Kapitel 4
Das vitale Ego
Bei unserer äußeren Person erkennen wir von unserem Selbst nur so viel, wie dort formuliert ist, und auch nur das teilweise. Denn wir sehen das vollständige Wesen unserer äußeren Person nur in allgemeiner Unbestimmtheit, in der sich verstreute Punkte präziser Art finden oder die zerteilt ist durch deutlichere Figuren. Auch das, was wir durch unsere mentale Innenschau entdecken, ist nur eine Summe von Fragmenten. Die vollständige Form und der Sinn unserer personalen Gestaltung entziehen sich unserer Kenntnisnahme. Doch gibt es auch hier ein deformierendes Wirken, das selbst diese begrenzte Selbst-Erkenntnis verdunkelt und entstellt. Die Betrachtung unseres Selbsts wird fortwährend beeinträchtigt durch die dauernde Einwirkung und das Eindringen des Selbsts unseres äußeren Lebens, durch unser äußeres vitales Wesen, das stets das denkende Mental zu seinem Werkzeug und Diener zu machen versucht. Denn unser vitales Wesen ist noch viel weniger darauf aus, das Selbst zu erkennen, will sich vielmehr selbst behaupten, sein Begehren und sein Ego durchsetzen. Darum wirkt es ständig auf das Mental ein, um für sich das mentale Gebäude eines scheinbaren Selbsts aufzubauen, das diesen Zwecken dienen soll. Unser Mental wird dahin beeinflusst, uns und den anderen Menschen eine teilweise fiktive Gestalt unserer selbst darzustellen, die unsere Selbst-Behauptung unterstützt, unsere Begehren und Handlungen rechtfertigt und unser Ego füttert. Diese vitale Einmischung ist sicher nicht immer auf unsere Selbst-Rechtfertigung und Selbst-Behauptung gerichtet. Manchmal wendet sie sich auch umgekehrt hin zur Selbst-Entwertung und zur krankhaften und übertriebenen Selbst-Kritik: Aber auch das ist eine Konstruktion des Egos, ein umgekehrter oder negativer Egoismus, eine Show oder Pose des vitalen Ego. Denn in diesem vitalen Ego vermischen sich oft der Scharlatan und der Quacksalber mit dem Poseur und Schauspieler. Ständig nimmt es irgendeine Rolle an und spielt sie entweder vor sich selbst oder vor den anderen als seinem Publikum. So wird der organisierten Unwissenheit vom Selbst noch eine organisierte Selbst-Täuschung hinzugefügt. Nur wenn wir in unser Inneres eindringen und diese Dinge an ihrem Ursprung sehen, können wir aus dieser Finsternis und diesem Wirrwarr herauskommen.
Soweit das natürliche vitale Element in uns ungezügelt und ungeübt ist oder seinen primitiven Charakter beibehält, kümmert es sich nicht um Wahrheit, um richtiges Bewusstsein oder um richtiges Handeln. Ihm geht es allein um die Durchsetzung seines Ego, um das Wachsen des Lebens, um Besitz, Befriedigung seiner Impulse, um Erfüllung seiner begehrlichen Wünsche. Dieses Haupt-Bedürfnis und diese Forderung des Lebens-Selbsts scheint ihm über alles wichtig zu sein. Es möchte das ausführen, ohne dabei auf die Wahrheit, das Rechte, das Gute oder eine andere Erwägung Rücksicht zu nehmen. Weil aber das Mental da ist und diese Begriffe besitzt und weil die Seele existiert und diese Seelen-Wahrnehmungen hat, versucht das gesonderte Lebens-Selbst, das Mental zu beherrschen und aus ihm durch Diktat die Zustimmung und Durchführungs-Ordnung für seinen eigenen Willen der Selbst-Behauptung zu erlangen, einen Urteilsspruch über die Wahrheit, das Richtige und Gute zugunsten seiner eigenen vitalen Ansprüche, Impulse und Wünsche. Ihm liegt die Selbst-Rechtfertigung am Herzen, um Raum dafür zu haben, sein Ego voll durchzusetzen. Wenn es die Zustimmung des Mentals erlangen kann, ist es vollauf dazu bereit, alle diese Maßstäbe zu missachten und nur den einzigen Maßstab aufzustellen, die Befriedigung, das Wachsen, die Stärke und Größe des vitalen Ego. Das Lebens-Individuum braucht Platz, Ausdehnung, Besitz der Welt, Herrschaft und Kontrolle über die Dinge und Wesen. Es benötigt Lebensraum, einen Platz an der Sonne, Selbstbehauptung und das Überleben. Es braucht diese Dinge für sich selbst und für die, mit denen es vergesellschaftet ist, für sein eigenes Ego und für das kollektive Ego. Es benötigt sie für seine Ideen, Überzeugungen, Ideale, Interessen und für seine Phantasien. Denn es muss diese Formen von „Ich“ und „Mein“ durchsetzen und seiner Umwelt aufzwingen. Oder es muss, wenn es dazu nicht stark genug ist, sie zumindest gegen andere verteidigen und sie, soweit es in seiner Macht und List steht, aufrechterhalten.