Kapitel 4
Ein unausweichlicher Schritt im Yoga
Worte Sri Aurobindos
Es ist kein echter Yoga möglich, viel weniger ein integraler Yoga, solange wir uns nicht vom äußeren Selbst zurückziehen und uns des ganzen inneren Wesens und der inneren Natur bewusst werden. Nur so können wir die Begrenzungen des unwissenden äußeren Selbstes brechen, das nur die äußeren Kontakte bewusst empfängt und durch das äußere Mental und die Sinne die Dinge nur indirekt erkennt. Nur so können wir das universale Bewusstsein und die universalen Kräfte, die durch uns und um uns spielen, unmittelbar wahrnehmen. Wir können dann ebenfalls hoffen, uns des Göttlichen in uns direkt bewusst zu werden und in direkte Berührung mit dem Göttlichen Licht und der Göttlichen Kraft zu kommen. Andernfalls würden wir das Göttliche allein durch äußere Zeichen und äußere Auswirkungen fühlen, und das wäre ein schwieriger, unsicherer Weg, von Zufällen abhängig, unbeständig, der nur zum Glauben führt und nicht zum Wissen, nicht zum direkten Bewusstsein und Erkennen der immerwährenden Gegenwart.
Worte Sri Aurobindos
Das ist in gleicher Weise für jene wichtig, die die Einung mit dem Göttlichen wollen, ohne die die Umwandlung unmöglich ist. Das Streben könnte nicht verwirklicht werden, wenn du weiterhin durch dein äußeres Selbst gebunden und an das physische Mental und seine kleinen Bewegungen gefesselt wärst. Nicht das äußere Wesen ist der Ursprung des spirituellen Verlangens, das äußere Wesen unterwirft sich lediglich dem inneren Antrieb, der aus dem Bereich hinter dem Schleier kommt. Das innere seelische Wesen in dir ist der Bhakta, der Suchende nach Einung und Ananda, und was der sich selbst überlassenen äußeren Natur unmöglich ist, wird durchaus möglich, wenn die Schranke gefallen ist und das innere Selbst im Vordergrund steht.
Worte Sri Aurobindos
Der individuelle Mensch muss sein Selbst, sein wahres Sein finden. Das kann er nur, wenn er nach innen geht, wenn er in seinem Inneren und von dorther lebt: Denn das vordergründige oder äußere Bewusstsein oder Leben, das vom inneren Geist getrennt ist, ist das Feld der Unwissenheit. Es kann nur über sich selbst hinauskommen und die Unwissenheit überwinden, indem es sich für die umfassende Weite des inneren Selbsts und Lebens öffnet. Gibt es überhaupt ein Wesen der Transzendenz in uns, muss es dort, in unserem geheimen Selbst sein. An unserer Außenseite gibt es nur das Eintags-Wesen unserer Natur, das durch Begrenzung und Umstände gebildet wird. Wenn sich in uns ein Selbst findet, fähig zu umfassender Weite und Universalität, fähig, in ein kosmisches Bewusstsein einzutreten, muss dieses auch in unserem inneren Wesen sein. Das äußere Bewusstsein ist ein physisches Bewusstsein, das dreifach durch Mental, Leben und Körper an seine individuellen Begrenzungen gebunden ist: Jeder vom äußeren Bewusstsein her unternommene Versuch, zur Universalität zu kommen, kann nur zu einer Aufblähung des Egos oder zu einer Selbst-Entäußerung der Persönlichkeit führen, indem diese in der Masse ausgelöscht oder der Masse unterjocht wird. Nur wenn der Einzelne innerlich wächst, von innen her bewegt wird und handelt, kann er sein Wesen frei und wirksam, allumfassend und übernatürlich machen. Für eine göttliche Lebensweise muss es zu einer Verlegung des Zentrums und unmittelbaren Ursprungs der dynamischen Wirkensweisen des Wesens von außen nach innen kommen: Denn dort ist der Sitz der Seele, doch ist sie ganz oder halb verhüllt, und darum befindet sich unser unmittelbares Wesen und der Ursprung unseres Handelns jetzt an unserer Außenseite. Die Upanishad sagt, der Selbst-Seiende habe in den Menschen die Tore des Bewusstseins nach außen aufgestoßen, aber einige wenige wendeten das Auge nach innen, und diese seien es, die den Geist sehen und erkennen und das spirituelle Wesen entfalten. Deshalb ist es für die Umwandlung unserer menschlichen Natur und für das göttliche Leben zuerst notwendig, dass wir in unser Inneres schauen, unser Selbst sehen, in unser Inneres eingehen und in ihm leben.