Kapitel 3
Was ist Religion?
Religion ist der erste Versuch des Menschen, über sich selbst hinaus und in einen Bereich jenseits der offenbaren und materiellen Fakten seiner Existenz zu gelangen. Ihre erste wesentliche Wirkung ist, ihm sein subjektives Empfinden eines Unendlichen, von dem sein materielles und mentales Wesen abhängt, zu bestätigen, es real zu machen und ihm eine Gewissheit für das Streben seiner Seele zu geben, in die Gegenwart dieses Unendlichen zu gelangen, in enger Gemeinschaft mit ihm zu leben. Ferner ist es ihre Funktion, ihm Sicherheit über jene Möglichkeit zu verschaffen, von der er immer träumte, für die ihm aber sein gewöhnliches Leben keine Gewissheit gibt: dass er es fertigbringen kann, sich selbst zu transzendieren und aus seinem körperlichen Leben und seiner Sterblichkeit hinauszuwachsen in die Freude unsterblichen Lebens und spirituellen Seins. Religion bestätigt ihm auch das Empfinden, dass es Welten oder Seinsebenen gibt, andere als die, in die sein menschliches Los jetzt geworfen wurde, Welten, in denen Sterblichkeit und Beherrschtwerden durch das Böse und das Leiden nicht der natürliche Zustand sind, sondern wo selige Unsterblichkeit ewiger Zustand ist. Daneben gibt Religion ihm eine Ordnung für sein sterbliches Leben, durch die er sich für die Unsterblichkeit vorbereiten soll. Der Mensch ist Seele und nicht nur Körper. Sein Erdenleben ist ein Mittel, durch das er die künftigen Bedingungen seines spirituellen Seins bestimmt. So viel ist allen Religionen gemeinsam. Darüber hinaus bekommen wir von ihnen keine sichere Gewissheit. Ihre Stimmen lauten unterschiedlich. Manche sagen uns, dass dieses eine Leben auf Erden alles sei, was wir haben, um in ihm über unsere künftige Existenz zu entscheiden. Sie bestreiten die Unsterblichkeit der Seele für die Vergangenheit und behaupten nur ihre künftige Unsterblichkeit. Ja, sie drohen mit dem unglaublichen Dogma einer Zukunft ewigen Leidens für alle, die den richtigen Weg verfehlen. Andere, breiter angelegte rationale Religionen versichern uns, dass es aufeinanderfolgende Existenzen gebe, durch die die Seele mit völliger Gewissheit in das Wissen des Unendlichen hineinwachsen könne und dass schließlich alle an ihr Ziel und zur Vollkommenheit gelangen werden. Manche Religionen stellen uns das Unendliche als ein Wesen dar, das zwar anders ist als wir, mit dem wir aber in persönliche Beziehung treten können. Andere behaupten, das Absolute sei ein apersonales Dasein, in dem unser besonderes Wesen untergehen müsse. Darum setzen uns manche Religionen jenseitige Welten als Ziel, in denen wir unsere Heimat in der Gegenwart des Göttlichen finden sollen. Andere haben als Ziel das Erlöschen unseres Welt-Daseins, indem wir im Unendlichen untergehen. Die meisten legen uns nahe, das irdische Leben zu ertragen oder aufzugeben, es sei eine Prüfung, ein vergänglicher Leidenszustand, eine Eitelkeit, und sie richten unsere Hoffnung fest auf das Jenseits. In manchen Religionen finden wir eine vage Andeutung davon, dass zuletzt, in der Zukunft, der Geist, das Göttliche, im kollektiven Leben des Menschen auf Erden körperlich triumphieren werde. So wird nicht nur die besondere Hoffnung und Sehnsucht des Individuums, sondern auch die allen gemeinsame und von starken Gemeinschaftsgefühlen getragene Hoffnung und Sehnsucht der Menschheit gerechtfertigt. Religion ist kein Wissen, sondern ein Glaube und eine Aspiration. Sie wird sowohl durch ungenaue intuitive Erkenntnis umfassender spiritueller Wahrheiten als auch durch die subjektive Erfahrung von Seelen gerechtfertigt, die sich über das gewöhnliche Leben erhoben haben. Doch an sich gibt uns Religion nur Hoffnung und Glauben, die uns zum Bemühen anleiten, innerlich die verborgenen Bereiche und umfassenderen Wirklichkeiten des Geistes zu besitzen. Dass wir immer wieder dazu neigen, die wenigen hervorgehobenen Wahrheiten und Symbole oder die besondere Disziplin einer Religion in harte, feste Dogmen zu verwandeln, ist ein Zeichen dafür, dass wir erst unmündige Kinder in der spirituellen Erkenntnis und noch sehr weit von der Wissenschaft vom Unendlichen entfernt sind.
Jedoch steht hinter jeder großen Religion, d. h. ihrer äußeren Seite von Glauben, Hoffnung, Symbolen, verstreuten Wahrheiten und einengenden Dogmen, die esoterische Seite einer inneren spirituellen Einübung und Erleuchtung, durch die man die verborgenen Wahrheiten erkennen, verwirklichen und sich zu eigen machen kann. Hinter jeder exoterischen Religion steht ein esoterischer Yoga, ein intuitives Wissen. Dazu ist der Glaube der erste Schritt. Dahinter finden wir unaussprechliche Wirklichkeiten, für die die religiösen Symbole figürlicher Ausdruck sind, und ein tieferes Empfinden für die verstreuten Wahrheiten und Mysterien der höheren Seins-Ebenen, für die selbst ihre Dogmen und ihr Aberglaube nur grobe Hinweise und Indikatoren sind.