Kapitel 5

Heilung von Krankheiten durch innere Mittel

Heilung durch Gebrauch des Willens

Ja sicher, man kann von innen auf eine Krankheit einwirken und sie heilen. Es ist nur nicht immer einfach, weil in der Materie viel Widerstand vorhanden ist, ein Widerstand der Trägheit. Unermüdliche Beharrlichkeit ist notwendig; anfangs kann es durchaus misslingen; oder die Symptome [der Krankheit] können sogar zunehmen, langsam aber wächst die Fähigkeit, den Körper oder eine bestimmte Krankheit zu kontrollieren. Ich wiederhole: die Heilung eines gelegentlichen Anfalls von Krankheit durch innere Mittel ist verhältnismäßig einfach, aber den Körper für die Zukunft dagegen zu immunisieren ist schwieriger. Eine chronische Krankheit zu behandeln ist schwerer, und sie verschwindet zögernder als eine gelegentliche Störung des Körper-Systems. Solange die Kontrolle über den Körper noch nicht vollkommen ist, gibt es all diese und andere Mängel und Schwierigkeiten im Gebrauch der inneren Kraft.

Wenn du durch das innere Wirken eine Verschlimmerung verhindern kannst, bedeutet das allein schon etwas; dann musst du mit Hilfe von abhyasa die [Yoga-] Macht stärken, bis sie zu heilen vermag. Denke daran, dass eine Unterstützung durch physische Mittel nicht völlig zurückzuweisen ist, solange du noch nicht ganz über die [Yoga-] Macht verfügst.

Wie sollte sich der Sadhak in Bezug auf körperliche Krankheiten verhalten?

Vor allen Dingen muss er im vitalen Wesen und im Mental vollkommen unberührt bleiben. Die Krankheit ist die Auswirkung der Kräfte der Natur. Er muss seinen Willen einsetzen, um die Krankheit zurückzuweisen, und sein Wille muss als Vertreter des Göttlichen Willens benutzt werden. Wenn der Göttliche Wille in den Adhara [Gefäß] hinabsteigt, dann arbeitet er nicht mehr indirekt durch den Willen des Sadhaks, sondern direkt, und entfernt die Krankheit.

Mit dem Willen [die Krankheit loszuwerden] meinte ich, dass es etwas im Körper gibt, das die Krankheit akzeptiert und bestimmte Reaktionen hat, die diese Akzeptanz wirksam machen – es muss also immer einen entgegengesetzten Willen in den bewussten Teilen des Wesens geben, um diese höchst physische Akzeptanz loszuwerden.

Der Wille ist keine mentale Bemühung, es ist nicht der vitale Schub, von dem die Menschen im Allgemeinen Gebrauch machen, um ihre Wünsche zu befriedigen. Es ist auch kein starkes Wünschen; der Wille ist keine kämpferische, strebende und unruhige Angelegenheit. Er ist ruhig. Wenn er ruhig ist, ist es tatsächlich ein Ruf an die Höhere Kraft, herabzukommen und zu agieren. Es existiert ein gewisser Wille, der sich in einem Beherrschen der Natur auswirkt. Eine andere Art Wille übt keine Herrschaft aus, sondern sehnt sich in einer andächtigen Haltung nach der Herabkunft der Höheren Kraft. Der höchste Wille ist der Göttliche Wille. Eben dieser Wille ist unerlässlich für jeglichen Erfolg, er wirkt automatisch.

Heilung durch bewusste Suggestionen und Glaube

Suggestionen, die eine Krankheit oder ungesunde Verfassung des physischen Wesens hervorrufen, treten im Allgemeinen über das Unterbewusste auf – denn ein großer Teil des physischen Wesens, der stofflichste Teil, ist unterbewusst; das heißt, er hat ein eigenes, dunkles Bewusstsein, und zwar so dunkel und in sich selbst eingeschlossen, dass das Mental von seinen Bewegungen oder dem, was dort vorgeht, nichts weiß. Immerhin ist es ein Bewusstsein und kann Suggestionen von äußeren Kräften empfangen, genauso wie das Mental und Vital. Wäre das nicht der Fall, könnte es für die Kraft weder geöffnet noch durch diese Kraft geheilt werden, und ohne dieses Bewusstsein wäre es [das physische Wesen] nicht fähig zu reagieren. In Europa und Amerika wird diese Tatsache jetzt von vielen Menschen erkannt, die ihre Krankheit in der Weise behandeln, dass sie auf den Körper durch bewusste mentale Suggestionen einwirken, welche den dunklen, geheimen Suggestionen der Krankheit im Unterbewussten entgegenwirken. Ein berühmter französischer Arzt kurierte Tausende von Menschen, indem er sie veranlasste, auf den Körper ständig solche Gegensuggestionen einwirken zu lassen. Das beweist, dass Krankheit nicht nur rein stoffliche Ursachen hat, sondern durch eine Störung des verborgenen Bewusstseins im Körper ausgelöst wird.

Diese Autosuggestionen – in Wirklichkeit ist es Glaube in einer mentalen Form – wirken sowohl auf das Unterschwellige als auch auf das Unterbewusste ein. Im Unterschwelligen setzen sie die Kräfte des inneren Wesens in Tätigkeit, seine okkulte Fähigkeit, den Gedanken, Willen oder einfach die bewusste Kraft auf den Körper wirken zu lassen – im Unterbewussten bringen sie die Suggestionen von Tod und Krankheit zum Schweigen, welche die Wiederkehr der Gesundheit verhindern. Sie tragen auch dazu bei, die gleichen Dinge (feindliche Suggestionen) im Mental, Vital und Körperbewusstsein zu bekämpfen. Wo all dies vollständig oder mit einiger Vollständigkeit getan wird, können die Auswirkungen [der Autosuggestion] sehr bemerkenswert sein.

…die Heilung in den Zellen mit Hilfe des Glaubens ist eine Tatsache, ein Gesetz der Natur, und wurde häufig durchgeführt, auch außerhalb des Yoga. Der Weg zum Glauben sowie zu allen übrigen Dingen besteht darin, beharrlich auf ihrer Erlangung zu bestehen, sich der Schlaffheit, Verzweiflung oder des Aufgebens zu erwehren, bis man sie schließlich besitzt – es ist der Weg, auf dem bisher alles erreicht wurde, seit diese schwierige Erde begann, denkende und strebende Wesen zu beherbergen. Das bedeutet, sich wieder und wieder dem Licht zu öffnen und von der Finsternis abzuwenden. Es bedeutet, die Stimmen zurückzuweisen, die ständig sagen: „Du kannst nicht, du sollst nicht, du bist unfähig, du bist das Opfer eines Traumes“, denn dies sind feindliche Stimmen, die einen mit ihrem durchdringenden Getöse von dem Erfolg, der sich anbahnen wollte, abschneiden, um dann als Beweis ihrer Behauptung triumphierend auf die Dürftigkeit des Ergebnisses hinzuweisen. Die Schwierigkeit des Unterfangens ist bekannt, doch was schwierig ist, ist nicht unmöglich – es ist jene Schwierigkeit, die immer überwunden wurde, und alles Wertvolle in der Erdgeschichte wurde durch die Überwindung von Schwierigkeiten gewonnen. Auch in spiritueller Hinsicht ist es nicht anders.

Heilung durch Erinnerung des Purusha an seine wahre Natur

Wenn wir auf dem Pfad des Wissens einmal verstandesmäßig klargestellt haben, dass das, was als Wahrheit erscheint, gar nicht die Wahrheit ist, dass das Selbst nicht der Körper, das Leben oder das Mental ist, da diese nur seine Ausdrucksformen sind, muss es unser erster Schritt sein, das Mental in seinem praktischen Verhältnis zu Leben und Körper so zurechtzurücken, dass es in seine rechte Beziehung zum Selbst kommen kann. Das geschieht am leichtesten durch eine Methode, mit der wir schon vertraut sind, da sie bei unserer Betrachtung des Yoga des Wirkens eine wichtige Rolle spielte. Sie besteht darin, dass wir eine Trennung zwischen Prakriti und Purusha herstellen. Der Purusha, der als Seele erkennt und anordnet, hat sich in das Wirken seiner ausführenden bewussten Kraft so verwickeln (involvieren) lassen, dass er von ihrem physischen Wirken, das wir als Körper bezeichnen, irrtümlich annimmt, das sei er selbst. Er vergisst dabei seine Natur als die Seele, die weiß und befiehlt. Er meint, sein Mental und seine Seele seien dem Gesetz und Wirken des Körpers Untertan. Er vergisst, dass er viel mehr und größer ist als die physische Gestalt. Er hat vergessen, dass das Mental weiter reicht als die Materie und sich darum nicht ihren Verdunkelungen, Reaktionen und ihrer Gewöhnung an Trägheit und Untauglichkeit unterwerfen darf. Er hat vergessen, dass er, mehr noch als das Mental, eine Macht ist, die das mentale Wesen über sich hinausheben kann. Er weiß nicht mehr, dass er der Meister und das Transzendente ist und dass es sich nicht ziemt, als Meister an seine eigenen Wirkensweisen versklavt zu sein. Das Transzendente sollte nicht in eine Form eingesperrt werden, die nur als kleiner Teil seines eigenen Seins existiert. Dieses Vergessen des Purusha muss der Erinnerung an seine wahre Natur weichen. Durch Besinnung findet er vor allem jene Wahrheit wieder, dass der Körper nur eine unter vielen Wirkensweisen der Prakriti ist.

Wir sagen also zum Mental: „Das ist ein Wirken der Prakriti. Das bist nicht du, noch bin ich es. Tritt daher hinter den Körper zurück!“ Jetzt werden wir finden, dass das Mental die Kraft hat, sich vom Körper zu lösen und in der Tat, physisch oder vital, hinter ihn zurückzutreten. Die Loslösung des Mentals muss durch eine gewisse gleichgültige Haltung gegenüber dem, was den Körper betrifft, verstärkt werden. Wir sollen uns nicht so, als ob das das Wesentliche sei, um seinen Schlaf oder sein Wachsein, seine Bewegung oder Ruhe, seinen Schmerz oder seine Lust, um seine Gesundheit oder Krankheit, seine Stärke oder Ermüdung, um seine Bequemlichkeit oder Unbequemlichkeit oder darum kümmern, was er isst oder trinkt. Das bedeutet keineswegs, dass wir unseren Körper nicht, soweit wir es vermögen, in der rechten Ordnung halten sollen. Wir dürfen nicht in gewaltsame Askese oder in Missachtung unserer physischen Struktur verfallen. Andererseits sollen wir aber auch in unserem Mental nicht durch Hunger, Durst, Unbequemlichkeit oder Erkrankung beeinträchtigt werden. Wir dürfen den Dingen des Körpers nicht eine solche Bedeutung beimessen, wie das der physische oder vitale Mensch tut. Wir sollen ihnen nur eine untergeordnete, rein instrumentale Bedeutung beilegen, die nicht die Ausmaße einer Notwendigkeit annehmen darf. Wir dürfen uns nicht etwa einbilden, die Reinheit des Mentals hänge von den Dingen ab, die wir essen oder trinken, wenn auch in einer gewissen Entwicklungsstufe Einschränkungen im Essen und Trinken für unseren Fortschritt nützlich sein mögen. Auch sollen wir stets daran denken, dass die Abhängigkeit des Mentals, ja des Lebens von Speise und Trank nichts ist als eine Gewohnheit, eine gewohnheitsmäßige Beziehung, die die Natur zwischen diesen Prinzipien eingerichtet hat. Tatsächlich kann die Nahrung, die wir einnehmen, durch eine entgegengesetzte Gewohnheit herabgesetzt, ein neues Verhältnis kann durch ein Minimum an Nahrung hergestellt werden, ohne dass die mentale und vitale Kraft dadurch vermindert würden. Im Gegenteil können diese in einer wohl überlegten Entwicklung dadurch zu höherer Kraftentfaltung und Stärke gebracht werden, dass sie lernen, sich auf die geheimen Quellen der mentalen und vitalen Energie, mit der sie verbunden sind, mehr zu verlassen als auf die untergeordnete Hilfe der physischen Nahrungsmittel. Dieser Aspekt der Selbst-Disziplin ist jedoch im Yoga der Selbst-Vervollkommnung wichtiger als hier. Für unsere gegenwärtige Absicht ist es wichtig, dass das Mental alle Bindung an den Körper aufgibt und aller Abhängigkeit entsagt.

Es hängt ganz davon ab, wo das Bewusstsein sich festigt und konzentriert. Konzentriert oder festigt sich das Bewusstsein im Ego, dann ist es mit dem Ego identifiziert; konzentriert es sich im Mental, dann ist es mit dem Mental und seinen Tätigkeiten identifiziert und so weiter. Richtet das Bewusstsein sich nach außen, dann sagt man, es lebt im äußeren Wesen, es vergisst sein inneres Mental, sein inneres Vital und seine innerste Seele; wendet es sich nach innen und verlagert dorthin sein zentrales Gewicht, dann erkennt es sich als das innere Wesen oder noch tiefer als das seelische Wesen; erhebt es sich aus dem Körper zu jenen Ebenen, auf denen das Selbst sich in natürlicher Weise seiner Weite und Freiheit bewusst ist, dann erkennt es sich als das Selbst und nicht als Mental, Leben oder Körper. Dieses Ausgerichtetsein des Bewusstseins ist es, das den ganzen Unterschied ausmacht. Daher muss man das Bewusstsein im Herzen oder im Mental sammeln, um sich nach innen oder oben wenden zu können. Das Ausgerichtetsein des Bewusstseins entscheidet alles und macht den Menschen überwiegend mental, vital, körperlich oder seelisch, gebunden oder frei, losgelöst im Purusha oder verstrickt in die Prakriti.

Wenn wir lernen, in unserem Innern zu leben, erwachen wir unfehlbar zur Erkenntnis dieser Gegenwart in uns, die unser wirklicheres Selbst ist: eine tiefe, stille, frohe und machtvolle Gegenwart, deren Meister nicht die Welt ist, eine Gegenwart, die, wenn sie nicht der Herr Selbst, dann doch die Strahlung des Herrn in unserem Innern ist. Wir werden ihrer inne, da sie unser äußerlich erscheinendes und vordergründiges Selbst fördert und ihm hilft, seiner Lust und seinen Schmerzen zulächelt, als sei es der Irrtum und die Leidenschaft eines kleinen Kindes. Und wenn wir zurücktreten können in uns selbst und uns identifizieren, nicht mit unserer oberflächlichen Erfahrung, sondern mit dem strahlenden Lichtkreis des Göttlichen, vermögen wir den Kontakten der Welt gegenüber in dieser Haltung zu leben. Indem wir in unserem ganzen Bewusstsein hinter den Erfahrungen von Lust und Schmerz des Körpers, des vitalen Wesens und des Mentals zurückstehen können, besitzen wir sie zwar als Erfahrungen, ihre Natur kann aber, oberflächlich wie sie ist, unseren Kern und wahres Wesen nicht berühren oder beeindrucken. Nach den höchst ausdrucksvollen Begriffen des Sanskrit gibt es ein anandamaya hinter dem manomaya, ein unermessliches Seligkeits-Selbst hinter dem begrenzten mentalen Selbst. Letzteres ist nur ein Schattenbild und ein entstellter Reflex des ersteren. Die Wahrheit unserer selbst liegt in unserem Inneren und nicht an der Oberfläche.

Der Friede und das spontane Wissen sind im seelischen Wesen und von dort breiten sie sich zum Mental, Vital und Physischen aus. Im äußeren physischen Bewusstsein versucht die Schwierigkeit noch anzudauern und überträgt die Ruhelosigkeit manchmal auf das physische Mental, manchmal auf die Nerven und manchmal in Form von physischer Störung auf den Körper. All diese Dinge aber können und müssen gehen. Selbst die Krankheit kann gänzlich mit dem Wachsen des Friedens und der Kraft in den Nerven und physischen Zellen aufhören – Magenschmerzen, Augenschwäche und alles Übrige.

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