essenz des Yoga des Wissens. Das geläuterte Verstehen muss das ganze Wesen beherrschen, atmanam niyamya. Es muss uns von der Bindung an das nach außen ziehende Begehren der niederen Natur losreißen durch einen starken und steten Willen, dhrtya, der in seiner Konzentration seinen Blick völlig auf die Apersonalität des reinen Geistes richtet. Die Sinne müssen sich von ihren Gegenständen lösen, das Mental muss Zuneigung und Abneigung, die diese Objekte in ihm erregen, hinter sich lassen – denn das apersonale Selbst hat keine begehrlichen Wünsche und keinen Widerwillen. Das sind vitale Reaktionen unserer Persönlichkeit auf die Einwirkungen der Dinge. Die entsprechende Antwort des Mentals und der Sinne auf diese Einwirkungen ist Stütze und Basis für diese Reaktionen. Wir müssen uns eine völlige Kontrolle über Mental, Reden und Körper aneignen, selbst über vitale und physische Reaktionen wie Hunger, Kälte und Hitze, körperliche Lust und Schmerz. Das Ganze unseres Wesens muss in seinen Reaktionen neutral und indifferent werden, so dass es von diesen Dingen nicht beeinträchtigt wird. Es muss gegenüber allen Berührungen von außen wie den inneren Reaktionen und Antworten auf sie gleichmütig werden. Dies ist die unmittelbarste und machtvollste Methode, der gerade und steile Weg des Yoga. Es muss zu einem völligen Stillstand von Begehren und Verhaftetsein kommen, vairagya. Vom Suchenden wird erwartet, dass er oft die apersonale Einsamkeit sucht und ständig mit seinem innersten Selbst durch Meditation geeint ist. Dennoch ist es nicht Ziel dieser strengen Disziplin, dass wir, in unserem Ego zentriert, in egoistischer Abgeschlossenheit, im ruhigen Dasein des Gelehrten und Denkers, in Abneigung gegen die verwirrende Teilnahme an der Welt-Aktion leben. Ziel ist allein, dass wir von allem Ego frei werden. Zuerst müssen wir die rajasische Art der Ichhaftigkeit völlig ablegen: egoistische Kraftmeierei und Gewalttätigkeit, Anmaßung, Begehren und Zorn, den Sinn und Instinkt für Besitz, den Drang der Leidenschaften und die starken Gelüste des Lebens. Dann müssen wir uns aber auch des Egoismus jeder Art entledigen, sogar der höchsten sattwischen Art. Denn unser Ziel ist, Seele, Mental und Leben schließlich ganz freizumachen von aller gefangennehmenden Bindung an „Ich“ und „Mein“, nirmama. Die uns dargelegte Methode will die Ausmerzung des Egos und seiner Forderungen jeglicher Art. Denn das reine apersonale Selbst, das unerschüttert das Universum trägt, hat keinen Egoismus und erhebt keine egoistischen Forderungen an irgendeine Sache oder Person. Es ist ruhig, erleuchtet und leidenschaftslos. Es betrachtet schweigend alle Dinge und Personen mit gleichmütigem, unparteiischem Blick der Selbst- und Welt-Erkenntnis. So ist denn klar, dass die Seele am ehesten zum Einswerden mit dem unwandelbaren Brahman fähig wird, das alles betrachtet und weiß, aber durch die Formen und Veränderungen des Universums selbst nicht beeinträchtigt wird, indem sie in einer ähnlichen oder identischen Apersonalität im Inneren lebt und vom Ansturm der Dinge erlöst ist.
Dies erste Streben nach Apersonalität, wie es von der Gita so nachdrücklich angeraten wird, erbringt schließlich eine gewisse vollkommene innere Ruhe und ist in seinen innersten Teilen und den praktischen Prinzipien mit den Methoden des Sannyasa2 identisch. Und doch gibt es einen Punkt, an dem die Tendenz der Apersonalität, sich vor den Anforderungen der dynamischen Natur und der äußeren Welt zurückzuziehen, aufgehalten und in Schranken gezwungen wird, damit dieser innerliche Quietismus daran gehindert wird, sich in Verweigerung des Handelns und physische Zurücknahme zu vertiefen. Ihre Zurückweisung der Gegenstände der Sinne, visayams tyaktva, muss von der Art des Tyaga sein und darin bestehen, dass wir alle sinnliche Abhängigkeit, rasa, aufgeben, jedoch die wirklich notwendige Betätigung der Sinne nicht zurückweisen. Wir müssen uns unter den uns umgebenden Dingen bewegen und auf die Gegenstände des Sinnen-Bereiches mit reiner, wahrer und starker, mit einfacher und unbedingter Betätigung der Sinne einwirken, damit sie dem Geist in seinem göttlichen Wirken dienlich sind, kevalair indriyais caran, hingegen keineswegs um einer Befriedigung des Begehrens willen. Vairagya muss sein, jedoch nicht in der allgemeinen Bedeutung von Abscheu vor dem Leben oder Ekel vor dem Wirken in der Welt, sondern im Sinne der Aufgabe von raga sowie von dessen Gegenteil, von dvesa. Wir müssen uns aus jeglicher mentalen und vitalen Vorliebe ebenso zurückziehen wie aus aller mentalen und vitalen Abneigung. Das wird aber nicht verlangt, um jenes auszulöschen, sondern um uns vollkommen zum Gleichmut zu befähigen, Gelassenheit herzustellen, mit dem der Geist ungehindert und unbegrenzt sowohl der integralen und allumfassenden göttlichen Schau der Dinge wie dem integralen göttlichen Handeln in der Natur zustimmen kann. Dass wir ständig unsere Zuflucht zur Meditation nehmen, dhyana-yoga-paro nityam, ist ein sicheres Mittel, durch das die Seele des Menschen ihr Selbst der Macht ebenso wie ihr Selbst des Schweigens verwirklichen kann. Dennoch darf es dabei kein Aufgeben des aktiven Lebens zugunsten eines Lebens der reinen Meditation geben. Das Handeln muss stets als Opfer dem höchsten Geist dargebracht werden. Auf dem Pfad des Sannyasa bereitet dieser Schritt darauf vor, dass man sich völlig aus dem Leben zurückzieht und gänzlich im Ewigen aufgeht und in ihm verschwindet. Und Verzicht auf Leben und Wirken in der Welt ist ein unentbehrlicher Schritt in diesem Prozess. Dagegen ist dies auf dem Pfad der Gita, dem Tyaga, eher eine Vorbereitung darauf, dass wir unser ganzes Leben und Dasein mit all unserem Wirken hinwenden zum integralen Einssein mit dem erhabenen und unermesslichen Sein, Bewusstsein und Willen des Göttlichen. Es dient als Vorspiel und macht es möglich, dass die Seele von einem gewaltigen, totalen Aufschwung aus dem niederen Ego übergeht in die unsagbare Vollkommenheit der erhabenen spirituellen Natur, para prakrti.
1 Verstandesmäßiger Wille, Verstehen, Intellekt, Vernunft, Denken, Mental.
2 Entsagung des Lebens und der Tat.