Kapitel 2

Unser Ideal

Wir glauben an den beständigen Fortschritt der Menschheit, und wir halten fest, dass dieser Fortschritt das Ergebnis eines Gedankens im Leben ist, der sich manchmal an der Oberfläche manifestiert, manchmal nach unten absinkt und hinter der Maske äußerer Kräfte und Interessen wirkt. Wenn dieses Hinabgleiten unter die Oberfläche stattfindet, erlebt die Menschheit eine Periode offenbaren Rückschritts oder langsamer Entwicklung, ihre langen Stunden der Finsternis oder des Zwielichts, in denen der geheime Gedanke im Hintergrund eine seiner Phasen ausarbeitet, unter Druck vorwiegend wirtschaftlicher, politischer und persönlicher Interessen, die nichts von einer tieferen Absicht drinnen wissen. Wenn der Gedanke an die Oberfläche zurückkehrt, erlebt die Menschheit eine Periode des Lichtes und der raschen Blüte, ihre Morgenröten und herrlichen Frühlingszeiten. Der Tiefe, Vitalität, Wahrheit und selbstwirksamen Kraft der Gestalt jenes Gedankens, der auftaucht, entspricht die Bedeutung des Fortschritts, den die Menschheit während dieser Stunden Gottes in unserer irdischen Manifestation vollzieht.

Es gibt keinen größeren Irrtum als die Annahme, wie sie der „praktische“ Mensch gewöhnlich hegt, dass Denken nur eine schöne Blüte und einen feinen Schmuck des Lebens darstellt, und politische, wirtschaftliche und persönliche Interessen die bedeutenden und wirksamen Antriebskräfte menschlichen Handelns sind. Wir erkennen an, dass dies eine Welt des Lebens und Wirkens und sich entwickelnder Organismen ist. Aber Leben, das sich nur durch vitale und materielle Kräfte zu führen sucht, ist langsames, dunkles und stümperhaftes Wachstum. Es stellt den Versuch dar, den Menschen an die Methode des pflanzlichen und tierischen Daseins anzupassen. Die Erde ist eine Welt des Lebens und der Materie, aber der Mensch ist weder Pflanze noch Tier. Er ist ein spirituelles und denkendes Wesen, das hier ausgesetzt ist, um die animalische Gestalt für höhere Zwecke, durch höhere Motive, mit einem eher göttlichen Werkzeugcharakter zu bilden und zu benutzen.

Deshalb dient er durch seine besondere Art dem Wirken eines Gedankens in ihm auch dann, wenn er in seinem Oberflächen-Selbst nichts von ihm weiß. Der praktische Mensch, der das tiefere Leben der Idee nicht kennt oder gering schätzt, dient dennoch jenem, das er nicht kennt oder gar verachtet. Karl der Große, der einem chaotischen Europa mit seinem Schwert Gestalt verlieh, bereitete die Herrschaft der feudalen katholischen Interpretation des menschlichen Lebens vor mit allem, was die große, wenn auch dunkle Periode der Menschheit für das Denken und die spirituelle Entwicklung der Menschheit bedeutete. Doch wenn das Denken auftaucht und das Leben leitet, wächst der Mensch zu seinem vollen Menschsein heran, schreitet er auf seinem Weg vorwärts und fängt an, die Entwicklung der Natur seiner Bestimmung gemäß zu beherrschen oder zumindest als bewusstes Mental und bewusster Geist mit Jenem zusammenzuarbeiten, das sie beherrscht und ausrichtet.

Der Fortschritt der Menschheit war eine ständige Revolution, mit deren rhythmischer Aufeinanderfolge von Finsternis und Licht. Aber sowohl der Tag als auch die Nacht haben mitgeholfen, das zu begünstigen, was evolviert. Die Zeitabschnitte waren nicht für alle Gegenden der Erde gleich. In den historischen Zeiten des gegenwärtigen Kulturzyklus war die bewegende Aktivität weitgehend in Asien und Europa zentriert. Hier hat man immer wieder beobachten können, dass Europa eine Epoche der Finsternis durchschritt, wenn sich Asien im Licht bewegte, und umgekehrt, dass Asiens Schweigen oder Stagnation mit einer Zeit mentaler Kraftentfaltung und vitaler Aktivität in Europa einherging.

Aber der grundlegende Unterschied bestand darin, dass Asien vorwiegend (nicht ausschließlich) als Versuchsfeld für die spirituelle Erfahrung und den spirituellen Fortschritt des Menschen diente. Europa war eher eine Werkstatt für seine mentalen und vitalen Betätigungen. Mit fortschreitendem Zeitablauf hat sich der östliche Erdteil mehr und mehr in ein Lagerhaus für spirituelle Energie verwandelt, die manchmal aktiv wirkte und zu neuer Entwicklung voran führte, manchmal konservativ und bewegungslos blieb. Ein Strom dieser Kraft hat sich drei- oder viermal über Europa ergossen, aber jedes Mal hat Europa die spirituelle Substanz der Eingebung ganz oder teilweise zurückgewiesen und sie eher als Antrieb zu neuer intellektueller und materieller Aktivität und den entsprechenden Fortschritt verwendet.

Der erste Versuch bestand im Einsickern ägyptischer, chaldäischer und indischer Weisheit auf dem Weg über das Denken der griechischen Philosophen von Pythagoras bis zu Platon und den Neuplatonikern. Im Ergebnis kam es zu den intellektuell brillanten aber unspirituellen Kulturen der Griechen und Römer. Das bereitete jedoch den Weg für den zweiten Versuch, bei dem Buddhismus und Vishnuismus, gereinigt durch semitische Gemütsart, in Gestalt des Christentums in Europa Eingang fanden. Das Christentum hätte beinahe das europäische Mental spiritualisiert und sogar enthaltsam gemacht. Es war behindert durch seine eigene theoretische Verunstaltung im Mental der griechischen Kirchenväter und durch die plötzliche Überschwemmung Europas mit einer germanischen Unkultur, deren Gemütsart in ihren Verdiensten nicht weniger als in ihren Mängeln den Antityp sowohl zum christlichen Geist als auch zum griechisch-römischen Intellekt bildete.

Das Eindringen des Islam in Spanien und an der Südküste des Mittelmeeres mag als ein dritter Versuch gewertet werden. Er blieb das einzige bemerkenswerte Beispiel, bei dem sich die asiatische Kultur der europäischen Methode gewaltsamen materiellen und politischen Eindringens statt friedlicher Invasion durch Ideen bediente. Ergebnis ihres Zusammentreffens mit dem gräzisierten Christentum waren die Wiedererweckung des europäischen Mentals im feudalen katholischen Europa und die dunklen Anfänge des modernen Denkens und der modernen Naturwissenschaft.

Den vierten und letzten Versuch, der bislang erst in seiner Anfangsphase steckt, bildet das stille Eindringen östlichen und hauptsächlich indischen Denkens nach Europa, wobei es zunächst den Schleier der deutschen Metaphysik durchdringt, neuerdings durch seinen subtilen Einfluss, mit dem es Idealismus, Mystik und Religion der Kelten, Skandinavier und Slawen wiedererweckt, und das unmittelbare und offene Vordringen von Buddhismus, Theosophie, Vedanta, Bahai-Religion und anderer orientalischer Einflüsse in Europa und Amerika.

Andererseits gibt es zwei Rückwirkungen Europas auf Asien. Zunächst die Invasion Alexanders und des aggressiven Hellenismus, der zeitweilig Westasien überzog, der in Indien Widerhall und Reaktionen auslöste und über die islamische Kultur auf das mittelalterliche Europa zurückwirkte. Sodann den modernen Ansturm des kommerziellen, politischen und wissenschaftlichen Europa auf die moralischen, künstlerischen und spirituellen Kulturen des Ostens.

Die Grundzüge dieser neuen gegenseitigen Durchdringung liegen erstens darin, dass die beiden Angriffe gleichzeitig stattfinden; und zweitens darin, dass sie in jedem Fall mit der extremen Übertreibung ihrer Gegner zusammentreffen. Das intellektuelle und materialistische Europa traf auf ein Indien, das Herz Asiens, das Zentrum des spirituellen Lebens der Welt, das gerade die letzten großen Anstrengungen bei einem ungeheuren Experiment unternahm, wobei sich das Denken einer ganzen Nation für Jahrhunderte auf das reine spirituelle Sein konzentrierte unter Ausschluss von allem wirklichen Fortschritt im praktischen und im mentalen Leben der Menschheit. Der eintretende Strom östlichen Denkens fiel in Europa mit dem Anfang einer Ära zusammen, in der Religion, Philosophie und Psychologie – Religion als eine emotionale Einbildung, Philosophie, die reine Essenz des Mentals, als unfruchtbares Gedanken-Weben – zurückgewiesen wurden und man beschloss, alle intellektuelle Kraft der Erforschung der Gesetze der materiellen Natur und des körperlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Daseins des Menschen zu widmen und darauf eine überlegene Zivilisation aufzubauen.

Diese erstaunliche Anstrengung ist vorüber. Sie hat ihren Bankrott noch nicht offen erklärt, aber sie ist bankrott. Sie ist dabei, in einer Sintflut unterzugehen, die ebenso gigantisch und widernatürlich ist wie der Versuch, der sie hervorbrachte. Andererseits hat auch die übertriebene Spiritualität des indischen Großversuchs Schiffbruch erlitten. Wir haben gesehen, wie hoch sich einzelne durch ihn emporheben können, aber wir haben auch gesehen, wie tief eine Gesellschaft fallen kann, die in ihrem Eifer, nach Gott zu suchen, sich über Dessen Absicht mit der Menschheit ignorant hinwegsetzt. Beide Versuche, der europäische wie der indische, waren bewunderungswürdig, der indische wegen seiner unbedingten spirituellen Aufrichtigkeit, der europäische wegen seiner schonungslosen intellektuellen Rechtschaffenheit und Begeisterung für die Wahrheit. Beide haben Wunder vollbracht. Am Ende aber waren Gott und Natur zu stark für das Titanentum des menschlichen Geistes und das Titanentum des menschlichen Intellekts.

Das Heil für die Menschheit liegt in einer eher gesunden, integralen Entwicklung ihrer Möglichkeiten im Einzelnen und in der Gesellschaft. Die Sicherheit Europas muss in der Anerkennung des spirituellen Ziels der menschlichen Existenz gesucht werden, andernfalls wird Europa vom Gewicht seines unerleuchteten Wissens und seiner seelenlosen Organisation erdrückt. Die Sicherheit Asiens liegt in der materiellen Form und den mentalen Bedingungen, unter denen jenes Ziel erarbeitet werden muss, andernfalls wird Asien tiefer in den Sumpf der Verzweiflung sinken, in den Sumpf einer mentalen und physischen Unfähigkeit, mit den Tatsachen des Lebens und den Erschütterungen der raschen, wechselvollen Entwicklung fertig zu werden. Nicht das Auswechseln von Formen ist gefragt, sondern der Austausch erneuernder Antriebe und glückhafte Verschmelzung und Harmonisierung.

Die Gleichzeitigkeit und gegenseitige Durchdringung der beiden großen Strömungen menschlichen Bemühens in dieser Krise der Geschichte der Menschheit ist vielversprechend für deren Zukunft, aber auch voller Gefahren. Hoffnungsvoll ist das Emporkommen eines neuen und besseren menschlichen Lebens, das auf mehr Wissen beruht, eines Strebens neuer Talente und Möglichkeiten, die sich uns eröffnen, und einer gerechten Betrachtung der Probleme, die es für den Einzelnen, die Gesellschaft und die Menschheit als Ganzes zu lösen gilt. Die Menschheit ist näher zusammengerückt dank der Entwicklung der materiellen Wissenschaft, und ihre äußere Zukunft ist wohl oder übel seitdem eine gemeinsame. Ihre verschiedenen Zweige entwickeln sich nicht mehr getrennt und unabhängig voneinander. Gleichzeitig weitet sich die Möglichkeit aus, die Menschheit wahrhaft zu einen durch die Entwicklung und Praxis der Wissenschaft und des Seelenlebens sowie durch innerliche Vereinigung.

Der Gedanke, von dem die Aufklärung Europas beherrscht war, ist die Leidenschaft für die Entdeckung von Wahrheit und Gesetz des Daseins und des Weltprozesses, ist der Versuch, das Leben und die Fähigkeiten des Menschen, seine Ideale, seine Einrichtungen und seine Organisation durch das Wissen um diese Wahrheit und dieses Gesetz zu entwickeln, in dem Vertrauen, dass entlang dieser Linie die Straße zum menschlichen Fortschritt und zur menschlichen Vollkommenheit führt.

Dieser Gedanke ist unbedingt richtig, wir akzeptieren ihn ganz und gar. Doch seine Anwendung war falsch. Denn das Gesetz und die Wahrheit, die entdeckt werden müssen, sind nicht die der materiellen Welt, auch wenn diese gefragt sind. Es sind auch nicht die der mentalen und der physischen Welt, auch wenn diese unerlässlich sind. Es sind Gesetz und Wahrheit des Geistes, von denen alles andere abhängt. Denn es ist die Macht des Selbstes der Dinge, das sich in deren Formen und Vorgängen ausdrückt.

Die Botschaft des Ostens an den Westen ist eine Botschaft: „Der Mensch kann nur gerettet werden, wenn er sich selbst findet“ und „was nutzt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert?“ Der Westen hat die Botschaft gehört und sucht nach dem Gesetz und der Wahrheit der Seele und den Zeugnissen einer inneren Wirklichkeit, die größer ist als die materielle. Mit seiner Leidenschaft für die mechanistische Auffassung von der Entstehung der Natur und seiner übertriebenen Intellektualität kann er sich in einen innerlichen und falschen Glauben an übersinnliche Kräfte hinein manövrieren, wie wir ihn in England und Amerika, der Heimat des mechanistischen Genius, sich ausbreiten sehen, oder in intellektuelle, unspirituelle und deshalb irrige Theorien des Absoluten, wie sie im kritischen und metaphysischen Deutschland im Umlauf sind.

Der Gedanke, von dem die Aufklärung Asiens beherrscht war, ist das sichere Wissen, dass die Wahrheit des Geistes die einzig wirkliche Wahrheit ist, ist die Überzeugung, dass das psychologische Leben des Menschen Werkzeug zur Erlangung der Wahrheit des Geistes ist, dessen Gesetze erkannt und praktisch angewandt werden müssen, mit dem übergeordneten Ziel und dem Versuch, das äußere Leben des Menschen und die Institutionen der Gesellschaft in eine für das höhere Streben geeignete Form zu gestalten.

Auch dieser Gedanke ist richtig, und wir akzeptieren ihn ganz und gar. Doch bei seiner Anwendung, vor allem in Indien, ist man abgeglitten in eine Trennung zwischen dem Geist und seinen Werkzeugen, in Geringschätzung und Verengung des mentalen und des äußeren Lebens der Menschen. Aber das vollkommene und unbedingte Erlangen spirituellen Lebens kann nur auf der weitesten und reichsten Blüte des instrumentellen Lebens sicher begründet sein. Die Altvorderen des Ostens besaßen dieses Wissen und setzten es praktisch um. Bei ihren Nachkommen verblasste dieses Wissen und ging in der Praxis verloren.

Die Botschaft, die der Westen dem Osten überbringt, ist eine wahre Botschaft. Auch der Mensch ist Gott, und durch Entwicklung seines Menschentums nähert er sich der Gottheit. Auch das Leben ist das Göttliche, seine fortschreitende Ausweitung ist Selbst-Ausdruck des Brahman, und das Leben zu leugnen heißt, die Gottheit in uns herabzuwürdigen. Dies ist die Wahrheit, die vom Westen zum Osten zurückkehrt, nachdem sie in die Sprache der höheren Wahrheit übersetzt worden ist, die der Osten bereits beherrscht. Es ist ein uraltes Wissen. Auch der Osten erwacht zu dieser Botschaft. Die Gefahr liegt darin, dass Asien sie in der europäischen Form akzeptieren könnte, zeitweilig sein eigenes Gesetz und Wesen vergisst und entweder blind den Westen kopiert oder das, was es in den minderwertigsten Formen hat, und den Unfertigkeiten, die in es eindringen, eine verhängnisvolle Mischung bereitet.

Das Problem des Denkens besteht deshalb darin, die rechte Idee und den rechten Weg zur Harmonie ausfindig zu machen, die uralte und ewige spirituelle Wahrheit des Selbstes neu zu formulieren, so dass sie das mentale und physische Leben sich wieder zu eigen macht, durchdringt, beherrscht und umgestaltet; die tiefgründigsten und vitalsten Wege psychologischer Selbst-Disziplin und Selbst-Entfaltung zu entwickeln, damit das mentale und psychische Leben des Menschen das spirituelle Leben durch die höchst mögliche Ausweitung seiner Reichtümer, Macht und Komplexität ausdrücken kann; die Mittel und Beweggründe zu suchen, durch die das äußere Leben des Menschen, seine Gesellschaft und seine Institutionen sich fortschreitend in die Wahrheit des Geistes und zu äußerst möglicher Harmonie, individueller Freiheit und sozialer Einheit umgestalten können.

Dies ist unser Ideal und dem gilt unser Suchen. Überall in der Welt gibt es so viele Bewegungen, die von derselben treibenden Kraft inspiriert sind, aber es gibt Veranlassung zu einer Anstrengung des Denkens, damit das Problem in seiner vollständigen Komplexität offen anerkannt wird und seine Erforschung nicht der nötigen Flexibilität ermangelt, weil sie einem Kult, einem Glaubensbekenntnis oder einem vorhandenen philosophischen System verhaftet ist.

Die erforderliche Anstrengung schließt das Trachten nach jener Wahrheit ein, die dem Sein und dem fundamentalen Gesetz seines Selbstausdrucks im Universum unterliegt – eine Arbeit des metaphysischen Philosophierens und religiösen Denkens. Sie umfasst weiter das Ausloten und Harmonisieren der psychologischen Wege und Disziplinen, durch die der Mensch sich läutert und vervollkommnet – eine Arbeit der Psychologie, aber nicht, wie sie in Europa verstanden wird, sondern der tieferen praktischen Psychologie, die in Indien Yoga genannt wird. Und sie umfasst schließlich die Anwendung unserer Ideen zu den Problemen des gesellschaftlichen und gemeinsamen Lebens der Menschen.

Philosophie und religiöses Denken, die in spiritueller Erfahrung gründen, stehen am Anfang und bilden die Grundlage eines solchen Versuchs. Denn sie allein blicken hinter die Erscheinungen und Vorgänge auf die Wahrheit der Dinge. Der Versuch, von ihrem Vorrang frei zu werden, muss stets vergeblich bleiben. Der Mensch wird immer denken, verallgemeinern und versuchen, die offenkundigen Tatsachen zu durchdringen, das ist nun einmal das imperative Gesetz seines erwachenden Bewusstseins. Der Mensch wird stets seine Verallgemeinerungen in eine Religion verwandeln, auch wenn es nur eine Religion des Positivismus oder des materiellen Gesetzes ist. Philosophie ist die intellektuelle Suche nach der grundlegenden Wahrheit der Dinge. Religion ist der Versuch, die Wahrheit in der menschlichen Seele ihre Kraft entfalten zu lassen. Beide sind füreinander wichtig. Religion, die nicht Ausdruck philosophischer Wahrheit ist, verkümmert zu Aberglauben und Obskurantismus, und Philosophie, die sich nicht in religiösem Geiste kraftvoll gestaltet, ist nur ein schwaches Licht, denn sie kann nicht praktiziert werden. Doch wiederum wird keine von beiden ihren höchsten Wert erreichen, wenn sie nicht in den Geist erhoben und ins Leben übertragen wird.

Was soll also unser Ideal sein? Eine Menschheit, die durch inneres Einssein und nicht nur durch äußere Verbindung von Interessen geeint ist. Die Auferstehung des Menschen aus dem bloß animalischen oder bloß intellektuellen und ästhetischen Leben zu den Herrlichkeiten spirituellen Daseins. Das Ausgießen der Macht des Geistes in die körperliche Gestalt und das mentale Werkzeug, so dass der Mensch sein Menschsein zum wahren Übermenschentum entwickeln kann, das unseren gegenwärtigen Zustand ebenso übersteigt, wie dieser über den animalischen hinausgeht, von dem die Wissenschaft uns berichtet, dass wir aus ihm hervorgegangen sind. Diese drei sind eines. Denn die Einung des Menschen und seine Selbst-Transzendenz kann nur eintreten durch das Leben im Geist.

Ein spirituelles Ideal war stets charakteristisch für das Denken und Streben Indiens. Aber der Lauf der Zeit und das dringende Bedürfnis der Menschheit erfordern eine Neuorientierung und eine andere Form dieses Ideals. Die alten Formen und Methoden genügen nicht mehr für den Zweck des Zeitgeistes. Indien kann sich nicht mehr selbst vollenden auf Wegen, die zu eng sind für die großen Schritte, die es in Zukunft zu unternehmen hat. Auch meinen wir nicht die Spiritualität eines Lebens, das betagt, der Welt überdrüssig und belastet ist durch das Gefühl, die ganze machtvolle Schöpfung Gottes sei eine Illusion und von erbärmlicher Untauglichkeit. Unser Ideal ist keine Spiritualität, die sich vom Leben zurückzieht, vielmehr die Eroberung des Lebens durch die Macht des Geistes. Das bedeutet, die Welt als eine Leistung der Offenbarung des Göttlichen anzunehmen, aber auch Menschsein zu transformieren durch eine noch größere Leistung der Offenbarung, als sie bisher vollbracht worden ist, eine Leistung, durch die der Vorhang zwischen Mensch und Gott beseitigt werden soll, das göttliche Menschsein, dessen wir fähig sind, sich ereignet und unser Leben in der Wahrheit, im Licht und in der Macht des Geistes umgestaltet wird. Aus all unserem Handeln soll eine Darbringung an den Herrn unseres Handelns, ein Ausdruck des größeren Selbstes im Menschen und aus allem Leben ein Yoga werden.

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