Kapitel 3

Bleib nicht ein kleiner Wassertropfen im Meer

In unserem Yoga ist kein Raum für Opfer. Aber alles hängt davon ab, welche Bedeutung du dem Wort gibst. In seinem wahren Sinn bedeutet es ein geweihtes Geben, ein Heiligmachen für das Göttliche. Aber in der heute üblichen Bedeutung ist Opfer mit Verlust verbunden; es hat etwas Negatives an sich. Diese Art von Opfer ist keine Erfüllung; es ist Entbehrung, Selbstaufopferung. Es sind deine Möglichkeiten, die du opferst, die Möglichkeiten und Verwirklichungen deiner Persönlichkeit, vom materiellsten bis zum höchsten spirituellen Bereich.

Opfer schmälert dein Wesen. Wenn du physisch dein Leben opferst, deinen Körper, dann gibst du all deine Möglichkeiten auf der materiellen Ebene auf; du gibst das Erreichte deines irdischen Daseins auf. In der gleichen Weise kannst du dein Leben moralisch opfern; du verzichtest auf die Weite und freie Erfüllung deiner inneren Existenz. In dieser Idee der Selbstaufopferung ist immer eine Art von Zwang, eine Enge, eine auferlegte Selbstverleugnung. Dies ist ein Ideal, das keinen Raum für das tiefere und weitere spontane Handeln der Seele hat. Mit Hingabe meinen wir nichts derartiges, sondern ein spontanes Sich-Selbst-Geben, eine Hingabe deines gesamten Wesens an das Göttliche, an ein größeres Bewusstsein, von dem du ein Teil bist. Hingabe mindert dich nicht, sondern weitet dich; Hingabe wird deine Persönlichkeit nicht schmälern oder schwächen oder zerstören, sondern stärken und erhöhen. Hingabe bedeutet ein freies vollständiges Sich-Geben, mit all der Freude am Geben; da ist nichts von Opfer dabei. Wenn du auch nur im geringsten das Gefühl hast, ein Opfer zu bringen, so ist es nicht mehr die wahre Hingabe. Denn das bedeutet, dass du dir etwas vorbehältst oder dich zwar zu geben versuchst, aber widerwillig, mit Schmerz und Anstrengung, und so die Freude des Gebens nicht empfindest, vielleicht nicht einmal das Gefühl, dass du dich gibst. Tust du irgendetwas mit Druck auf dein Wesen, so kannst du sicher sein, dass du es in der falschen Weise tust. Wahre Hingabe weitet dich; sie steigert deine Fähigkeiten; sie schenkt dir mehr, sowohl dem Wert wie der Menge nach, als du je von dir aus hättest erlangen können. Dieses neue und größere Maß an Qualität und Quantität unterscheidet sich von allem, was du zuvor erreichen konntest; du betrittst eine andere Welt, eine Weite, die dir ohne deine Hingabe unerreichbar gewesen wäre. Es ist als ob ein Tropfen Wasser ins Meer fällt; würde er seine Gesondertheit bewahren, so bliebe er ein Tröpfchen Wasser und sonst nichts, ein kleiner Tropfen, erdrückt von der ganzen Unermesslichkeit ringsherum, weil er sich nicht hingegeben hat. Doch, sich hingebend, vereint er sich mit dem Meer und hat teil an der Natur und Macht und Weite des ganzes Meeres.

In diesem Vorgang ist nichts Doppelsinniges oder Ungenaues; er ist klar, stark und bestimmt. Wenn ein kleines menschliches Mental vor dem Göttlichen Universalen Mental steht und an seiner Gesondertheit festhält, so bleibt er eben, was er ist, ein winziges beschränktes Ding, unfähig, die Natur der höheren Wirklichkeit zu erkennen oder auch nur mit ihr in Berührung zu kommen. Die beiden, das Kleine und das Gewaltige, bleiben weiterhin voneinander getrennt und sowohl qualitativ als auch quantitativ völlig verschieden. Gibt sich aber das kleine menschliche Mental hin, so verschmilzt es mit dem Göttlichen Universalen Mental, wird an Wert und Ausmaß eins mit ihm und verliert dabei nichts als seine Begrenzungen und Entstellungen im Austausch für dessen leuchtende Klarheit und Weite. Das kleine Dasein ändert seine Natur; es nimmt die der größeren Wahrheit an, der es sich hingibt. Widersteht das menschliche Mental jedoch, dann kämpft es und lehnt sich gegen das Göttliche Universale Mental auf, was unausweichlich zu einem Konflikt führt, in dem das Kleine und Schwache von der Macht des Unermesslichen überwältigt wird. Gibt der mentale Geist sich nicht hin, so bleibt ihm nur seine Auslöschung. Wenn ein Mensch mit dem Göttlichen Mental in Berührung kommt und sich hingibt, wird er feststellen, dass sein mentaler Geist sogleich beginnt, von seinem Dunkel geläutert zu werden und an der Macht und am Wissen des Göttlichen Universalen Mentals teilzuhaben. Steht er ihm gesondert und kontaktlos gegenüber, so bleibt er, was er ist, ein Tröpfchen Wissen in der unermesslichen Weite. Lehnt er sich auf, so verliert er den Verstand; sein Denkvermögen nimmt ab und verschwindet schließlich ganz. Das gilt nicht nur für den mentalen Geist, sondern auch für alle anderen Teile der Natur. Es ist, als wolltest du mit jemandem streiten, der viel stärker ist als du: Das trägt dir nichts ein als einen zerbrochenen Schädel. Warum gegen jemanden kämpfen, der Millionen Mal stärker ist als du? Jede Auflehnung bringt einen Rückschlag, und jedes Mal verliert man etwas von seiner Kraft. Das ist wie ein Faustkampf gegen einen weit überlegenen Gegner; man steckt Schlag auf Schlag ein und wird immer schwächer, bis man außer Gefecht gesetzt ist. Dazu braucht gar kein Wille einzugreifen, es wirkt sich von selber aus. Nichts anderes kann geschehen, wenn man sich gegen das Unermessliche auflehnt. Solange du in deiner Ecke bleibst und das gewöhnliche Leben führst, passiert dir nichts; kommst du aber mit dem Göttlichen in Berührung, so stehen dir nur zwei Wege offen. Entweder gibst du dich hin und vereinst dich mit ihm und wächst und verklärst dich durch deine Hingabe, oder du lehnst dich auf, und all deine Möglichkeiten werden zunichte, deine Verwirklichungskräfte entfernen sich von dir, um sich schließlich in dem aufzulösen, was du zu bekämpfen suchst.

Über die Hingabe sind viele falsche Ideen im Umlauf. Viele meinen, Hingabe bedeute die Abdankung der Persönlichkeit; doch das ist ein schwerer Irrtum. Tatsächlich ist es der Daseinszweck jedes Einzelnen, einen Aspekt des Göttlichen Bewusstseins zu offenbaren, und der Charakter dieser Offenbarung, der Ausdruck ihrer besonderen Natur, macht die Persönlichkeit eines jeden aus. Folglich kann der Einzelne, wenn er dem Göttlichen gegenüber die richtige Haltung einnimmt, ja nur von all den Einflüssen der niederen Natur geläutert werden, die seine Persönlichkeit mindern und entstellen; diese wird ja nur umso persönlicher, wird mehr sie selbst und vollständiger. Die Wahrheit und Stärke der Persönlichkeit tritt mit umso strahlenderer Eindeutigkeit hervor; ihr Charakter ist viel genauer geprägt, als wenn sie mit der ganzen Dunkelheit und Unwissenheit, dem ganzen Schmutz und der Beimischung der niederen Natur verbunden ist. Das Endergebnis ist eine Erhöhung, Verklärung und Steigerung der Persönlichkeit, deren Möglichkeiten sich maximal verwirklichen. Um aber diese Wandlung zu bewirken, muss der Einzelne erst alles aufgeben, was seine wahre Persönlichkeit durch Entstellung, Einschränkung und Verdunkelung bindet, herabwertet und beeinträchtigt; er muss alles von sich weisen, was zu den niederen Regungen der Unwissenheit des gewöhnlichen Menschen und seines blinden, strauchelnden Lebens gehört. Vor allen Dingen muss er seine Begierden aufgeben, denn von allen Regungen der niederen Natur ist Begierde die dunkelste und die am meisten verdunkelnde. Die Begierden stammen aus der Schwäche und dem Unwissen, und sie fesseln dich an deine Schwäche und dein Unwissen. Die Menschen haben den Eindruck, dass ihre Begierden in ihnen selbst entstehen; sie fühlen sie aus den Tiefen ihres Wesens auftauchen und nach außen springen. Aber dieser Eindruck trügt. Die Begierden sind Wellen des großen Meeres der dunklen niederen Natur und gehen von einer Person zur anderen. Die Menschen erzeugen keine Begierden in sich selbst, sondern werden von diesen Wellen überschwemmt. Wer offen und wehrlos ist, den erfassen sie und stoßen ihn endlos umher. Der von Begierden Besessene verliert alles Unterscheidungsvermögen und wähnt, die Befriedigung seines Begehrens sei eine Unausweichlichkeit seiner Natur. In Wirklichkeit hat Begierde nichts mit der wahren Natur des Menschen zu tun. Ebenso verhält es sich mit allen niederen Impulsen wie Eifersucht, Neid, Hass und Gewalttätigkeit. Auch dies sind Regungen, die dich erfassen, Wellen, die dich überspülen und mitreißen; sie entstellen, sie gehören nicht zum eigentlichen Charakter der wahren Natur; sie sind kein wirklicher und unabdingbarer Teil von dir, sondern stammen aus dem Meer der umgebenden Dunkelheit und werden von den Kräften der niederen Natur in Bewegung gesetzt. Diese Begierden, diese Leidenschaften haben nichts Persönliches; es gibt an ihnen und in ihrem Wirken nichts, das dir eigentümlich wäre; sie bekunden sich in allen gleich. Die dunklen Regungen des mentalen Geistes, wie Zweifel, Irrtümer und Schwierigkeiten, die die Persönlichkeit trüben und ihre Entfaltung und Erfüllung mindern, kommen aus derselben Quelle. Es sind Wellen, die daherziehen und alle packen, die sich als blinde Werkzeuge benutzen lassen. Und dennoch hält jeder an der Meinung fest, diese Regungen seien ein Teil von ihm selber und ein schätzenswertes Erzeugnis seiner freien Persönlichkeit. Man trifft sogar Leute, die sich an sie und ihre Schwäche anklammern, als wäre die das Zeichen und die Essenz von dem, was sie ihre Freiheit nennen.