Kapitel 3
Auch der Körper soll sich an Gott erinnern
…es gibt auch ein dunkles Mental des Körpers, selbst der Zellen, Moleküle und Korpuskeln. Haeckel, der deutsche Materialist, spricht irgendwo vom Willen im Atom; die Wissenschaft, welche in letzter Zeit die unberechenbare, individuell verschiedene Wirkungsweise der Elektronen erforscht, erkennt dunkel, dass dies keine Einbildung ist, sondern der Schatten einer geheimen Wirklichkeit. Dieses Körper-Mental ist eine sehr spürbare Wahrheit; infolge seiner Dunkelheit, seines mechanischen Anklammerns an vergangene Regungen, seiner schnellen Vergesslichkeit, seiner Zurückweisung des Neuen sehen wir in ihm eines der Haupthindernisse für die Durchdringung der supramentalen Kraft und für die Umwandlung der Körperfunktionen. Andererseits, wenn es einmal wirksam umgewandelt ist, wird es eines der kostbarsten Instrumente für die Stabilisierung des supramentalen Lichtes und der supramentalen Kraft in der stofflichen Natur sein.
Jede Ebene unseres Wesens, die mentale, vitale und physische, hat ihr eigenes Bewusstsein, das für sich besteht und dennoch mit den anderen verbunden ist und auf diese einwirkt. Doch in unserem äußeren Mental und Gefühl, in unserer Wacherfahrung, geraten sie alle durcheinander. Der Körper zum Beispiel hat sein eigenes Bewusstsein, das ihn handeln lässt, selbst ohne unseren mentalen Willen oder sogar gegen ihn. Unser Oberflächenmental weiß sehr wenig über dieses Körperbewusstsein, es fühlt es in nur unvollständiger Weise, sieht lediglich seine Ergebnisse und hat die größten Schwierigkeiten, ihre Ursachen herauszufinden. Es gehört zu unserem Yoga, dieses für sich bestehende Körperbewusstsein wahrzunehmen, seine Regungen und die Kräfte, die von innen und außen darauf einwirken, zu erkennen und zu fühlen und weiterhin zu lernen, wie es zu überwachen und zu lenken ist, selbst in seinen verborgensten und unbewusstesten Vorgängen. Doch das Körperbewusstsein als solches ist nur ein Teil des individualisierten physischen Bewusstseins in uns, das wir aus den verborgen bewussten Kräften der universalen physischen Natur sammeln und aufbauen.
Ich lege Wert auf den Körper, zunächst als Instrument, dharmasadhana, oder, genauer gesagt, als Zentrum der manifestierten Persönlichkeit in Aktion, als Grundlage des spirituellen Lebens und der spirituellen Tätigkeit wie allen Lebens und aller Tätigkeit auf der Erde, aber auch, weil für mich der Körper ebenso wie das Mental und das Leben ein Teil des göttlichen Ganzen ist, eine Form des Geistes, und daher nicht als etwas unverbesserlich Grobes und Unfähiges zur spirituellen Verwirklichung oder zum spirituellen Gebrauch missachtet oder verachtet werden darf. Die Materie selbst ist insgeheim eine Form des Geistes und muss sich als diesen enttarnen; sie kann dazu gebracht werden, bewusst zu werden und sich zu entwickeln und den Geist, das Göttliche in ihr zu realisieren. Meiner Ansicht nach müssen sowohl der Körper als auch das Mental und das Leben spiritualisiert oder, man könnte sagen, vergöttlicht werden, um ein geeignetes Instrument und Gefäß für die Verwirklichung und Manifestation des Göttlichen zu sein.
Der Weg des Yoga, dem man hier folgt, unterscheidet sich von anderen Yogawegen in seinen Zielen; sein Ziel ist nicht, sich aus dem gewöhnlichen unwissenden Weltbewusstsein in das göttliche Bewusstsein zu erheben, sondern die supramentale Macht jenes göttlichen Bewusstseins in die Unwissenheit von Mental, Leben und Körper herabzubringen, sie umzuwandeln, das Göttliche hier zu manifestieren und ein göttliches Leben in der Materie zu schaffen.
Das sind einige der Auswirkungen der Herabkunft des höheren in das ganz physische Bewusstsein. Es bringt Licht, Bewusstsein, Kraft, Ananda in die Zellen und in alle physischen Regungen. Der Körper wird bewusst und wachsam und führt die richtigen Bewegungen aus, er gehorcht dem höheren Willen oder aber tut es automatisch durch die Kraft des Bewusstseins, das in ihn eingetreten ist. Es wird dann leichter möglich, die Funktionen des Körpers zu kontrollieren und etwas Falsches richtigzustellen, sich mit Krankheit und Schmerz usw. auseinanderzusetzen. Die Tätigkeiten des Körpers und selbst die Geschehnisse, die von außerhalb auf ihn zukommen, werden besser beherrscht, zum Beispiel verringern sich Unfälle und kleine Missgeschicke. Der Körper wird ein wirksameres Instrument für die Arbeit. Es wird möglich, Müdigkeit auf ein Minimum zu reduzieren. Friede, Glück, Stärke und Leichtheit erfüllen das ganze physische System. Dies sind die sichtbaren und normalen Ergebnisse, die in dem Maß zunehmen, wie das Bewusstsein wächst; aber noch viele andere sind möglich, auch die Einung mit dem Erdbewusstsein, die immerwährende Empfindung des Göttlichen im Physischen usw..
Natürlich ist es nicht leicht, das Physische auf diese Weise bewusst zu machen, denn es ist der Bereich des Unbewussten, der Finsternis und Trägheit – doch kann durch eine teilweise und hinlänglich wirksame Einführung des höheren Bewusstseins eine Grundlage geschaffen und das übrige Gelände in dem Maß erobert werden, wie die Auswirkung seiner Kraft [der Kraft des Bewusstseins] auf den Körper zunimmt.
Physische Sadhana bedeutet, das höhere Licht, die Macht, den Frieden und das Ananda in das Körperbewusstsein herabzubringen, sich von der Trägheit des Physischen zu befreien, von den Zweifeln, Begrenzungen, von dem äußeren Hang des physischen Mentals, den unvollkommenen Energien des vitalen Physischen (den Nerven) und sie durch das wahre Bewusstsein zu ersetzen, so dass das Physische ein vollendetes Instrument für den Göttlichen Willen werde.
Und schließlich gehorcht zwar der Körper dem Mental automatisch in jenen Dingen, in denen zu gehorchen er geformt oder erzogen wurde, doch ist die Beziehung des Körpers zum Mental nicht immer die eines automatischen und vollkommenen Instrumentes. Der Körper hat ebenfalls ein eigenes Bewusstsein, und obwohl dies ein untermentales Instrument oder ein „dienendes“ Bewusstsein ist, kann es ungehorsam sein oder in seinem Gehorsam versagen. In vielen Dingen, in Fragen der Gesundheit und Krankheit zum Beispiel, in allen automatischen Funktionen handelt der Körper selbständig und ist kein Diener des Mentals. Sobald er ermüdet, vermag er dem Willen des Mentals einen passiven Widerstand entgegenzusetzen. Er kann ihn mit tamas umwölken, mit Trägheit, Dumpfheit, mit den Schwaden des Unterbewussten, so dass das Mental nicht zu handeln vermag. Wenn du der Hand befiehlst, eine gerade Linie zu ziehen oder Musik zu spielen, kann und wird sie es anfangs nicht tun. Sie muss geschult, geübt, belehrt werden, und dann tut sie automatisch, was man von ihr erwartet. All dies beweist, dass es ein Körper-Bewusstsein gibt, welches die Dinge auf Befehl des Mentals tun kann, jedoch zuerst geweckt und geschult und zu einem guten und bewussten Instrument gemacht werden muss. Es kann so sehr geschult werden, dass ein mentaler Wille oder eine Suggestion eine Krankheit des Körpers heilen kann.
Ein großer Teil des Körper-Bewusstseins ist unterbewusst, Und das Körper-Bewusstsein und das Unterbewusste sind eng miteinander verbunden. Der Körper und das Physische entsprechen einander nicht genau – das Körper-Bewusstsein ist nur ein Teil des gesamten physischen Bewusstseins.