Kapitel 4
Voraussetzungen, um eine wahre Führungskraft zu sein
Sich selbst vergessen
Worte der Mutter
Sich selbst zu vergessen ist eine der wesentlichsten Voraussetzungen, um eine wahre Führungskraft zu sein: keine eigennützigen Interessen zu verfolgen, nichts für sich zu wollen, nur das Wohl der Gruppe im Auge zu haben, des Ganzen, der Gesamtheit, die einem untersteht, nur zu diesem Zweck zu handeln, ohne irgendeinen persönlichen Nutzen aus seiner Handlung ziehen zu wollen.
Die Führungskraft einer kleinen Gruppe kann auf diese Weise zu einer vollkommenen Führungskraft einer großen Gruppe, einer Nation werden und sich für eine Gemeinschaftsfunktion vorbereiten. Das ist eine Schule von allergrößter Bedeutung, und das haben wir wirklich versucht und versuchen es hier [im Ashram] weiterhin: jedem Einzelnen so bald wie möglich eine kleine oder große Verantwortung zu übertragen, damit er lernt, eine wahre Führungskraft zu werden.
Um eine wahre Führungskraft zu werden, muss man vollkommen selbstlos sein und möglichst allen Eigennutz und jede egoistische Handlung in sich tilgen. Um eine Führungskraft zu sein, muss man sein Ego meistern…
Die weite Auffassung von dem Einen der in allen wirkt
Worte Sri Aurobindos
Jeder Mensch ist bewusst oder unbewusst das Instrument einer universalen Macht. Aber abgesehen von der Gegenwart im Inneren gibt es keine so wesentliche Unterscheidung zwischen der einen und einer anderen Aktion, zwischen der einen Art von Instrumentation und einer anderen, dass sie einen Schutz garantieren könnte gegen die Torheit eines egoistischen Hochmuts. Das Unterscheidungsvermögen zwischen Wissen und Unwissenheit ist eine Gnade des Geistes. Der Atem der göttlichen Macht weht, wo er will. Er erfüllt heute den einen und morgen den anderen mit dem Wort oder der Vollmacht. Wenn der Töpfer das eine Gefäß vollkommener formt als das andere, liegt der Verdienst dafür nicht beim Topf, sondern beim Schöpfer. Darum darf es keine solche mentale Haltung in uns geben: „Das ist meine eigene Stärke“ oder „Schau, wie Gottes Macht in mir wirkt!“ Vielmehr muss unsere Haltung so sein: „Eine Göttliche Macht wirkt in diesem Mental und Körper, und sie ist dieselbe, die am Werk ist in allen Menschen, im Tier, in der Pflanze und im Metall, in bewussten, lebendigen Wesen und Geschöpfen ebenso wie in denen, die unbewusst und unbelebt zu sein scheinen.“ Wenn diese weite Auffassung von dem Einen, der in allen wirkt, und von der ganzen Welt als desselben Werkzeugs für göttliches Wirken und für stufenweise Offenbarung seines Selbsts von uns zutiefst erfahren wird, hilft das, allen rajasischen Egoismus in uns auszumerzen. Selbst das sattwische Ich-Empfinden wird immer mehr aus unserer menschlichen Natur schwinden.
Sich an die Wahrheit klammern
Worte der Mutter
Sei mehr auf die Wahrheit erpicht als auf den Erfolg.
Worte Sri Aurobindos
Wahrheit ist der Fels, auf dem die Welt erbaut ist. Satyena tishthate jagat. Falschheit kann niemals die wahre Quelle der Kraft sein. Befindet sich Falschheit an der Wurzel einer Bewegung, so ist diese Bewegung zum Scheitern verurteilt. Diplomatie kann nur dann einer Bewegung helfen, wenn die Bewegung auf der Basis von Wahrheit weiter fortgeführt wird. Diplomatie zu einem Grundprinzip zu machen, verstößt gegen die Gesetze der Existenz.
Worte der Mutter
Es gibt keinen größeren Mut, als immer ehrlich zu sein.
Wachsam sein
Worte der Mutter
Wachsamkeit bedeutet wach zu sein, auf der Hut zu sein, aufrichtig zu sein – sich niemals von der Überraschung überwältigen zu lassen…
Wachsam sein bedeutet nicht nur, dem zu widerstehen, was nach unten zieht, sondern darüber hinaus aufmerksam zu sein, um die Gelegenheit nicht zu verpassen, einen Fortschritt zu machen, eine Schwäche zu überwinden, einer Versuchung zu widerstehen, etwas zu lernen, etwas zu korrigieren, etwas zu meistern. Wenn man wachsam ist, kann man in einigen Tagen vollbringen, was ansonsten Jahre dauern würde. Wenn man wachsam ist, verwandelt man jeden Lebensumstand, jede Handlung, jede Regung in eine Gelegenheit, sich dem Ziel zu nähern.
Die eigenen Schwächen erkennen
Worte Sri Aurobindos
Die eigenen Schwächen und falschen Regungen zu erkennen und sich von ihnen abzuwenden ist der Weg, sich von ihnen zu befreien.
Es ist ein ausgezeichneter Grundsatz, über niemanden zu urteilen, außer über sich selbst, bis man die Dinge mit ruhigem Mental und ruhigem Vital betrachten kann. Erlaube auch weder deinem Mental, sich aufgrund einer gewissen äußeren Erscheinungsform ein voreiliges Bild zu machen, noch deinem Vital [aufgrund dieser Meinung], auf sie einzuwirken.
Es gibt im inneren Wesen einen Ort, an dem man immer still bleiben und von wo man mit Ausgeglichenheit und Einsicht auf die Störungen des Oberflächen-Bewusstseins blicken und darauf einwirken kann, um es zu verändern. Wenn du lernen kannst, in dieser Stille des inneren Wesens zu leben, hast du eine feste Grundlage gefunden.
Sich selbst kontrollieren
Worte der Mutter
1. Eine vollständige Kontrolle über sich zu haben, ist die unerlässliche Voraussetzung, um andere zu führen.
2. Bevorzuge niemanden, das heißt den einen zu mögen, den anderen nicht. Stelle alle gleich.
3. Sei geduldig und ausdauernd.
Sage auch nur das, was unbedingt nötig ist und weiter nichts.
Worte der Mutter
Sei sehr ruhig und sehr geduldig, werde niemals zornig. Man muss Meister über sich selbst sein, will man ein Meister anderer sein.
Vollkommen aufrichtig sein
Worte der Mutter
Um vollkommen aufrichtig zu sein, ist es unerlässlich, keine Vorliebe, keine Begierde, keine Anziehung für etwas zu haben, keinen Ekel, weder Sympathie noch Antipathie, keine Zuneigung und keine Abneigung. Man muss eine totale, integrale Schau der Dinge haben, in der alles am richtigen Platz ist und in der man allen Dingen gegenüber dieselbe Haltung hat: die Haltung der wahren Schau. Dieses Programm ist für einen Menschen offenbar sehr schwer durchzuführen. Wenn er sich nicht entschlossen hat, sich zu vergöttlichen, scheint es fast unmöglich, dass er von all diesen inneren Gegensätzen frei sein könnte. Und dennoch, solange man sie in sich trägt, kann man nicht vollkommen aufrichtig sein. Automatisch wird das Funktionieren des Mentals, des Vitals und sogar des Physischen verfälscht. Ich betone das Physische, weil sogar das Funktionieren der Sinne verfälscht wird: Man sieht, hört, schmeckt, fühlt die Dinge nicht so, wie sie in ihrer Wirklichkeit sind, solange man eine Vorliebe hat. Solange es Dinge gibt, die dir gefallen, und Dinge, die dir missfallen, solange du für bestimmte Dinge eine Anziehung verspürst und gegen andere eine Abneigung, kannst du die Dinge nicht in ihrer Wirklichkeit sehen. Du siehst sie durch deine Reaktion, deine Vorliebe oder deine Abneigung. Die Sinne sind Instrumente, die sich verfälschen, ebenso wie die Empfindungen sich verfälschen, wie die Gefühle sich verfälschen und wie die Gedanken sich verfälschen. Folglich musst du eine vollkommene Distanziertheit haben, um dir dessen sicher zu sein, was du siehst, was du fühlst, was du empfindest und denkst. Das ist selbstverständlich keine leichte Aufgabe. Doch bis dies erreicht ist, kann deine Sichtweise nicht restlos wahr sein…