Kapitel 3

Die Bezwingung der feindlichen Kräfte

Worte Sri Aurobindos

Das Universum ist oder war bislang in seiner äußeren Erscheinung ein rohes und verschwenderisches Spiel mit dem Würfel des Zufalls, der zugunsten der dunklen Mächte, der Herren der Finsternis, der Falschheit, des Todes und des Leidens geprägt ist. Wir müssen es jedoch nehmen wie es ist und – sofern wir den Ausweg der alten Weisen ablehnen – versuchen zu siegen. Die spirituelle Erfahrung zeigt, dass sich im Hintergrund von all dem ein weiter Bereich des Gleichmuts, des Friedens, der Ruhe und der Freiheit befindet; wenn wir in diesen eintreten, können wir zu einem erkennenden Sehen gelangen und darauf hoffen, die siegende Macht zu erlangen.

Worte Sri Aurobindos

Die feindlichen Kräfte sind Mächte der Finsternis, die sich gegen das Licht und die Wahrheit auflehnen und diese Welt unter ihrer Herrschaft halten wollen, in Dunkelheit und Unwissenheit. Immer wenn jemand die Wahrheit zu erlangen sucht, um das Göttliche zu verwirklichen, stehen sie so weit wie möglich im Wege. Aber was sie besonders ablehnen, ist die Arbeit, die die Mutter und ich tun, um das Licht hier auf die Erde zu bringen und die Wahrheit zu begründen – das würde ihre eigene Vertreibung bedeuten. So versuchen sie stets, das Werk als Ganzes zu zerstören und die Sadhana eines jeden Sadhaks zu verderben. Nicht nur du wirst angegriffen: alle werden mehr oder weniger angegriffen – besonders wenn es große Fortschritte gibt, versuchen diese Kräfte einzugreifen. Die einzige Möglichkeit, dies zu vermeiden, besteht darin, sich ganz der Mutter zuzuwenden und diesen Kräften jede Gelegenheit zu verweigern.

Worte Sri Aurobindos

Was die Erfahrungen anbelangt, so ist es gut, wenn man sie hat; das Problem ist nur, dass sie die Natur nicht zu wandeln scheinen, sondern lediglich das Bewusstsein bereichern – selbst die Verwirklichung des Brahman-Zustandes auf der Mental- Ebene scheint die menschliche Natur beinahe dort zu lassen, wo sie ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen. Aus diesem Grund bestehen wir auf der seelischen Umwandlung als dem vordringlichsten Erfordernis – denn sie ist es, die die Wandlung der Natur herbeiführt, und ihr hauptsächlichstes Hilfsmittel ist bhakti, Hingabe.

Worte Sri Aurobindos

Dem sonnenhellen Pfad kann man nur dann folgen, wenn sich die Seele fortwährend oder meistenteils im Vordergrund befindet oder wenn man eine natürliche Haltung des Glaubens und der Hingabe hat oder seine Augen ständig auf die Sonne richtet oder wenn eine seelische Empfänglichkeit (zum Beispiel der Glaube, dass man für den spirituellen Weg bestimmt ist) besteht oder die seelische Wandlung vollzogen ist. Das heißt nicht, dass der sonnenhelle Mensch keine Schwierigkeiten hätte; er kann viele haben, aber er betrachtet sie heiter als etwas, das „zur täglichen Arbeit gehört“. Wenn er schlimme Prügel erhält, vermag er zu sagen: Nun, das war eine seltsame Sache, aber offensichtlich ist das Göttliche in seltsamer Stimmung, und wenn das seine Art ist, die Dinge zu tun, wird es wohl richtig sein. Ego selbst bin bestimmt ein noch seltsamerer Geselle, und es war vermutlich die einzige Möglichkeit, mich aufzuklären. Aber nicht jeder ist von diesem Schlag, und die Hingabe, die alles in Ordnung bringen würde, ist, wie du selbst sagst, schwierig zu vollziehen. Zumindest ist es schwierig, sie ganz zu vollziehen. Deshalb bestehen wir nicht auf einer sofortigen vollen Hingabe, sondern begnügen uns anfangs mit ein wenig und lassen das Übrige wachsen, so gut es geht.

Ich habe dir erklärt, warum so viele Menschen (nicht etwa alle) sich in diesem düsteren Zustand befinden, dumpf und verzweifelt. Es ist Tamas, die Trägheit des Nichtbewussten, die sie ergriffen hat. Es ist aber auch das kleine physische Vital, das sich nur für die kleinen und trivialen Dinge des gewöhnlichen täglichen und geselligen Lebens interessiert und für nichts anderes. Früher, als die Sadhana auf den höheren Ebenen stattfand (Mental, höheres Vital), gab es viel Energie, Begeisterung und Interesse sowohl für die Belange der Ashram-Arbeit und des Ashram-Lebens als auch für ein inneres Leben; das physische Vital wurde in diesem Strom mitgetragen. Bei vielen aber hat das aufgehört; sie leben im unbefriedigten vitalen Physischen und finden alles hoffnungslos langweilig, düster, ohne Reiz oder Ausweg. In ihrem inneren Leben hat der tamas des Nichtbewussten ein Hindernis oder einen Engpass geschaffen, und sie finden keinen Weg, der sie herausführt. Wenn man den richtigen Zustand und die richtige Haltung bewahren kann, ein starkes Interesse an der Arbeit oder an der Sadhana zu finden vermag, klingt das ab. Darin [in obigem] besteht das Übel. Das Heilmittel ist, den richtigen Zustand zu bewahren und allmählich – oder, wenn man kann, auch schnell – das Licht des höheren Strebens ebenfalls in diesen Wesensteil zu bringen, damit auch er, ungeachtet aller Umweltbedingungen, das Gleichgewicht bewahre. Dann würde der sonnenhelle Pfad weniger unmöglich erscheinen.

Worte Sri Aurobindos

Die außerordentliche Heftigkeit deiner Schwierigkeit wird durch den Yoga ausgelöst, der zum Grundgestein des Nichtbewussten vorgestoßen ist, welches sowohl im Einzelwesen als auch in der Welt die eigentliche Grundlage des Widerstandes ist gegenüber dem Sieg des Geistes und gegenüber dem Göttlichen Werk, das zu diesem Sieg hinführt. Die Schwierigkeiten als solche sind von allgemeiner Art, sowohl im Ashram als auch in der äußeren Welt. Zweifel, Entmutigung, das Nachlassen oder der Verlust des Glaubens, das Verblassen des vitalen Enthusiasmus für das Ideal, Bestürzung sowie die Vereitlung der Hoffnung auf die Zukunft sind die allgemeinen Merkmale dieser Schwierigkeit. In der Welt draußen sind die Symptome viel schlimmer, wie die allgemeine Zunahme des Zynismus zeigt, die Ablehnung, überhaupt an etwas zu glauben, eine Abnahme der Ehrlichkeit, eine ungeheure Korruption, ein Beschäftigtsein mit Essen, Geld, Komfort, Vergnügen, die bis zur Ausschließung aller höheren Dinge führt, sowie die allgemeine Erwartung, dass immer schlimmere Dinge auf die Welt zukommen würden. All das, wie heftig es auch sein mag, ist eine vorübergehende Erscheinung, worauf jene vorbereitet waren, die nur irgend etwas vom Wirken der Weltenergie und vom Wirken des Geistes verstehen. Ego selbst habe vorhergesehen, dass es zum Schlimmsten kommen würde, zur Finsternis der Nacht vor der Dämmerung; ich habe deshalb nicht den Mut verloren. Ego weiß, dass sich etwas hinter der Finsternis vorbereitet und kann die ersten Zeichen seines Kommens erkennen und fühlen. Jene, die das Göttliche suchen, müssen in ihrem Suchen eine feste Beharrlichkeit bewahren; nach einer Weile wird die Finsternis abnehmen und zerrinnen, und das Licht wird kommen.

Worte der Mutter

49 – Den Gott der Schönheit und des Guten auch im Hässlichen und Bösen zu empfinden und zu lieben, und sich dennoch in vollkommener Liebe danach zu sehnen, ihn von seiner Hässlichkeit und Bosheit zu heilen, das ist die wahre Tugend und Moralität. – Sri Aurobindo (Aphorismen)

Hast du eine Frage?

Wie kann man bei der Heilung des Bösen und Hässlichen, das man überall sieht, mitwirken?… Lieben? Was ist die Kraft der Liebe? Und wie kann eine Änderung in einem individuellen Bewusstsein auf die restliche Menschheit wirken?

Wie man bei der Heilung des Bösen und Hässlichen mitwirken kann?… Man kann sagen, es gibt Stufen der Mitwirkung oder des Handelns; eine negative Mitwirkung und eine positive Mitwirkung.

Zuerst die Methode, die man negativ nennen könnte. Sie wird von den buddhistischen und ähnlichen Religionen angewandt: nicht zu sehen. Erst einmal in einem Zustand ausreichender Reinheit und Schönheit zu sein, um das Hässliche und Böse nicht zu empfinden – es ist wie etwas, das euch nicht berührt, weil es in euch nicht existiert. Das ist die Vollendung der negativen Methode.

Es ist eine sehr primitive Methode: das Böse nie bemerken, nie über das Böse in anderen sprechen, diese Schwingung nicht dadurch verbreiten, dass man es beobachtet, kritisiert oder ihm übermäßig Aufmerksamkeit schenkt. So lehrte es der Buddha: jedes Mal, wenn du ein Übel erwähnst, trägst du dazu bei, es zu verbreiten.

Aber das geht dem Problem aus dem Weg.

Dennoch sollte man sich eine Regel daraus machen. Aber die Kritiker haben eine Antwort, sie sagen: „Wenn du das Böse nicht siehst, kannst du es niemals heilen. Wenn du jemanden in seiner Hässlichkeit lässt, wird er nie darüber hinweg kommen.“ (Das ist nicht wahr, aber so rechtfertigen sie ihr Benehmen.) Hier beantwortet Sri Aurobindo diese Einwände im voraus: du übersiehst das Böse nicht aus Unwissenheit, aus Unbewusstheit oder aus Gleichgültigkeit, du kannst es sehr wohl sehen und sogar empfinden, aber du weigerst dich, mit der Kraft deiner Aufmerksamkeit oder mit der Unterstützung deines Bewusstseins zu seiner Verbreitung beizutragen. Dafür musst du dich selber jenseits dieser Empfindung oder dieses Gefühls befinden; du musst Böses und Hässliches sehen können, ohne darunter zu leiden oder davon betroffen oder gestört zu sein. Du siehst es von einer Höhe, auf der diese Dinge nicht existieren, aber du bist dir ihrer bewusst – du bist jedoch nicht davon berührt, du bist frei. Das ist ein erster Schritt.

Ein zweiter Schritt ist, positiv des höchsten Guten und Schönheit bewusst zu sein, die hinter allem sind und alles aufrecht erhalten, allem überhaupt ermöglichen zu existieren. Wenn du Das siehst, kannst du es auch hinter dieser Maske, hinter dieser Entstellung erkennen – sogar hinter dieser Hässlichkeit, dieser Gemeinheit; selbst dieses Böse ist eine Verkleidung von Etwas im wesentlichen Schönem, Gutem, Leuchtendem, Reinem.

Worte der Mutter

Es gibt nur ein Mittel, der Falschheit ein Ende zu setzen: Wir müssen in unserem Bewusstsein alles auslöschen, was der Gegenwart des Göttlichen widerspricht. (31.12.1972)

Das möchte ich unbedingt veröffentlichen. Es ist sehr wahr – sehr wahr. Vielleicht ist es nicht leicht verständlich, aber es ist zutiefst wahr.

Alles in uns, was die Dinge verschleiert, entstellt und die Manifestation des Göttlichen verhindert, das ist die Falschheit.

Eine Welt von Arbeit!

Ich tue das ständig – jeden Tag und den ganzen Tag über, wenn ich nicht… Selbst, wenn ich Leute sehe. Das ist die einzige Sache, die es wert zu leben ist.

Worte der Mutter

Die Herren der Falschheit halten die arme Menschheit gegenwärtig fast vollständig in ihrer Gewalt. Nicht nur die niedere Lebensenergie, das niedere vitale Wesen, sondern auch der ganze Geist des Menschen anerkennt sie. Auf unzählige Weisen lassen sie sich verehren, denn sie sind ungemein subtil in ihrer Tücke und verfolgen ihre Ziele in mannigfaltigen verführerischen Verkleidungen. Daher klammern sich die Menschen an ihre Falschheit wie an einen Schatz und achten sie höher als die schönsten Dinge des Lebens. Sie vergraben sie sorglich im tiefsten Innern, da sie um deren Sicherheit bangen; aber solange sie sie nicht herausholen und dem Göttlichen hingeben, finden sie niemals das wahre Glück.

Ja, die Falschheit ans Licht zu bringen ist schon an und für sich eine entscheidende Umkehr, die den Weg zum endgültigen Sieg vorbereitet. Denn jedes Bloßlegen einer Falschheit ist ein Sieg; jedes Eingeständnis eines Fehlers bedeutet die Vernichtung eines der Herren der Finsternis. Dies mag ein Bekenntnis vor einem selber sein, sofern es völlig ehrlich ist und nicht nur ein vages Bedauern, das man im nächsten Augenblick vergisst, ohne die Kraft zum festen Entschluss, denselben Fehler nicht mehr zu machen. Oder man mag ihn dem im Guru verkörperten Göttlichen eingestehen, und durch das direkte persönliche Bekenntnis bleibt euer Entschluss nicht mehr euer eigener, denn wenn ihr aufrichtig seid, wird das göttliche „Es geschehe“ für euch ausgesprochen. Um dir eine Vorstellung davon zu geben, schildere ich dir eine Erfahrung, die ich bei meiner ersten Begegnung mit Sri Aurobindo in Pondicherry hatte. Ego war in einem Zustand tiefer Sammlung und sah Dinge im Supramental, Dinge, die sich auf Erden verwirklichen sollten, sich aber aus irgendeinem Grund nicht offenbarten. Ego erzählte Sri Aurobindo, was ich gesehen hatte und fragte ihn, ob diese Dinge sich offenbaren würden. Er antwortete einfach: „Ja“. Und in dem Augenblick sah ich, dass das Supramental die Erde berührt hatte und anfing, sich zu verwirklichen. Dies war das erste Mal, dass ich Zeuge der Macht war, wirklich zu machen, was wahr ist. Und dieselbe Macht ist es, die in dir die Wahrheit verwirklichen wird, wenn du in aller Aufrichtigkeit sagst: „Diese Falschheit will ich loswerden“, und die Antwort, die du dann erhältst, ist „Ja“.

Worte Sri Aurobindos

Dort im Schlummer des kosmischen Willens

Sah er den geheimen Schlüssel für die Wandlung der Natur.

Ein Licht war bei ihm, eine unsichtbare Hand

War auf den Irrtum und auf den Schmerz gelegt,

Bis dieser zu bebender Ekstase wurde,

Dem süßen Schock eines umfangenden Armes.

Er sah in der Nacht den schattenhaften Schleier des Ewigen,

Erkannte Tod als Keller des Lebenshauses,

Spürte in Zerstörung den raschen Schritt der Schöpfung,

Begriff Verlust als Preis für himmlischen Gewinn

Und Hölle als Abkürzung zu den Toren des Himmels.

Dann wurden in der okkulten Werkstatt der Illusion

Und in der magischen Druckerei der Nichtbewusstheit

Die Formate der ursprünglichen Nacht zerrissen

Und die Klischees der Unwissenheit zerschmettert.

Belebt, einen tiefen spirituellen Atem schöpfend,

Löschte die Natur ihren starr mechanischen Kodex aus

Und die Klauseln des Kontraktes der gebundenen Seele,

Falschheit gab der Wahrheit ihre geschundene Gestalt zurück.

Ausgelöscht waren die Gesetzestafeln der Pein,

Und an ihre Stelle traten leuchtende Schriftzeichen.

Worte Sri Aurobindos

Die Hölle zerbarst quer durch ihre riesige schroffe Fassade

Als würde ein magisches Gebäude zunichte gemacht,

Die Nacht tat sich auf und verschwand wie ein abgrundtiefer Traum.

In die Lücke des Seins, ausgehöhlt als leerer Raum,

Wo sie den Platz abwesenden Gottes eingenommen hatte,

Ergoss sich eine weite innige und wonnevolle Morgendämmerung;

Geheilt war alles, was das zerrissene Herz der Zeit geschaffen hatte,

Und Kummer gab es nicht mehr in der Brust der Natur:

Teilung hörte auf zu sein, denn Gott war da.

Die Seele erhellte den bewussten Körper mit ihrem Strahl,

Materie und Geist verschmolzen und waren eins.