Kapitel 3
Das Nach-Innen-Gehen
Worte Sri Aurobindos
Das Durchdringen des Schleiers zwischen dem äußeren Bewusstsein und dem inneren Wesen ist eine der entscheidenden Bewegungen im Yoga. Denn Yoga bedeutet Einung mit dem Göttlichen, er bedeutet aber auch, dass du dir als erstes deines inneren Selbstes und dann deines höheren Selbstes bewusst wirst: eine nach innen gewandte und eine nach oben gewandte Bewegung. Tatsächlich kannst du nur durch das Erwachen und Hervortreten des inneren Wesens zur Einung mit dem Göttlichen gelangen. Der äußere, physische Mensch ist lediglich eine als Instrument dienende Persönlichkeit, und aus eigener Kraft vermag er diese Einung nicht zu erreichen – er kann nur gelegentliche Kontakte, religiöse Gefühle und unvollständige Andeutungen empfangen. Und selbst diese stammen nicht vom äußeren Bewusstsein, sondern von dem, was in uns ist.
Es gibt zwei sich gegenseitig ergänzende Bewegungen. Bei der einen tritt das innere Wesen hervor und prägt die ihm eigenen normalen Bewegungen dem äußeren Bewusstsein, für das sie unüblich und anormal sind, auf. Die andere besteht darin, sich vom äußeren Bewusstsein zurückzuziehen, sich nach innen, den inneren Ebenen zuzuwenden, in die Welt deines inneren Selbstes einzutreten und in den verborgenen Teilen deines Wesens zu erwachen. Hat dieses Eintauchen einmal stattgefunden, bist du für das yogische, das spirituelle Leben ausersehen, und nichts vermag das Siegel, mit dem du geprägt bist, zu tilgen.
Diese nach innen gerichtete Bewegung findet auf vielerlei Weise statt, und manchmal ist es eine komplexe Erfahrung, die alle Merkmale des vollständigen Eintauchens in sich vereinigt. Es besteht das Gefühl, sich nach innen oder tief nach unten zu wenden, die Empfindung einer Bewegung hin zu den inneren Tiefen. Häufig stellt sich eine Stille, eine angenehme Benommenheit, eine Starre der Glieder ein. Das ist das Zeichen, dass sich das Bewusstsein unter dem Druck einer Kraft von oben vom Körper nach innen zurückzieht – ein Druck, der den Körper zu einer regungslosen Stütze des inneren Lebens macht, einer Art kraftvoller und doch spontaner Asana. Es entsteht ein Gefühl von Wellen, die emporbranden und zum Kopf aufsteigen, womit eine äußere Unbewusstheit und ein inneres Erwachen verbunden ist. Es ist das Aufsteigen des niederen Bewusstseins im adhara, damit es dem größeren Bewusstsein über uns begegne…
Zuletzt kommt das Überschreiten der Grenze. Es ist kein In-den-Schlaf-Fallen oder Verlust des Bewusstseins, denn das Bewusstsein ist die ganze Zeit über vorhanden. Es verlagert sich lediglich vom äußeren und physischen Bewusstsein, es verschließt sich gegenüber äußeren Dingen und zieht sich in den inneren seelischen und vitalen Teil des Wesens zurück. Dort durchläuft es viele Erfahrungen, und einige von ihnen können und sollten auch im Wachzustand gefühlt werden, denn beide Bewegungen sind notwendig, sowohl das Hervortreten des inneren Wesens in den Vordergrund als auch die Nach-innen-Wende des Bewusstseins, um das innere Selbst und die innere Natur wahrzunehmen. Für viele Zwecke ist die nach innen gerichtete Bewegung sogar unerlässlich. Ihre Auswirkung besteht darin, die Schranke zu brechen oder mindestens zu öffnen und zu durchschreiten, die zwischen diesem äußeren als Instrument dienenden Bewusstsein und jenem inneren Wesen liegt, welchem das erstere sehr begrenzt versucht, Ausdruck zu verleihen. Ihre Auswirkung besteht auch darin, die Voraussetzung einer künftigen bewussten Wahrnehmung zu schaffen von all den endlosen Reichtümern von Möglichkeiten, Erfahrungen, von neuem Sein und neuem Leben, die ungenutzt hinter dem Schleier dieser kleinen, sehr blinden und begrenzten stofflichen Persönlichkeit liegen, die die Menschen irrtümlicherweise für ihr ganzes Selbst halten. Der Beginn und das fortwährende Erweitern dieser tieferen, volleren und reicheren Wahrnehmung vollzieht sich zwischen dem Eintauchen nach innen und der Rückkehr von dieser inneren Welt in den Wachzustand.
Worte Sri Aurobindos
Der Zustand, in dem alle Bewegungen oberflächlich und leer werden, ohne eine Verbindung mit der Seele zu haben, ist ein Zustand des Sich-Zurückziehens vom Oberflächen-Bewusstsein in das innere Bewusstsein. Wenn man sich in das innere Bewusstsein wendet, wird es als eine Stille empfunden, als reines Dasein ohne jede Bewegung, doch ewig ruhig und unbewegt und von der äußeren Natur getrennt. Dieses Ergebnis stellt sich ein, wenn man sich von den Bewegungen ablöst und sich von ihnen distanziert – es ist ein sehr wichtiger Vorgang in der Sadhana. Die erste Auswirkung ist völlige Ruhe, später aber beginnt diese Ruhe (ohne dass sie aufhört), sich mit seelischen und anderen inneren Bewegungen zu füllen, wodurch ein wahres inneres und spirituelles Leben hinter dem äußeren Leben und der äußeren Natur geschaffen wird. Es ist dann leichter, letztere zu lenken und zu verändern.
Worte Sri Aurobindos
Es gibt zwei aufeinanderfolgende, zwar schwierige, aber durchaus im Bereich unserer Fähigkeit liegende Bewegungen des Bewusstseins, durch die wir Zugang zu den höheren Stufen unseres bewussten Daseins finden können. Da ist zuerst eine Bewegung nach innen, durch die wir, statt in unserem vordergründigen Mental zu leben, die Wand zwischen unserem äußeren Ego und unserem jetzt noch subliminalen Selbst durchbrechen. Wir können das durch stufenweises Bemühen zustande bringen, durch eine Disziplin oder einen heftigen Übergang, manchmal durch einen kraftvollen unwillkürlichen Durchbruch – Letzteres ist für das begrenzte menschliche Mental, das gewohnt ist, sich nur innerhalb seiner normalen Grenzen sicher zu fühlen, keineswegs ungefährlich –, es kann aber, ob sicher oder gefährlich, getan werden. Innerhalb dieses verborgenen Teils unseres Selbsts entdecken wir ein inneres Wesen, eine Seele, ein inneres Mental, ein inneres Leben, eine innere, subtil-physische Wesenheit, die in ihren Wirkensmöglichkeiten viel umfassender, formbarer, machtvoller und begabter zu vielfältiger Erkenntnis und Kraftentfaltung ist als Mental, Leben und Körper unserer vordergründigen Person. Dieses innere Wesen ist besonders fähig zu direkter Kommunikation mit den universalen Kräften, Bewegungen und Objekten des Kosmos, sie unmittelbar zu fühlen und für sie offen zu sein, unmittelbar auf sie einzuwirken und sich selbst über die Grenzen des personalen Mentals, Lebens und Körpers hinaus auszuweiten. Dadurch fühlen wir uns immer mehr als ein universales Wesen, das nicht mehr durch die vorhandenen Trennungswände unseres allzu engen mentalen, vitalen und physischen Daseins eingeengt ist. Wir können uns dabei so sehr ausweiten, dass wir völlig in das Bewusstsein des kosmischen Mentals eintreten und uns mit dem universalen Leben einen, gar eins werden mit der universalen Materie. Das ist dennoch eine Identifikation entweder mit einer herabgeminderten kosmischen Wahrheit oder mit der kosmischen Unwissenheit.
Sobald dieses Eingehen in das innere Wesen vollendet ist, finden wir, dass sich das innere Selbst öffnen und zu Dingen emporsteigen kann, die jenseits unseres gegenwärtigen mentalen Niveaus liegen. Das ist die zweite spirituelle Möglichkeit in uns.