Kapitel 4
Der Unterschied zwischen Spiritualität und Moralität
Wenn du das begriffen hast [was die Mutter im vorhergehenden Kapitel sagte], dann bist du imstande, den Unterschied – den großen Unterschied – zwischen Spiritualität und Moralität zu verstehen, zwei Dinge, die stets verwechselt werden. Das spirituelle Leben, das Leben des Yoga, strebt nach einem Wachstum, das zur Einswerdung mit dem göttlichen Bewusstsein führt, und es bewirkt, dass das, was in jedem von uns ist, geläutert, gestärkt, verklärt und vervollkommnet wird. Es gibt uns das Vermögen, das Göttliche zu offenbaren; es hebt den Charakter jeder Persönlichkeit zu ihrem vollen Wert und bringt sie zu ihrem größtmöglichen Ausdruck. Denn dies gehört zum Göttlichen Plan. Die Moral hingegen verfährt nach einem Gedankengebäude und stellt mit einer Anzahl Prinzipien, was gut sei und was nicht, einen Idealtyp auf, dem jeder gleichen soll. Dies moralische Vorbild ist im Einzelnen und als Ganzes und je nach Zeit und Ort verschieden. Und dennoch behauptet es immer, einzigartig zu sein, ein kategorisches Absolutes; es lässt außer sich nichts Anderes gelten, ja nicht einmal eine Abweichung in sich selbst. Alle Menschen müssen in die Gussform eines einzigen Ideals gezwängt werden, alle einheitlich und ohne Ausnahme gleichgemacht werden. Weil die Moral ihrer Natur nach so starr und unwirklich ist, ist sie in ihrer Wirkung das grundsätzliche Gegenteil des spirituellen Lebens. Zwar enthüllt das spirituelle Leben in allen das eine Wesen, aber ebenso auch dessen unendliche Vielfalt. Es arbeitet an der Vielfalt in der Einheit und an der Vervollkommnung in dieser Vielfalt. Die Moral errichtet ein künstliches Modell, das der Mannigfaltigkeit des Lebens und der Freiheit des Geistes widerspricht. Sie schafft etwas unveränderlich und beschränkt Mentales und verlangt von allen sich anzupassen. Alle sollen sich bemühen, dieselben Eigenschaften und dieselbe ideale Natur zu erwerben. Moral ist nicht göttlich und kommt nicht vom Göttlichen; sie ist Menschenwerk und nichts als menschlich. Sie gründet sich auf eine starre Trennung zwischen Gut und Böse; doch das ist eine willkürliche Vorstellung. Sie nimmt relative Dinge und will sie als etwas Absolutes aufzwingen; doch dies Gute und Böse ist je nach Klima, Epoche und Land verschieden. Gewisse moralische Vorstellungen besagen sogar, es gäbe gute und böse Begierden, die einen müsse man annehmen und die anderen ablehnen. Das spirituelle Leben aber heißt uns alle Begierden abweisen. Es ist sein Gesetz, alle Regungen auszuschließen, die uns vom Göttlichen entfernen können. Du musst sie verwerfen, nicht weil sie an sich schlecht wären – denn sie mögen für einen anderen und in einer anderen Sphäre gut sein –, sondern weil sie zu den unwissenden und unerleuchteten Triebkräften gehören, die den Weg zum Göttlichen verstellen. Alle Begierden, gute und schlechte, gehören zu dieser Sorte; denn jegliche Begierde stammt aus einem dunklen und unwissenden Vital. Umgekehrt musst du alle Regungen annehmen, die dich dem Göttlichen näherbringen. Du nimmst sie an, nicht weil sie an sich gut wären, sondern weil sie dich zum Göttlichen führen. Nimm daher alles an, was dich zum Göttlichen bringt, weise alles zurück, was dich von ihm entfernt. Sage nicht, dies ist gut und jenes ist schlecht, und versuche nie, deinen Gesichtspunkt anderen aufzudrängen, denn der Weg der anderen mag vom deinigen sehr verschieden sein. Was du schlecht nennst, kann für deinen Nachbarn, der sich nicht um das Göttliche Leben bemüht, sogar ganz ausgezeichnet sein.
Zeigen wir an einem Beispiel, wie verschieden Moral und Spiritualität die Dinge betrachten: Die gewöhnlichen moralischen Vorstellungen unterscheiden zwischen dem Freigebigen und dem Geizigen. Und in einer bestimmten Gesellschaft wird der Geizige getadelt und verachtet, während der Freigebige wegen seiner Selbstlosigkeit und allgemeinen Nützlichkeit geschätzt und seine Tugend gepriesen wird. Aber vom spirituellen Gesichtspunkt aus befinden sich beide auf derselben Stufe; die Freigebigkeit des Einen und der Geiz des Anderen sind Entstellungen einer höheren Wahrheit, einer größeren göttlichen Macht. Es gibt ein Vermögen, das in seiner göttlichen Bewegung Kräfte, Dinge und alles, was es besitzt, auf allen Ebenen, von der stofflichsten bis zur spirituellsten, frei aus sich hervorwirft, ausbreitet und verstreut. Hinter dem Freigebigen und seiner Großmut steht ein Seelentypus, der diese Bewegung ausdrückt, dies Vermögen weiter Austeilung und Verbreitung. Es gibt auch ein anderes Vermögen, das in seiner göttlichen Bewegung Kräfte, Dinge und alles, was sich besitzen lässt, von der stofflichsten Ebene bis zur höchsten, sammelt, zusammenbringt, anhäuft und aufspeichert. Der geizig Gescholtene war dazu geschaffen, ein Werkzeug dieser letzteren Bewegung zu sein. Beide Typen sind wichtig; beide sind in der Gesamtverwirklichung notwendig; die Bewegung, die anzieht und sammelt, ist nicht weniger nützlich als jene, die ausbreitet und verteilt. Diese beiden Menschentypen, wenn sie wirklich dem Göttlichen hingegeben sind, werden Instrumente seines Werkes, in gleichem Maße und von gleichem Wert. Doch solange sie sich nicht hingegeben haben, werden beide gleicherweise von Trieben der Unwissenheit bewegt; der eine wird zum Vergeuden gedrängt, der andere zum Raffen; beide lassen sich von Kräften hinreißen, die ihrem eigenen Bewusstsein dunkel sind. Keiner ist dem Anderen vorzuziehen. Vom höheren Gesichtspunkt des Yoga aus könnte man dem so hochgeschätzten Freigebigen meistens sagen: „Ihre ganzen großzügigen Anwandlungen haben keinen spirituellen Wert, denn sie kommen vom Ego und von unwissender Begierde.“ Und umgekehrt findet sich manchmal unter den für geizig Gehaltenen einer, der bei der Arbeit, zu der ihn seine Natur bestimmt hat, voll ruhiger Entschlossenheit sammelt und anhäuft; ist dieser Mensch einmal erweckt, so wird er ein sehr gutes Werkzeug des Göttlichen. Doch im Allgemeinen treiben Egoismus und Begierde den Geizigen ebenso wie sein Gegenstück; es ist die andere Seite derselben Unwissenheit. Beide müssten sich läutern und wandeln, bevor sie mit dem Höheren, das hinter ihnen steht, Fühlung aufnehmen und es ihrer wahren Natur gemäß ausdrücken können.
Ebenso kannst du viele andere Typen nehmen und durch sie hindurch bis zur ursprünglichen Absicht der Göttlichen Kraft zurücksteigen. Jeder ist die Minderung oder die Karikatur des vom Göttlichen vorgesehenen Urbilds, eine mentale oder vitale Entstellung von Dingen, die einen größeren spirituellen Wert haben. Eine falsche Regung hat die Verzerrung geschaffen. Ist diese einmal gemeistert, die richtige Haltung eingenommen, die echte Regung gefunden, so enthüllen all diese Typen gleichermaßen ihren göttlichen Wert; alle sind durch die Wahrheit in ihnen gerechtfertigt, gleich wichtig, gleich nötig, alle verschieden, aber alle unerlässlich für die Göttliche Offenbarung.