Kapitel 2
Erkenne dich selbst und wisse um deine Mission
Das Selbst jedes Einzelnen und das große allumfassende Selbst sind eins. Wenn alles, was ist, in seiner Essenz und seinem Prinzip von Ewigkeit her ist, warum dann einen Unterschied machen zwischen dem Dasein und seinem Ursprung, zwischen uns selbst und dem, was wir an den Anfang stellen?
Die alten Überlieferungen hatten recht, wenn sie sagten:
„Wir und unser Ursprung, wir und unser Gott sind eins.“
Und diese Einheit sollte nicht nur als eine mehr oder weniger enge und innige Beziehung verstanden werden, sondern als wirkliche Identität.
Versucht daher ein Mensch, der das Göttliche sucht, nach und nach zum Unerreichbaren emporzuklimmen, so vergisst er, dass all sein Wissen und all seine Eingebung ihn in dieser Unendlichkeit nicht einen Schritt weiterbringen können; er weiß nicht, dass jenes, was er erreichen möchte und was er so fern wähnt, in ihm selbst ist.
Denn wie könnte er irgend etwas über den Ursprung wissen, solange er sich nicht jenes Ursprungs in ihm selbst bewusst ist?
Indem er sich selbst versteht, sich selbst kennenlernt, kann er die höchste Entdeckung machen und staunend wie der Patriarch in der Bibel ausrufen: „Hier ist das Haus Gottes, und ich wusste es nicht!“
Darum müssen wir jenen erhabenen Gedanken, Schöpfer der stofflichen Welten, Ausdruck verleihen, auf dass alle das Wort vernehmen, das Himmel und Erde erfüllt: „Ich bin in jedem Ding und in jedem Wesen.“
Wenn dies alle wissen werden, dann ist der verheißene Tag nahe, der Tag der großen Wandlungen. Erkennen die Menschen in jedem Atom der Materie den innewohnenden Gedanken Gottes und nehmen sie in jedem lebendigen Geschöpf den Fingerzeig einer Geste Gottes wahr, vermag jeder Mensch in seinem Nächsten Gott zu sehen, dann wird die Morgendämmerung anbrechen und die Finsternis, die Falschheit, die Unwissenheit, die Irrtümer und das Leiden vertreiben, die auf der ganzen Natur lasten. Denn „die ganze Natur leidet und klagt, während sie auf die Offenbarung der Söhne Gottes wartet.“
Dies ist tatsächlich der Hauptgedanke, der in sich alle anderen zusammenfasst, und der in unserem Gedächtnis stets gegenwärtig sein sollte wie die Sonne, die ihr Licht auf alles Leben wirft.
Darum rufe ich ihn dir heute wieder in Erinnerung. Denn verfolgen wir mit diesem Gedanken unseren Weg, ihn im Herzen tragend wie den seltensten Juwel, den wertvollsten Schatz, und lassen wir zu, dass er sein Werk der Erleuchtung, der Verklärung in uns vorantreibt, dann werden wir erkennen, dass er im Kern jeden Wesens und jeden Dinges lebendig da ist, und in ihm werden wir diese wundervolle Einheit des Weltalls fühlen.
Dann wird uns klar, wie nichtig und kindisch unsere armseligen Befriedigungen, törichten Streitereien, kleinlichen Leidenschaften und blinden Entrüstungen sind. Wir werden sehen, wie unsere kleinen Unzulänglichkeiten dahinschmelzen, die letzten Verschanzungen begrenzter Persönlichkeit und dummer Ichsucht zerbröckeln. Wir werden uns von dem erhabenen Kraftstrom wahrer Spiritualität fortgetragen fühlen, der uns aus den begrenzten Rahmen und engen Schranken heraushebt.
Das individuelle Selbst und das universale Selbst sind eins; in jeder Welt, jedem Wesen, jedem Ding, jedem Atom ist die Göttliche Präsenz, und es ist des Menschen Mission, sie zu offenbaren.
Dazu muss er sich der Göttlichen Präsenz im eigenen Innern bewusst werden. Um dahin zu gelangen, müssen manche eine richtige Lehrzeit durchmachen: ihr egoistisches Wesen ist zu absorbierend, zu verfestigt und konservativ, und ihr Kampf dagegen ist lang und schmerzhaft. Andere jedoch, die unpersönlicher, plastischer und spiritualisierter sind, kommen leicht mit der unerschöpflichen göttlichen Quelle ihres Wesen in Berührung. Doch vergessen wir nicht, dass auch jene sich täglich einer ständigen methodischen Bemühung der Anpassung und Umwandlung unterziehen müssen, so dass nichts in ihnen wiederkehren möge, was das Strahlen dieses reinen Lichts verdunkelt.
Aber wie sehr verändert sich der Blickwinkel sobald wir dies tiefere Bewusstsein erlangt haben! Wie sehr weitet sich das Verständnis, wie wächst das Mitgefühl!