Kapitel 4
Die Geburt
Worte der Mutter
Letzte Woche habe ich von der Geburt gesprochen: wie die Seele in den Körper kommt, und ich habe dir gesagt, dass dieser Körper fast für alle auf eine sehr unbefriedigende Weise gebildet wird – die Ausnahmen sind so selten, dass sie kaum der Rede wert sind.
Ich habe dir gesagt, dass man durch diese obskure Geburt mit einem enormen physischen Gepäck von Dingen ankommt, die man meistens loswerden muss, wenn man wirklich vorankommen will, und nun ist mir mein eigener Satz zitiert worden, der folgendermaßen lautet:
„Man lässt einen mit Gewalt kommen, man zwingt einem mit Gewalt die Umwelt und mit Gewalt die Gesetze des Atavismus auf.“
Und dann fragte mich der Betreffende, der mir geschrieben hat, wer dieses „man“ nun sei?
Selbstverständlich hätte ich ausführlicher sein können, aber ich glaubte, mich klar genug ausgedrückt zu haben.
Der Körper wird von einem Mann und einer Frau gebildet, die Vater und Mutter werden, und sie haben nicht einmal die Möglichkeit, das Geschöpf, das sie auf die Erde kommen lassen, zu fragen, ob es ihm genehm ist zu kommen oder ob das seiner Bestimmung entspricht. Und diesem von ihnen gebildeten Körper zwingen sie mit Gewalt, der Gewalt der Notwendigkeit, einen Atavismus, eine Umwelt, später eine Erziehung auf, die für das künftige Wachstum fast immer Hindernisse sind.
Daher habe ich hier gesagt, und ich sage es noch einmal (ich glaubte, mich klar ausgedrückt zu haben), es handelt sich um leibliche Eltern und um den leiblichen Körper, um nichts anderes. Und die Seele, die Geburt annimmt, sei sie nun in der Entwicklung oder voll entwickelt, muss mit den Umständen kämpfen, die ihr durch die tierhafte Geburt aufgezwungen wurden, sie muss kämpfen, um den richtigen Weg zu finden und sich selbst in ihrer Fülle wiederzufinden…
Liebe Mutter, ist es der Mutter und dem Vater möglich, die Seele, die sie sich wünschen, geboren werden zu lassen, sie zu verlangen?
Zu verlangen? Dazu ist eine okkulte Kenntnis nötig, die sie im Allgemeinen nicht besitzen. Möglich ist aber auf jeden Fall, dass sie die Dinge – statt wie ein von einem Instinkt oder einer Begierde getriebenes Tier und ohne es meistens gar zu wollen – aus freiem Willen tun, mit einer Aspiration, sich selbst in einen Zustand sehnsuchtsvollen Strebens versetzen, der dem Beten nahekommt, damit das Wesen, das sie bilden wollen, eine geeignete Form sei, um eine Seele zu verkörpern, die sie in dieser Form zur Inkarnation rufen können. Ich habe Menschen gekannt (sie waren nicht zahlreich, das kommt nicht oft vor, aber ich habe doch welche gekannt), die besondere Umstände auswählten, sich durch besondere Konzentration, Meditation und Aspiration vorbereiteten und sich bemühten, in den Körper, den sie so bildeten, ein außerordentliches Lebewesen kommen zu lassen.
In den Ländern der alten Zeit, und auch jetzt noch in bestimmten Ländern, wurde eine Frau, die ein Kind bekommen sollte, in eine besonders schöne, harmonische und friedvolle Lage versetzt, wo sie sich in einem völlig harmonischen körperlichen Zustand wohlfühlen konnte, damit das Kind unter den bestmöglichen Bedingungen gebildet würde. Das sollte man selbstverständlich tun, weil es im Rahmen der menschlichen Möglichkeiten liegt. Die Menschen sind entwickelt genug, dass dies nicht etwas ganz Außergewöhnliches sein sollte. Und doch ist es etwas ganz Außergewöhnliches, denn sehr wenige denken daran. Dagegen gibt es unzählbar viele Menschen, die Kinder zeugen, ohne es überhaupt zu wollen.
Das wollte ich sagen.
Es ist möglich, eine Seele zu rufen, aber man muss mindestens selbst ein wenig Bewusstsein haben und dann das, was man tut, unter den besten Bedingungen tun wollen.
Mutter, wenn ein Körper gebildet wird, ist dann die Seele, die sich in ihm inkarniert, gezwungen, in diesem Körper zu inkarnieren?
Ich verstehe deine Frage nicht ganz.
Die Bildung des Körpers hängt lediglich von einem Mann und einer Frau ab. Aber ist die Seele, die sich in dem Kind, in dem sich bildenden Körper zeigt, gezwungen, sich in diesem Körper zum Ausdruck zu bringen?
Du meinst, ob sie zwischen verschiedenen Körpern wählen kann?
Ja.
Nicht wahr, es ist trotz allem ganz außergewöhnlich in der ungeheuren Menge der Menschen, dass da eine bewusste Seele ist, die sich aus freiem Willen inkarniert. Das ist ein sehr seltener Fall. Ich habe dir schon gesagt, wenn eine Seele bewusst ist, voll ausgebildet, und sie sich, ganz allgemein, von ihrem seelischen Bereich aus inkarnieren will, versucht sie, nach einem entsprechenden seelischen Licht an einem bestimmten Ort auf der Erde zu sehen. Daher wählt die Seele während ihrer vorhergehenden Inkarnation, vor dem Weggehen, bevor sie die irdische Atmosphäre verlässt, meistens als Ergebnis der Erfahrung, die sie in dem zu Ende gehenden Leben hatte, mehr oder weniger (nicht in allen Einzelheiten, sondern in allgemeiner Form) die Bedingungen ihres zukünftigen Lebens aus. Aber das sind Ausnahmefälle. Wohl ist es möglich, dass wir unter uns darüber sprechen können, aber bei der Mehrheit, der großen Mehrheit der Menschen, sogar bei den Gebildeten, ist keine Rede davon. Und da kommt ein sich bildendes seelisches Wesen, mehr oder weniger ausgebildet, und es durchläuft alle Bildungsstufen, von dem Funken, der ein kleines Licht wird, bis zum vollentwickelten Wesen. Das erstreckt sich über Tausende von Jahren. Dieser Aufstieg der Seele, um ein bewusstes Wesen zu werden, das seinen eigenen Willen hat und über die Wahl seines Lebens entscheiden kann, dauert Jahrtausende.
Du willst nun von einer Seele sprechen, die sagen würde: „Nein, ich lehne diesen Körper ab, ich werde einen anderen suchen“? … Ich sage nicht, das sei unmöglich – alles ist möglich. Es kommt wirklich vor, dass es totgeborene Kinder gibt, was bedeutet, dass keine Seele da war, um sich in ihnen zu inkarnieren. Es kann aber auch aus anderen Gründen sein, es kann auch aus Gründen einer Missbildung sein. Man kann es nicht genau sagen. Ich sage nicht, es sei unmöglich, aber im Allgemeinen, wenn eine bewusste und freie Seele sich entscheidet, wieder einen Körper auf der Erde anzunehmen, arbeitet sie sogar schon vor der Geburt an dem Körper. So hat sie überhaupt keinen Grund, nicht auch die Nachteile hinzunehmen, die aus der Unkenntnis der Eltern entspringen können. Denn sie hat den Ort aus einem Grund gewählt, der nicht in der Unwissenheit lag: Sie hat da ein Licht gesehen – das konnte einfach das Licht einer Möglichkeit sein, aber da war ein Licht, und deshalb ist sie dorthin gekommen. So kann sie sehr wohl sagen: „Ach nein, das gefällt mir nicht“, aber wo sollte sie einen anderen aussuchen, der ihr gefällt? … Das kann geschehen, ich sage nicht, dass es unmöglich ist, aber es ereignet sich sicher nicht sehr oft. Denn wenn die Seele aus dem seelischen Bereich auf die Erde schaut und den Ort ihrer Geburt wählt, sucht sie ihn mit hinreichender Überlegung aus, um sich nicht schwer zu täuschen.
Es ist auch vorgekommen, dass sich Seelen inkarnierten und dann wieder weggegangen sind. Es gibt viele Gründe, um wegzugehen. Wenn Kinder sehr jung sterben, nach einigen Tagen oder einigen Wochen, kann das aus einem solchen Grund sein. Meistens sagt man, es sei deshalb, weil die Seele gerade noch eine kleine Erfahrung gebraucht habe, um ihre Ausbildung zu beenden, und dass sie sie während dieser paar Wochen gehabt und sich dann entfernt habe. Alles ist möglich. Und man müsste, um die Geschichte der Seele zu erzählen, genauso viele Geschichten erzählen, wie für die Geschichte des Menschen nötig sind. Das heißt, es sind unzählige, und die Fälle sind so verschieden wie möglich voneinander.
So ist es eine Kinderei, willkürlich zu entscheiden: „Das ist so und jenes ist nicht so, dies kommt vor und jenes kommt nicht vor.“ Alles kann vorkommen. Es gibt Fälle, die häufiger sind als andere, man kann verallgemeinern. Aber man kann niemals sagen: „Dies ist nicht möglich, und es ist immer so oder immer so.“ So gehen die Dinge nicht vor sich.
Aber in jedem Fall – in jedem –, sogar in den besten Fällen, selbst wenn die Seele bewusst gekommen ist, selbst wenn sie sich bewusst an der Bildung des physischen Körpers beteiligt hat, wird sie doch, solange der Körper auf die übliche tierhafte Art gebildet wird, zu kämpfen haben und all die Dinge, die aus dieser menschlichen Tierhaftigkeit kommen, korrigieren müssen.
Zwangsläufig haben die Eltern eine besondere Entwicklung, sie haben eine besondere gute oder schlechte Gesundheit. Selbst wenn man den besten Fall annimmt, haben sie eine Menge Atavismen, Gewohnheiten, Formationen im Unterbewusstsein und sogar im Unbewussten, die aus ihrer eigenen Herkunft stammen, dem Milieu, in dem sie gelebt haben, dem Leben, das sie führten. Und selbst wenn es hervorragende Menschen sind, haben sie eine Menge Dinge, die dem wahren seelischen Leben völlig entgegengesetzt sind – sogar die besten, sogar die bewusstesten. Und dazu kommt noch alles, was dann so passiert. Selbst wenn man sich viel Mühe mit der Erziehung seiner Kinder gibt, werden sie mit allen möglichen Leuten in Berührung kommen, die einen Einfluss auf sie ausüben, vor allem, wenn sie noch ganz klein sind, und diese Einflüsse treten in das Unbewusste ein, später muss man dagegen ankämpfen. Ich meine: Wegen der Art und Weise, wie der Körper jetzt gebildet wird, hat man selbst in den besten Fällen unzählige Schwierigkeiten zu überwinden, die mehr oder weniger aus dem Unbewussten hervorkommen, die aber an die Oberfläche steigen und gegen die man ankämpfen muss, um ganz frei zu werden und sich normal entwickeln zu können.