Kapitel 4
Heilung von Krankheiten durch spirituelle Kraft
Heilung durch die Göttliche Gnade
Ich möchte gerne etwas über die Göttliche Gnade sagen – denn du scheinst zu glauben, sie sollte so etwas wie eine Göttliche Vernunft sein, die auf einer ähnlichen Grundlage wie die menschliche Intelligenz wirkt. Das stimmt aber nicht. Ebensowenig ist sie ein universales Göttliches Mitgefühl, das sich unparteiisch über alle ergießt, die sich ihm nähern und das alle Gebete erhört. Sie wählt nicht den Tugendhaften und weist den Sünder ab. Die Göttliche Gnade kam dem Verfolger zur Hilfe (Saulus von Tarsus), sie kam zu St. Augustinus, dem Lasterhaften, zu Jagai und Madhai, den Berüchtigten, zu Bilwamangal und vielen anderen, deren Bekehrung sehr wohl den puritanischen, menschlich-moralischen Verstand schockieren könnte. Sie kann aber auch zu den Gerechten kommen und sie von ihrer Selbstgerechtigkeit heilen und zu einem reineren Bewusstsein jenseits dieser Dinge führen. Sie ist eine Macht, die über jeglicher Regel steht, selbst über dem Kosmischen Gesetz – und daher unterscheiden alle spirituellen Seher zwischen dem Gesetz und der Gnade. Und dennoch wirkt sie nicht willkürlich – sie hat nur ein eigenes Unterscheidungsvermögen, welches Dinge und Personen, die rechten Zeiten und Zeitspannen von einer anderen Sicht her betrachtet als diejenige, die dem Mental oder einer anderen gewöhnlichen Macht eigen ist. Ein Zustand der Gnade wird häufig im Individuum hinter dicken Schleiern durch Hilfsmittel vorbereitet, die vom Mental nicht erkannt werden können, und wenn dieser Zustand der Gnade eingetreten ist, wirkt die Gnade selbst. Es gibt diese drei Mächte: (1) das Kosmische Gesetz, sei es des Karma oder dergleichen; (2) das Göttliche Mitgefühl, welches auf so viele einwirkt, wie es durch die Netze des Gesetzes erreichen kann, und das ihnen eine Chance gibt; (3) die Göttliche Gnade, die unberechenbarer, jedoch auch unwiderstehlicher als die anderen wirkt. Die einzige Frage ist, ob es hinter all den Ungereimtheiten des Lebens etwas gibt, das auf den Ruf reagieren und sich öffnen kann, bis es für die Erleuchtung durch die Göttliche Gnade bereit ist – wie groß die Schwierigkeiten auch sein mögen. Und dieses „Etwas“ darf nicht eine vitale oder mentale Regung sein, sondern ein inneres Etwas, das vom inneren Auge leicht erkannt wird. Ist dies vorhanden und tritt es aktiv hervor, kann das Mitgefühl wirken, das volle Wirken der Gnade jedoch kann bis zur endgültigen Entscheidung oder Wandlung auf sich warten lassen. Es kann auf eine spätere Stunde verschoben werden, da möglicherweise ein Teil oder ein Element des Wesens noch im Wege steht, etwas, das noch nicht bereit ist zu empfangen.
Doch warum es erlauben, dass sich irgendetwas zwischen dich und das Göttliche stellt, irgendeine Idee oder irgendein Vorfall? Wenn du von voller Aspiration und der vollen Freude erfasst bist, dann lasse nichts anderes zählen, nichts von Wichtigkeit sein, außer dem Göttlichen und deiner Aspiration. Das Göttliche zu wollen, schnell, vollkommen und gänzlich, absolut und alles beanspruchend, und dies dann zu deiner einzigen Sache zu machen, der nichts in den Weg treten darf – das muss der Geist der Annäherung sein.
Welchen Wert haben mentale Ideen über das Göttliche, Ideen darüber, was Es tun sollte, wie alles zu geschehen habe und wie nicht – sie sind nur im Wege. Nur das Göttliche selbst ist wichtig. Wenn dein Bewusstsein das Göttliche umfängt, dann allein vermagst du zu erkennen, was das Göttliche ist, vorher nicht. Krishna ist Krishna, es ist nicht wichtig, was er tat oder nicht tat: Nur ihn zu sehen, ihm zu begegnen, das Licht, die Präsenz, die Liebe und das Ananda zu fühlen ist das Einzige, was zählt. Das gilt immer für die spirituelle Aspiration – es ist das Gesetz des spirituellen Lebens.
Heilung durch spirituelle Kraft und Empfänglichkeit für diese
Insofern aber spirituelle Kraft existiert, muss sie offensichtlich dazu in der Lage sein, spirituelle Ergebnisse zu zeitigen, daher ist nichts Vernunftwidriges in dem Anspruch jener Sadhaks, die sagen, sie fühlten die Kraft des Gurus oder die Kraft des Göttlichen in sich wirken und sie zu spiritueller Erfüllung und Erfahrung führen. Ob es in einem besonderen Fall so ist oder nicht, ist eine persönliche Frage, doch die Äußerung kann nicht als in sich unglaubwürdig oder offensichtlich falsch bezeichnet werden, einfach mit der Begründung, dass es solche Dinge nicht geben kann. Und wenn es weiterhin wahr ist, dass spirituelle Kraft die ursprüngliche ist und die anderen Kräfte sich davon ableiten, dann liegt wiederum nichts Vernunftwidriges in der Annahme, dass spirituelle Kraft mentale Ergebnisse, vitale Ergebnisse, physische Ergebnisse hervorbringen kann. Sie kann durch mentale, vitale oder physische Energien wirken und durch die Mittel, die diese Energien benutzen, oder sie kann direkt auf Mental, Leben oder die Materie als dem Bereich ihrer eigenen speziellen und unmittelbaren Tätigkeit einwirken. Jeder Weg ist prima facie möglich. Nimm als Beispiel die Heilung einer Krankheit. Jemand ist seit zwei Tagen krank, schwach, er leidet an Schmerzen und Fieber, nimmt keine Arznei, doch erbittet schließlich die Hilfe seines Gurus; am nächsten Morgen steht er auf, gesund, stark und voller Energie. Er hat zumindest einigen Grund zu glauben, dass eine Kraft angewandt wurde und auf ihn einwirkte und dass es eine spirituelle Kraft war. In einem anderen Fall aber mögen Arzneien eingenommen werden, während zur Unterstützung der stofflichen Mittel gleichzeitig die unsichtbare Kraft zu Hilfe gerufen wird; denn es ist eine wohlbekannte Tatsache, dass Arzneien helfen können oder nicht und es darüber keine Gewissheit gibt. In diesem Fall bleibt es für einen Dritten (für einen, der weder die Kraft gebraucht noch der Arzt oder der Patient ist) ungewiss, ob der Patient durch die Arznei oder die spirituelle Kraft mit der Medizin als Instrument geheilt wurde. Beides ist möglich, und man kann nicht sagen, weil Arzneien verwendet werden, sei das Wirken einer spirituellen Kraft per se unglaubwürdig und offensichtlich unwahr. Es ist ebenfalls möglich, dass der Arzt eine Kraft in sich wirken fühlte, die ihn führte, oder erkennt, dass der Zustand seines Patienten sich mit einer Geschwindigkeit bessert, die medizinischer Erfahrung zufolge unglaubhaft ist. Auch der Patient mag die Kraft in sich wirken fühlen, die ihm Gesundheit, Energie und schnelle Heilung bringt. Derjenige, der die Kraft anwendet, kann die Ergebnisse beobachten und sehen, wie die Symptome, auf die er einwirkt, sich verringern und jene, auf die er nicht einwirkt, sich vergrößern, bis er auf sie einwirkt, worauf sie sofort verschwinden; oder er beobachtet, wie der Arzt seinen unausgesprochenen Vorschlägen gemäß arbeitet usw. usw., bis die Heilung schließlich erfolgt. (Andererseits mag er erkennen, dass Kräfte gegen die Heilung wirken, und daraus schließen, dass die spirituelle Kraft sich mit einem Rückzug oder unvollkommenen Erfolg zufrieden geben muss.) In jedem Fall können sowohl der Arzt als auch der Patient oder derjenige, der die Kraft anwendet, glauben, die Heilung sei zumindest teilweise oder überhaupt aufgrund der spirituellen Kraft erfolgt. Diese Erfahrung ist natürlich nur für die Beteiligten gültig, nicht für einen äußeren, rationalisierenden Beobachter. Doch letzterer hat logischerweise kein Recht zu behaupten, dass ihre Erfahrungen unglaubwürdig oder falsch seien.
Noch etwas. Daraus folgt nicht, dass spirituelle Kraft in jedem Fall erfolgreich sein muss oder aber, wenn sie erfolglos war, nicht existierte. Von keiner Kraft kann dies behauptet werden. Die Kraft des Feuers besteht darin zu brennen, doch gibt es Dinge, die nicht brennen; unter bestimmten Umständen verbrennen nicht einmal die Füße der Menschen, die barfuß über rotglühende Kohlen gehen. Das beweist nicht, dass Feuer nicht brennen kann oder dass es nichts Derartiges wie die Kraft des Feuers, Agni-Shakti, gibt.
Es stimmt durchaus, dass du, wenn du dir selbst überlassen bist, nichts zu tun vermagst; das ist der Grund, warum du mit der Kraft in Kontakt sein musst, die dazu da ist, für dich das zu tun, was du selbst nicht für dich tun kannst. Die einzige Sache, die du tun musst ist, dem Wirken der Kraft stattzugeben und dich auf ihre Seite zu stellen; das bedeutet, Glauben an sie zu haben, sich auf sie zu verlassen, sich nicht zu sorgen und zu beunruhigen, ruhig an sie zu denken, ruhig sich an sie zu wenden, sie ruhig wirken zu lassen.
Heilung durch Öffnung des Körperbewusstseins für das Göttliche
Es ist immer die richtige innere Haltung, die innere und äußere Ruhe, der Glaube, die Öffnung des Körperbewusstseins für die Mutter und ihre Kraft, die die wahren Mittel zur Genesung sind – andere Dinge können nur kleine Hilfsmittel und Behelfe sein.
Was ich meinte war, dass das Körperbewusstsein aufgrund einer alten Gewohnheit des Bewusstseins die Kraft der Krankheit zulässt und die Erfahrungen durchläuft, die damit verbunden sind – zum Beispiel eine Ansammlung von Schleim in der Brust und das Gefühl des Erstickens oder Schwierigkeiten beim Atmen, usw. Um sich davon zu befreien, muss man im Körper selbst einen Willen und ein Bewusstsein wachrufen, die nicht zulassen, dass sich diese Dinge ihm aufdrängen. Das aber zu erreichen und mehr noch, es vollständig zu erreichen, ist schwierig. Ein Schritt darauf zu ist, das innere Bewusstsein vom Körper zu trennen – zu fühlen, dass nicht du es bist, der krank ist, sondern nur, dass im Körper etwas geschieht, das auf dein Bewusstsein einwirkt. Dann ist es möglich, dieses gesonderte Körperbewusstsein zu erkennen – was es fühlt, wie es auf Dinge reagiert und wie es arbeitet. Man kann dann darauf einwirken, um sein Bewusstsein und seine Reaktionen zu wandeln.
Viele Menschen verwechseln Passivität mit Trägheit. Ich habe das lange Zeit falsch verstanden. Ich blieb immer passiv, wenn ich eine Krankheit bekam, und dann stellte ich fest, dass ich ihr zustimmte.
Wahre Passivität ist Offenheit für die Höhere Kraft; sie ist keine Trägheit.
Passivität darf nicht zu Untätigkeit führen, andernfalls würde es die Trägheit des Wesens fördern. Nur innere Passivität gegenüber all dem, was von oben kommt, ist erforderlich – träge Passivität ist die falsche Art von Passivität.
Heilung durch Aspiration, Ruf, Gebet
In diesem Yoga besteht das ganze Prinzip darin, sich dem Göttlichen Einfluss zu öffnen. Er ist über dir, und sobald du dir seiner bewusst werden kannst, musst du ihn in dich herabrufen. Er kommt als Frieden, als Licht, als eine wirkende Kraft in das Mental und den Körper herab, als die Gegenwart des Göttlichen mit oder ohne Form, als Ananda. Bevor man dieses Bewusstsein erlangt hat, muss man Glauben haben und nach dem Sich-Öffnen streben. Die Aspiration, der Ruf, das Gebet sind Formen von ein und derselben Sache, und alle sind wirksam. Du kannst diejenige Form annehmen, die zu dir kommt oder die dir am leichtesten erscheint.
Das ist nicht Theorie, sondern eine ständige Erfahrung und, wenn sie eintritt, sogar eine sehr greifbare Erfahrung, dass sich über uns, über dem Bewusstsein im physischen Körper, gleichsam eine große, stützende Weite von Frieden, Licht, Macht und Freude befindet; wir können sie wahrnehmen und in das physische Bewusstsein herabbringen, sie kann bestehen bleiben – anfangs für eine gewisse Zeit, später häufiger und für längere Zeit und zuletzt für immer – und die gesamte Grundlage unseres täglichen Bewusstseins verändern. Noch bevor wir sie über uns wahrnehmen, können wir plötzlich fühlen, wie sie herabkommt und in uns eindringt. Erforderlich ist das sehnsuchtsvolle Streben nach einem ruhigen Mental, so dass das Sich-Öffnen möglich wird.