Kapitel 2
Wusstest Du das?
(Glaube ist insgeheim und offensichtlich der Angelpunkt allen Bemühens und Handelns)
Die Welt denkt, dass sie sich nach dem Licht der Vernunft bewegt, doch sie wird in Wirklichkeit durch das, was sie glaubt, und ihre Instinkte vorangetrieben.
Die Vernunft passt sich dem Glauben an oder rechtfertigt die Instinkte, aber sie empfängt den Impuls unterbewusst; deshalb denken die Menschen, dass sie rational handeln.
[Etwas im Menschen klammert sich an seinen Glauben:] wenn es nicht so wäre, würde der Mensch der Spielball eines unsteten mentalen Geistes oder der wechselnden Umstände sein.
Dieser Seelenglaube, gleich welcher Art, ist unverzichtbar für das Handeln des Wesens, und ohne ihn kann der Mensch nicht einen einzigen Schritt im Leben tun, noch viel weniger einen Schritt vorwärts auf eine noch unverwirklichte Perfektion zugehen. Er ist eine so zentrale und essentielle Sache, dass die Gita mit Fug und Recht über ihn1 sagen kann, dass, welches śraddhā der Mensch auch immer hat, er dieses ist, yo yacchraddhah sa eva sah, und man kann hinzufügen, was immer er in sich als Möglichkeit und Ziel sieht, das kann er erschaffen und werden.
[Der Gita entsprechend:]
Wenn wir leben, wenn wir nach unserem Begehren handeln, entspricht dies einem fortwährenden Akt des śraddhā, welcher hier hauptsächlich zu unserer vitalen und physischen, unserer tamasischen und rajasischen Natur gehört. Und wenn wir versuchen, gemäß dem Shastra zu sein, zu leben und zu handeln, gehen wir in einem beharrlichen Akt des śraddhā voran, der – vorausgesetzt, es ist kein routinemäßiger Glaube – zu einer sattwischen Tendenz gehört, die immer versucht, sich gegen unsere tamasischen und rajasischen Anteile durchzusetzen. Wenn wir diese beiden Anteile zurückweisen und versuchen, nach einem Ideal oder einer neuen, von uns entdeckten Vorstellung von Wahrheit oder nach unserer individuellen Akzeptanz zu sein, zu leben und zu handeln, ist auch dies ein fortdauernder Akt des śraddhā, welcher von einer dieser drei Eigenschaften dominiert wird, die alle unsere Gedanken, den Willen, das Fühlen und Handeln ständig beherrschen. Und wenn wir wiederum versuchen, unserer göttlichen Natur entsprechend zu sein, zu leben und zu handeln, müssen wir auch dann durch einen beharrlichen Akt des śraddhā voranschreiten, welcher gemäß der Gita der Glaube der sattwischen Natur sein muss, wenn sie sich vollendet und sich darauf vorbereitet, ihre eigenen fest umrissenen Grenzen zu überschreiten.
Die Religion, die Philosophie, die ethische Regel, die kulturelle Idee, in die ich meinen Glauben setze, gibt mir ein Gesetz für meine Natur und meine Arbeit, eine Vorstellung vom relativ Richtigen oder eine Vorstellung von relativer oder absoluter Perfektion. Und in Proportion zu meiner Aufrichtigkeit und der Vollkommenheit meines Glaubens an sie und einer Stärke des Willens nach diesem Glauben zu leben, kann ich zu dem werden, was er mir vor Augen hält. Ich kann mich selbst zu einem Bild jenes Richtigen oder zu einem Beispiel jener Perfektion formen.
1 …hier kommt eine bemerkenswerte Zeile, in der die Gita uns sagt, dass der Purusha, diese Seele im Menschen, sozusagen aus śraddhā gemacht ist, einem Glauben, einem Willen zu sein, einem Glauben an sich selbst und an das Sein; und was immer dieser Wille, Glaube oder die intellektuelle Akzeptanz in ihm ist, er ist das und das ist er. Śraddhāmayo ´yam puruso yo yac-chraddhah sa eva sah. Wenn wir uns diesen bedeutungsvollen Satz etwas näher ansehen, werden wir sehen, dass diese eine Zeile in ihren wenigen kraftvollen Worten fast die ganze Theorie des modernen Gospels des Pragmatismus enthält. [Gita 17:3] (CWSA Vol. 19, p. 482)