Kapitel 4
Die Vernichtung des Egos auf dem Pfad der Werke
Letztlich zwingt uns die Praxis des Yoga des Opfers dazu, allem zu entsagen, was den Egoismus fördert. Wir wollen ihn aus unserem Mental, Willen und Handeln ausmerzen und seine Saat, seine Gegenwart, seinen Einfluss aus unserer Natur ausschalten. Alles muss für das Göttliche allein getan werden. Alles soll auf das Göttliche gerichtet sein. Wir dürfen nichts für uns selbst als für eine abgesonderte Existenz unternehmen. Wir dürfen nicht nur deshalb für andere, für unsere Nachbarn, Freunde, Familie, für unser Land, die Menschheit oder andere Geschöpfe etwas tun, weil sie mit unserem persönlichen Leben, Denken und Empfinden verbunden sind oder weil unser Ego Interesse an ihrem Wohlergehen hat. Wenn wir so handeln und denken, wird alles Wirken und Leben zur täglichen dynamischen Verehrung und zum Dienst am Göttlichen im grenzenlosen Tempel seiner kosmischen Existenz. Das Leben wird immer mehr zu einem Opfer, das der Ewige im Individuum ständig der ewigen Transzendenz darbringt. Das Opfer geschieht auf dem weiten Opferplatz des ewigen kosmischen Geistes. Die Kraft, die das Opfer darbringt, ist die ewige Kraft, die allgegenwärtige Mutter.
Von Anfang an ist der Geist einer völligen Selbst-Darbringung in unserem Wirken notwendig. Das soll zunächst zum beständigen Willen und dann zum tief eingewurzelten Bedürfnis in unserem ganzen Wesen werden. Zuletzt wird das zu einer automatischen, jedoch lebendigen und bewussten Gewohnheit. Wir werden vom Selbst dazu gedrängt, jegliches Wirken dem Höchsten und der verhüllten Macht, die in uns, in allen Wesen und in allen Wirkensweisen des Universums gegenwärtig ist, als ein Opfer darzubringen. Das Leben ist der Altar dieses Opfers, und unsere Werke sind unsere Opfergaben. Die Gottheit, der sie dargebracht werden, ist eine transzendente und universale Macht und Gegenwart, die zunächst von uns viel mehr nur gefühlt und geahnt als gewusst und geschaut wird. Das Opfer, die Selbst-Darbringung, hat zwei Seiten: einmal das Werk selbst, zum anderen den Geist, in dem es getan wird, den Geist der Ehrfurcht vor dem Meister der Werke in allem, was wir sehen, denken und erfahren…
In allem Wirken muss das Wesentliche des Opfers der Werke enthalten sein. Dieses Wesentliche ist die völlige Hingabe (surrender) jeglichen Verlangens nach der Frucht unseres Wirkens, also der Verzicht auf alles Hängen am Ergebnis, um dessentwillen wir arbeiten. Solange wir mit einem Hang zum Resultat arbeiten, wird das Opfer nicht dem Göttlichen sondern unserem Ego dargebracht. Wenn wir anders darüber denken, betrügen wir uns selbst. Wir machen dabei unsere eigene Vorstellung vom Göttlichen, unser Pflichtbewusstsein, unser Mitfühlen für unsere Mitmenschen, unsere Idee von dem, was das Wohl der Welt oder der anderen erfordert, ja sogar unseren Gehorsam dem Meister gegenüber zu einem Vorwand für das, was nur das eigene Ego befriedigt, für unsere eigenen Vorlieben – einen trügerischen Schutzschild gegen das Gebot, dass wir alles Begehren aus unserer Natur ausrotten sollen…
Dem Herrn gehört nicht allein die Frucht der Werke, ihm muss all unser Wirken selbst gehören. Er ist ebenso der wahre Herr unseres Handelns, wie er der Herr der Früchte unseres Wirkens ist. Das müssen wir nicht nur mit dem denkenden Mental sehen, das muss für unser Bewusstsein und für unseren Willen im vollen Sinn wahr werden. Der Sadhaka darf nicht nur denken und wissen, sondern er muss gerade im Augenblick des Wirkens, bei seinem Anfang und ganzen Verlauf, konkret und intensiv sehen und fühlen, dass sein Wirken ihm selbst gar nicht angehört, sondern dass es von dem Höchsten Dasein herkommt und durch ihn hindurchgeht. Er muss immer einer Kraft, einer Gegenwart und eines Willens bewusst bleiben, die durch seine individuelle Natur hindurch handeln…
Sofort muss er dann einen Schritt weitergehen und sich in die Position des beobachtenden Zeugen versetzen. Oberhalb von Prakriti muss er, unpersönlich und leidenschaftslos, stehen und beobachten, wie die ausführende Kraft der Natur in ihm wirkt, und er muss ihr Wirken zu verstehen suchen. Durch diese Absonderung von Prakriti muss er lernen, das Spiel ihrer universalen Kräfte zu beobachten und zu unterscheiden, wie sie den Tag und die Nacht, das Göttliche und das Ungöttliche ineinander verwebt. Dadurch kann er ihre furchtgebietenden Mächte und Wesen entdecken, die sich der unwissenden menschlichen Natur bedienen wollen. Die Gita sagt, die Natur arbeite in uns durch die dreifache Qualität (guna) der Prakriti, durch die Qualität des Lichten und Guten, sattva, durch die Qualität der Leidenschaft und des Begehrens, rajas, und durch die Qualität der Dunkelheit und Trägheit, tamas. Der Suchende muss als ein unparteiischer kritischer Beobachter all dessen, was im Reich seiner Natur vor sich geht, lernen, die gesonderte und die kombinierte Aktion dieser Qualitäten zu unterscheiden. Er muss das Wirken der kosmischen Kräfte in seinem Inneren durch das ganze Labyrinth ihrer subtilen unsichtbaren Vorgänge und Verkleidungen verfolgen und jede Verschlungenheit des Irrgartens kennen. Wenn er in dieser Erkenntnis fortschreitet, kann er viel besser seine Sanktion erteilen. Er braucht nicht mehr unwissendes Werkzeug der Natur zu sein. Zuerst muss der Karma-Yogin die Naturkraft dazu veranlassen, bei ihrer Einwirkung auf seine Instrumente die Wirkensweise der beiden niederen Qualitäten einzuschränken und sie der Qualität des Lichten und Guten unterzuordnen. Dann muss er auch diese dazu bringen, sich selbst aufzuopfern, damit alle drei durch eine höhere Macht in ihre göttlichen Entsprechungen umgewandelt werden können: in eine höchste Ruhe und Stille, in eine göttliche Erleuchtung und Seligkeit und in die ewige göttliche Machtwirkung, Tapas. Der erste Teil dieser Disziplin und Umwandlung kann zwar prinzipiell energisch durch den Willen des Mentals in uns geleistet werden. Die völlige Durchführung dieses Prozesses und die darauffolgende Transformation können wir aber nur fertigbringen, wenn die tiefere psychische Seele ihre Macht über die Natur vermehrt und das menschliche Wesen durch das göttliche als ihren Beherrscher ersetzt. Dann wird der Sadhaka nicht nur mit Aspiration und guter Absicht, mit einer nur anfänglichen und langsam fortschreitenden Hingabe seines Ego, sondern mit der starken Intensität einer dynamischen Selbst-Hingabe die vollständige Überantwortung seines Wirkens an den Höchsten Willen zustande bringen. Allmählich wird dann sein Mental einer unvollkommenen menschlichen Intelligenz durch ein spirituelles erleuchtetes Mental ersetzt. Dieses kann schließlich in das supramentale Wahrheits-Licht eingehen. Dann wird der Sadhaka nicht länger aus seiner Natur der Unwissenheit mit ihren drei Qualitäten einer verworrenen, unvollkommenen Aktivität handeln, sondern aus der göttlichen Natur einer Stille, eines Lichtes, einer Macht und Seligkeit des Geistes. Träger seines Wirkens wird dann nicht mehr jenes Gemenge der Funktionen eines unwissenden Mentals und Willens, des Drängens eines noch unwissenderen Herzens der Gefühle, des Begehrens aus dem Vitalwesen sowie des Triebs und Instinkts des Fleisches sein. Vielmehr wird sein Wirken zuerst aus einem Selbst und einer Natur des Geistes und zuletzt aus einem supramentalen Wahrheits-Bewusstsein und seiner göttlichen Kraft der Übernatur herrühren.