Kapitel 3

Die Funktionen des Egos

Tatsächlich ist aber dieses ständige Erbauen eines äußeren Egos nur ein provisorischer Vorgang, der von der Bewusstseins-Kraft in den Dingen dazu verwendet wird, um damit das verborgene Individuum, den Geist in unserem Inneren, eine repräsentative und instrumentale Gestaltung von sich selbst in der physischen Natur, also eine vorläufige Individualisierung in der Natur der Unwissenheit ausformen zu können. Mehr als das lässt sich vorerst nicht tun in einer Welt, die aus universaler Unbewusstheit hervortritt.

Ich nehme an, dass das Ego hier [auf Erden] erstens als ein Instrument des äußeren Bewusstseins erschien, das sich in dem ständigen Wandel der Natur individualisierte, und zweitens als ein Ansporn für den tamasischen Tier-Menschen, damit er handle und etwas zuwege bringe. Im anderen Fall hätte er sich vermutlich nur mit Essen und Schlafen zufriedengegeben und nichts anderes getan. Mit diesem Ansporn des Egos (Besitzergreifung, Eitelkeit, Ehrgeiz, Machthunger usw. usw.) begann er, alle möglichen Dinge zu tun, die er sonst niemals getan hätte.

Zuerst organisiert sich das Leben um den Ego-Antrieb. Der Trieb nach Ego-Ausdehnung ist das erste Mittel, um den Kontakt von Mensch zu Mensch aufzunehmen. Der Kampf um Besitz war die erste primitive Möglichkeit zu einer Einigung, die aggressive Behauptung des kleineren Selbsts, der erste Schritt zum Hineinwachsen in ein größeres. So war alles im Lebenskampf eine halbgeordnete Verwirrung, durch die Notwendigkeit und den Instinkt des Zusammenschlusses gemildert, ein Kampf von Individuen, von Klans, von Stämmen, Gesellschaften und Nationen, von Ideen, Zivilisationen und Kulturen, von Idealen und Religionen, ein Kampf, in dem jeder sich behauptete, in dem jeder zum Kontakt, zur Beziehung und zum Kampf mit den anderen gezwungen wurde. Während die Natur das Ego als Schleier verwendet, hinter dem sie die individuelle Manifestation des Geistes vorbereiten kann, zwingt sie dieses Ego zugleich zum Wachstum, bis es sich zuletzt in das größere Selbst erweitern oder in ihm aufgehen kann, in dem es sich begegnet und mit sich selbst in Einklang setzt, in dem es sich seiner selbst bewusst und eins wird mit der übrigen Existenz. Um dieses Wachstum zu unterstützen, erweckt die Lebens-Natur in sich selbst ego-erweiternde, ego-überschreitende, ja sogar ego-zerstörende Instinkte und Bewegungen, die mit den kleineren, sich selbst behauptenden Instinkten und Bewegungen kämpfen und sie zu verbessern suchen…

Das Hervortreten des Lebens-Egos ist ein Mechanismus der kosmischen Natur, um das Individuum durchzusetzen, um es herauszulösen aus der unbestimmten Massen-Substanz des Unterbewussten und um ein bewusstes Wesen auf der durch die Unbewusstheit vorbereiteten Grundlage erscheinen zu lassen. Das Prinzip der Lebens-Behauptung durch das Ego ist die notwendige Folge davon. Das individuelle Ego ist eine pragmatische und wirksame Erfindung, eine Übertragung des verborgenen Selbsts in die Begriffe des vordergründigen Bewusstseins oder ein subjektiver Ersatz für das wahre Selbst in unserer äußeren Erfahrung: Es ist durch die Unwissenheit von dem Selbst der anderen und von der inneren Göttlichkeit abgesondert. Dennoch wird es insgeheim zur evolutionären Vereinigung in der Verschiedenheit weitergetrieben. Obwohl es selbst endlich ist, hat es hinter sich den Impuls des Unendlichen. Aber dies überträgt sich in den Begriffen eines unwissenden Bewusstseins in den Willen, sich auszuweiten und grenzenlos endlich zu sein. Es will alles, was es kann, in sich hineinnehmen, in alles eindringen, es besitzen und auch selbst von diesem in Besitz genommen werden, wenn es sich dadurch befriedigt fühlen und in anderen oder durch sie wachsen kann. Oder es kann durch Unterwerfung das Wesen und die Macht anderer in sich hineinnehmen, dadurch eine Hilfe oder einen Impuls für seine Lebens-Behauptung, seine Lebens-Freude und die Bereicherung seines mentalen, vitalen oder physischen Daseins gewinnen.

Weil es aber als ein gesondertes Ego diese Dinge zu seinem eigenen Vorteil tut, und nicht durch bewussten Austausch, Gegenseitigkeit und Einigkeit, entstehen im Leben Zwietracht, Konflikt und Disharmonie. Deren Ergebnisse nennen wir das Unrecht und das Böse. Die Natur akzeptiert sie, weil sie notwendige Begleiterscheinungen der Evolution sind, unentbehrlich für das Wachstum des zerteilten Wesens. Sie sind die Ergebnisse der Unwissenheit, befördert durch ein unwissendes Bewusstsein, das sich auf die Zerteilung gründet, durch einen unwissenden Willen, der durch die Zerteilung wirkt, durch eine unwissende Daseins-Freude, die Lust hat an der Zerteilung. Die evolutionäre Absicht wirkt ebenso durch das Böse wie durch das Gute. Sie muss alles verwenden, weil eine Beschränkung auf ein begrenztes Gutes die beabsichtigte Evolution einsperren und verhindern würde. Sie gebraucht jedes verfügbare Material und tut mit ihm, was sie kann. Aus diesem Grunde sehen wir Böses aus Gutem und Gutes aus dem hervorgehen, was wir Böses nennen. Dass selbst jenes, das man für böse hielt, als gut anerkannt wird, und was man für gut hielt, als böse, kommt daher, dass unsere Maßstäbe für beides evolutionsbedingt, begrenzt und veränderlich sind. Es scheint also zunächst, als bevorzuge die evolutionäre Natur, die irdische kosmische Kraft, keinen dieser Gegensätze. Sie verwendet beide gleichermaßen für ihre Absicht. Und doch hat dieselbe Natur, die gleiche Kraft, den Menschen mit dem Sinn für Gut und Böse belastet und legt Nachdruck auf dessen Bedeutung: Offensichtlich hat also auch dieser Sinn einen Zweck in der Evolution. Auch er muss notwendig sein und dazu dienen, dass der Mensch gewisse Dinge hinter sich lässt und anderen zustrebt, bis er aus dem Guten und Bösen hervortreten kann in ein Gutes, das ewig und unendlich ist.