Kapitel 2
Die Bewusstseinswende
Worte der Mutter
Um ein spirituelles Leben zu leben, ist eine Bewusstseinswende erforderlich… Das spirituelle Leben zu leben bedeutet, sich im Inneren einer anderen Welt zu öffnen. Es bedeutet gleichsam, sein Bewusstsein umzukehren. Das gewöhnliche menschliche Bewusstsein, selbst in den am höchsten entwickelten Individuen, selbst in Menschen von großem Talent und großer Verwirklichung, ist eine nach außen gewandte Bewegung – alle Energien sind nach außen gerichtet, das ganze Bewusstsein ist nach außen ausgebreitet. Und wenn etwas nach innen gewandt ist, ist es sehr wenig, sehr selten, sehr bruchstückhaft; es findet nur unter dem Druck ganz besonderer Umstände statt, heftiger Erschütterungen, jener Schocks, die das Leben uns mit genau der Absicht versetzt, diese Bewegung der Veräußerlichung des Bewusstseins ein wenig umzukehren.
Doch alle, die ein spirituelles Leben gelebt haben, hatten die gleiche Erfahrung: Urplötzlich wurde etwas in ihrem Wesen umgekehrt, gleichsam eine jähe Wende, die manchmal ganz nach innen gerichtet war und gleichzeitig nach oben, von innen nach oben – es ist jedoch kein äußeres „Oben“, es ist tief innen, ganz anders als die Höhen, wie sie physisch wahrgenommen werden. Etwas hat sich buchstäblich umgekehrt. Es gab eine entscheidende Erfahrung, und der Standpunkt im Leben, die Art, das Leben zu betrachten, die Haltung ihm gegenüber, hat sich plötzlich verändert – und das in manchen Fällen ganz drastisch, unwiderruflich.
Solange man im mentalen Bewusstsein lebt, selbst im höchsten, und das spirituelle Leben von außen sieht, urteilt man mit seinen mentalen Fähigkeiten, mit der Gewohnheit des Suchens, Irrens, Richtigstellens und wiederum des Suchens, und man glaubt, dass jene, die ein spirituelles Leben führen, unter der gleichen Unfähigkeit leiden. Das aber ist ganz falsch!
Wenn die Wende des Wesens stattgefunden hat, ist all das vorüber. Man sucht nicht länger, man sieht. Man folgert nicht länger, man weiß. Man tastet nicht länger, man geht geradewegs zum Ziel.
Worte der Mutter
Es gibt ein offensichtlich unerlässliches Phänomen, wenn man will, dass die Verwirklichung dauerhaft ist… Erfahrungen kommen, berühren das Bewusstsein, bringen manchmal große Erleuchtungen, werden dann verschwommen, ziehen sich in den Hintergrund zurück, und äußerlich, in deinem gewöhnlichen Bewusstsein, empfindest du nicht, dass eine große Veränderung stattgefunden hat, dass ein großer Unterschied besteht. Und dies mag sich sehr oft ereignen, mag sich viele Jahre lang wiederholen. Plötzlich empfängst du eine Art Offenbarung, wie eine Erleuchtung, du bist im wahren Bewusstsein und hast das Gefühl, die wirkliche Sache ergriffen zu haben. Und dann, langsam oder plötzlich, scheint es sich in den Hintergrund zurückzuziehen, und du suchst, findest aber keine große Veränderung in dir… Diese Dinge scheinen als Vorboten oder als Versprechen zu kommen: „Sieh, es wird geschehen“, oder um dir zu sagen: „Glaube daran, es wird so sein“.
Und das mag sich sehr oft wiederholen. Fortschritt ist vorhanden, ganz offensichtlich, doch ist es ein sehr langsamer und kaum erkennbarer Fortschritt.
Doch dann, plötzlich – vielleicht weil man hinreichend vorbereitet ist, vielleicht ganz einfach, weil die Zeit gekommen ist und es so bestimmt wurde –, plötzlich, wenn solche Erfahrung stattfindet, ist ihr Ergebnis in jenem Wesensteil, in welchem sie stattfindet, die volle Wende des Bewusstseins. Es ist ein sehr klares, sehr konkretes Phänomen. Die beste Art, es zu beschreiben, ist: eine vollkommene Wende. Und dann ist die Beziehung des Bewusstseins zu den anderen Wesensteilen und zur äußeren Welt ganz verändert, gleichsam umgestoßen. Und diese Wende kehrt nicht mehr zum alten Stand zurück, das Bewusstsein kehrt nicht mehr zu seiner früheren Position zurück – Sri Aurobindo würde sagen: zu seinem „Status“. Wenn dies einmal in irgendeinem Teil des Wesens geschehen ist, ist dieser Wesensteil stabilisiert.
Und bis dies geschieht, kommt es und geht es, kommt es und geht es, man geht vorwärts und hat dann den Eindruck stillzustehen, auf der Stelle zu treten, und man geht wieder vorwärts und tritt wiederum auf der Stelle, und manchmal scheint es, als ginge man rückwärts und es sei endlos – und tatsächlich ist es endlos. Es kann Jahre und Jahre und Jahre dauern. Wenn aber die Wende des Bewusstseins stattfindet, ob im Mental oder in einem Teil des Mentals, ob im Vital oder in einem Teil des Vitals, oder sogar im physischen Bewusstsein selbst und im Körperbewusstsein – wenn das einmal gefestigt ist, ist es vorbei: Du gehst nicht länger zurück, du kehrst niemals zu dem zurück, was du zuvor warst, und das ist der wahre Hinweis, dass du einen entscheidenden Schritt nach vorn getan hast. Alles andere waren lediglich Vorbereitungen.
Jene, die diese Wende erfahren haben, wissen, worüber ich spreche. Wenn man sie jedoch nicht erfahren hat, kann man sie nicht verstehen. Man kann sich vielleicht eine gewisse Vorstellung mit Hilfe einer Analogie machen. Leute, die versucht haben, den Yoga zu beschreiben, vergleichen ihn mit der Umkehr eines Prismas: Wenn du es in einem bestimmten Winkel hältst, ist das Licht weiß, wenn du es umkehrst, ist es aufgespalten. Nun, genau das geschieht, das heißt du stellst das Weiß wieder her. Im gewöhnlichen Bewusstsein ist Aufspaltung, und du stellst das Weiß wieder her. Das ist jedoch nur ein Gleichnis. In Wirklichkeit ist es das nicht, denn das ist eine Analogie. Das Phänomen selbst jedoch ist äußerst konkret. Es ist beinahe so, als würdest du das, was innen ist, nach außen kehren, und was außen ist nach innen. Aber auch das ist es nicht! Wenn du einen Ball von innen nach außen wenden könntest oder einen Ballon – du kannst es nicht, oder? –, wenn du das Innere nach außen und das Äußere nach innen wenden könntest, das wäre in etwa das, was ich meine.
Und man kann nicht sagen, dass man diese Wende „erfährt“ – es gibt kein „Gefühl“, es ist beinahe eine mechanische Tatsache –, es ist außerordentlich mechanisch. (Mutter nimmt einen Gegenstand neben ihr vom Tisch und kehrt ihn von oben nach unten…) Es gäbe einiges Interessantes zu sagen über den Unterschied zwischen diesem Augenblick der Verwirklichung, der Siddhi – wie dieser Wende des Bewusstseins zum Beispiel –, und all der Arbeit, der Entwicklung, der Tapasya, wie sie zustande kommt… Für die Sadhana ist Tapasya eine Sache und die Siddhi eine andere, eine ganz andere. Tapasya magst du Jahrhunderte ausüben, und du wirst dich immer wie eine Tangente bewegen, dichter und dichter bei der Verwirklichung, näher und näher, doch erst wenn die Siddhi dir gegeben wird, dann… Alles ist verändert, alles gewendet. Und dies ist unausdrückbar, denn sobald man es in Worte fasst, verflüchtigt es sich. Es besteht aber ein Unterschied – ein echter, essenzieller, totaler Unterschied – zwischen Aspiration, der mentalen Anspannung, selbst der Anspannung des höchsten leuchtendsten Mentals, und der Verwirklichung: etwas, das von Anbeginn an von oben entschieden wurde und gänzlich unabhängig von aller persönlichen Bemühung ist, von aller Staffelung. Verstehst du, nicht Stück für Stück erreicht man es, nicht durch eine kleine konstante, regelmäßige Bemühung, es ist nicht das: Es ist etwas, das plötzlich kommt. Es wird begründet, ohne dass man weiß, wie oder warum, aber alles ist anders.
Und es wird für jedermann so sein, für das ganze Universum: Es geht weiter und weiter, es bewegt sich sehr langsam vorwärts, und dann, in einem Augenblick, plötzlich, wird es geschehen sein, beendet – nicht beendet: Es ist der Beginn!
Worte der Mutter
Diese Veränderung des Bewusstseins und seine Vorbereitung sind oft mit der Formung des Kükens im Ei verglichen worden: Bis zur letzten Sekunde bleibt das Ei dasselbe, ohne Veränderung, und erst, wenn das Küken vollständig geformt, ganz lebendig ist, macht es sich mit seinem kleinen Schnabel ein Loch in die Schale und kommt heraus. Etwas Ähnliches passiert im Augenblick der Bewusstseinswende. Eine lange Zeit hast du den Eindruck, dass nichts geschieht, dass dein Bewusstsein das gleiche ist wie immer, und wenn eine intensive Aspiration in dir besteht, fühlst du sogar einen Widerstand, so als würdest du gegen eine Wand hämmern, die nicht nachgibt. Doch wenn du innerlich bereit bist, eine letzte Bemühung – das Picken an der Schale des Wesens –, und alles öffnet sich und du bist in ein anderes Bewusstsein projiziert.
Ich sagte, dass es eine Umwälzung des grundlegenden Gleichgewichts ist, das heißt eine totale Wende des Bewusstseins, vergleichbar mit dem, was dem Licht geschieht, wenn es durch ein Prisma fällt. Oder es ist, als würdest du einen Ball von innen nach außen wenden, was nicht möglich ist, außer in der vierten Dimension. Man tritt aus dem gewöhnlichen dreidimensionalen Bewusstsein heraus, um in das höhere vierdimensionale Bewusstsein einzutreten und in eine unendliche weitere Anzahl von Dimensionen. Das ist der unerlässliche Ausgangspunkt. Wenn dein Bewusstsein seine Dimension nicht verändert, wird es genau das bleiben, was es mit seiner oberflächlichen Schau der Dinge ist, und alle Tiefen werden dir entgehen.
Worte der Mutter
Das, was man „die neue Geburt“ nennt, ist die Geburt in das spirituelle Leben hinein, in das spirituelle Bewusstsein. Es bedeutet, in sich etwas vom Geist zu tragen, der individuell, durch die Seele hindurch, allmählich das Leben leiten und der Herr des Daseins werden kann…
Im individuellen Dasein macht das den ganzen Unterschied aus. Solange man vom Geist spricht und der etwas Angelesenes ist, von dessen Existenz man eine vage Kenntnis hat und die keine allzu konkrete Wirklichkeit für das Bewusstsein ist, bedeutet das, dass man nicht in den Geist hineingeboren ist. Wenn man im Geist geboren ist, wird er etwas viel Konkreteres, viel Lebendigeres, viel Wirklicheres, viel Greifbareres als die ganze materielle Welt. Und dies macht den wesentlichen Unterschied zwischen den Wesen aus. Wenn das ganz spontan wirklich wird – die wahre, konkrete Existenz, die Atmosphäre, in der man frei atmen kann –, weiß man, dass man auf die andere Seite hinübergegangen ist. Solange es aber etwas sehr Verschwommenes und Unscharfes ist – man hat zwar davon gehört, man weiß, dass das existiert, aber … das hat keine konkrete Wirklichkeit –, bedeutet das, dass die neue Geburt noch nicht stattgefunden hat. Solange du sagst: „Ja, das sehe ich, das kann ich anfassen, das Übel, an dem ich leide, der Hunger, der mich quält, der Schlaf, der mich beschwert, das ist wahr, das ist konkret…“ (die Mutter lacht), bedeutet das, dass du noch nicht auf die andere Seite hinübergegangen bist, du bist nicht im Geist geboren.
Worte der Mutter
Ist es möglich, dies auf einmal zu ändern, dieses Bewusstsein? Man fühlt, dass dies zu ändern wie eine Revolution sein wird.
Ja, aber eine Revolution kann in einer halben Sekunde geschehen Es kann auch Jahre dauern, sogar Jahrhunderte, selbst viele Leben. Es kann in einer Sekunde geschehen.
Es ist möglich. Besonders, wenn diese innere Wende des Bewusstseins stattgefunden hat, ändert sich in einer Sekunde alles, alles… Speziell dieses Verwirrtsein darüber, erkennen zu können, dass das, was man ist, was man als sich selbst ansieht, nicht wahr ist, und dass das, was die Wahrheit des eigenen Wesens ist, etwas ist, das man nicht kennt. Siehst du, das wäre die normale Reaktion gewesen, zu sagen: „Was aber bin ich selbst? Wenn das, was ich als mich selbst empfinde, eine illusorische Gestaltung ist und nicht die Wahrheit meines Wesens, was bin ich dann?“ Denn das weiß man nicht. Daher, wenn man eine Frage wie diese stellt…
Es gibt einen Augenblick – denn es ist eine Frage, die mehr und mehr intensiv und mehr und mehr akut wird –, wo du sogar das Gefühl hast, dass die Dinge fremdartig sind, das heißt dass sie nicht wirklich sind. Ein Augenblick kommt, wo dieses Gefühl, das du von dir selbst hast, du selbst zu sein, seltsam wird, eine Art Gefühl von Unwirklichkeit. Und die Frage taucht immer wieder auf: „Was aber bin ich?“ Nun, es gibt einen Augenblick, da sie mit soviel Konzentration und solcher Intensität aufkommt, dass mit dieser Intensität der Konzentration plötzlich eine Wende stattfindet, und dann, statt auf dieser Seite zu sein, bist du auf jener, und wenn du auf jener Seite bist, ist alles sehr einfach: Du verstehst, du weißt, du bist, du lebst, und dann siehst du deutlich die Unwirklichkeit des Übrigen, und das ist genug.
Siehst du, man mag Tage, Monate, Jahre, Jahrhunderte, viele Leben lang zu warten haben, bevor dieser Augenblick eintritt. Doch wenn man seine Aspiration intensiviert, gibt es einen Augenblick, in dem der Druck so groß ist und die Dringlichkeit der Frage so stark, dass etwas im Bewusstsein sich wendet, und dann ist es das, was man fühlt: Statt hier zu sein ist man dort, statt von außen zu sehen und zu versuchen, nach innen zu sehen, ist man innen. In dem Augenblick, da man innen ist, ändert sich absolut alles, vollständig, und all das, was einem natürlich, normal, wirklich, berührbar erschien, all das, augenblicklich – ja, es erscheint einem grotesk, sehr sonderbar, sehr unwirklich, ganz absurd. Aber man hat Etwas berührt, das zuhöchst wahr ist und ewig schön, und das verliert man niemals mehr.
Wenn einmal die Wende stattgefunden hat, kannst du in ein äußeres Bewusstsein gleiten, ohne den normalen Kontakt mit den Dingen des Lebens zu verlieren, doch jene Wende bleibt und verändert sich nie mehr. Du magst in deinem Umgang mit anderen ein wenig in ihre Unwissenheit und Blindheit zurückfallen, aber immer ist Etwas vorhanden, lebendig, das sich innerlich erhebt und nicht mehr regt, bis es alles durchdringen kann – bis zu dem Punkt, an dem es vorüber ist, an dem die Blindheit für immer verschwindet. Und dies ist eine durchaus fühlbare Erfahrung, etwas Konkreteres als der konkreteste Gegenstand, konkreter als ein Hieb auf deinen Kopf, wirklicher als irgendetwas, was immer es sei.
Worte der Mutter
Solange es irgendeinen Zweifel oder eine Unschlüssigkeit gibt, solange man sich die Frage vorlegt, ob man diese ewige Seele in sich verwirklicht hat oder nicht, ist es erwiesen, dass der wahre Kontakt nicht stattgefunden hat. Denn wenn das Ereignis stattfindet, bringt es ein unaussprechliches Etwas mit sich, so neu und so bestimmt, dass Zweifel und Infragestellen nicht länger möglich sind. Das ist wahrlich, im absoluten Sinn des Wortes, eine neue Geburt.
Du wirst zu einer neuen Person, und was immer der Pfad sein mag oder die Schwierigkeiten des Pfades danach, dieses Gefühl wird dich niemals verlassen. Es ist auch nicht etwas, das – wie viele andere Erfahrungen – sich zurückzieht, das in den Hintergrund tritt, dir äußerlich eine Art unbestimmte Erinnerung zurücklässt, an die sich zu klammern schwierig ist und die schwach und undeutlich wird – es ist nicht das. Du bist eine neue Person, mit Sicherheit bist du es, was immer geschieht. Und selbst die Unfähigkeit des Mentals, all die Schwierigkeiten des Vitals, die ganze Trägheit des Physischen können diesen neuen Zustand nicht verändern – einen neuen Zustand, der einen entscheidenden Bruch im Leben des Bewusstseins hervorruft. Das Wesen, das man vorher war, und das Wesen, das danach ist, sind nicht länger dieselben. Die Stellung, die man im Universum einnimmt und die Beziehung dazu, die Stellung im Leben und die Beziehung dazu, die Stellung im Wissen und die Beziehung dazu sind nicht länger dieselben: Es ist eine echte Wende, die nie mehr rückgängig gemacht werden kann.
Worte der Mutter
Dies sind nicht Worte, es ist durch und durch wahr, dass alles seine Erscheinungsform ändert, total, dass Leben und Dinge völlig verschieden sind von dem, was sie zu sein scheinen.
Der ganze Kontakt, diese gewöhnliche Auffassung der Welt, verliert völlig seine Realität. Das ist es, was unwirklich, phantastisch, illusorisch, nicht-existent erscheint. Es gibt etwas – etwas sehr Stoffliches, sehr Konkretes, sehr Körperliches –, das die Wirklichkeit des Wesens wird und das nichts gemein hat mit der gewöhnlichen Art zu sehen. Wenn man diese Wahrnehmung hat – die hinter der äußeren Erscheinung ausgearbeitet wird, in der Erscheinung, durch die Erscheinung –, beginnt man bereit zu werden, etwas Wahreres zu leben als die gewöhnliche menschliche Falschheit. Aber nicht vorher.
Es gibt keinen Kompromiss, siehst du. Es ist nicht wie die Genesung nach einer Krankheit. Du musst Welten austauschen. Solange dein Mental eine Wirklichkeit für dich ist, deine Art zu denken etwas Wahres für dich ist, etwas Reales, Konkretes, beweist das, dass du noch nicht dort bist. Du musst zuerst auf die andere Seite hinüberwechseln. Danach wirst du verstehen können, was ich dir sage.
Wechsle hinüber auf die andere Seite.
Es ist nicht wahr, dass man nach und nach versteht, es ist nicht so. Diese Art des Fortschritts ist anders. Es ist eher so, dass man in einer Schale eingeschlossen ist, und innerhalb der Schale geschieht etwas – vergleichbar dem Küken im Ei. Es reift da drinnen. Es ist dort drinnen. Man sieht es nicht. Etwas geschieht innerhalb der Schale, doch von außen sieht man nichts. Und erst, wenn alles bereit ist, entsteht die Fähigkeit, die Schale zu durchbrechen, um in das Licht des Tages geboren zu werden.
Es ist nicht so, dass man immer wahrnehmbarer wird oder sichtbarer: Man ist eingeschlossen, eingeschlossen – und für sensitive Menschen ist das sogar ein furchtbares Gefühl, zusammengepresst zu sein, zu versuchen hindurchzugehen und dann gegen eine Wand anzulaufen. Und man pocht und pocht und pocht, und man kommt nicht hindurch.
Und solange man dort ist, drinnen, im Ei, ist man in der Falschheit. Erst an dem Tag, wenn man mit Hilfe der Göttlichen Gnade die Schale brechen und ans Licht kommen kann, ist man frei.
Dies kann plötzlich geschehen, spontan, ganz unerwartet. Ich glaube nicht, dass man langsam hindurchgehen kann.
Ich glaube nicht, dass es etwas ist, das sich langsam auflöst, bis man hindurchsehen kann. Das ist mir bislang noch nicht vorgekommen. Es ist eine gewisse Anhäufung von Macht im Inneren, eine Intensivierung des Erfordernisses, eine Ausdauer in der Bemühung, die frei von aller Furcht wird, aller Angst, aller Berechnung – eine Notwendigkeit, so zwingend, dass man sich nicht länger um die Folgen kümmert.
Man gleicht einer Sprengladung, der nichts widerstehen kann, und man bricht aus seinem Gefängnis aus in einem Aufflammen von Licht.
Danach kann man nicht mehr zurückfallen.
Es ist wahrhaft eine neue Geburt.