Kapitel 32
Einheit in der Vielfalt
Ist der Einzelne bloß Instrument, um die universalen Bewegungen zu verzeichnen? Hat er gar keine schöpferische Gewalt?
Es kommt auf die Bewusstseinsebene an, von der aus du die Dinge betrachtest und von der aus du sprichst, oder auf den Teil deines Wesens, aus dem du handelst…
Du kannst natürlich sagen, dass jedes individuelle Bewusstsein zur universalen Bewegung etwas beiträgt, das man von einem gewissen Gesichtspunkt aus seine eigene Entstellung nennen könnte, aus einem anderen Blickwinkel seine eigene Bewegungsweise. Diese persönlichen Eigenschaften haben am Spiel der göttlichen Bewegung teil. Ihren Ursprung haben sie nicht aus sich: Sie sind Spielarten von Dingen, deren Ursprung man in der Gesamtheit der Welt suchen muss.
Überall ist das Gefühl der Getrenntheit verbreitet, doch das ist eine Täuschung, eine dieser falschen Einstellungen des Mentals, die wir berichtigen müssen, wenn wir in das wahre Bewusstsein eintreten wollen. Der Verstand unterteilt die Welt in kleine Stücke und sagt: „Dies ist hier zu Ende, jenes beginnt dort“, und mit dieser Zerstückelung gelingt es ihm, die universale Bewegung zu entstellen. Da ist der große Strom eines allumfassenden, alles enthaltenden Bewusstseins, das sich in einer sich ständig entfaltenden Welt offenbart. Dies ist die Wahrheit hinter allem, aber es gibt auch diese Täuschung, die dir die Wahrheit verhüllt, die Täuschung all dieser Einzelbewegungen, die wähnen, voneinander getrennt zu sein und durch sich, in sich und für sich zu bestehen, als etwas Selbständiges abseits von der übrigen Welt. Sie meinen, ihr Wirken und ihre gegenseitigen Rückwirkungen seien äußerlich, sie selbst verschiedene einander gegenüberstehende Welten ohne Berührungspunkte außer einigen fernen, oberflächlichen Beziehungen. Jedermann hält sich für eine gesonderte Persönlichkeit, die aus eigenem Recht besteht. Dies irrtümliche Gefühl des Getrenntseins ist als Teil des universalen Spiels erlaubt worden, weil es nötig war, dass das „eine Bewusstsein“ sich vergegenständliche und seine Formen festige. Doch daraus, dass es in der Vergangenheit erlaubt worden ist, folgt nicht, dass die Täuschung der Trennung immer weiterbestehen müsse.
Die Meisten sind in diesem universalen Spiel unwissende Instrumente, die wie Marionetten in Bewegung gesetzt werden. Andere sind bewusst und spielen ihre Rolle in dem Wissen, dass es ein Spiel ist. Und einige, die das volle Bewusstsein der universalen Bewegung haben und eins mit ihr und auch mit dem Göttlichen Bewusstsein sind, willigen dennoch zu handeln ein, als wären sie etwas Gesondertes, Bruchstücke vom Ganzen. Es gibt viele Übergangsstufen zwischen dem Unwissen und diesem vollen Bewusstsein, vielerlei Weisen, am Spiel teilzunehmen. Es gibt einen Zustand des Unwissens, in dem du etwas tust im Wahn, du selbst hättest es beschlossen. Es gibt einen Zustand geringeren Unwissens, in dem du etwas in der Erkenntnis tust, dass du dazu gedrängt wurdest, wenn du auch nicht weißt, wie und warum. Und es gibt auch einen Zustand der Bewusstheit, in dem du voll erweckt bist, denn du weißt, was durch dich handelt, du weißt, dass du ein Werkzeug bist, du weißt, warum und wie dein Handeln geschieht, du kennst den Vorgang und den Beweggrund. Der Zustand des Unwissens, in dem du der Urheber deiner Handlung zu sein wähnst, hält so lange an, wie das für deine Entwicklung nötig ist. Bist du aber bereit, in einen höheren Zustand überzugehen, dann beginnst du wahrzunehmen, dass du ein Werkzeug des „einen Bewusstseins“ bist. Dann steigst du eine Sprosse weiter zu einer höheren Bewusstseinsebene hinauf.
Die Schöpfung ist ein ein einziges Ganzes, das in seiner Gesamtheit auf sein einziges Ziel – das Göttliche – zusteuert, und zwar durch eine kollektive Entwicklung, die kontinuierlich und endlos ist.
„Das spirituelle Leben enthüllt in allen das eine Wesen, aber ebenso auch dessen unendliche Vielfalt. Es arbeitet an der Vielfalt in der Einheit und an der Vervollkommnung in dieser Vielfalt.“ (Die Mutter, 4. August 1929)
Das ist der eigentliche Beweggrund der Schöpfung des Universums – alle sind eins, in seinem Ursprung ist alles eins, aber jedem Ding, jedem Element, jedem Wesen ist aufgetragen, diesem Einen einen Teil seiner selbst zu enthüllen. Diese Besonderheit gilt es in jedem Einzelnen auszubilden, während zugleich das Erwachen zur ursprünglichen Einheit gefördert wird. Das heißt „für Einheit in der Vielfalt zu arbeiten“. Und Vervollkommnung in dieser Vielfalt bedeutet, dass jeder vollkommen das wird, was er zu sein hat…
Wie soll man die Besonderheit seines Wesens ausdrücken?
Du musst sie leben, das heißt: Lebe nach dem inneren Gesetz, der Wahrheit deines Wesens leben. Ich habe das ausführlich in „Die Wissenschaft vom Leben“ erklärt; ich habe auch gesagt, dass eben diese Wahrheit des Wesens die Besonderheit eines jeden ist.
Und sie ist also bei jedem anders?
Das Gesetz eines jeden ist anders, wie könnte man sonst unterscheiden? – Alles wäre gleich, von Kopf bis Fuß, Wesensart, Erscheinung, Tun und Lassen, alles. Gäbe es nur ein Gesetz, so würde eben jeder diesem einen Gesetz folgen und das gleiche wiederholen. Bei einem einzigen Gesetz wäre es auch keineswegs nötig, ein Weltall zu offenbaren; denn das Charakteristische am Universum ist gerade eine unendliche Vielfalt von Gesetzen, deren Gesamtheit, alles in allem, das Eine wiedergibt. Und dies ist es, was in der physischen Welt so wunderbar ist (im Menschen und in der physischen Welt, denn es gehört zum Erdenwesen), dass sie sowohl eines der zahllosen Elemente sein kann, deren Gesamtheit das Eine wiedergibt, als auch –gleichzeitig – eine persönliche Beziehung zum Einen pflegen kann. Also in sich das Bewusstsein des Einen und die Beziehung zum Einen halten und zugleich ein Element des Ganzen sein. Wenn aber die Tatsache, dass man des Einen bewusst wird und sich mit ihm identifiziert, die Besonderheit aufgehoben wird, so würde man als Persönlichkeit zu bestehen aufhören. Dies ist genau, wonach die Buddhisten und die Anhänger von Shankara trachten. Sie wollen ihre Persönlichkeit, ihre Individualität völlig auslöschen, die Wahrheit, das besondere Gesetz ihres Wesens tilgen. Das betrachten sie als Verschmelzung mit dem Göttlichen. Es ist aber die Negierung dieser Schöpfung. Und wie gesagt, das Wunder dieser Schöpfung, was die irdische Individualität betrifft, ist, dass man diese Einung, diese völlige Identifizierung mit dem Höchsten, dem Einen, erlangen und zugleich das Bewusstsein seiner Verschiedenartigkeit bewahren kann, das eigene Gesetz, das man auszudrücken hat. Das ist zwar schwieriger, aber unendlich viel vollständiger, und es ist die eigentliche Wahrheit dieses Weltalls. Zu nichts anderem ist dies Weltall geschaffen als dazu, diese beiden Pole, die beiden Extreme des Bewusstseins, zu verbinden. Und wenn man sie verbindet, wird man gewahr, dass diese beiden Extreme ein und dasselbe sind – ein einziges und zugleich unzähliges Ganzes.
Man kommt sich aber doch von den anderen verschieden vor!
Äußerlich schon. Das ist offensichtlich.
Das ist Unwissenheit.
Nein, Unwissenheit ist es, die wesenhafte Identität, den „einen Ursprung“ zu leugnen. Und ich halte es für unwissende Absurdität, die äußeren Unterschiede der Manifestation leugnen zu wollen. Warum gäbe es dann überhaupt eine Manifestation? Wozu sollte das dienen? Es würde bedeuten, dass am Anfang der Schöpfung ein Aberwitz gestanden hätte. Wäre sie unbeabsichtigt, so wären alle Dinge zwecklos, und Gott hätte sich entweder geirrt, oder Er hätte nicht verstanden, was Er wollte! Es wäre Ihm etwas unterlaufen, was Er gar nicht im Sinn hatte! Im Übrigen müsste man sich wirklich sogleich fragen, wozu es denn ein Weltall geben sollte, worin alle Dinge identisch wären. Wenn vor mir alle gleich wären, alle gleich reden, gleich denken, gleich reagieren würden, ich glaube, dann würde ich sogleich das Weite suchen!