Kapitel 1
Der Empfänger des Opfers und das Opfer
Worte Sri Aurobindos
Zuletzt wollen wir ihn betrachten, der das Opfer empfängt, und sehen, von welcher Art das Opfer ist. Wir können unser Opfer anderen Menschen darbringen; es mag auch den göttlichen Mächten gespendet werden. Wir können es dem kosmischen All anbieten oder dem transzendenten Höchsten. Diese Verehrung kann jede Form annehmen: von der Darbringung eines Blütenblattes, eines Bechers Wasser, einer Handvoll Reis oder eines Brotes bis hin zur Aufopferung all dessen, was wir besitzen, und zur Unterwerfung all dessen, was wir sind. Wen auch immer wir als den Empfänger ansehen und was immer die Gabe sei: es ist der Erhabene, der Ewige in den Dingen, der die Opfergabe empfängt und annimmt, selbst wenn sie vom unmittelbaren Empfänger abgewiesen oder gering geachtet würde. Denn der Erhabene, der größer ist als das Universum, weilt, wenn auch verhüllt, hier in uns, in der Welt und in ihren Geschehnissen. Er ist hier als der allwissende Beobachter und Empfänger aller Dinge, die wir tun. Er ist insgeheim ihr Meister. Alle unsere Handlungen und Bemühungen, selbst unsere Sünden, Irrungen, Leiden und Kämpfe werden – für uns verborgen oder bewusst, erkennbar und schaubar oder auch unerkennbar und verhüllt – letztlich von dem Einen regiert. Alles ist eine Darbringung an ihn in seinen zahllosen Gestalten und wird durch diese der einzigen Allgegenwart geopfert. In welcher Form und in welchem Geist wir ihm nahen, in derselben Form und im gleichen Geist nimmt er auch unser Opfer an.
Die Frucht des Opfers der Werke wechselt je nach dem Werk, nach der Intention des Werkes und nach dem Geist, der hinter der Absicht steht. Alle anderen Opfer sind nur partiell, egoistisch, vermischt, zeitlich und unvollständig. Sie behalten diesen Charakter, selbst wenn sie den höchsten Mächten und Prinzipien dargebracht werden. Darum ist das Ergebnis eines solchen Opfers partiell, begrenzt, zeitlich, in seinen Reaktionen vermischt und nur für einen geringeren oder vorläufigen Zweck wirkungsvoll. Das einzige Gott wirklich willkommene Opfer ist eine letzte, höchste, äußerste Selbsthingabe, jene Unterwerfung von Angesicht zu Angesicht, in tiefer Verehrung und Erkenntnis, frei und ohne jeden Vorbehalt, an den Einen, der zugleich unser innewohnendes Selbst, das uns umgebende und konstituierende All und die Höchste Wirklichkeit jenseits von dieser oder jener Manifestation ist. Zugleich ist er insgeheim dieses alles zusammen, überall verborgen, die immanente Transzendenz. Denn Gott beschenkt eine Seele, die sich ihm ganz hingibt, mit sich selbst in seiner Allheit. Nur wer seine ganze Wesensart opfert, findet das Selbst. Wer alles hingeben kann, gewinnt überall die Freude am Göttlichen All. Wer sich im Höchsten selbst aufgeben kann, gelangt zum Höchsten. Wenn wir durch das Opfer alles, was wir sind, sublimieren, können wir das Höchste verkörpern und hier in dem immanenten Bewusstsein des transzendenten Geistes leben.
Worte Sri Aurobindos
Das wahre Wesen des Opfers ist aber nicht diese vernichtende Selbst-Hinopferung, sondern die Selbst-Hingabe. Sein Ziel ist nicht die Austilgung des eigenen Selbstes, sondern dessen Erfüllung. Seine Methode ist nicht die Selbst-Abtötung, sondern ein größeres Leben, nicht die Selbst-Verstümmlung, sondern eine Transformation unserer natürlichen menschlichen Seiten in solche göttlichen Wesens. Wir sollen uns nicht selbst quälen, wir sollen aus einer niederen Selbst-Genügsamkeit zu einem höheren Ananda weitergehen. Am Anfang bereitet dem noch rohen oder verworrenen Teil unserer Oberflächennatur ein einziges Opfer besondere Schmerzen. Das ist die unentbehrliche Disziplin, die verlangt wird, und die notwendige Entsagung, damit das unvollkommene Ego untergeht. Dafür kann es aber einen raschen, großartigen Ausgleich geben, in dem wir eine wirklich höhere oder letzte Vollkommenheit entdecken: in den anderen, in allen Dingen, in der kosmischen Einheit, in der Freiheit des transzendentalen Selbstes und Geistes, im Entzücken bei der Berührung mit dem Göttlichen.