Kapitel 2

Das einzig Wesentliche

Das einzig Wesentliche aber muss den Vorrang haben: die Wandlung des ganzen menschlichen Lebens unter der Führerschaft des Geistes. Der Aufstieg des Menschen zum Himmel ist nicht das wesentliche, vielmehr ist es sein Aufstieg im Irdischen zum Geist und der Abstieg des Geistes in seine natürliche Menschlichkeit, die Wandlung seiner irdischen Natur. Dies, nicht irgendeine Erlösung nach dem Tod, ist die wirkliche Neugeburt, die die Menschheit erwartet als Krönung ihres langen, dunklen und leidvollen Weges.

Deshalb werden in einem neuen Zeitalter jene Einzelnen der Zukunft der Menschheit am meisten helfen, die eine spirituelle Entwicklung als Ziel und entscheidende Notwendigkeit des Menschen erkennen. Wie einst der Tiermensch den weiten Weg der Wandlung zu einem mentalen und dann als höchstes Ziel zu einem hochentwickelten mentalen Menschentum gehen musste, so ist heute oder in Zukunft eine Entfaltung – dabei ist es gleichgültig, welche Auslegung wir ihr geben oder durch welche Theorie wir sie zu unterstützen suchen – oder Wandlung des gegenwärtigen Typus der Menschheit in einen spiritualisierten die Notwendigkeit für die Menschenart. Sicherlich liegt eine solche Entwicklung in der Absicht der Natur, deren Ideal und Streben sie ist. Dieser Menschentypus wird besonderen Glaubensformen verhältnismäßig gleichgültig gegenüberstehen und es den Menschen überlassen, die Glaubensformen zu wählen, zu denen sie sich naturnotwendig hingezogen fühlen. Sie werden nur den Glauben an diese spirituelle Wandlung für wesentlich halten, den Versuch, diese zu leben und jedwede Erkenntnis – in welcher Form diese gegossen sein mag, ist dabei nicht ausschlaggebend – in dieses Leben einzubeziehen. Die Menschen werden vor allem nicht den Fehler begehen anzunehmen, dass diese Wandlung durch äußere Systeme und Organisationen erreicht werden kann. Sie werden wissen und niemals vergessen, dass jeder Mensch diese innerlich ausleben muss. Andernfalls kann sie für die Menschheit als Ganzes niemals Wirklichkeit werden. Sie werden in ihrer ureigensten Bedeutung sich die östliche Anschauung zu eigen machen, dass der Mensch das Geheimnis seiner Bestimmung und Erlösung in seinem eigenen Innern suchen muss. Sie werden aber ebenso, wenn auch mit einer anderen Betonung die Wichtigkeit bejahen, die der Westen mit Recht dem Leben und seiner bestmöglichen Erfüllung zuspricht und werden sich eine allgemeine Lebensordnung schaffen. Sie werden die Gesellschaft nicht zu einem dunklen Hintergrund für eine weniger erleuchtete spirituelle Menschheit machen oder zu einem eng umzäunten, erdgebundenen Boden für das Wachstum einer verhältnismäßig seltenen, unfruchtbaren Blume asketischer Spiritualität. Sie werden nicht als Grundsatz annehmen, dass die vielen für immer in den niederen Bereichen des Lebens bleiben müssen und nur wenige in freiere Luft und zum Licht hinaufsteigen dürfen. Sie werden vielmehr von dem Standpunkt der großen spirituellen Wesen ausgehen, die sich um eine Erneuerung des Lebens auf Erden bemühen, und werden trotz früheren Misserfolgen an diese Möglichkeit glauben. Zahlreich müssen zu Beginn die Fehler in allem Großen und Schweren gewesen sein. Aber es kommt eine Zeit, in der die Erfahrung aus vergangenen Fehlern erfolgreich genutzt werden kann, in der sich das Tor, das so lange Widerstand leistete, öffnet. Wie bei allen großen Zielsetzungen und Bemühungen der Menschheit bedeutet hier eine a-priori-Erklärung der Unmöglichkeit ein Zeichen von Unwissenheit und Schwäche. Leitspruch des Suchenden muss das solvitur ambulando [„es wird durch Gehen gelöst“] des Entdeckers sein. Denn nur im Tun lösen sich die Schwierigkeiten. Ein Anfang muss in vollem Ernst gemacht werden. Das Übrige muss der Zeit überlassen werden, die bisweilen ein schnelles Vollbringen schenkt oder aber lange, geduldige Arbeit verlangt.

Was getan werden muss, ist so umfassend wie das menschliche Leben. Darum müssen die Einzelnen, die den Weg weisen, das ganze menschliche Leben zu ihrem Bereich machen. Nichts wird diesen Vorkämpfern fremd sein. Nichts wird außerhalb ihrer Reichweite liegen. Jedes Teil des menschlichen Lebens muss von dem Spirituellem aufgenommen werden – nicht nur das intellektuelle, ästhetische und ethische, sondern auch das dynamische, vitale und physische. Deshalb werden sie nichts, das aus diesen Bereichen hervorgeht, verachten oder ablehnen, wie sehr sie auch auf einer Wandlung im Spirituellen und auf einer Umwandlung der Form bestehen. In jeder natürlichen Kraft werden sie die ihr eigenen Mittel zur Wandlung suchen. In dem Wissen, dass in allem das Göttliche verborgen liegt, werden sie überzeugt sein, dass sie alles zum Mittel spiritueller Selbstfindung gemacht haben, dass alles zum Werkzeug eines göttlichen Lebens verwandelt werden kann.