Kapitel 2

Wie das Göttliche dem Sucher auf dem Weg begegnet

Worte Sri Aurobindos

Hier endet die lange und schwierige Reise. Der Meister der Werke wartet nicht, um erst dann den auf dem Weg des Yoga Suchenden in Empfang zu nehmen und auf ihn, sein inneres Leben und seine Handlungen seine Hand zu legen, die ihn bisher insgeheim führte, ihm aber verborgen geblieben oder nur halb fühlbar gewesen war. Er stand schon in der Welt als der Urheber und Empfänger der Werke hinter den dichten Verhüllungen des Nichtbewussten, verkleidet in die Kraft des Lebens und durch Symbol-Gottheiten und Symbol-Gestalten dem Mental sichtbar. Es mag wohl sein, dass er zuerst in diesen Verhüllungen der menschlichen Seele begegnet, die für den Weg des Integralen Yoga bestimmt ist. Ja selbst dann, wenn er noch undeutlichere Masken trägt, kann er von uns als Ideal begriffen oder mental als eine abstrakte Macht der Liebe, des Guten, der Schönheit oder des Wissens erfasst werden. Vielleicht kommt er uns, wenn wir unseren Fuß auf den Weg setzen, verhüllt entgegen im Anruf der Humanität oder eines Willens in den Dingen, der uns dazu antreibt, dass wir die Welt von der Gewalt der Finsternis und der Falschheit, vom Tod und Leiden befreien sollen, von dieser mächtigen vierfachen Unwissenheit. Wenn wir dann den Weg gehen, umhüllt er uns mit seinem weiten, mächtigen, befreienden apersonalen Wesen. Er naht sich uns aber auch mit dem Angesicht oder der Gestalt einer personalen Gottheit. Wir fühlen in uns und in unserer Umgebung eine Macht, die uns stützt, schützt und liebevoll versorgt. Wir hören eine Stimme, die uns lenkt. Ein bewusster Wille, der größer ist als der unsrige, regiert uns. Eine gebietende Kraft bewegt unser Denken, unser Handeln und sogar unseren Körper. Ein sich stets ausdehnendes Bewusstsein gleicht das unsrige sich an. Ein lebendiges Licht des Wissens erleuchtet alles in unserem Innern. Eine Glückseligkeit dringt in uns ein. Eine Mächtigkeit übt ihren Druck von oben her konkret, massiv und überwältigend auf uns aus. Sie dringt in uns ein und ergießt sich in den eigentlichen Stoff unserer Natur. Dort, am Ursprung, wohnen Friede, Licht, Seligkeit, Stärke und Erhabenheit. Oder wir fühlen Beziehungen, die persönlich und innig sind, wie das Leben selbst, süß wie die Liebe, allumfassend wie der Himmel, tief wie unergründliche Wasser. Ein Freund geht uns zur Seite. Ein Liebender ist bei uns in der geheimsten Kammer unseres Herzens. Ein Meister des Werkes und aller Prüfungen zeigt uns unseren Weg. Ein Schöpfer der Dinge verwendet uns als sein Instrument. Wir ruhen in den Armen der ewigen Mutter. Alle diese für uns begreiflicheren Aspekte, in denen uns der Unausdrückbare begegnet, sind Wahrheiten und nicht nur hilfreiche Symbole oder brauchbare Vorstellungen. Je weiter wir vorwärtskommen, umso mehr weichen ihre ersten unvollkommenen Formulierungen unserer Erfahrung einer umfassenderen Schau der einzigen Wahrheit, die hinter ihnen steht. Bei jedem Schritt fallen ihre rein mentalen Masken, und die Aspekte Gottes gewinnen umfassendere, tiefere und uns inniger ansprechende Bedeutung. Am Ende vereinigen alle diese Gottheiten an den Grenzen des Supramentals ihre heiligen Gestaltungen und gehen ineinander über, ohne dass sie als Eigenwesen aufhören würden.

Worte Sri Aurobindos

Der Meister unserer Werke respektiert unsere Natur, gerade wenn er sie umwandelt. Er wirkt stets durch die Natur und nicht durch eine willkürliche Laune. Diese unsere unvollkommene Wesensart enthält die Materialien für unsere Vollkommenheit, wenn sie sich auch noch unfertig, entstellt, am falschen Ort, in Unordnung zusammengewürfelt oder in unvollkommener Ordnung befinden. Dieses ganze Material soll geduldig vervollkommnet, geläutert, reorganisiert, neu geformt und umgestaltet werden. Wir sollen es nicht in Stücke zerhacken, von uns abhauen, vernichten oder verstümmeln. Wir sollen es nicht einfach durch Zwang oder Verleugnung ausmerzen. Diese Welt ist zusammen mit uns, die wir in ihr leben, Gottes Schöpfung und Manifestation. Er geht mit ihr und uns in einer Weise um, die unser enges und unwissendes Mental erst dann verstehen kann, wenn es in das Schweigen versinkt und sich für ein göttliches Wissen öffnet. In unseren Irrtümern liegt der Stoff einer Wahrheit verborgen, die danach ringt, unserer tastenden Intelligenz ihre Bedeutung zu offenbaren. Der menschliche Intellekt schneidet den Irrtum zugleich mit der Wahrheit aus. Dann ersetzt er beides durch eine neue Konstruktion aus halber Wahrheit und halbem Irrtum. Die Göttliche Weisheit duldet aber, dass unsere Irrtümer so lange fortdauern, bis wir zu jener Wahrheit gelangen können, die unter jeder sie verfälschenden Verhüllung verborgen und dadurch geschützt ist. Unsere Sünden sind die falsch gelenkten Schritte einer Macht, die sucht. Sie strebt jedoch nicht nach Sünde, sondern nach Vollkommenheit, nach etwas, das wir göttliche Tugend nennen könnten. Oft sind die falschen Dinge die Verhüllungen einer Eigenschaft, die so umgewandelt werden muss, dass sie aus dieser hässlichen Maske befreit wird. Sonst hätten sie in der vollkommenen Vorsehung der Dinge nicht existieren oder fortdauern dürfen. Der Meister unserer Werke ist weder ein Pfuscher noch ein nur gleichgültig Beobachtender; er treibt mit dem Luxus unnötiger Übel kein leichtfertiges Spiel. Er ist klüger als unsere Vernunft und weiser als unsere Tugend.

Unsere Natur irrt sich nicht nur in ihrem Wollen und ist in Ihrer Erkenntnis unwissend; sie ist auch an Macht schwach. Doch die Göttliche Kraft ist da und will uns, wenn wir auf sie vertrauen, lenken. Sie wird unsere Unzulänglichkeiten ebenso wie unsere Fähigkeiten für ihre göttliche Absicht verwenden. Der Erfolg bei unseren unmittelbaren Absichten bleibt deshalb aus, weil Gott dieses Versagen beabsichtigt hat. Oft ist unser Fehlschlag oder Misserfolg der rechte Weg zu einer eher wahren Verwirklichung, als sie uns durch einen unmittelbaren völligen Erfolg erreichbar gewesen wäre. Wenn wir leiden, soll dadurch etwas in uns für die seltenere Möglichkeit einer tieferen Freude zubereitet werden. Wenn wir straucheln, sollen wir am Ende das Geheimnis eines vollkommeneren Gehens lernen. Selbst den Frieden, die Reinheit und Vollkommenheit sollen wir nicht in wilder Eile erjagen wollen. Den Frieden müssen wir wohl erlangen. Das darf aber nicht der Friede einer leeren, verödeten Natur oder der vernichteten, verkrüppelten Befähigungen sein, die nur deshalb zur Unruhe unfähig sind, weil wir sie so lähmten, dass sie keine Intensität, kein Feuer und keine Kraft mehr erleben können. Die Reinheit muss unser Ziel sein. Es darf jedoch nicht zur Reinheit einer des Lebens entleerten, öden, starren Kälte kommen. Vollkommenheit wird von uns gefordert. Das wäre aber keine Vollkommenheit, die ihren Horizont in engen Grenzen hält oder die willkürlich unter die sich stets erweiternde Liste des Unendlichen einen Schlusspunkt setzt. Unser Ziel ist, uns in die göttliche Natur umzuwandeln. Diese göttliche Natur ist aber kein mentaler oder moralischer, sondern ein spiritueller Zustand, den wir nur schwer erlangen können, ja den wir uns mit unserer Intelligenz nur schwer vorzustellen vermögen. Der Meister unserer Werke und unseres Yoga weiß, was getan werden muss. Wir sollen ihm erlauben, dieses durch seine eigenen Mittel und auf seine eigene Weise zu vollbringen.

Worte der Mutter

Vergiss nie, dass du nicht allein bist. Das Göttliche ist bei dir und hilft und leitet dich.

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